Die Entführung des Stinthengstes

See-, Fluß- und Meeresungeheuer

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Die Entführung des Stinthengstes

Beitragvon Tobias » 21.08.2014 13:10

Hallo,

diese Meldung stammt eher aus dem Bereich der Sagen, aber trifft auch die Kryptozoologie.

Der Stinthengst ist ein sagenhafter Fisch aus den masurischen Gewässern um Nikolaiken (google-Map), heute Mikołajki. Der Sage nach wurde er von Fischern im Netz gefangen und versprach ihnen, alle möglichen Wünsche zu erfüllen, wenn er nur am Leben bleiben könne. Die Fischer ließen ihn am Leben, ließen ihn aber nur im Netz ins Wasser, um seine magischen Kräfte weiterhin nutzen zu können. Mit dem Netz wurde er an der Stadtbrücke von Nikolaiken festgebunden. So musste der Stinthengst sein Versprechen halten und erfüllt der Sage nach noch heute Wünsche.
In Nikolaiken wird der Stinthengst als großer Holzfisch mit Krone dargestellt. Er wird alljährlich mit einer Wasserung geehrt und sorgt dafür, dass an der Stelle seiner Wasserung reichlich Fische zu fangen sind.
Soweit die Sage.

Stinthengst-Remscheid-CC.jpg


Im bergischen Remscheid gibt es ebenfalls einen Stinthengst. Er ist, wie sein Original aus Nikolaiken, ein großer Holzfisch mit einer abnehmbaren Krone und soll die Verbundenheit der Stadt mit dem Patenkreis Sensburg im ehemaligen Ostpreussen symbolisieren. Viele Vertriebene aus Ostpreussen haben im Bergischen eine neue Heimat gefunden. Im Gegensatz zum Original „bewohnt“ er von Mai bis Herbst einen Teich im Stadtpark.
Doch nun ist er weg! Bereits im Herbst 2013 verschwand der 3 m lange und etwa 150 kg schwere Holzfisch spurlos. Zunächst dachte man seitens der Stadtverwaltung an einen Dummejungenstreich und suchten erfolglos den Stadtpark ab.
"Das müssen mindestens zwei Täter gewesen sein", glaubt Reinhard Bauer vom städtischen Grünflächenamt. Der Stinthengst passt in ein gewöhnliches Auto nicht hinein. "Vielleicht ist ja jemandem ein Anhänger aufgefallen", hoffte Bauer im Dezember noch. Sollte der "Stinthengst" sich nicht wieder auffinden, ist es unsicher, ob es einen Ersatz gibt.

Hintergrund: Der Teich im Stadtpark Remscheid ist seit einiger Zeit ein Streitpunkt. Bereits 2011 gab es eine Bürgeranhörung, da der Teich seit langem verschlammt ist und so keine Augenweide mehr darstellt. "Die Enten können von einem Ende zum anderen zu Fuß gehen" so die Vorsitzende der Seniorenunion Elke Rühl. Eine Sanierung des Teiches wurde 2011 mit 250.000 Euro veranschlagt, etwas das die Bergische Großstadt nicht leisten kann.


Doch damit nicht genug. In Folge überschlugen sich die Ereignisse, der Remscheider General-Anzeiger (kurz: RGA) berichtete regelmäßig darüber, hier eine chronologische Auflistung:

04.12.2013: Der RGA meldet, dass der Stinthengst verschwunden ist. Mitarbeiter der Stadt hätten ihn das letzte Mal vor ungefähr vier Wochen gesehen.

11.12.2013: Der RGA erhält ein Schreiben. In diesem Schreiben äußert sich der Autor aus der Ich-Perspektive des Stinthengstes, nennt sich Niko Nikolaiken und mahnt an, dass der Stadtparkteich zu dreckig ist. "Ich werde erst wiederkehren, wenn mein Lebensraum eines Stinthengstes würdig ist." Das Schreiben enthielt ein Foto des entführten Sagenfisches.

18.12.2013: ein zweites Bekennerschreiben trifft beim RGA ein. Es enthält 100 Euro in bar, die auf das Spendenkonto zur Rettung des Stadtparkteiches eingezahlt werden sollen, sobald jemand ein entsprechendes Konto einrichtet.

24.12.2013: Ein erneutes Schreiben der Entführer trifft ein. Es enthält eine gezeichnete Weihnachtskarte, auf der sich zwei Kinder vor dem Weihnachtsmann mit den Worten „wir bereuen nichts“ rechtfertigen. Sie stehen vor dem hereinmontierten Stinthengst. Im wieder in Ich-Form geschriebenen Text betont der Stinthengst, dass es ihm gut gehe und dass er wiederkehren will.

23.01.2014: Niko Nikolaiken meldet sich erneut. In seinem Brief an den RGA steht ein Gedicht und ein Hinweis auf eine Tafel, die er im Stadtpark für die Öffentlichkeit hinterlassen hat. Die mit einer Laubsäge-Nachbildung des Stinthengstes gekrönte Arbeit zeigt eine Kollage aus RGA-Artikeln, Fotos und Bekennerschreiben.

30.01.2014: Die Entführer melden sich bei Tierarzt Michael Randow aus Remscheid. Er hatte sich in einem Leserbrief an den RGA solidarisch erklärt. Der Stinthengst berichtet, dass ihn zwei Naturfreunde aus dem Teich gefischt hätten. Sie würden sich um eine neue Krone kümmern, die er bereits vor seinem Verschwinden verloren habe. Ebenso würden sie sein Kiel reparieren, das durch den niedrigen Wasserstand in Mitleidenschaft gezogen wurde.

14.02.2014: Ein weiteres Schreiben mit einem Gedicht trifft beim RGA ein, es enthält keine substanziellen Neuigkeiten, sondern nur eine Beschwerde über die Stadtverwaltung und den Wunsch "Fontainen sollen schießen. Wasser soll vom Himmel fallen - und sich auf mir ergießen."

20.02.2014: Ein 17jähriger stellt sich der Polizei. Er gibt zu, die Krone des Stinthengstes gestohlen zu haben, mit dem Verschwinden des Holzfisches habe er aber nichts zu tun. Als er die Krone zurückbringen wollte, war dann der ganze Fisch verschwunden.

25.02.2014: Der Stinthengst meldet sich erneut: "Meine Wenigkeit ist nicht zu finden, meine Freunde nicht greifbar, also stellt man einen jungen Menschen wegen einer Bagatelle an den Pranger. Und das alles nur, damit man etwas hat, was man verurteilen kann." und weiter „Ich habe nun beschlossen, diese Krone nie wieder aufzusetzen. Ginge es nach mir, käme der Junge mit mahnenden Worten und erhobenem Zeigefinger straffrei davon. Doch was zählt schon die Meinung eines flüchtigen Stinthengstes?"

25.03.2014: Die Entführer melden sich mit einem Video, das dem RGA mittels eines Speichersticks zugestellt wurde. Dabei tanzen mehrere vermummte Darsteller mit einem Nachbau des Wappentiers an einem Meeresstrand. Nach einem Facebooknutzer könnte dieses Video am Strand von Texel aufgenommen worden sein.
Link zum Video auf dem Webspace des RGA

28.03.2014: Der Ostpreussenchor singt zur traditionellen Wasserung des Stinthengstes, obwohl der „Hauptdarsteller“ nicht vor Ort ist.

12.04.2014: Der RGA hat erneut Kontakt zu den Entführern. Sie sagten „Bis September ist es noch lang“. In der Zwischenzeit hat eine örtliche Zimmerei einen Ersatz-Stint gezimmert. Er wird mit zur traditionellen Wasserung am 3. Mai kommen, aber nicht ins Wasser gehen. „Dann versinkt er im Schlamm“, so der Zimmermann.
Die technischen Betriebe haben den Wupperverband beauftragt, das Gewässer zu untersuchen und ein Rettungskonzept vorzulegen. Das Ergebnis soll im Herbst vorliegen.
Die Polizei fischt weiterhin im Trüben, während die Entführer auf einer Welle der Sympathie schwimmen.

03.05.2014: Die traditionelle Wasserung des Stinthengstes, die immer am 1. Samstag im Mai statt findet, wird veranstaltet. Anstatt den immer noch verschwundenen Holzfisch ins Wasser zu lassen, wird bei der 53. Wasserung nur seine Krone mit dem Wasser des Stadtparkteiches benetzt. „Niko Nikolaiken“ kündigte in einem Schreiben an den RGA seine Rückkehr zum 6. September an. "Ich halte Wort. Aber bitte lasst mich nicht im Schlamm versinken"

05.06.2014: Der RGA veröffentlicht ein Interview mit dem Stinthengst. Hierbei zeigt er sich glücklich, dass das Anliegen der Entführer, den Teich zu sanieren, Aufmerksamkeit und Popularität über die Stadtgrenzen hinaus gewonnen hat. Er stellt weiterhin die Forderung, dass der Teich saniert werden müsse und kündigt seine Rückkehr für den 6. September an, jedoch nicht aufs Wasser, sondern nur an den Rand des Gewässers, „Der aktuelle Sauerstoffgehalt des Wassers hat meinen persönlichen Grenzwert bei Weitem unterschritten.“
Das komplette Interview kann man hier nachlesen.

29.07.2014: Der Wupperverband arbeitet an einem Sanierungsplan für den Remscheider Stadtparkteich, eine Studentin arbeitet an dem Gewässer. Die freiwillige Feuerwehr wird nach den warmen Sommertagen frisches Wasser in den Teich laufen lassen.

21.08.2014: Der WDR bringt auf seiner Internetseite ein Interview mit dem Entführer des Stinthengstes. Jetzt wird die Aktion auch als Kunstaktion dargestellt, „mit der Zielsetzung aufzuwühlen, Dinge bewusst zu machen, lethargisch-schlechte Zustände aufzuzeigen, um Veränderungen zu provozieren!“
Die Polizei ermittelt wegen schweren Diebstahls und Nötigung. Die Oberstaatsanwaltschaft stellt aber in Aussicht, dass bei Rückgabe der Holzskulptur kaum noch öffentliches Interesse an weiteren Ermittlungen bestehe. Das ist ein Aufruf „Gebt das Ding zurück und wir lassen euch in Ruhe“.


Ich bleibe dran. Gestern war ich in Remscheid, da hätte ich den Teich echt mal fotografieren sollen. Leider habe ich von der Aktion erst heute erfahren.

Schöne Grüße

Tobias
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Re: Die Entführung des Stinthengstes

Beitragvon Ahuizotl » 22.08.2014 09:49

Ohne (Gefolge) Stinte im Bergischen wäre ich als deren König auch geflohen...

Krude Geschichte, hoffen wir dass der Teich wieder sauber wird und der prächtige Fischkönig bald zurückkehren darf.
When something happens in the next county, we all get excited, but how many of us go take a look at it? If it is not pleasant or impugns our local community, we usually assert it is a hoax.
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Re: Die Entführung des Stinthengstes

Beitragvon Tobias » 05.09.2014 18:59

Hallo,

wie vom "Entführer" angekündigt: Der Stinthengst kehrt morgen zurück.

RGA-online meldet, dass fünf Remscheider je einen Schlüssel zum Versteck des Stinthengstes bekommen haben. Unter diesen Honoratioren sind der OB Burkhardt Mast-Weisz, der Kall-nit Talker Horst Kläuser und der RGA-Redaktionsleiter Axel Richter. Sie sollen gemeinsam den Stinthengst befreien und ins Rathaus bringen. „Dort würde ich gerne bleiben, bis mein Teich fertig ist“ so der Stinthengst Niko Nikolaiken, der mit seinem Verschwinden gegen den verschlammten Zustand des Stadtparkteiches protestiert hat.

Die Anwesenheit des Stinthengstes im Rathaus soll die Stadtverantwortlichen mahnen, die Sanierung des Teiches nicht aus den Augen zu verlieren. Der "offizielle" Akt der Befreiung des Stinthengstes findet im Rahmen des WDR2-Städtetages um 15 Uhr auf dem Rathausplatz statt. Wie der Stinthengst auf den Rathausplatz kommt oder gekommen ist, geht aus der Meldung nicht hervor.

Leider bin ich morgen nachmittag bereits anderweitig verplant, so dass ich nicht an der Stinthengstbefreiung teilnehmen kann. Schade, exklusive Bilder wären hier schick.

Schöne Grüße

Tobias
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Re: Die Entführung des Stinthengstes

Beitragvon Tobias » 08.09.2014 18:45

Hallo,

wie von den Entführern angekündigt, ist der Stinthengst am Samstag nach Remscheid zurückgekehrt.

Zusammen mit einem veterinärmedizinischen Gutachten wurde der Stinthengst dem Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz übergeben. Tierarzt Michael Randow bescheinigte dem Stinthengst körperliche Unversehrtheit. Er ist laut Gutachten frei von „erkennbaren inneren und äußeren Erkrankungen, Pilzbefall und Schmutzpartikeln".
Dafür hängt er an fünf Metallgewichten, die an ihm festgekettet sind. Die Schlüssel zu den Schlössern der Ketten wurden an fünf Bürger der Stadt verteilt, die ihn erst losbinden werden, wenn der Stadtparkteich „eines Königs würdig ist“.

Vorher wird der Stinthengst seinen zwischenzeitlichen Wohnraum vor dem Ratssaal der Stadt nicht verlassen. So lange will er die Verantwortlichen täglich an den unsanierten Stadtparkteich erinnern.

Strafrechtliche Probleme haben die Entführer nicht mehr zu fürchten. "Die Spurenlage ist so unübersichtlich, dass wir den Täter nicht zweifelsfrei identifizieren können", erklärte Polizeisprecher René Schwanicke, so dass mit einem Augenzwinkern auf weitere Ermittlungen verzichtet wird.

Schöne Grüße

Tobias
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