Der Stammbaum der Dinosaurier erschüttert: Baron et. al 2017

Dinosaurier und andere ausgestorbene Tierarten

Der Stammbaum der Dinosaurier erschüttert: Baron et. al 2017

Beitragvon TasmanischerTiger » 02.04.2017 14:51

Am 22. März ist in der renommierten Nature eine Arbeit erschienen, die die Systematik der Dinosaurier grundlegend erschüttert hat.

Baron, M. G., Norman, D. B. & Barrett, P. M. 2017. A new hypothesis of dinosaur relationships and early dinosaur evolution. Nature doi:10.1038/nature21700

Die britischen Paläontologen Baron, Norman und Barrett haben mit einer sehr umfangreichen kladistischen Analyse der verwandschaftlichen Beziehungen früher Vertreter der großen Entwicklungslinien der Dinosaurier ein überraschendes Ergebnis zu Tage gefördert:

Saurischia hat sich als paraphyletisches - also unnatürliches - Taxon erwiesen und muss neu definiert werden. Die große Dichotomie im Stammbaum der Dinosaurier ist nun also nicht mehr Saurischia vs. Ornithischia, sondern Herrerasauridae + Sauropodomorpha (= neue Saurischa) vs. Theropoda + Ornithischia (=Orntihoscelida).

In der seit fast 150 Jahren tobenden Auseinandersetzung um die Beziehungen zwischen den großen vierfüßigen Pflanzenfressern, den Sauropoden, den zweibeinigen Raubsauriern, den Theropoden, und den übrigen pflanzenfressenden Dinosauriern, den zwei- und vierfüßigen Ornithischiern, sieht es nun so aus, als würde die Wissenschaft zur ursprünglichen Auffassung von der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückkehren müssen.
Als Sir Richard Owen den Begriff Dinosauria prägte, definierte er ihn als die Zusammenstellung der damals bekannten Vertreter der Gruppen, die man später als Theropoden und Ornithischier kennen würde, unter Ausschluss des damals bekannten Sauropoden Cetiosaurus, den er für eine riesige Meeresechse (daher der Name Walechse) hielt.
Thomas Henry Huxley prägte schließlich für eine Dinosauria unter Einbeziehung der Sauropoden den Begriff Ornithoscelida als Untergruppe, die Theropoden und damals bekannte Ornithischier zusammenfasst, zu dem Baron et al. nun unter moderner Definition zurückkehren möchten.
Diese Auffassung wurde dann Ende des 19. Jahrhunderts von Seeley’s Einteilung der Dinosaurier nach der Anatomie ihrer Becken in Echsenbecken-Saurier (Saurischia) und Vogelbecken-Saurier (Ornithischia) abgelöst. Dabei haben die großen vierfüßigen und langhalsigen Pflanzenfresser, die Sauropoden, und seltsamerweise die meisten Theropoden, aus denen die Vögel hervorgegangen sind, beide ein „Echsenbecken“, während die übrigen Pflanzenfresser mit rückwärtig orientiertem Schambein, wie es die Vögel auch besitzen, als Ornithischia bezeichnet worden sind.
Diese Auffassung blieb dann im Folgenden auch vorherrschend, wobei man die längste Zeit des 20. Jahrhunderts soweit ging, die Unterschiede zwischen den beiden Gruppierungen so groß einzuschätzen, dass man sie nur als sehr entfernt verwandt angesehen hat.
Der Durchbruch der kladistischen Methode in der Paläontologie in den 1980er-Jahren konnte dann wiederum die Zusammengehörigkeit von Echsenbecken- und Vogelbeckensauriern als natürliches Taxon Dinosauria aufzeigen.

Doch die Zusammensetzung dieser beiden Gruppen wird sich jetzt wohl dramatisch ändern:
Die Analyse vieler Merkmale, aber auch die Neuinterpretation mancher dieser Merkmale bei frühen Vertretern der fraglichen Gruppen konnte zeigen, dass Theropoden und die alte Ornithischia in Wirklichkeit eine natürliche Einheit bilden, während die Sauropoden und einige frühe Dinosaurier aus Südamerika, die sog. Herrerasauridae, eine neue Gruppe bilden.
Um die alte Terminologie wenigstens in Ansätzen zu bewahren, haben die Autoren diese neue Gruppe als neu-definierte Saurischia erhalten und für die Einheit aus Theropoden und Ornithischia Huxley’s alte Ornithoscelida wieder aufgerichtet.

Von den Peers sind die Ergebnisse dieser neuen Studie gut aufgenommen worden, grundsätzliche Kritik ist bisher nicht geäußert worden. Jetzt muss sich zeigen, inwiefern dieser neue Stammbaum den Test der Zeit und das Einpflegen anderer und neu-zu-entdeckender Dinosaurier überstehen wird.

Einige interessante neue Perspektiven drängen sich natürlich auch sofort auf:
Federn oder ähnliche Körperstrukturen sind nur von Vertretern der Ornithoscelida bekannt - sind diese Entwicklungen vielleicht auf diese eine Linie der Dinosauria begrenzt?
Hat sich die Pneumatisierung der Knochen, wie wir sie bei Sauropoden, Theropoden und Vögeln nicht aber bei der alten Ornithischia finden, einmal oder zweimal entwickelt?
War der gemeinsame Vorfahre aller Dinosaurier ein Omnivore oder ein Carnivore?
War die Warmblütigkeit womöglich auf die Ornithoscelida begrenzt und könnte so zur Klärung der schwierigen Frage nach dem Stoffwechsel und Nahrungsbedarf der Sauropoden beigetragen werden?

Eines ist sicher, wir sind Zeugen eines neuen Wendepunktes in der Erforschung der Systematik der Dinosauria geworden und dürfen gespannt bleiben, inwieweit diese Bestätigung längst überwunden geglaubter Vorstellung den Test der Zeit überdauern wird.

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Re: Der Stammbaum der Dinosaurier erschüttert: Baron et. al

Beitragvon TasmanischerTiger » 02.04.2017 21:19

Mittlerweile lassen sich auch die ersten kritischen Stimmen, bisher freilich nur in Internetblogs, vernehmen:

http://theropoddatabase.blogspot.de/2017/03/ornithoscelida-tested-adding-taxa-and.html

Der(?) amerikanische Blogger Mickey Mortimer hat sich mittlerweile die Mühe gemacht, die kladistische Analyse von Baron et al. zuhause in der benutzten Software nachzubauen und hat sich auch noch die Matrix der analysierten Merkmale genauer angesehen. Dabei will er auf einige Ungereimtheiten gestoßen sein und hält Baron et al. nicht mehr für tragfähig. Vorsichtige Unterstützung hat er hierbei von den im Internet sehr präsenten Paläontologen David Marjanović , Darren Naish und Andrea Cau erhalten. Eine Veröffentlichung der Kritik im wissenschaftlichen Peer-Review-Verfahren ist geplant.

Die richtige Anwendung der kladistischen Methodik in der Wirbeltierpaläontologie erscheint auch heute noch sehr problematisch.
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