Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

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Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

Beitragvon Allosaurus » 12.03.2011 13:52

Die fehlende Fluchtreaktion diversester Inselspezies ist bekanntlich gut dokumentiert. Ein wichtiger Punkt ist meiner Meinung nach, ob auch Landtiere beim ersten Anblick des Menschen die gleiche ökologische Naivität zeigten bzw. zeigen würden. Leider hatten Naturwissenschaftler nicht die Möglichkeit solche Verhaltensweisen zu beschreiben, da die übrigen Kontinente damals bereits von Ureinwohnern besiedelt waren. Kennt jemand vielleicht dennoch Berichte von fehlender oder geringer Fluchtreaktion bei bestimmten Landtieren aus nicht stark vom Menschen frequentierten Gebieten? Ich meine mich zu erinnern, einmal gehört zu haben, dass dies bei den südamerikanischen Sumpfhirschen der Fall ist.
Die angebliche Zutraulichkeit der Megafauna außerhalb Afrikas ist ein wichtiges Argument der Overkill-These, daher dachte ich mir, diese Frage ist auf jeden Fall substanziell.

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Re: Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

Beitragvon freigeist » 13.03.2011 01:26

Soetwas ist auch vom Moufflon bkannt diese sind ursprünglich in Südlichen gebirgsregionen beheimatet, wurden allerdings in weiten teilen europas zu jagdzwecken eingebürgert. Nun war der Fluchtreflex auf ihr leben an Felsklippen ausgerichtete und sie brauchten, bei bedrohlichen situationen außgenommen adler, eigentlich nur ein par meter die felsklippe Hinausfzuklettern und waren in Sicherheit. Daran hat sich seitdem nichts geändert, als diese dann in der Lausitz auf wölfe trafen und ihre flucht sich auf, 30m sprints auf die nächste sanddüne beschränkt hat, heut gibt es im lausitzer Wolfsgebiet keine Moufflons mehr.
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Re: Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

Beitragvon Quagga » 14.03.2011 12:26

Hallo!

Gutes Thema, Allo :-) !
Berichte kenne ich nicht, jedoch kann ich aus meiner eigenen Erfahrung zwei, drei Berichte zum Besten geben aus sehr strukturschwachen, einwohnerarmen und auch kaum bejagten Gegenden im nördlichen Brandenburg, also im wörtlichen Sinne so ziemlich mitten aus der Pampa.

Zwei Begebenheiten betreffen Rehe.
Einmal begab es sich, so 1996, dass ich auf einer meiner Waldtouren querfeldein in der Nähe des Großen Zechliner Sees (nicht allzuweit weg beginnt heutzutage das Revier des "Mecklenburger Problemwolfes") am unteren Zipfel der märkischen Seenplatte einen waldigen Hang hochgekraxelt kam, und unvermittelt kaum 10 m von mir entfernt eine Ricke an einer Kiefer knabbern sah. Ich blieb stehen und schaute, doch sie mümmelte da ganz unbekümmert weiter. Ich kuckte und freute mich noch eine ganze Weile, und als ich dann weiter ging, machte sie nur ein paar Schritte auf die nahe Kieferndickung zu, was man Flucht wirklich nicht nennen kann.

Das zweite Reh war ein starker Rehbock, anhand der Stärke des Gehörns sicher bereits 4 Jahre alt, dem ich 1998 in der Nähe meines Zivildienstortes, Tornow nördlich von Gransee, bei einer Streiftour durch den Wald in die Arme lief. Laufe da so ganz offen und gut zu sehen einen Waldweg an einer Schneise hoch, da tritt kaum 20 m vor mir der Bock aus dem Wald. Äugt mich an, und zieht weiter seinen Wildwechsel entlang, ganz entspannt, am hellen Tag, und ließ sich gar nicht beirren.
Auch hier ist die Gegend so einsam, weitläufig und von großen Straßen unzerschnitten, dass ich im März 2006 da ebenfalls einen Wolf fährtete.

Die dritte Begebenheit ging um einen ausgewachsenen Feldhasen.
Wiederum auf einer längeren Radtour zu einem kleinen, versteckten Moorsee (Himmelreichsee) nahe Repente im nördlichen Brandenburg, welches hart an der Grenze zu MeckPomm liegt, machte ich auf einer kleinen Brücke eine kleine Pause, die über einen schmalen Schiffahrtskanal (für Privatboote) führte. Ebenfalls mitten im Nirgendwo, unbefestigte Sandpiste rechts und links, auf der Brücke selbst Schotter...
Ich stand also am Brückengeländer, gut zu sehen, neben meinem Fahrrad und schaute ins Wasser, ob da Fische seien, da sehe ich aus dem Augenwinkel am rechten Ufer eine Bewegung. Vorsichtig kucke ich, und sehe da einen dicken, großen Feldhasen auf die Brücke zusteuern. Ich bewegte mich nicht, sondern kuckte nur aus den Augenwinkeln, und Tatsache, nach kurzem Sichern hoppelt der Meister Lampe da ebenfalls völlig entspannt und im Spaziertempo über die Brücke, läuft keine zwei Meter hinter mir vorbei, weiter über die Brücke und verschwindet auf der anderen Seite ganz ruhig in der Wiese...

Ich kann also sagen: Menschenleere Gegenden, kaum nennbare Bejagung kann auch heute reine Wildtiere wieder total arglos machen. Und besonders in der weiteren Gegend um Rheinsberg/ Brandenburg (wo wir nördlich von Kagar einen Campingwagen hatten) ist sowas von tote Hose, dass man da selbst als Mensch völlig verwildern kann, wie folgende kleine Anekdote veranschaulicht...

Wir waren ja beinahe jedes Wochenende und in den Urlauben oben, und ich war der Waldläufer par excellence... Morgens im Grauen das erste Mal raus, dann Frühstück, und dann wieder raus und bis abends in der Gegend geblieben. Und es kam gar nicht selten vor, dass ich besonders bei nicht so sonnigem Wetter den ganzen lieben langen Tag lang keinen einzigen Menschen zu Gesicht bekam, war also mit dem Wald, dem Wild und mir mutterseelenallein... Bei einem zweiwöchigen Urlaub einmal schließlich war ich bereits ein paar Tage unterwegs gewesen, und da war nach längeren trüben Tagen mal ein sonniger Tag, und verhältnismäßig viel Verkehr auf dem Hauptwaldweg (über 10 km lang und unbefestigt mitten durch die Pampa). Ich ging da so meinen Weg, und sah weit, weit vorn drei Radfahrer kommen...
Etwas unmutig darüber, ging ich nicht etwa geradeaus weiter, sondern ein Stück zurück, einen Wildwechsel rein in eine dichte Fichtenschonung, da etwas tiefer hinein, und wartete da, bis die Radfahrer vorbei waren. Als die vorbei waren, trat ich aus dem Gehölz, "sicherte" erstmal, und da die Luft rein war, setzte ich meinen alten Weg dann fort.
Hinterher staunte ich selber über diese absolut beiläufige Vermeidung von Menschenbegegnung, ehrlich selbst wie ein Stück Wild :lach: ...

Ich bin einer, der sehr sehr sehr sehr gut auf Begegnung mit fremden Menschen verzichten kann, vor allem, wenn ich mit mir selbst absolut im harmonischen Gleichklang bin, seien es auch nur so beiläufige und sekundenkurze wie die mit vorbeifahrenden Radlern, und so meine ich: Wenn schon ein Mensch da völlig auf frühere entwicklungsgeschichtliche Verhaltensweisen regredieren kann, dann kann das Wild es erst recht ^^.
Der Unterschied ist nur, dass das Wild den Menschen nicht zu fürchten gelernt hat, und einer wie ich den Menschen zwar nicht fürchtet, aber einfach nur die Lästigkeit der Störung vermeiden will, was ja prima funktioniert, wenn man einfach ungesehen sechs Meter tief in den dicken Fichten verschwinden kann...
Lustig auch die Variabilität der Individualdistanz, die ja im wesentlichen von der Duldung abhängt... In der Stadt muss man die eigentlich meistens auf Null zurück drehen, während sie im allgemeinen bei etwa 2- 3 m liegt (anschaulich zu beobachten bei geselligen Versammlungen, wie etwa an bevölkerten Bushaltestellen etc.), während sie in meinem Falle oft schon bei 5 m deutlich unterschritten ist und sich ohne weiteres auf 500 m ausdehnen kann, wo bereits, wenn möglich, das Meideverhalten die Regie übernimmt ^^. Dies wohlgemerkt bei Fremden, nicht Bekannten...

Im übrigen: Unterschied Inselbewohner/ Festlandbewohner gilt hier nicht, Allo...
Wie uns ja "Der Gesang des Dodo" gelehrt hat, ist alles auf der Welt leicht zur Insel zu machen, und so sind auch die Gegenden, in denen das Wild völlig unvoreingenommen ist, nichts anderes als Inseln, da es nur lokal so ist, keinesfalls aber überregional oder landesweit :wink: .

Grüße, Andreas
"If i see a track i know something made it!"
Weise Erkenntnis eines Hobby- Kryptozoologen :gut:
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Re: Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

Beitragvon Allosaurus » 14.03.2011 15:46

Im übrigen: Unterschied Inselbewohner/ Festlandbewohner gilt hier nicht, Allo...

Ist im Grunde genommen wahr, denn schließlich haben Organismen keinen Begriff davon, ob sie sich nun auf einer Insel befinden, oder nicht und evolutive Mechanismen genauso wenig; Im Prinzip gelten für von etwa Bergketten abgegrenzte Biotope die selben Regeln wie für Inseln. Nur wäre es schon wichtig auch Belege dafür zu haben, dass völlig unbedarfte Landtiere keine Furcht vorm Menschen haben. Daher der Thread ;).
Zuletzt geändert von Allosaurus am 21.05.2011 10:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

Beitragvon Allosaurus » 21.05.2011 10:11

J. H. Reichholf schreibt in "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends", 2007, dass Steinböcke in manchen geschützten Gebieten wo seit Jahrzehnten nicht gejagt wurde, ebenfalls keine Scheu mehr haben und dort "wie Schafe grasen".


Auch wenn es in diesem Thread primär um Landtiere geht, könnte erwähnenswert sein, dass Wale bekanntlich keine Fluchtreaktion gegenüber Menschen und Schiffen zeigen. Das ist, meiner Meinung nach, für die Overkill-These von besonderer Relevanz, da (Groß-)Wale offensichtlich nach Jahrhunderten intensivster Bejagung immer noch keine Schutzmechanismen entwickelt hatten. Wären pleistozaene Großtiere tatsächlich über Jahrhunderte "zahm" dem Menschen gegenüber gewesen, hätte dies wirklich fatal für etliche Populationen oder Spezies sein können.

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Re: Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

Beitragvon elperdido » 13.09.2011 23:28

Fehlendes Flucht oder Verteidigungsverhalten bezieht sich ja nicht nur auf Menschen, in einem Reisebericht las ich letztens von eines Robbenkolonie in Südafrika, wo seelenruhig die Schakale zwischen den Tieren umher liefen, und die Jungen erbeuteten, ohne das die anderen Robben davon irgendeine Notiz genommen hätten.
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Re: Fehlende Fluchtreaktion bei Landtieren

Beitragvon Allosaurus » 14.09.2011 13:55

Natürlich würde diese "Regel", wenn es denn eine solche gibt, nicht nur auf den Menschen zutreffen, sondern auch auf andere Raubtiere, welche zum ersten mal mit einer zuvor von solchen unbedarften Herbivorenpopulation Kontakt haben; denn das ist von wesentlicher Relevanz für die Overkill-These - ich weiß jedoch nicht, wie es sich in dem Beispiel der Robben verhält.

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