Wissenschaftliche Namen

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Wissenschaftliche Namen

Beitragvon Tobias » 15.11.2014 11:51

Hallo,

im Thread „Neustart der Seite und des Forums“ hat der User Stefan410 angemerkt, dass er kein Latein beherrscht, um die wissenschaftlichen Namen verstehen zu können.

Im Allgemeinen gibt es bei den wissenschaftlichen Bezeichnungen für Tiere und Pflanzen einige weitverbreitete Missverständnisse. Ich habe mich einmal herangesetzt und versucht, da ein wenig Aufklärungsarbeit zu leisten und das eine oder andere aus der Welt zu räumen:


1. Wissenschaftliche Namen sind wie deutsche Namen

Es gibt mehrere deutliche Unterschiede in der wissenschaftlichen und der deutschen Namensgebung.
Deutsche Namen haben sich in der Regel über lange Zeit eingebürgert. Da sie umgangssprachlich sind, sind sie nie völlig eindeutig: Für eine Tierart kann es mehrere Namen geben, während es auch mehrere Tierarten mit dem selben Namen geben kann:

Für den Haussperling gibt es eine Vielzahl von Namen: Spatz, Sperling, Lünk, Dacklüün, Spunter, Mösch, Leps, und zahlreiche mehr. Wenn ein Ostpreusse vom Spunter und ein Rheinländer von der Mösch, merken sie meist erst sehr spät, dass es sich um den selben Vogel handelt.


Anders ist es beim Barramundi (sorry, dass ich da so ein exotisches Beispiel suchen musste). Mit diesem Namen wird in den größten Teilen Australiens ein Riesenbarsch bezeichnet, der mit dem Nilbarsch oder Viktoriabarsch verwandt ist. Er ist in Australien einer der wichtigsten Speisefische und wird häufig geangelt.

Im Nordosten des Landes und in Neuguinea gibt es jedoch einen weiteren Fisch mit dem Namen Barramundi: einen Knochenzüngler, der mit dem Arapaima und den Gabelbärten verwandt ist. Er wird ebenfalls recht groß, ist aber wesentlich seltener und streng geschützt. Spätestens, wenns um den Fang der Tiere geht, wird’s also kompliziert.


Wissenschaftler müssen wissen, welches Tier oder welche Pflanze der Kollege meint, wenn er darüber eine Arbeit veröffentlicht. Dazu wird der Name und das Tier oder die Pflanze (im weiteren Verlauf werde ich nur von Tieren sprechen, zu Pflanzen ist das meist analog) verbindlich festgelegt.
Dazu veröffentlicht ein Wissenschaftler eine „Erstbeschreibung“ in einer Fachzeitschrift und hinterlegt ein Exemplar („Holotypus“) in einer wissenschaftlichen, öffentlich zugänglichen Sammlung. In der Erstbeschreibung veröffentlicht der Wissenschaftler, wie das Tier aussieht, welche speziellen Merkmale es hat und vor allem, wie es sich von nahe verwandten Arten unterscheidet. Dazu gehört ein Fundort und eine Darstellung der Verwandtschaft.
Hierbei gilt allerdings der Holotypus als Referenz: alle Tiere, die zur gleichen Art, wie der Holotypus gehören, tragen auch seinen Namen.


2. Wissenschaftliche Namen haben eine Bedeutung

Sie können eine wörtliche Bedeutung haben, müssen es aber nicht. Die wörtliche Bedeutung des Namens ist in der Regel auch unwichtig, da sie sich nicht unbedingt auf Merkmale bezieht, die für Laien oder Fachleute direkt erkennbar oder wichtig sind.
Die eigentliche Bedeutung des Namens liegt in seiner Eindeutigkeit: Es gibt (bzw. sollte geben) keine zwei Tierarten mit dem selben Namen und keine zwei Namen für das selbe Tier. Gleichzeitig stellt der Name eine Art Link zur Erstbeschreibung dar. Wenn ich also wissen möchte, welche Merkmale der Erstbeschreiber als Alleinstellungsmerkmale für diese Art angesehen hat, kann ich dort nachsehen.
Die Namen selber kann der Wissenschaftler mehr oder weniger frei wählen. Echte Einschränkungen gibt es wenige, auch die soll-Regeln sind eher weit gesteckt: Ein wissenschaftlicher Name soll möglichst lateinischen oder griechischen Ursprung haben und das Tier beschreiben. Nicht sinnvoll ist, einen Artnamen zu wählen, der in einer nahe verwandten Gattung bereits vorkommt (falls jemand die Gattungen zusammenlegt, gibts Riesenchaos), und es gilt als unfein, ein Tier nach sich selber zu benennen.


Beispiele:

Bild
- Crenicichla alta ist ein Hechtbuntbarsch aus Südamerika. Der Gattungsname Crenicichla setzt sich aus dem griechischen Krene = Kamm und Cichla, einer verwandten Gattung zusammen. Der Name Cichla ist eine Abwandlung eines einheimischen Namens für große Buntbarsche, Krene wird latinisiert zu Creni.
Der Teil Creni- bezieht sich aber keineswegs auf ein sehr auffälliges Merkmal, z.B. die kammartige Rückenflosse, sondern auf eine sehr unauffällige Zackenreihe, die am Rand des Vorderkiemendeckels liegt. Sie ist am lebenden Tier nicht zu sehen, da sie mit Haut bedeckt ist. Selbst beim präparierten Knochen braucht man hierzu eine Lupe.
Der Artname „alta“ hat nichts mit dem derzeitigen Jugendslang zu tun, sondern bedeutet „hoch“ in der grammatikalisch weiblichen Form. Das bezieht sich jedoch –wie deutlich sichtbar ist- eher nicht auf den Körperbau. Carl Eigenmann, der den Fisch 1912 beschrieb, wählte diesen Namen, weil er den Fisch im brasilianischen Hochland gefangen hat, während die meisten anderen Arten der Gattung aus dem Amazonastiefland bekannt waren.


Bild
- Micropachycephalosaurus ist ein Gattungsname eines kleinen Dinosauriers. Er gehört zur Gruppe der Pachycephalosaurier und stellt dort ein besonders kleines Exemplar dar. Daher hat man dem Gattungsnamen Pachycephalosaurus ein Micro vorgesetzt (Micro brauche ich wohl kaum als „sehr klein“ zu übersetzen).
Die Silbe Pachy kommt aus dem Griechischen und wird meist im Sinne von dick oder verstärkt verwendet. Cephalos ist ebenfalls griechisch und bedeutet Schädel, -saurus ist eine oft verwendete Endung bei Gattungsnamen für Reptilien.
Wörtlich genommen, würde Micropachycephalosaurus (Micro-pachy-cephalo-saurus) also Klein-verstärkt-Schädel-Reptil heißen, oder Kleine Dickkopfechse, wenn man es etwas geschmeidiger mag.

Völlig absurd wird eine Übersetzung des Namens spätestens dann, wenn die Erstbeschreiber ihre Namen nicht beschreibend wählen, sondern beispielsweise zu Ehren von Kollegen. So gibt es die Messerfischgattung Eigenmannia, die nach dem oben bereits zitierten Ichthyologen Eigenmann benannt wurde. Man könnte den Namen noch als Eigenmanns Messerfische übersetzen, aber absurd wird es, wenn man die Art Eigenmannia humboldtii übersetzen würde: „Humboldts Eigenmanns Messerfisch“? Das macht keinen Sinn mehr, oder?

Aber es geht auch noch komplizierter:
Bestimmte Namen lassen sich nicht übersetzen, selbst wenn man guten Willen und viel Freiheit beim Sprachverbiegen an den Tag legt. Beispielsweise trägt der Zingel (ein einheimischer Barsch) den schönen wissenschaftlichen Namen Zingel zingel, der nahe verwandte Streber heißt „auf schlau“ Zingel streber. Was will man da noch übersetzen?
Der österreichische Zoologe Franz Werner hat sich offenbar über seine gelungene Diagnose einer Stabschreckenart so gefreut, dass er das Tier Denhama aussa genannt hat. Spricht man den Namen mit wienerischem Akzent aus, hört man „Den haben wir raus“ heraus.


3. Die wissenschaftlichen Namen sind lateinisch

Das ist sicher im vorhergehenden Abschnitt schon klar geworden: Latein darf, muss aber nicht. Die Idee, Tiere, Pflanzen und Gesteine mit einem zweiteiligen Namen eindeutig zu benennen, stammt von Carl von Linnè, der diese Idee um 1740 damit begann. In dieser Zeit galt man als gebildet, wenn man diese beiden Sprachen sprach und einige Werke der Antike zitieren konnte, außerdem waren es die internationalen Sprachen der Bildungselite. Es war also völlig natürlich, dass Linnè seine Systematik auf Latein schrieb und die meisten Namen aus griechischen und lateinischen Silben zusammenfügte*.
Heute wird das nicht mehr so eng gesehen, gerade chinesische Wissenschaftler, deren Kultur sich ja nicht auf die klassische Antike bezieht, greifen sehr oft auf chinesische Namensbestandteile zurück. Ein schönes Beispiel ist Mei long, ein kleiner, vogelähnlicher Dinosaurier. Der Name ist direkt aus dem Chinesischen übernommen und bedeutet tiefschlafender Drache.


* Damals war das ebenso natürlich, wie heute Begriffe, die mit dem Internet zu tun haben, englischen Ursprungs sind, obwohl sie auch auf Deutsch einen Sinn machen würden. Einen Webshop kennt jeder, einen Netzladen eher nicht.

Schöne Grüße

Tobias
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Re: Wissenschaftliche Namen

Beitragvon Allosaurus » 19.11.2014 09:50

Toller Post, Tobias! Es ist immer wieder gut, die "basics" zu erklären, v.a. da viele anscheinend mit zoologischer Nomenklatur Probleme haben. Das fängt schon mal bei der Kleinschreibung des Speziesepithetons an, oder die Unterscheidung von Gattung, Art oder Familie.

LG
The physics and chemistry of living cells is basically the same as the physics and chemistry of rocks, just a bit more complicated.

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Re: Wissenschaftliche Namen

Beitragvon Stefan410 » 19.11.2014 16:18

Hi Tobias,
danke sehr. Du hast es erklärt das selbst ich es verstehe. "Grins"
VG
Stefan
Ich bin nur verantwortlich für das was ich sage, nicht für das was du verstehst
Stefan410
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