TaurOs Project/der Auerochse

Tiere der Mammalogie

TaurOs Project/der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 29.10.2011 08:38

Hallo,

hiermit möchte ich einmal einen längeren Beitrag zu einem meiner Lieblingssäugetiere und ein hochinteressantes Projekt, das TaurOs Project, welches gerade in den Niederlanden durchgeführt wird, verfassen. Es geht um Rückzüchtung, ein Begriff, welcher (bislang zurecht) von vielen abgelehnt wird.
Diesem Beitrag gingen monatelange Recherche und ausgiebige Befassung mit dem Thema sowie Kontakte mit entsprechenden Personen voraus.

1. Merkmale des Urs

Zuerst möchte ich allerdings eine kurze Zusammenfassung der körperlichen Merkmale des Auerochsen geben; zumindest die farblichen mögen vielen vielleicht gut bekannt sein, allerdings denke ich dennoch, es ist wichtig diese anzuführen. Das Aussehen des Auerochsen ist einerseits durch hervorragende Skelettfunde, historische Berichte sowie zeitgenössische Darstellungen gut bekannt. Auerochsen waren, wie alle Wildrinder, sehr athletisch, langbeinig (die Schulterhöhe war ungefähr genauso lang wie die Rumpflänge), hatte einen großen Schädel sowie eine sehr kräftige Nacken- und Schultermuskulatur (die Dornfortsätze im Schulterbereich der Bullen sind nicht sehr viel kürzer als bei Wisents). Die Hörner des Urs waren massiv und an der Wurzel nach außen-oben, dann nach vorne-unten und schließlich nach innen-oben gekrümmt. Bei den Stieren war diese Krümmung stärker ausgeprägt und die Hörner insgesamt größer. Die Schnauze des Auerochsen war um einiges länger als bei seinen domestizierten Varianten, auch waren die Augen kleiner, dafür jedoch die Augenhöhlen bei den Stieren wesentlich prominenter (zum Schutz bei Kommentkämpfen). Eindeutig zeigen Hausrinder wie viele andere domestizierte Tiere craniale Paedomorphie. Der Euter war selbst bei gerade säugenden Ur-Kühen kaum sichtbar, wie es bei anderen Wildrindern ebenfalls der Fall ist.
Dass männliche Auerochsen sehr dunkel braun bis schwarz mit weißen Aalstrich versehen, sowie die Kühe rotbräunlich, waren, dürfte allgemein bekannt sein. Ebenso, wie die weiß umrandeten Mäuler. Ein Merkmal, welches dem Auerochsen beinahe immer zugesprochen wird, blonde Stirnlocken, sind jedoch eine uneindeutige Sache – hier widersprechen sich historische Information und Parsimonie: historische Darstellungen und Berichte erwähnen keine besondere Farbe der Stirnlocken, während sie bei primitiven Hausrinderrassen und anderen Wildrindern fast immer hell gefärbt sind. Genetische Untersuchungen müssten diese Frage klären.
Unterstützend zeige ich nun Photomanipulationen, welche ich mit einem Tudanca-Stier und einer Pajuna-Kuh gemacht habe, zu welchen Henri Kerkdijk-Otten meinte „they look perfect“. Sie dürften also einen akkuraten Eindruck vom Aussehen des Auerochsen vemritteln ;).

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Stier

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Kuh

Diese sehr gelungene Nachbildung ist ausgestellt im dänischen Jagdmuseum:

Bild

2. Warum Heckrinder als Auerochsen-Ersatz unzureichend und ungeeignet sind

Wenn es darum geht, ausgerottete Wildformen zu ersetzten, so sollten folgende Kriterien beachtet werden:

• Erfüllt der Ersatz die selbe ökologische Nische?
• Ist der Ersatz im selben Maße im Stande, mit der Umwelt zurecht zu kommen (Krankheiten, extreme Wetter, Raubtiere etc.)?
• Damit zusammenhängend: Ist der Phänotyp geeignet, d.h. dem der Wildform entsprechend?

Man ist sich einig, dass der beste Ersatz für den Auerochsen logischerweise ein Tier ist, welches diesem so weit wie möglich entspricht.
Vom Heckrind wird oft als „beinahe perfekte“ „Rückzüchtung“ gesprochen, „nur die Größe“ sei noch nicht ganz erreicht. Dieses soll ein Beispiel für Dedomestikation, die Umkehrung der Domestikation, sein. Nun werde ich ausführen, warum dies ganz und gar nicht zutrifft.

In den 1920ern hatte man wesentlich schlechtere Mittel und wesentlich geringeres Wissen als heutzutage zu Verfügung. Die Problematik beginnt damit, dass die Hecks keine genaue Vorstellung davon hatten, wie der Ur genau aussah, und ihre Annahmen sind heute teilweise als falsch zu betrachten. Weiters war die Auswahl der von ihnen als ursprünglich erachteten Rinderrassen sehr schlecht, so findet sich heute im Heckrind ein hoher Anteil an Ungarischem Steppenrind, Anglerkühen, Niederungsrindern und anderen ungeeigneten vergleichsweise hochgezüchteten Rassen. Das Resultat wurde nach rund 10 Jahren Kreuzungszucht bereits als „neuer Auerochse“ gepriesen. Im nächsten Absatz führe ich aus, warum es für dieses Etikett keine Berechtigung gibt. Anzumerken ist auch, dass sämtliche heutige Heckrinder unglücklicherweise der Münchner Linie entstammen, während die erloschene Berliner Linie vielleicht besser geeignet war.

Der Phänotyp der allermeisten Heckrinder unterscheidet sich im Grunde genommen kaum von dem anderer Hausrinder – weder sind die Beine sonderlich lang, noch ist der Schädel groß oder sind die besonders stark ausgeprägte Schulter- und Halsmuskulatur zu erkennen. Der athletische Körper des Urs ist bei den meisten Heckrindern nicht erreicht, nicht einmal bei den wildlebenden in Oostvaardersplassen; einzig bei jenen, die mit u.a. Kampfrind und Chianina gekreuzt wurden ("Taurusrinder"). Die Hörner sind meist „lyre-shaped“, das heißt nach oben-außen gebogen, so wie sie auch bei vielen anderen Hausrindern zu finden sind (etwa Steppenrind etc.). Der Schädelbau ist so paedomorph wie bei den meisten anderen Rassen. Die Euter der Kühe sind eine Spur bis viel zu groß, geht das Heckrind doch zu einem großen Teil auf Milchrassen zurück.
Der anfänglich gute Sexualdimorphismus ist bei den meisten Heckrindlinien beinahe oder gänzlich verschwunden, die Kühe sind oft nachtschwarz oder dunkelbraun.
Ähnlichkeiten des Heckrinds mit dem Auerochsen betreffen alleine einige Aspekte der Färbung und Hörner (von der Zuchtlinie abhängig), doch auch hier gibt es Unstimmigkeiten, so zeigen viele Heckstiere einen Sattel, welcher bei Uren wahrscheinlich nicht vorkam. Auch sind die Stirnlocken bei Heckrindern meist eher gerade Fransen.

Wenn man sich die Ausgangsrassen ansieht, ist es für mich ein Wunder, dass die Ähnlichkeiten in der Färbung überhaupt erreicht wurden.
Man mag nun einwenden, dass Heckrinder vielerorts noch selektiv gezüchtet werden um ihr Aussehen an den Ur heranzuführen. So hat Walter Frisch ohne Frage eine sehr interessante Zucht, welche in einzelnen Merkmalen, etwa der Hornform, dem Auerochsen einigermaßen entspricht. Doch es passen dennoch etliche Aspekte nicht, und diese Methode, welche nur auf den Phänotyp achtet, kann bestenfalls nur ein optisches Imitat hervorbringen, eine Abbildzüchtung.
Die Verbesserung der Heckrinder mittels Mittelmeerrassen, wie sie von ABU & NABU angestrebt wird, die Taurusrinder, sind ebenfalls nur oberflächliche Imitate. So verwendet man etwa die Chianina, um Größe hinzuzufügen, welche jedoch nur diese Größe aufweisen, da sie über lange Zeit für dieses Merkmal selektiert wurden, und nicht weil sie in dieser Hinsicht primitiv sind. Und wieder ist die Auswahl der Rassen nicht ideal, es wird sicherlich noch sehr viele Generationen dauern, bis die Taurusrinder eine größere phänotypische Ähnlichkeit mit dem Auerochsen erreicht haben.

Ein weiterer Grund, welcher Heckrinder als Ersatz für den Auerochsen in der Wildnis ungeeignet macht, ist die große Heterogenität der Rasse. Verschiedene Züchtungen haben verschieden große Anteile der einzelnen Mutterrassen. Offensichtlich wurde während der Kreuzungszucht der Hecks kein einziges Exemplar für unzureichend für die Weiterzucht befunden, folglich sind die Allele aller verwendeten Rassen im Heckrind noch vorhanden, und „springen“ mitunter hervor. Graue oder beige Heckrinder sind keine Seltenheit, und in der Natur werden diese Exemplare nicht wegselektiert, sondern vermehren sich höchstwahrscheinlich weiter. So gibt es in Oostvaardersplassen teilweise sogar schwarzbunte Heckrinder, weil die Färbung des Niederungsrindes zur Ausprägung kommt! Auch in sehr fortgeschrittenen Züchtungen wie jene von Walter Frisch ist der Anteil an unbrauchbaren Individuen anscheinend groß, wenn ich mir die zu Verkauf stehenden Rinder auf seiner Seite ansehe (http://www.aueroxen.de/). Also sind selbst diese Heckrinder nicht geeignet, wild als angemessener Auerochsen-Ersatz zu fungieren. Der Genotyp passt einfach nicht, weil schlechte Ausgangsrassen verwendet wurden und nur oberflächlich und unzureichend selektiert wurde, daher ist vieles nicht gelungen.

Oft wird behauptet, das Heckrind habe durch die „Zusammenfügung der alten Gene“ eine besondere Robustheit und auch Wildheit im Verhalten erlangt. Die Robustheit, also Widerstandsfähigkeit gegen Kälte und Krankheiten, kommt sicherlich von den Rassen, aus denen es gezüchtet wurde (wie etwa dem Schottischen Hochlandrind oder dem Ungarischen Steppenrind). Denn es sind heute noch viele Rinderrassen im Stande, unter widrigen Bedingungen gut zurecht zu kommen, da sind die Heckrinder nur ein Beispiel unter vielen. Ich bin mir sicher, dass die von Heinz Heck beschriebene „Wildheit“ der Heckrinder sich aus der Haltungsform ergibt. Wenn sie mit vergleichsweise wenig Kontakt mit dem Menschen aufwachsen (und sie wurden und werden ja wie Zootiere oder halbwild ganzjährig frei gehalten), werden es sicherlich keine Streicheltiere. Die Einkreuzung des Kampfrindes wird auch kaum zusätzliche Zahmheit bewirkt haben.

Viele Mythen ranken sich um das Heckrind, beinahe schon mehr als um den Ur, doch diese halten kritischer Evaluation nicht stand. Ich schließe mich voll und ganz Herre 1953 an, der das Heckrind als wissenschaftlich wertlose Kreuzungszucht aus Hausrinderrassen bezeichnet. Es entspricht nur in wenigen Merkmalen dem Auerochsen, und das, wie ich später ausführe, zu einem geringeren Grad als manch andere Rassen. Darauf zu hoffen, dass natürliche Selektion wilde Heckrinder an den Auerochsen heranführen wird, ist im heutigen raubtierarmen Europa meist illusorisch und würde einen sehr, sehr langen Zeitraum in Anspruch nehmen.

Sind die Heckrinder nun im Stande, in ihrer Umwelt genauso zurecht zu kommen wie seinerzeit der Auerochse? Dies ist fraglich, war der Auerochse mit seiner Anatomie doch darauf ausgerichtet, Löwen, Hyänen und Wölfe in die Flucht zu schlagen. Jedoch ist diese Raubtierbedrohung auf dem größten Teil des heutigen Europa nicht mehr gegeben.
Da der Mensch durch die Domestikation des Rindes nur äußerliche Merkmale, und nicht den Verdauungsapparat und andere innere Gegebenheiten veränderte, würden alle heutigen Hausrinder theoretisch die selbe Rolle wie ihr wilder Vorfahre erfüllen. Untersuchungen haben gezeigt, dass von allen Rassen etwa die Hochlandrinder die beste „grazing performance“ zeigen. Alleine von diesem Standpunkt aus betrachtet, wäre es doch ausreichend, europaweit Hochlandrinder als Auerochsenersatz zu verwenden. Ich kann mir vorstellen, dass dies für die Meisten wohl sehr unbefriedigend ausfallen würde. Ich bin des weiteren der Meinung, dass die Schaffung eines Rindes, welches dem Auerochsen so weit wie möglich entspricht, auch in gewisser Weise ein Beitrag zur Arterhaltung ist.

Fazit: Das Heckrind sollte in keiner Weise mehr mit dem Auerochsen als andere halbwegs ursprüngliche Rinder assoziiert werden. Es handelt sich um eine Hausrinderrasse, die höchstens alleine in der Färbung und Hornform Ähnlichkeiten mit diesem aufweist. Es gibt weitaus besser geeignete Rassen. Die Schaffung eines dem Ur in jeder Hinsicht entsprechendem Rindes, weitaus authentischer als das Heckrind, ist ohne Frage die beste Option als Ersatz für das ausgerottete Wildrind.


3. Das TaurOs Project

Das TaurOs Project hat sich genau dies zur Aufgabe gestellt (http://taurosproject.com/). Dem Projekt gingen jahrelange Forschung voraus, unter anderem war Cis van Vuure beteiligt (welcher das wohl beste Werk zum Auerochsen verfasst hat, siehe Quellen). Der Manager ist Henri Kerkdijk-Otten, welcher auch Initiator eines ähnlichen Projektes um den Tarpan ist. Das TaurOs Project ist im Übrigen nicht mit den Taurusrind-Versuchen zu verwechseln!
Das TaurOs Project will ein Rind, welches dem Auerochsen in genetischer, phänotypischer und ökologischer Hinsicht sowie vom Verhalten her so weit wie möglich entspricht. Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Versuchen ist, dass man genetische Information nützt – denn stimmt der Genotyp, wird der Rest auch die Erwartungen erfüllen. Im wesentlichen versucht man, die ursprünglichen Gene in heutigen Rinderrassen ausfindig zu machen und sie in einer Zucht zu vereinigen. Man hat daher etliche Rassen genetisch getestet und ökologisch und phänotypisch geprüft, und die am besten geeigneten werden für diese Zucht verwendet (unten vorgestellt). Das nukleare Genom des Auerochsen ist noch nicht vollständig rekonstruiert, doch das ist der nächste Schritt.

Sayaguesa

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Pajuna

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Maremmana primitivo

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Schottisches Hochlandrind

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Italienisches Podolica

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Tudanca

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Limia

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Die meisten dieser Rassen sind recht groß (zwischen 150 und bis zu 180 cm Schulterhöhe!), zeigen mehr oder weniger starken Sexualdimorphismus und ähneln dem Auerochsen in vielerlei anderer Hinsicht. Jede einzelne dieser (mit Ausnahme des puncto Robustheit sehr gut geeigneten Hochlandrinds) hat einen Phänotyp, welcher den des Heckrinds um Welten übertrifft und steht dem Ur auch genetisch wesentlich näher. Das Problem ist, dass sie meist wenig wirtschaftlich und daher im Verschwinden begriffen sind. Die Verwendung des Tudanca beschränkt sich auf eine einzige Kreuzungskuh, da dieser Rasse einige ungewollte Merkmale hat.

Das Projekt wurde letztendlich 2009 in den Niederlanden gestartet. Man will auch in anderen Ländern solche Kreuzungsherden aufbauen und diese so schnell wie möglich im Rahmen des European Rewilding Program in die Wildnis entlassen. Die dieses Mal wissenschaftlich ausgiebig vorbereiteten Ansätze versprechen, dass hier vergleichsweise schnell ein dem Ur sehr ähnliches, und nach einiger Zeit, in einigen Aspekten beinahe gänzlich entsprechendes (soweit man das heute noch beurteilen kann) Rind gezüchtet wird. Zitat Henri Kerkdijk-Otten:

„The nuclear dna or genome of the aurochs still has to be reconstructed, but we are working in this. However, we know a lot about the aurochs and those traits are laid down in the genome, so if it looks like an aurochs and if it behaves like an aurochs... etcetera. It is kind of like reversed engineering untill we have a complete genome.
I think it is possible. It will however take a long time to achieve (near) 100 percept perfection. But... the genes were never lost, we just have to puzzle to get the right genes in the right combination.
By that time {2020}, we will have gotten very, very far. It will take decades to construct a synthetic breed, but we will be very far. We have an F1 that looks really good and when crossbred right, his offspring will resemble the aurochs to a large extent.“


2010 wurden die ersten F1-Kälber geboren. Folgende Kreuzungsindividuen hat man bislang:

* Maremmana x Pajuna

Bild

* (Hochlandrind x Tudanca) x Sayaguesa (hinter dem Maremmana, vor den Hochlandrindern)

Bild

* Hochlandrind x Podolica

* Hochlandrind x Maremmana


Diese beiden Bilder zeigen den Maremmana x Pajuna-Jungbullen (oben), welcher bereits größer als die Hochlandrinder ist, und die Hochlandrind x Tudanca x Sayaguesa-Kuh (darunter). Ich bin sehr gespannt, wie die F1-Generation aussehen wird, wenn sie voll ausgewachsen ist.

Mit dem TaurOs Project hat der Auerochse eine reelle Chance, in sehr ähnlicher Form wieder durch die europäischen Naturlandschaften zu streifen, aber:

Man muss die Informationen verbreiten – man muss verbreiten, warum das Heckrind (und das Taurusrind) kein geeigneter Auerochsenersatz sind (sicherlich, sie erfüllen wie alle Hausrinder die Nische ausreichend, doch sie unterscheiden sich deutlich vom Auerochsen) um die inflationäre Verwendung dieser Hausrinder in Landschaftspflege- und Naturschutzprojekten einzudämmen; man muss verbreiten, dass die Erhaltung der vorgestellten Primitivrassen wichtig ist, um ein Aussterben des Auerochsen wenigstens auf genetischer Ebene zu verhindern; und man muss verbreiten, dass sich die Dinge durch wissenschaftlich durchgeführte Rückzüchtung mit diesen Rassen in eine richtige Richtung entwickeln.



Ich hoffe dieser Beitrag ist interessant und informativ, für eingefleischte Auerochsen-Interessierte habe ich diese Liste mit Literatur:

Quellen und empfohlene Literatur:

• van Vuure, 2002: History, morphology and ecology of the Aurochs
• van Vuure, 2005: Retracing the Aurochs: History, morphology and ecology of an extinct ox
• Beja-Pereira, 2006: The Origin of European cattle: Evidence from modern and ancient
• DNA
• Lynch, Hamilton & Hedges, 2008: Where the wild things are: Aurochs and Cattle in England
• Bunzel-Drüle, Drüke & Vierhaus, 2001: Der Einfluss von Großherbivoren auf die Landschaft Mitteleuropas
• Frisch, 2010: Der Auerochs – Das Europäische Rind
• Lari et al., 2011: The complete Mitochondrial Genome of an old Aurochsen (Bos primigenius) from Central Italy
Zuletzt geändert von Allosaurus am 14.12.2013 17:38, insgesamt 5-mal geändert.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Tobias » 30.10.2011 09:19

Hallo Allosaurus,

vielen Dank für den langen und ausführlichen Beitrag. Du bringst die Problematik des Heckrindes auf den (genetischen) Punkt.

Sicher kann man den meisten Landschaftspflegern etc. keine wirkliche Schuld unterstellen. Man unterstützt nicht absichtlich die falsche Rasse, sondern unterliegt der "Propaganda" der Heck-Brüder. Hinzu kommt, dass das Heckrind ja nun für die Landschaftspflege tatsächlich ein wertvolles Tier ist, seine Qualitäten werden ja nicht nur in den Niederlanden bewiesen.

Um da das TaurOs-Projekt weiter zu bringen, sollte man das Problem des Heckrindes unter "Kritik" in die Wikipedia eintragen. Das ist für mittlerweile eine ungeheuer große Zahl von Leuten die erste Informationsquelle und wenn dort bereits "Vorsicht" steht, denken viele Leute noch einmal darüber nach.

Schöne Grüße

Tobias
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um so eindeutiger muss der Beweis sein, um akzeptiert zu werden."

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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 30.10.2011 10:45

Hallo Tobias,

das ist eine sehr gute Idee, ich werde mich wohl demnächst auf Wikipedia registrieren und einen solchen Punkt auf der deutschen wie der englischen Seite hinzufügen. Ich habe auch bereits Darren Naish gefragt, ob er vielleicht daran interessiert wäre, einen Artikel darüber zu schreiben. Tetrapod Zoology ist ein sehr bekannter und toller Blog, daher werden es dann sicherlich viele Leute gelesen haben.

LG
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 31.10.2011 15:51

http://de.wikipedia.org/wiki/Heckrind

Ich habe den Artikel nun korrigiert und einen Punkt "Kritik" hinzugefügt. Ich musste feststellen, dass der vorherige Artikel über keine einzige wissenschaftliche Quelle verfügte, dementsprechend fanden sich etliche Fehler darin; das Wort mit P ist teilweise wirklich ein berechtigter Ausdruck dafür. Es wurde u.a. herbeiphantasiert, dass Heckstiere "mindestens 1,6 Widerristhöhe" hätten, oder dass Heckrinder "längere Beine", einen "längeren Schädel" und dass die typische Hornform des Auerochsen bei "sehr vielen" zu sehen sei. Die Beschreibung des Äußeren geht jetzt gleich einher mit einem Vergleich mit dem Auerochsen. Ich denke, dass der Artikel so wie ich ihn jetzt geändert habe, ein objektives Bild welches mit wissenschaftlichen Quellen unterlegt ist, vermittelt.
Tatsächlich ist relativ wenig aktuelle und unabhängige wissenschaftliche Literatur zum Heckrind zu finden, aber glücklicherweise hat Cis van Vuure in seinen beiden Werken alles nötige evaluiert, was zu evaluieren war.

Ich hoffe wirklich, dass die wirklich geeigneten Rinderrassen bald die Anerkennung bekommen, welche sie verdienen.

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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon freigeist » 01.11.2011 16:08

Hallo, interessanter beitrag, esw gab ja schon mehrere rückzüchtungsprojekte wie z.b i thüringen das 2011 abgeschlossen werden sollte, allerdings findete sich zu diesem project welches damals von "welt der wunde publiziert wurde"nichts mehr im netz, naja schade um die forschungsgelder....
Außerdem gabes ein polnisches clone project http://www.time.com/time/health/article ... 18,00.html allerding war bis auf diesen mitlerweile als ente zu bezeichnenden Artikel, keine informationen über etwaige fortschrite an die öffentlichkeit zu gelangen..
das problem ist woh das bei den engagierten projectleitern einfach an interesse engagement und vor allem creativität mangelt, und mglw. die investoren neben der ungedult auch zu hohe erwartungen bzw. andere erwartungen haben.

An ganz anderer und vielleicht erfolgversprechender ansatz wäre die untersuchung von asiatischen wildrindern wie Koupreys, Banteng oder gaur als basis solcher Züchtungsprojecte zu verwnden, die reultate wäre geno- und phänotypisch sicherlich vielversprechend. Man müsste z.B. untersuchen welches dieser rinder besetzt die ökologische nische der urs am treffensten
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 01.11.2011 16:38

Jenes in Thüringen ist in die Kategorie Taurusrind einzuordnen. Manche der Taurusrinder, wie jene auf der Schmidtenhöhe, sind simple Heck x Sayaguesa-Kreuzungen und noch nichts besonderes.

Neben den Problemen die du aufgezählt hast, ist liegt eventuelles Scheitern der Heckrind/Taurusrind-Versuche auch daran, dass es keinen wirklich wissenschaftlichen Hintergrund dafür gibt. Man nimmt einfach irgendwelche Rassen, von denen man halt annimmt, dass sie geeignet sind, ohne es irgendwie weiter zu prüfen. Man achtet rein auf die Optik, wie bereits mit der Verwendung der Chianina ausgeführt - in Hortobagy in Ungarn gibt es sogar Taurusrind-Versuche mit Watussi-Rindern! Diese sind definitiv ungeeignet, sie sind heisse Klimate gewöhnt und obendrein zebuin; haben in einem Projekt für B. p. primigenius also nichts verloren. Warum verwendet man sie? Weil sie große Hörner haben. Warum haben sie große Hörner? Weil man sie über Jahrhunderte danach selektierte. Nicht weil die Gene für deren Ausprägung die des Auerochsen wären. Diese schlechte Basis wird eine hohe Anzahl an benötigten Generationen erfordern, man soll sich nicht viel weniger als 20 Jahre erwarten, und dann kommt noch das Problem der immerwährenden Heterogenität der Rinder bei dieser oberflächlichen Züchtungsmethode. Man soll sich keine Illusionen machen, dass diese Rinder in der Wildnis ihren gezüchteten Phänotyp behalten werden. In Oostvaardersplassen läuft ein teilweise bereits bunt gemischter Haufen herum, und der wird in der Zukunft noch größer, weil ja keiner die "aus der Reihe tanzenden" Individuen in der Wildnis daran hindert, sich fortzupflanzen.
Diese Projekte sind schlicht und einfach unwissenschaftlich und ungenau, ich bin daher recht froh wenn sie scheitern - denn wo Heckrinder und ihre Abwandlungen leben, kann der dem Ur weitestgehend entsprechende TaurOs-Ochse nicht mehr eingeführt werden. Mehr dazu in einem längeren Post, welche ich demnächst schreibe.

Sei unbesorgt, dass mit dem TaurOs Project die richtige Richtung eingeschlagen ist. Bald werden deren Kreuzungsrinder repräsentativ der Öffentlichkeit gezeigt werden können, was sicherlich zusätzliches Interesse und Beachtung für das Projekt bringen wird. Ich habe erst gestern zwei aktuelle Bilder des Maremmana x Pajuna-Bullen zugeschickt bekommen, und war überwältigt. Mit der richtigen wissenschaftlichen Vorbereitung, den richtigen Ausgangsrassen und der richtigen Zuchtmethode kommt man eben sehr schnell zu guten Ergebnissen. Im Gegensatz zu den dilettantisch durchgeführten anderen Versuchen.

Außerdem gabes ein polnisches clone project http://www.time.com/time/health/article ... 18,00.html allerding war bis auf diesen mitlerweile als ente zu bezeichnenden Artikel, keine informationen über etwaige fortschrite an die öffentlichkeit zu gelangen..

Ja, diese Organisation gibt es und kürzt sich mit PFOT ab (wofür das steht, weiss ich nicht, das T allerdings sicherlich für "Tur", der polnische Name des Urs). Ich habe sie bewusst nicht im Eingangspost erwähnt, weil es bislang ohne das komplette Genom noch substanzlos ist. Aber PFOT arbeitet mit dem TaurOs Project zusammen, hierfür habe ich wieder ein Zitat von Henri Kerkdijk-Otten:

"Yes, by the Polish organization to recreate the aurochs. We are working together with them. However, don't expect results in the next 20 years. It is extremely difficult to reconstruct the whole genome of any species from ancient dna. Furthermore, you will have to make an embryo out of that, which is nearly impossible and then that embryo has to result in a 100 percent perfect animal, which is very very difficult. And then what? You have to have about 100 genetically unrelated animals to start with to build a genetically viable population. I think you can do the math. But... we are going to have a try to at least get a genetic blueprint of one individual.
It will be possible. Even the neanderthal genome is build on assumptions on a lot of loci on the genome. If you manage to build an embryo from that, it will not be a viable embryo."


Was Klon-Ure angeht, so müssen wir uns also noch sehr gedulden. Aber stelle dir vor, wenn man erst einmal geklonte Auerochsen hat und diese für TaurOs Project verwendet und in die dem Ur ohnehin schon sehr nahe sein werdenden TaurOs-Ochsen einfließen lässt - der Erfolg wäre enorm.


Wie gesagt, ein weiterer längerer Beitrag kommt demnächst ;).

Von der Verwendung oder Einkreuzung anderer Wildrindarten halte ich überhaupt nichts. Erstens, weil es gar nicht notwendig ist, zweitens weil die sich in vielen Punkten unterscheiden. Nicht nur phänotypisch, sondern auch ökologisch. So ist der europäische Auerochse jene Bos Bos-Linie Form, welche am besten mit kälteren Klimaten zurecht kommt, alle anderen Arten sind auf tropisch/subtropische Zonen ausgelegt und bilden nicht einmal Winterfell aus. Teilweise war der Ur mit diesen in Asien sympatrisch, was zeigt, dass sie sich ökologisch unterscheiden müssen.
Den asiatischen Auerochsen habe ich vor in meinem nächsten langen Beitrag morgen oder übermorgen zu behandeln.

Im Übrigen müssten Koupreys, sofern überhaupt noch welche existieren, erst einmal wiederentdeckt und vermehrt werden, bis ihr Bestand dermaßen solide ist, dass man über experimentelle Kreuzung überhaupt nachdenken könnte ;).

LG
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon freigeist » 02.11.2011 10:19

Allosaurus hat geschrieben:
Von der Verwendung oder Einkreuzung anderer Wildrindarten halte ich überhaupt nichts. Erstens, weil es gar nicht notwendig ist, zweitens weil die sich in vielen Punkten unterscheiden. Nicht nur phänotypisch, sondern auch ökologisch. So ist der europäische Auerochse jene Bos Bos-Linie Form, welche am besten mit kälteren Klimaten zurecht kommt, alle anderen Arten sind auf tropisch/subtropische Zonen ausgelegt und bilden nicht einmal Winterfell aus. Teilweise war der Ur mit diesen in Asien sympatrisch, was zeigt, dass sie sich ökologisch unterscheiden müssen.
Den asiatischen Auerochsen habe ich vor in meinem nächsten langen Beitrag morgen oder übermorgen zu behandeln.

Im Übrigen müssten Koupreys, sofern überhaupt noch welche existieren, erst einmal wiederentdeckt und vermehrt werden, bis ihr Bestand dermaßen solide ist, dass man über experimentelle Kreuzung überhaupt nachdenken könnte ;).

LG


Hallo, das verbreitungsgebiet des auerochsen reicht bis nach asien also indien. Es ist natürlich möglich dass sich einstige vorkommen in indien via knochenfunde beweisen lassen, aber es wäre doch auch möglich das es nur anekdotische "beweise" sind die einfach von buch zu buch als common knowledge ohne prüfung übernommen wurden, und eigendlich auf verwechslungen mit Oben genannten Wildrindern zurückzuführen sind. Ohne jetzt eine Zitierfähige Quelle parat zu haben meine ich mit erinnern zu können das eine sehr enge genetische verwandschaft zwischen besagten rindern und dem Auerochsen nachweisbar ist, die übereinstimmung größer als bei vielen europäischen Rinderrassen bei denen auch u.a. zebu einkreuzungen nachgewiesen sein sollen. In hinblick auf das Klima hätte ich spekuliert das heir innerhalb weniger generationen ein quasi "winterfell" ausgebildet würde. Darüber hinaus lassen sich besonders für nordindische gebirgsregionen wo z.b. gaure leben ahnliche isotermen(also temperatur mittelwerte) festsellen, darum wären diese auch hier durchaus überlebensfähig. Problematisch für deutschland ist ja immer nur die zum teil höhere luftfechtigkeit im winter, also zumindest hört man das immer über Zoo-Elefanten.
Vielleicht gibt es in abgelegenden gebirgsregionen indiens ja auch reliktvorkommen des Auerochsen :wink: wie bei der Bengaltiger population in Nepal die erst dieses Jahr entdeckt wurde und auch nur durch gezielte nachsuchte.
bin mal auf deinen Beitrag gespannt...
lg
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 02.11.2011 10:30

Das Verbreitungsgebiet des Auerochsen, so wie es rekonstruiert wurde, fußt auf Knochenfunden, nicht auf anekdotische Hinweise. Dieses reichte im Übrigen nicht nur bis nach Indien, sondern unter Meidung eines großen Teil Chinas bis zur Ostküste des asiatischen Kontinents. Die Subspezies B. p. namadicus war jedoch nur auf Indien zu finden.

Du hast recht, dass besagte Rinderarten eng mit dem Auerochsen verwandt sind. Dass sie näher verwandt sind als manche Rinderrassen stimmt allerdings nicht, da alle taurinen und zebuinen Rinderrassen zur Art des Auerochsen gehören. Ja, vielleicht hat ein Kouprey mit dem Ur oberflächlich mehr phänotypische Ähnlichkeit als es ein Fleckvieh oder Niata hat, aber das heisst absolut nichts. Zumal es, wie bereits ausgeführt, eine Vielzahl an dem Auerochsen sehr nahe stehenden Rinderrassen noch gibt.

Selbst wenn sich wie auch immer veränderte andere Wildrindarten als in Europa überlebensfähig eignen würden, wäre es trotzdem noch abwegig, so etwas durchzuführen, da mit wesentlich weniger Aufwand ein viel besser geeignetes Resultat puncto Auerochse erzielt werden kann welches dann auch so genuin wie möglich ist.

Die Chance, dass noch indische Auerochsen lebendig und reinrassig gefunden werden können, halte ich leider für sehr klein. Interessanterweise wurde früher vereinzelt vom Kouprey angenommen, es handle sich um überlebende Ure.

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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 02.11.2011 14:56

4. Die Genetik der Fellfarbe des Rindes

Das Rindergenom ist leider bei Weitem noch nicht so weitreichend entschlüsselt wie das des Menschen, aber ausreichend, um einiges darüber aussagen zu können, welche Gene bei der Fellfarbe eine Rolle spielen.
Die Wildfarbe, die dies Auerochsen, ist im wesentlichen durch das E+-Gen bestimmt. Dieses muss doppelt vorhanden sein (E+ E+), also von beiden Elterntieren vererbt, um Bullen, welche sich nach einigen Monaten schwarz färben und Kühe, welche rotbraun bleiben, zu erzeugen. Dieses Gen ist bei etlichen Rinderrassen noch zu finden.
Im Laufe der Domestikation kam es zu einigen Mutationen des Wildfarben-Gens, etwa Ed, welches die tiefschwarze Farbe von Angus oder Galloways verursacht. Das e-Gen wiederum bewirkt eine rötliche Farbe und ist etwa beim Simmenthaler zu finden.
Weiters gibt es Gene, welche die Menge an roten und schwarzen Pigmenten im Fell bestimmen; bei einigen Hausrassen, wie dem Englischen Parkrind, Chianina und einigen Zebus sind diese abwesend.
Das Wildtyp-Gen S+ bewirkt eine Verteilung der Wildfarbe über den ganzen Körper, Mutationen dieses Gens äußern sich im gescheckten Muster vieler Rassen.
Welche Gene die Ausbildung eines Aalstrichs und des weißen Mauls bewirken, ist nicht gänzlich klar. Weiße Mäuler finden sich im übrigen auch teilweise bei Bantengs, was uns verrät, dass das weiße Maul kein Merkmal des Auerochsen, sondern vom gemeinsamen Vorfahren des Bos Bos-Linie Vorfahren vererbt ist. Ist jedenfalls das e-Gen doppelt vorhanden (ee), und E+ abwesend, so zeigen die Weibchen ebenfalls Aalstriche und eine schwärzliche Fellfarbe. Welches Gen die blonde Färbung der Stirnlocken verursacht, muss gezeigt werden, sowie ob dieses beim Auerochsen vorkam. Auch welches Gen den hell gefärbten Sattel verursacht, da diese wahrscheinliche Mutation bei sehr vielen Primitivrassen vorkommt.
Zebus verfügen über das Zebu-tipping-Gen, welches weiße Flächen an den Beininnenseiten und der Körperunterseite verursacht.

Was verrät uns also die Fellfarben-Genetik über die Rückzüchtung des Auerochsen? Eine Menge. Zum Beispiel, dass das e-Gen und dessen doppelte Ausprägung welche den farblichen Geschlechtsdimorphismus aufhebt, beim Heckrind vorhanden ist. Sowie, dass die S-Mutationen, welche ein geflecktes Muster verursachen, beim Heckrind ebenfalls vorhanden sind. Auch ist die Mutation, welche für den hellen Sattel verantwortlich ist, vertreten. Und man hat offensichtlich nichts daraus gelernt, denn durch die Chianina-Einkreuzung ist man gerade dabei, die Gene für das Fehlen bestimmter Pigmente in das Heckrind hineinzubringen. Selbiges gilt auch für die Gene für die Ausprägung anderer phänotypischer Merkmale. Dies demonstriert sehr gut, warum die Heck-/Taurusrind-Versuche Mangels wissenschaftlicher Vorbereitung meiner Meinung zum Scheitern verurteilt sind. Daher ist meiner Meinung die Beendigung dieser Versuche im Interesse der Auerochsen-Rückzüchtung.

Die Wildtyp-Gene sind bei den ->geeigneten Primitivrassen vorhanden, dafür die Mutationen weitgehend abwesend, und richtige Kreuzungszucht kann diese zusammenfügen. Dies wird vom TaurOs Project gerade unternommen.


5. Das spanische Kampfrind

Es haben einige Kampfrinder einen geradezu exzellenten Phänotyp, welcher sich nur in den Proportionen, der Horngröße (Krümmung passt oft) und hinsichtlich Aalstrich und weißem Maul (welche durchaus auch vorhanden sein können), von dem des Auerochsen unterscheidet. Auch haben einige einen Schädel, der mit dem des Auerochsen beinahe identisch ist, wieder von der Horngröße abgesehen.

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Warum wird das spanische Kampfrind dennoch nicht von TaurOs Project verwendet? Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Zum einen hat das Kampfrind einen kleinen Genpool mit viel Inzucht. Zum anderen ist es zu klein, es wurde für die Arena-Kämpfe eigens kleiner gezüchtet, auf eine Schulterhöhe von nur etwa 140 cm und ein Gewicht von nur 400 kg. Das größte Problem ist jedoch die erhöhte Aggressivität. Diese unterscheidet sich zwar von Farm zu Farm, ist aber dennoch wesentlich höher als bei anderen Rinderrassen. Kampflüsternheit ist eine Eigenschaft, welches ein auf einem stark zivilisiertem Kontinent wieder anzusiedelndes Tier auf keinen Fall aufweisen sollte. Des weiteren ist hohe Aggressivität keine generelle Verhaltensweise des Auerochsen; dieser konnte zwar sehr aggressiv und gefährlich werden, wenn man ihn reizte oder jagte, aber an sich war er generell wahrscheinlich ein dem Menschen gegenüber vergleichsweise friedfertiges Tier, wäre es doch ansonsten für die Domestikation untauglich gewesen (siehe Frisch 2010).
Deshalb wird das Kampfrind nicht verwendet, was nicht weiter schlimm ist, da man die notwendigen Gene von den anderen Rassen ebenso bekommt.

Im Übrigen sind Kampfrinder mit einem Phänotyp wie der Obige relativ selten geworden. Zunehmend werden Milchrassen eingekreuzt um die Wirtschaftlichkeit der Rasse zu erhöhen, was viele Auerochsenmerkmale eliminiert.


6. Der Indische Ur und der Afrikanische Ur

Vielfach wird mit „dem Auerochsen“ lediglich die eurasische Subspezies, Bos primigenius primigenius, bezeichnet, da treten die weniger gut dokumentierten (da früher ausgerotteten) anderen beiden Subspezies in den Hintergrund.

Bos primigenius namadicus, der Indische Auerochse, war die erste Unterart welche im Fossilbericht auftaucht (~ 2 mya) und ist vermutlich Vorfahr der weiteren Auerochsenpopulationen. Über diesen Auerochsen liegen keine zeitgenössischen Berichte vor, verschwand der doch wahrscheinlich bereits vor 9.000 Jahren aufgrund Bejagung und Verdrängung durch die Haltung des aus ihm domestizierten Zebus. Dennoch kann man sich ein Bild vom äußeren des indischen Urs machen, da Skelettfunde zeigen, dass dieser zwar kleiner allerdings mit relativ gesehen größeren Hörnern ausgestattet war.

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Genetische Untersuchungen könnten zeigen, ob das Zebu-tipping-Gen auch bei der Wildform vorhanden war, dann können wir annehmen, dass beim indischen Auerochsen weiße Beininnenseiten und Bauchunterseiten vorhanden waren. Ansonsten dürfte der indische Auerochse von der Färbung her kaum anders als der europäische gewesen sein, wie Bilder primitiver Zwergzebus zeigen. Allerdings dürften wohl die Stirnlocken beim indischen Ur noch kaum vorhanden gewesen sein.

Bild
Bild

Primitive Zebus wie diese lassen natürlich Hoffnung aufkeimen, dass der indische Auerochse ebenfalls rückgezüchtet werden kann. Es gibt momentan keine Bestrebungen für ein solches Projekt. Ich denke es wäre möglich, erfordert jedoch wissenschaftliche Vorbereitung im selben Maße: Welche Rassen sind am geeignetsten, welches sind die Wildtyp-Gene, ist die Verwendung der einen oder anderen taurinen Rasse sinnvoll etc.

Der Nordafrikanische Auerochse, Bos primigenius africanus (= B. p. mauretanicus), unterscheidet sich morphologisch kaum vom eurasischen Auerochsen und stammt wahrscheinlich von diesem ab, daher steht diese Subspezies vielleicht nur auf rein geographischer Basis. Die Auerochsenpopulationen verschwanden in Nordafrika im Laufe der Antike. Es gibt ägyptische Grabmalereien, welche nahelegen könnten, dass diese bei beiden Geschlechtern rotbraun gefärbt und mit einem weißen Sattel versehen waren – allerdings suggeriert die dargestellte Hornform, dass es sich um Hausrinder handelt. Erneut, genetische Untersuchungen sind von Nöten um diese farbliche Frage zu klären. Es besteht die Möglichkeit, dass afrikanische Auerochsen lokal domestiziert wurden, da in nordafrikanischen Rassen die T1-Haplogruppe stark verbreitet ist, außerhalb jedoch einen geringeren Anteil aufweist. Dies kann auch durch Demographie erklärbar sein*.
Sollte sich der afrikanische Auerochse tatsächlich nicht wesentlich von der eurasischen Subspezies unterscheiden, so kann über eine Auswilderung der TaurOs-Ochsen auch in Nordafrika nachgedacht werden. Aber wieder, es gibt derzeit noch keine Bestrebungen, diese auch außerhalb Europas anzusiedeln.
Den nordafrikanischen Raum, die Schnittstelle der eurasischen und afrikanischen Fauna, zu „rewilden“ bietet sich überhaupt an, mit Wölfen, Braunbären, rückzuzüchtenden Berberlöwen, etc.

* The origin of European cattle: Evidence from modern and ancient DNA; Beja-Pereira et al. 2006


7. Lasst die Hausrinder auf der Koppel!

Mit dieser Überschrift möchte ich etwas wichtiges verdeutlichen. Heck-/Taurusrinder werden in den letzten Jahrzehnten mit zunehmender Häufigkeit in Landschaftspflege- und Naturschutzprojekten, Nationalparks (Unteres Odertal, Bayrischer Wald, Hortobagy) eingesetzt.
Warum diese kein Beitrag zur Restauration des Wildrindes sind, habe ich bereits ausgeführt. Dies ist an sich noch nicht schlimm, solange sie in Privatbetrieben und Tiergärten bleiben. Wenn sie jedoch in Renaturierungsprojekten verwendet werden, so ergibt sich das Problem, dass damit ein geeigneter Platz für eine gelungene Rückzüchtung abhanden kommt. Weitaus problematischer wird es, wenn diese Hausrinder tatsächlich wild angesiedelt werden, wie es in Oostvaardersplassen der Fall ist. Dort leben bereits um die 600 Heckrinder, wenn das Gebiet für Wildkorridore geöffnet wird, haben diese jeder Zeit die Möglichkeit, sich mit den mühsam und wissenschaftlich gezüchteten TaurOs-Ochsen zu vermehren und die Arbeit zu Nichte zu machen. Das wäre desaströs. Die 1000 Konikpferde, deren Genuinität hinsichtlich des Tarpans anzuzweifeln ist, sind ebenso eine Gefahr für die Restauration des Wildpferdes. Alle diese Tiere zu Keulen wäre absolut unethisch und wahrscheinlich auch nicht umsetzbar. Ich bin deshalb der Meinung, dass Oostvaardersplassen ein nettes Pilotprojekt ist, und uns noch einiges über den Einfluss der Megaherbivoren auf die Landschaftsentwicklung verraten kann, aber ich hoffe zutiefst, dass das Gebiet geschlossen bleibt.

Ich plädiere daher ausdrücklich dafür, die Verwendung der Heck-/Taurusrinder in Naturentwicklungs- und Landschaftspflegeprojekten zumindest nicht weiter auszudehnen, und auf besser geeignete Zuchtresultate zu warten und diese dann eventuell mit jenen zu ersetzen. Natürlich unter der Annahme, dass die Restauration des Auerochsen im Interesse dieser Projekte liegt.
Auch ist schwer zu hoffen und zu beten, dass keine der Rewilding-Organisationen das Heckrind oder andere Hausrinder verwendet.


8. Der Begriff der Rückzüchtung

Es ist sicherlich aufgefallen, dass ich diesen Begriff nun mehrmals ohne Scheu verwendet habe. Oftmals wird der Eindruck vermittelt, akkurat durchgeführte Rückzüchtung führe zum tatsächlichen, ausgestorbenen und nun wiederbelebten Tier. Dieser Gedanke ist zu verwerfen, alleine deshalb, weil selbst bei bester Umsetzung im falle länger ausgestorbener Tiere die Wahrscheinlichkeit besteht, dass manche Aspekte – sei es nun genotypisch, phänotypisch, ökologisch, ethologisch – des Wildtieres nicht erreicht werden, vielleicht weil manche einfach nicht bekannt sind.

Ich verstehe Rückzüchtung als Annäherung; Man kann das zu erreichende Tier asymptotisch noch so nahe erreichen, man wird aber niemals echte Gewissheit haben, dass es nun zu vollen 100 Prozent erreicht ist. Man sollte daher stets nur von einem Rückzüchtungs-Versuch sprechen, und nicht etwa z.B. diese oder jene Rinder von vornherein als „rückgezüchtete Auerochsen“ bezeichnen, weil dies einen völlig falschen Eindruck vermitteln kann.
Auch ist es meiner Meinung erst dann eine Rückzüchtung, wenn der genetische Aspekt abgedeckt ist, da dieser ohne Zweifel der wichtigste ist. Wenn, unter idealisierten Umständen, sämtliche primitive Allele vereinigt und mutierte wegselektiert sind, dann ist die Rückzüchtung nicht weniger effizient als Klonen, wobei die Rückzüchtung noch den Vorteil besitzt, dass die Schaffung einer Population und nicht nur eines Einzelindividuums möglich ist.
Wie gesagt, ich finde es legitim, den Begriff Rückzüchtung zu verwenden, jedoch sollte vom Resultat stets nur als Versuch gesprochen werden. Die Züchtung der Heck-Brüder würde ich als unwissenschaftlichen Rückzüchtungsversuch mit einer mehr oder weniger unzureichenden Abbildzüchtung als Resultat bezeichnen.
Abbildzüchtung wird vor allem auf Wikipedia als „korrekte Bezeichnung“ für Rückzüchtung verwendet, aber ich finde das so nicht richtig. Eine Abbildzüchtung impliziert, dass die Ähnlichkeiten rein oberflächlich sind, somit ist es per definitionem etwas anderes als Rückzüchtung. Ich bezeichne das Resultat des Heck-/Taurusrinds allerdings als Abbildzüchtung, da wie im Genetik-Abschnitt ausgeführt, die eventuellen Ähnlichkeiten mit der Stammform rein oberflächlich sind. Ein Musterbeispiel für die Oberflächlichkeit der Abbildzüchtung ist das, was einem neuerdings als "Quagga" präsentiert wird:

Bild

Simple Selektivzucht mit „normalen“ Steppenzebras, welche niemals Quaggas in ihrem Stammbaum hatten und daher auch keine Allele oder Gene dieses in sich tragen. Da ändert der Umstand, dass Quaggas lediglich den Rang einer varianten Population haben, absolut nichts, denn das bedeutet noch lange nicht, dass die Gene dieser besonderen südlichsten Population über die restlichen des Steppenzebras verteilt sein würden. Es handelt sich lediglich um Zucht auf Streifenreduktion, das Resultat hat nichts mit dem Quagga zu tun.

Ein recht erfolgreicher Rückzüchtungsversuch existiert bereits, nämlich eine Schweinerasse, welche genetisch nun beinahe völlig mit der ausgestorbenen Rasse überein stimmt. Ich weiß leider nicht mehr, welche Rasse es genau war, ich denke es ist das Hannover-Braunschweigische Landschwein, aber ich bitte um Korrektur. Sollte es dem TaurOs Project gelingen, seine Zucht im selben Maße genetisch in die Schwankungsbreite des Auerochsen zu führen und dabei darauf zu achten, dass die phänotypischen Merkmale alle homozygot vorhanden sind, so ist es meiner Meinung ein ebenfalls so gut wie gelungener Versuch – die Restwahrscheinlichkeit unerreichter Merkmale besteht allerdings weiterhin weshalb von einem echten Auerochsen zu sprechen ungenau ist.

Die Methode der Rückzüchtung ist natürlich auch auf andere Spezies als den Auerochsen anwendbar; und nicht nur auf jene, welche nur noch in domestizierter Form vorliegen, sondern auch die, welche unter anthropogen verursachter Vermischung gelitten haben. Ein Beispiel hierfür ist der Berberlöwe, dessen Erbmaterial unter Zootieren ebenfalls versuchsweise in einer neuen Linie wieder zusammenzuführen sein kann. Rückzüchtung aus vermischten Exemplaren und besonderes Augenmerk auf noch vorhandene reinrassige Tiere zu legen, täte auch den europäischen Wildkatzen und dem amerikanischen Bison gut, dessen gobale Population bereits zu 95 % von Hausrindern kontaminiert ist, was sich mehr oder minder schwer auf den Phänotyp auswirkt. Laut EuroWildlife ist auch die Rückzüchtung des kaukasischen Wisents aus der Flachland-Kaukasus-Linie geplant – hier habe ich allerdings Skepsis, ob das so glücken kann, geht diese Linie doch nur auf einen einzigen Kaukasus-Stier zurück.
Zuletzt geändert von Allosaurus am 03.02.2013 16:38, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Ahuizotl » 04.11.2011 11:50

Hallo,

der Artikel ist sehr interessant und Du scheinst Dich gut auszukennen. Was sich mir noch nicht so ganz erschließt, wieso man aus Hausrindern und Wildrindern den Auerochsen zurückzüchten will? Wie Du selber schriebst, ist es eigentlich unmöglich genau den Ur aus vergangenen Tagen zu erschaffen und zudem ist in Europa meiner Meinung nach kaum Platz für solch opulente Tiere (Wisente, Bären und Wölfe sind auch nicht gerade beliebte Nachbarn, wie sich immer wieder zeigt). Und andere robuste Rinder für die meisten Lebensräume gibt es ja wohl zuhauf.

Ich war im Übrigen diesen Sommer am Lac de Temple nahe Troyes in Frankreich, wo es einen Wildpark gab, in dem es eine Herde Ur-Rückzüchtungen, Tarpans, Elche, Wölfe, etc. gab...die Schulterhöhe der Tiere war zwar noch sehr gering, aber von der Färbung und den Hörnern sahen die Tiere schon recht prächtig aus. Das Gemüt der Tiere ließ aber noch zu sehr auf Hausrind schließen...sehr träge und zahm ;-)

Worauf meine Frage aber eigentlich abzielt: Wohin mit den rückgezüchteten Tieren? In Wildparks sperren? Na danke. Machen die Tiere landwirtschaftlich Sinn? Oder ist es ein weiteres Hobby gelangweilter Züchter?

P.S.: sollte sich meine Frage schon aus den voherigen Texten beantworten, bitte ich um Entschuldigung und werde nochmals genauer lesen...
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 04.11.2011 12:09

Hallo,

danke für die Antwort, denn du zeigst einen wichtigen Punkt auf - vielen mag sich vielleicht nicht erschließen, warum man aus primitiven Hausrinderrassen eine starke Annäherung an die Wildform züchten will.

Mit der Ausrottung des Auerochsen ging nicht nur ein prächtiges Tier, sondern auch eine wesentliche Komponente im Ökosystem des nacheiszeitlichen Europa verloren. Es ist im Interesse der Naturerhaltung und -wiederherstellung, zu versuchen, diese Komponente wieder einzubringen. Bezweifelt man dies, so bezweifelt man die Sinnhaftigkeit der Wiedereinführung jeder verdrängten Spezies, und kann Wisente, Przewalski-Pferde etc. gleich in den Tiergärten lassen. Wie bereits ausgeführt, ist es mit unseren Mitteln definitiv möglich, ein dem Auerochsen in jeder Hinsicht so weit wie möglich entsprechendes Tier zu züchten, da wir heute sehr viel mehr über den Auerochsen, primitive Hausrinder, deren Genetik und Zuchtmethodik wissen, als ihrer Zeit die Hecks. Und das TaurOs Project macht im Moment genau dies. Warum man nicht einfach nur ausreichend geeignete Rinderrassen, welche bereits existieren, verwendet habe ich im ersten Beitrag bereits ausgeführt (Punkt 2, letzter Absatz vor "Fazit").

Interessant ist dieser Wildpark den du erwähnst sicherlich, vorallem da auch Wildtiere darin vorkommen. Aber es mögen Heckrinder in manchen Punkten den Ur noch so gut erreichen, warum diese und ihre "Aufbesserung" kein konstruktiver Beitrag zur Restauration des Auers sind, habe ich bereits ausführlich ausgeführt. Das verbreiten dieser Information und damit Zurückdrängen der Heckrinder ist meiner Meinung im Interesse der Auerochsen-Rückzüchtung.

Selbiges gilt übrigens für die Koniks bzw. Heckpferde, die ebenfalls gerne als "Tarpane" aufgetischt werden, jedoch nach moderner Information nicht viel mit dem Tarpan zu tun haben scheinen.

Platz für die dem Auerochsen entsprechenden Rinder wieder eingeführt zu werden, gibt es in Europa laut Walter Frisch "unbegrenzt" und auch laut TaurOs Project muss man sich keine Sorgen machen, dass nicht genügend Platz vorhanden wäre. Das European Rewilding Program kauft momentan 1 Million Hektar europaweit zusammen und hat sich die Wiedereinführung der Wildtiere inklusive dem TaurOs-Ochsen zur Aufgabe gemacht. Vorallem in Osteuropa und Iberien gibt es großes Potential für diese Renaturierung, und von den Industriestaaten hat Österreich teilweise die besten Vorraussetzungen aufgrund seiner ausgedehnten Naturlandschaften.


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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 04.11.2011 14:25

Nun kommt ein weiterer Punkt hinzu:

9. Orte der Domestikation und Vermischung

Da der Auerochse nach heutigem Wissen wie ein Großteil der anderen in Europa verwendeten Nutztiere nicht in situ, sondern im Nahen Osten domestiziert wurde, würde, so könnte man annehmen, die gezielte Rückzüchtung auch zu einem nahöstlichen Auerochsen führen. Allerdings ist die Domestikationsgeschichte des Auerochsen, so wie die der anderen Nutz- und Haustiere, um einiges komplexer als man früher gerne gehabt hätte. Lokale Domestikation und Vermischung spielen eine Rolle.

Zuvor verwendete man genetische Information britischer Auerochsen alleine, um auf dieser Basis die Vermischung des europäischen Auerochsen mit nahöstlichen Hausrindern in Europa auszuschließen. Es ist jedoch zweifelhaft, dass britische Ure alleine repräsentativ für den Genpool des europäischen Auerochsen sind, da diese Inselpopulation seit Jahrtausenden vom Festland abgeschnitten war. Im übrigen wurden Übereinstimmungen des britischen Auerochsen in manchen Punkten mit einem spanischen Exemplar festgestellt.
Die nahöstlichen Rinderrassen weisen die Haplogruppen T, T1, T2 und T3 auf. Die T3-Haplogruppe ist in den Zentral- und westeuropäischen Rassen am häufigsten vertreten. T1 ist sehr häufig in nordafrikanischen Rassen zu finden, die anderen sind jedoch abwesend, daher ist eine lokale Domestikation des afrikanischen Auerochsen möglich. Es könnte sich jedoch auch nur um eine demographische Entwicklung handeln. Einige iberische und italienische Rassen weisen ebenfalls einen mehr oder minder hohen Anteil an T1 auf, was Transport der Hausrinder mittels Schiffen über das Mittelmehr nahelegt. Von der Rasse Pajuna wird mitunter angenommen, sie stamme überhaupt vom afrikanischen Auerochsen ab – das müsste genetisch zu prüfen sein. Es gibt ebenfalls Hinweise, dass einige der sehr primitiven iberischen und italienischen Rassen tatsächlich lokal und wesentlich später domestiziert wurden.

Dass es Vermischung zwischen Hausrindern und europäischen Auerochsen in einem Ausmaß gegeben hat, welche Spuren im Genotyp vor allem iberischer Rassen hinterlassen hat, wurde in Achilli et al. 2009 erstmals eindeutig nachgewiesen. Eine neu entdeckte mitochondriale Haplogruppe, R, stammt wahrscheinlich von weiblichen europäischen Uren. Paternale Spuren sind in der mDNA naturgemäß sehr wahrscheinlich nicht zu finden, weil mDNA nur sehr selten, wenn überhaupt, paternal vererbt wird.

Es gab also Vermischung, wie hat diese stattgefunden? Dies ist schwer zu sagen, da wir nicht wissen, wie die Züchter dem lokalen Auerochsen-Einfluss gegenüber standen. Cis van Vuure ist der Überzeugung, dass neolithische Bauern eher versuchten, Vermischung zu verhindern, da damit die mühsam angezüchtete Produktivität vermindert wird. Es ist allerdings möglich, dass für bestimmte Zwecke wilder lokaler Einfluss nicht unpraktisch war. So zeigen schottische Hochlandrinder überraschend hohe Übereinstimmung mit britischen Auerochsen, was nahelegen könnte, dass es entweder zu unkontrollierter Vermischung oder vielleicht gezielter Einkreuzung der Wildrinder kam, damit die aus dem Nahen Osten stammenden Tiere im rauen britischen Klima besser zurecht kommen.
Für Auerochsen-Einfluss auf Hausrinder müsste entweder eine Wildkuh in die Herde aufgenommen worden sein, oder ein Wildstier eine Hauskuh befruchtet haben. Letzteres kam ihm Forst von Jaktorow, in welchem die allerletzten Auerochsen von Wildhütern betreut wurden, des Öfteren vor. Jene Bullen, welche Hausrinder geschwängert hatten, wurden erschossen, um den Bauer zu entschädigen – keine kluge Strategie, eine kritisch bedrohte Tierart zu retten, das Resultat kennen wir. Schneeberger (in Geßner 1602), welcher eine der besten zeitgenössischen Beschreibungen über den Auerochsen lieferte, schreibt höchst kurioserweise, dass die Mischlingskälber nicht lebensfähig gewesen wären. Hier muss ihm ohne Frage Falschinformation zu Grunde liegen, da sogar Hausrind x Bison-Hybride lebensfähig und teilweise fertil sind.
Aber Vermischung kann auch in die andere Richtung, von Hausrindern in die Auerochsenpopulationen, gegangen sein. Hierzu müssten entweder Hausstiere Wildkühe befruchtet haben (diese setzten sich der Gefahr aus, von einem Auerochsen-Stier niedergetrampelt oder gar getötet zu werden), oder entflohene Hauskühe sich wilden Herden angeschlossen haben. Mir ist keine Studie welche nach Hausrindergenen bei Uren sucht bekannt, ausgeschlossen werden kann aber Vermischung in diese Richtung sicherlich nicht.

Eine Post-Domestikation-Vermischung der beiden wirklich distinkten Subspezies, B. p. primigenius und B. p. namadicus, fand mitunter statt – sprich, man hat zebuine und taurine Rinderrassen mancherorts gekreuzt. Natürlich sollte bei der Rückzüchtung darauf geachtet werden, die beiden Unterarten so weit wie möglich separat zu halten. Vor allem in der Kolonialzeit wurden Zebus gerne nach Europa gebracht und mit taurinen Rinder teilweise vermischt, doch diese Versuche wurden bald wieder verworfen, da Zebus weniger produktiv sind als viele taurine Rassen. Daher fand der Genfluss eher in die andere Richtung statt, man hat Zebus mit taurinen Rassen „verbessert“, und der zebuine Einfluss in europäischen Primitivrassen dürfte gleich Null sein.

Für die Rückzüchtung des Auerochsen verrät uns das alles, dass Gene des Auerochsen aus verschiedenen Regionen in den Primitivrassen vorhanden sind, und ich halte das für positiv. Hauptsächlich ist Ur-Material aus dem Nahen Osten und Iberien vorhanden, und durch die Hochlandrinder dürfte britische Erbinformation einfließen. Alle diese Populationen gehören der eurasischen Unterart primigenius an. Möglicherweise ist auch nordafrikanisches Erbgut vorhanden, doch es ist, wie bereits zuvor ausgeführt, fraglich ob sich die dortigen Populationen überhaupt von denen in Europa unterschieden.


Quellen u. a.:

• Achilli et al. 2009; The multifaceted origin of taurine cattle reflected by mitochondrial genome
• Beja-Pereira et al. 2006; The origin of European cattle: Evidence from modern and ancient DNA
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Ahuizotl » 04.11.2011 14:52

Ok,

dass erklärt den Zweck hinter dem Zuchtprojekt. Danke für die schnelle Antwort.
Weiß man denn etwas über den "Charakter" der Tiere? Ich stelle mir vor ich treffe in einem Nationalpark, sagen wir mal in Spanien auf einen fast echten Auerochsen...ist er nicht relativ gefährlich? Ich denke hierbei an Wasserbüffel und einem ausgewachsenen Wisent möchte ich im Białowieża-Nationalpark auch nicht unvorbereitet begegnen.
Meiner Meinung nach werden am Ende die zukünftigen Reservate nur einen kleinen Teil des ursprünglichen Lebensraumes der Tiere ausmachen und das Projekt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Also im Endeffekt auf einen stark kontrollierten Lebensraum hinauslaufen, der nur dem dortigen Ökusystem helfen wird, sich der ursprünglichen Fauna wieder anzunähern.

Dies soll wiederum nicht bedeuten, dass ich Gegner des Projekts bin. Finde es im Gegenteil sehr interessant (ähnlich der theoretischen Möglichkeit in ferner Zukunft mal einen Mammut über die sibirische Taiga stapfen zu sehen), aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Menschen nun 7 Milliarden zählen und der Platz immer kanpper wird, bin ich mir nicht sicher, ob es jemals gelingen wird, den rückgezüchteten Tieren einen offenen Lebensraum zu gewähren. Aber das muss man wohl sehen...

Grüße

P.S.: ich muss dazu sagen, dass in dem angesprochenen Reservat (auf der Presqu'île de Luxembourg-Piney) nur tadschikische (oder waren es usbekische?) Steppentarpane zusammen mit Auerochsen gehalten wurden. Elche, Wildschweine, etc. lebten in saparaten Gehegen.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 04.11.2011 15:17

Ja, über das Verhalten des Auerochsen dem Menschen gegenüber ist natürlich auch einiges bekannt, habe ich auch bereits im 5. Punkt geschrieben:

Des weiteren ist hohe Aggressivität keine generelle Verhaltensweise des Auerochsen; dieser konnte zwar sehr aggressiv und gefährlich werden, wenn man ihn reizte oder jagte, aber an sich war er generell wahrscheinlich ein dem Menschen gegenüber vergleichsweise friedfertiges Tier, wäre es doch ansonsten für die Domestikation untauglich gewesen (siehe Frisch 2010).


Auerochsen nahmen von sich nähernden Menschen kaum Notiz, ließen sich nicht einmal durch lautes Geschrei verschrecken oder reizen (siehe Schneeberger). In der Paarungszeit würde ich mich aber dennoch einem Bullen nicht zu nahe nähern. Caesar schreibt in De Bello Gallico "Sie schonen weder Menschen noch Tiere, die sie zu Gesicht bekommen", er hatte allerdings vermutlich keine lebenden Auerochsen gesehen sondern kannte sie aus anekdotischen Erzählungen - wenn diese von Jagden stammen, wovon auszugehen ist, bestätigt dies was Meinung über das Verhalten des Urs ist. Wisente sind im Übrigen ebenfalls eher scheu und überhaupt nicht aggressiv gegenüber Menschen, im Normalfall. Sollte man einmal welchen wo begegnen, würden sie wohl eher fliehen.

Natürlich ist es heute nicht mehr möglich, eine Megafauna auf der gesamten ehemaligen Fläche anzusiedlen, aber das ist überall der Fall, wo Menschen leben. Der Platz für Auerochsen und anderes Großwild im heutigen Europa und im Kaukasus ist dennoch mehr als ausreichend, so leben etwa bereits jetzt wieder ~1.500 Wisents in freier Wildbahn und künftig werden es noch mehr sein. Ich sehe die Chancen für das europäische Großwild teilweise besser als in manchen anderen Erdteilen, vergiss nicht, dass es hierzulande große Disparität zwischen Ballungszentren und dünn besiedelten Regionen gibt, besonders in Osteuropa und im Kaukasus. Und jede Population welche sich etabliert, ist ein Erfolg. Es sind übrigens auch europaweit vernetzte Wildkorridore geplant, in denen dann das Großwild herumziehen kann - erschreckender Weise ist Oostvaardersplassen daran beteiligt.

ad P.S.:

Hast du etwa eine Zeitreise gemacht, dass du usbekische Steppentarpane und Auerochsen gesehen hast? Lasse dir keinen Bären aufbinden, es waren Heckrinder und wahrscheinlich Konikpferde welche beide so viel mit ihren jeweiligen Wildformen zu tun haben, wie ein Boxer bzw. Schäfer mit einem Wolf.


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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Ahuizotl » 05.11.2011 20:55

Haha...nein, keine Zeitreise. Dass man Auerochsen und Tarpane nicht mehr vorfinden kann (und wird), war mir natürlich klar.
Dass die vermeintlichen Konikpferde aber aus Usbekistan kamen, hatte ich dann wahrscheinlich aus mangelnden Sprachkenntnissen, wohl verwechselt.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 05.11.2011 23:21

Ich war nur sehr perplex und negativ überrascht, dass du, nach dem ich mit meinen insgesamt 14 Word-Seiten langen Beiträgen ausgeführt habe, warum Heckrinder nichts mit dem Auerochsen zu tun haben und die ungerechtfertigte Preisung und Verwendung dieser in Naturschutzprojekten endlich ein Ende haben muss, um geeigneten, dem Auerochsen so nahe wie möglich stehen werdenden, Rückzüchtungen von TaurOs Project Platz zu machen, auf einmal von einem Heckdackel als "Auerochsen" schreibst.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Ahuizotl » 08.11.2011 16:39

Hat zwar nichts mit Auerochsen zu tun, aber vielleicht trotzdem interessant im Bezug auf Pferde der Urzeit...die Konikpferdlein sind meistens einfarbig grau.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natu ... 00,00.html
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 09.11.2011 20:11

Danke für den Beitrag, aber hierfür gibt es einen eigenen Thread: viewtopic.php?f=49&t=2337
Den werde ich demnächst wohl auch mit einigen zusätzlichen Informationen versorgen, welche ich in der Zwischenzeit gewonnen habe.

Im Übrigen muss ich mich vielleicht in einem Punkt revidieren:

Schneeberger (in Geßner 1602), welcher eine der besten zeitgenössischen Beschreibungen über den Auerochsen lieferte, schreibt höchst kurioserweise, dass die Mischlingskälber nicht lebensfähig gewesen wären. Hier muss ihm ohne Frage Falschinformation zu Grunde liegen, da sogar Hausrind x Bison-Hybride lebensfähig und teilweise fertil sind.


Ein Bison-Kenner aus den USA schrieb mir jüngst, dass einige Bison x Hausrind-Hybride nicht lebensfähig sind, weil das Immunsystem der Hausrinder manche Antigene der Bisons nicht toleriert.
Daher könnte es sein, dass dies mitunter auch bei den europäischen Auerochsen der Fall war, da deren sich vom Nahen Osten unterscheidende Umwelt eventuell auch teilweise andere Antigene erfordern hätte können - Domestikation dürfte vielleicht auch einen Verlust mancher verursacht haben. Daher ist es möglich, dass manche Wild-Mischlinge nicht lebensfähig gewesen wären, obwohl genetisch überhaupt kein Hindernis bestand, aber sicher bin ich mir nicht hundertprozentig. Vermischung war aber zweifelsfrei möglich, der mehr oder minder starke Einfluss der lokalen Auerochsen auf europäische Hausrinder ist ja auch recht gut dokumentiert.


LG
Zuletzt geändert von Allosaurus am 06.12.2011 22:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 12.11.2011 17:06

Wow, bereits über 500 Zugriffe, erfreulich ;).

Um das ganze etwas lebendiger zu machen, dachte ich mir ich verlinke hier ein paar Lebendrekonstruktionen zusätzlich zu denen im ersten Beitrag. Die meisten Lebendrekonstruktionen des Auerochsen sind entweder was die Proportionen betrifft ungenau, oder zu schlapp weil zu sehr an Hausrindern orientiert oder von Merkmalen des Heckrinds fehlgeleitet. Hier sind ein paar, welche sehr akkurat sein dürften da an historischen Berichten und sonstiger Information über den Ur auf der Basis von Skelettfunden mit Hilfe anderer Wildrinder und Primitivrassen rekonstruiert.


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Rekonstruktion von Thomas Hammond des Auerochsen-Stier-Skelett in Lund, Schweden.

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Rekonstruktion beider Geschlechter, basierend auf der Cambrigde-Kuh und dem Lund-Stier, von Thomas Hammond.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 26.12.2011 17:23

Es gibt bereits einiges neues zu berichten, darunter auch tolle Neuigkeiten vom TaurOs Project. Diese kommen demnächst.

Heute möchte ich mich aber noch ausgiebig einem Punkt, welcher das Heckrind für die Verwendung im Naturschutz mit authentischer Großtierwelt zum Ziel ungeeignet macht, widmen - nämlich der enormen Heterogenität der Rasse. Heckrinder sind sehr uneinheitlich, in wesentlich höherem Maße als andere Haustierrassen und sehr viel mehr als jedes Wildtier. Nicht nur weisen einige Zuchtlinien mehr, und andere sehr viel weniger Ähnlichkeit mit dem Auerochs auf, auch wird von Seiten der Heckrinderfreunde zugegeben, dass "Rückschläge" "mitunter" auftreten. Nach all meiner Recherche - und ich habe mittlerweile hunderte Bilder und duzende Videos von Heckrindern aus verschiedensten Standorten gesehen - kann ich sicher behaupten, dass diese "Rückschläge" (das heisst, Merkmale, die so weit vom Auerochsen weg sind, dass sie auch am echten Auerochsen uninteressierten Heckrinderzüchtern auffallen) ganz und gar keine Seltenheit sind. Nicht wenige Individuen weisen einen deutlichen Graustich, oder überhaupt eine beige Färbung auf, oftmals sind die Bullen selbst rötlichbraun (oder haben meist zumindest einen derart gefärbten Sattel), oder die Kühe schwarz. Auch sind weiß gescheckte Zeichnungen mitunter vorhanden, welche von der sinnfreien Einkreuzung des Niederungsrindes herrühren (in Hortobagy begeht man diesen Fehler leider gerade ein zweites Mal, dieses Mal mit Holstein-Friesiern). Dies waren fellfarbliche Merkmale, für der Körper- und Hornform ist kaum eine Ausführung notwendig, da diese Merkmale, wie bereits im ersten Post dargelegt, ohnehin beinahe nie wirkliche Ähnlichkeit mit dem Auerochsen aufweisen. Aber noch einmal: Die Proportionen des Heckrindes unterscheiden sich meist kaum von denen anderer Hausrinder, auch wenn einige langbeinig aussehen (was sich übrigens teilweise aus der Haltungsform ergibt und bei anderen Hausrindern auch zu finden ist - das kann jeder, der schon einmal Fleckvieh auf einer Almweide gesehen hat, bestätigen und auch die Hecks schreiben dies selbst in ihren Zuchtbüchern).

Hier nun ein paar Beispiele für die vielen Exemplare, welche "aus der Reihe tanzen":

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Ich glaube, würde man diesen Exemplaren auf einer Weide ohne irgendeinem Hinweis begegnen, würde niemand auf die Idee kommen, sie mit dem Auerochsen zu assoziieren. Solche Tiere sind weiss Gott nicht selten, eine Google-Suche nach "Heckrund Oostvaardersplassen" (auf niederländisch bekommt man logischerweise wesentlich mehr Resultate) illustriert sehr schön, dass in der "Wildnis" niemand diese Tiere an der Fortpflanzung hindert. Dementsprechend wird in den Oostvaardersplassen der Anteil "unerwünschter" Exemplare immer größer, weil die Wildfarbe ist ja nur eine Möglichkeit, wie ein Heckrind aussehen kann, und sich solche Individuen mit auerochsenartigen Tieren vermischen können. Andere phänotypische Aspekte sind kaum einer Erwähnung wert, da sie, wie bereits ausgeführt, beim Heckrind ohnehin fast nie stimmen.

Aber in Oostvaardersplassen entscheidet ja jetzt die Natur, wer überlebt, nicht? Diese Dedomestikation wird das Heckrind ja an den Auerochsen heranführen, nicht? So zumindest von Seiten der Heckrindbefürworter. Erstens sind die Oostvaardersplassen keine Wildnis, sondern eine aufgegebene Kulturlandschaft, deren größtes Raubtier der Rotfuchs ist. Nicht die Natur bestimmt, wer umkommt, sondern aufgrund der hohen Herbivorendichte (1000 Pferde, 500 Rinder) bietet die Landschaft nicht allen genug Nahrung im Winter (es wird nicht zugefüttert), und um unnötiges Leid zu verhindern, werden die schwächsten Rinder und Pferde geschossen oder sie verhungern. Jaja, Bullenkämpfe entscheiden, wer sich fortpflanzt, aber das ist bei Kampfstieren und anderen Primitivrindern seit Jahrhunderten so. Weiters sehe ich keinen Grund, warum farbliche Merkmale wie ein weiß umrandetes Flotzmaul oder ein Aalstrich höhere Fitness für das Rind bedeuten sollen. Es stimmt schon, hoher Raubtierdruck würde die langbeinigeren, kräftigeren, muskulöseren Rinder mit größeren, nach vorne gerichteten Hörnern bevorzugen. Doch um das zu erreichen, muss man die Rinder nicht nur einer erwähnenswerten Zahl von Wölfen, sondern auch Großkatzen aussetzen (der Auerochse entstand durch Selektionsdruck durch überwiegend diese Raubtiere). Nicht nur ist dieses Konzept illusorisch, sondern würde auch einen extrem langen Zeitraum in Anspruch nehmen und die Idee wird schon dadurch ebenso lächerlich, wenn man bedenkt, dass durch wenige Generationen Zucht mit den richtigen Rassen sicherlich sogar bessere Resultate erzielen werden können.

Nun widmen wir uns "Durchschnitts-Heckrindern". Wie bereits ausgeführt, ist von ihrer Färbung abgesehen kaum ein körperliches Merkmal des Heckrinds authentisch. Dies kann man exzessiv im Detail ausführen, doch ich denke, es gestaltet sich einfacher, wenn man zeigt, wie ähnlich die Heckrinder ihren verschiedenen Ursprungsrassen noch sind, welche alle samt wenig phänotypische Ähnlichkeit mit dem Ur haben* und sich voneinander unterscheiden. Ich zeige hier nun Bilder von typischen Heckrindern, bei denen ich so tue, als ob es diese Rasse nicht gäbe und ordne sie existierenden Rassen als Mischlinge zu.

*Ich habe im vorherigen Beitrag zusätzlich noch vom Kampfrind als eine von zwei geeigneten, von den Hecks verwendete, Rasse geschrieben. Doch tatsächlich dürfte es kaum Kampfrind-Einfluss in den heutigen Heckrindern geben, da Heinz Heck (Hellabrunn) diese nicht verwendete, sondern Lutz Heck (Berlin).

"Steppenrinder mit farblichem Einfluss des korsischen Rindes"

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"Korsische Kuh"
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"Hochlandrind mit korsischem Einfluss"
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"Hochlandstier mit Steppenrind- und korsischem Einfluss"
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Aber warum geht es hier nur um den Phänotyp? Sind nicht Merkmale wie Robustheit und Krankheitsresistenz viel wichtiger? Ja, an sich ist das völlig richtig. Es ist allerdings einer der vielen "Heck-Mythen", dass einzig das Heckrind resistent gegen die meisten Hausrinderkrankheiten und Robust genug, um in der Wildnis zu überleben, wäre. Es gibt in der Tat etliche domestizierte Rinder, welche sich in der Natur gut behaupten können. So leben verwilderte Rinder im Donana-Nationalpark oder auf den Orkney-Inseln, es gibt wilde Texas Longhorns, nicht zu vergessen die Chilingham-Rinder - welche seit 700 Jahren mehr oder weniger vom Menschen unberührt leben -, Kampfrinder und einige andere iberische Primitivrassen leben ganzjährig frei, mitunter so gut wie wild, und kommen mit der schlechten Nahrung und den Wetterbedingungen seit Jahrhunderten bestens klar. Weiters werden s. Hochlandrinder, u. Steppenrinder, Galloways und andere in Beweidungsprojekten genauso erfolgreich wie Heckrinder eingesetzt. Es gibt also auch ökologisch keinen Grund, nur auf das Heckrind zu setzen; im Gegenteil - phänotypisch wesentlich besser geeignete Rassen würden mit dem selben Erfolg (oder besserem, wenn man Primitivrassen mit authentischerer Körpergröße, Statur und Hornform bessere Durchsetzungsfähigkeit gegen Raubtiere zumutet) als großer Graser fungieren.


So, dies war wieder ein längerer Beitrag, ich hoffe es liest noch jemand mit . Zu den geeigneten Rassen, von denen ich immer spreche, werde ich in einem eigenen Beitrag noch kommen. Für bessere Lesbarkeit bzw. Sichtbarkeit der wichtigsten Punkte (für den weniger motivierten Leser , denn ich weiß das lange Beiträge mühsam sind), habe ich versuchsweise die wichtigeren Stellen fett geschrieben. Sollte jemand Anmerkungen oder Kritik zum Inhaltlichen haben, ich wäre über einen kleinen Diskurs hocherfreut.

LG
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon razorback » 27.12.2011 03:46

Ja, ich lese noch mit und deine Ausführungen sind für mich als Auerochsenfreund ein Hauptgrund, hier doch noch ab und an reinzuschauen. Danke für diese ausführlichen und fundierten Beiträge, auch für den mit den Tarpanen etc. Da wird einiges aufgegriffen bzw. beantwortet, was ich mich auch schon länger gefragt habe. Man merkt, wie sehr du in der Materie drin bist - zu kritisieren finde ich gerade nichts wesentliches und bezüglich der "Heckdackel" kann ich nur zustimmen.

Beste Grüße und weiter so!
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 28.12.2011 15:15

Hallo,

vielen herzlichen Dank für dein positives Feedback!
Es wird sicher noch einiges nachfolgen, vorallem weil sich die Auerochsen-Rückzüchtung ja über Jahre zieht.
Ausgerottete Arten durch eigens in deren Richtung modifizierte Nachkommen in der Wildnis zu ersetzen ist ein faszinierendes Konzept, doch um so deprimierender ist es, dass die Achtlosigkeit und Unwissenschaftlichkeit mit der man vorging und -geht möglicherweise das volle Ausschöpfen des Potentials für eine möglichst gute Restauration der ausgerotteten Wildformen Auerochse und Wildpferd stark behindern. Ein wesentlicher Punkt daran ist, dass man sich ohne fachliche Überprüfung der Behauptungen zweier Zoodirektoren und anderer entschlossen hat, diese oder jene Rasse zu verwenden - wenn man tatsächlich ein Haustier als Wildtierersatz in einer Region etablieren will, dann muss das meiner Meinung nach fachgerecht überprüft werden und nicht nach Jux und Tollerei entschieden werden. Man hätte sich, vorallem in Oostvaardersplassen, wo jetzt in Summe 1500 Großherbivoren eines teilweise möglicherweise unauthentischen und teilweise garantiert unautentischen Typus herumrennen, vorher folgende Fragen stellen sollen:

Sind diese Rassen tatsächlich so stark ihrer Wildform entsprechend? Stimmt ihr Körperbau und das Aussehen mit dem, was man von Skelettfunden und historischen Berichten weis einigermaßen überein? Bieten sie ein authentisches Bild und tragen sie zum Wissensstand der Menschen über die ursprüngliche Fauna des Kontinents bei? Am wichtigsten: Gibt es denn andere Rassen, welche den Job wesentlich besser erledigen könnten?

Stattdessen hat man sich wohl in der Mehrheit dieser Projekte gedacht: "Ach, wird schon passen" und sich auf das verlassen, was gemeinhin ohne Überprüfung verlautbart wird. Dies hat in den letzten Jahrzehnten zu einem hohen Maß an sich verbreitender Falschinformation geführt, und das Dogma, man hätte bereits die eine gute Rinderrasse, lässt wirklich geeigneten Rassen kaum noch Spielraum in einer breiteren Öffentlichkeit mit dem Auerochs assoziiert zu werden. Wissenschaftliche Information über den echten Auerochsen sind dabei ins Hintertreffen geraten und die Werbung, welche Züchter und Organisationen für die von ihnen favorisierte Rasse - das Heckrind - überdominiert.
Deshalb habe ich mir auf Tobias' sehr guten Hinweis die Wikipedia-Artikel zu Auerochse und Heckrind, welche erschreckenderweise (insbesondere letzterer) nur mit Presseartikeln und Homepages fundiert waren, vorgenommen und mit wissenschaftlich fundierter Information und Quellen ausgestattet und erweitert - Wikipedia hat ja einen großen Einfluss und wird massenhaft schlicht kopiert, daher hoffe ich, ein bisschen zur Besserung der Informationslage und der Chancen zur Etablierung einer möglichst genuinen Rückzüchtung beigetragen zu haben.

Mein nächster längerer Beitrag, welcher sich mit den geeigneten Primitivrassen sowie noch einmal mit dem Aussehen des Auerochsen beschäftigt, kommt demnächst - auch mit hübschen Bildern .


Schöne Grüße,

LG
Zuletzt geändert von Allosaurus am 14.09.2013 15:21, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 31.12.2011 15:07

Hallo,

heute geht es wie versprochen um die wirklich primitiven, auerochsenartigen Rassen welche sich für eine authentische Restauration der Wildform eignen. Vorerst muss jedoch noch geklärt werden, was für eine Rasse wirklich entscheidend ist, um als Wildformersatz eingesetzt werden zu können.


Was macht eine zur Rückzüchtung geeignete Primitivrasse aus?

Für viele ist ein Rind anscheinend schon ein halber Auerochse, wenn es einige farbliche Charakteristika der Ure aufweist. Es sei jedoch gesagt: die Fellfarbe ist noch das wenigste. Viel entscheidender ist der Körperbau im Allgemeinen. Viele versuchen ja, eine Schwarzweiß-Trennung zwischen Phänotyp und ökologischer Eignung zu machen – nach dem Motto „Nur weil es nicht so aussieht wie ein Ur, heißt das nicht, dass das Rind nicht so fungieren kann“ und „Nur weil es aussieht wie ein Ur, heißt das nicht, dass es sich im selben Maße wie andere Robustrinder in der Wildnis behaupten kann“. Diese Schwarzweiß-Trennung funktioniert allerdings nicht, da die Konstitution des Phänotyps viel über die Funktionalität eines Tieres bestimmt. Etwa die Behändigkeit und Schnelligkeit auf der Flucht oder im inter- und intraspezifischen Kampf und damit die Durchsetzungsfähigkeit gegen Raubtiere. Die genaue Größe, Krümmung, Dicke und Orientierung der Hörner entscheidet ebenfalls über die Funktionalität dieses Körperteils in Kommentkämpfen und der Verteidigung gegen Raubtiere – es hatte schon einen Grund, warum natürliche Selektion die Hörner der Ure auf eine bestimmte Form getrimmt hat. Die Länge der Schnauze und der Schädelbau (Stärke der Kiefer etc.) steht in Zusammenhang mit der Effizienz des Grasens. Größe ist ein wichtiger biologischer Faktor, weil er Nährstoffbedarf, Energieverbrauch und auch Verteidigungsfähigkeit bestimmt.
Versuche, phänotypische Ungereimtheiten des Heckrinds als Kosmetik abzutun, entbehren sich folglich einer fachlichen Grundlage.
Ein „korrekter“ Körperbau ist allerdings nicht nur für die Funktionalität eines Auerochsenersatz in der Wildnis wichtig, sondern auch um eine andere Zielsetzung (welche ursprünglich auch die der Hecks war und der Heckrinderzuchtvereine ist, wenn jedoch über die zahlreichen phänotypischen Unzulänglichkeiten des Heckrinds diskutiert wird sich schnell ins Mauseloch der „ökologischen Eignung ist einzig entscheidend“-Dogmatik verkrochen wird) zu erfüllen: Nämlich, um ein authentisches Bild des Vorfahren unseres so vertrauten Hausrindes und einer „wiederhergestellten Natur“ mit wiedereingeführten Großtieren zu bieten. Hierzu müssen auch noch alle Aspekte der Färbung sowie des Sexualdimorphismus passen. Letzteres ist meiner Meinung ein besonders wichtiger Teil der Biologie des Urs.

Ich werde nun einige der besten Primitivrassen vorstellen und ihre phänotypischen, genotypischen und ethologischen Vor- und Nachteile als Auerochsenersatz (bzw. genauer, die Nützlichkeit für die Züchtung eines solchen) gegeneinander abwiegen.

Lidia, das Spanische Kampfrind, hat einen Phänotyp welcher in allgemeiner Körperform und Proportionen dem des Auerochsen mitunter deutlich nahe ist. Vorallem ihre athletische Statur (mit oft allerdings zu kurzen Beinen) mit der gebogenen Schulterlinie und der schlanken Taille erinnert sehr an ein Wildrind:

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Viele Kampfrinder auch sehr Ur-artige Hörner v.a. bezüglich der Krümmung. Der Geschlechtsdimorphismus ist gut ausgeprägt, mitunter auch in der Farbe. Das weiße Maul und der Aalstrich sind oft verloren, doch könnten mit wenigen Kreuzungen wieder eingebracht werden.

Sayaguesa ist eine Rasse, dessen Körperbau sich vor allem durch die geschwungene Rückenlinie, den großen Schädel mit langer Schnauze, lange Beine und deutlichen Geschlechtsdimorphismus bzgl. des Körperbaus auszeichnet. Farblich ist dieser jedoch stark reduziert, die Kühe sind oft sehr dunkel (haben jedoch nicht das Schwarz der Bullen), was bedeutet, dass durch Kreuzung für die Kühe dieser Rasse entsprechende Dillutions-Gene, welche das „abdunkeln“ der Fellfarbe eindämmt, notwendig sind – diese können durch andere Primitvrassen geholt werden. Sayaguesa hat weiterhin auerochsenartige Hörner und farbliche Charakteristika wie den Aalstrich bei Bullen, ein helles Flotzmaul und mitunter auch die wildrindertypischen hellen Ohrmuschelinnenseiten:

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Pajuna zeichnet sich vor allem durch ihre Langbeinigkeit, die athletische Körperform (siehe Bild aus erstem Post), die lange Schnauze und ihre beachtliche Größe aus, welche mit 160 – 170 cm Widerristhöhe bei Bullen und etwa 140 cm bei Kühen an die Dimensionen des Urs heranreicht. Auch farblich ist der Dimorphismus deutlich ausgeprägt, man kann dieses Rind ohne weiteres als wildfarben bezeichnen (erstes Bild mit Stier und Kuh, zweites mit Stier):

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Manche Pajuna-Bullen weisen jedoch einen Sattel auf, welcher wiederum durch Kreuzung schnell verschwinden kann, wie der Maremmana primitivo x Pajuna-Kreuzungsstier von TaurOs Project beweist.


Maremmana primitivo ist der primitive Phänotyp des Maremmana, welches den destruktiven Einfluss des Steppenrindes nicht oder kaum hat. Die Proportionen dieses Rindes sind ebenfalls auerochsenartig und der Körper athletisch (siehe Bild erster Post), auch weist diese Rasse deutlich die Stirnlocken des Ur auf. Farblich unterscheiden sie sich durch das Fehlen des Allels für den Rotanteil in der Fellfärbung sowie einen Sattel, was durch Kreuzung schnell beseitigt werden kann, wie selbiger Kreuzungsstier beweist.

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Ein Nachteil des Maremmana primtivo ist, dass die Hörner stark nach oben orientiert sind und eine sehr schwache Krümmung haben. Der Kreuzungsstier weist jedoch bereits nach vorne orientierte Hörner auf, und dann dürfte sich die Dicke und Länge der Maremmana-primitivo-Hörner sehr positiv auswirken.


Die Rasse Tudanca hat einige gute Eigenschaften, wie den deutlich ausgeprägten „Buckel“ bei Stieren und Kühen, eine auerochsenartige (wenn auch recht massive, was durch Kreuzung schnell wett gemacht wird) Körperform mit Dimorphismus mit bulligem Schädel bei den Bullen sowie die Stirnlocken.

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Nachteile des Tudanca sind einerseits das Fehlen des Rot-Allels, sowie die mitunter stark nach außen gedrehten Hörner.


Das Schottische Hochlandrind mag auf dem ersten Blick nicht viel mit dem Ur gemeinsam haben, doch ist ihre Verwendung aus verschiedenen Gründen vorteilhaft. Zum einen sind diese Rinder sehr robust und ökologisch gut geeignet, mit dem rauen Klima Nordeuropas auszukommen. Weiters hat diese Rasse aufgrund ihrer Häufigkeit einen gesunden großen Genpool. Entsprechend ihrer Variabilität finden sich zwar Hornformen, welche nichts mit dem Auerochs zu tun haben, aber auch welche, die für die Rückzüchtung brauchbar sind (der von mir verlinke, etwas monströs aussehende, Bulle hat eine sehr gute Hornkrümmung und –größe). Ihre Massigkeit kann durch Kreuzung mit hochbeinigeren Rassen schnell behoben werden.

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Das lange Fell der Hochlandrinder zwingt sie im Sommer, Kühlung im Wasser aufzusuchen und verfilzt mit Kletten leicht. Allerdings ist das lange Fell schnell auf ein dichtes Winterfell reduziert. Es gibt dunkle und helle Hochlandrinder, dies stellt jedoch keinen Geschlechtsdimorphismus dar.


Eine besonders auerochsenartige Rasse ist Maronesa. Diese Rinder weisen guten Geschlechtsdimorphismus, oft eine authentische Farbe, athletische Körperform (mit schlanker Taille, auch bei Kühen – was ein Wildmerkmal ist und sich nicht auf die Geburtsfähigkeit auswirkt) und auch eine gute Hornkrümmung auf. Mehr über diese (ich verspreche, faszinierenden) Rinder wird später noch gepostet.

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Man beachte den ausgeprägten Schulterbuckel bei Bullen, die akkurate Hornform und den deutlichen Geschlechtsdimorphismus. Auch interessant ist es, diese Rinder in Bewegung zu sehen. Es handelt sich um eine sehr schnelle und agile Rasse, was an ein Wildtier erinnert und dem Auerochs entspricht.

http://www.youtube.com/watch?v=vjIaKtlL ... re=related

Es gibt noch eine größere Zahl an Primitivrassen, über die ich jedoch nicht so viel im Detail weiß oder welche nicht derart von Relevanz für Auerochsenrückzüchtung (zumindest des europäischen Urs) sind.

Sehr interessant ist auch dieser italienischer Podolica-Bulle, welcher bei 4:41 mit einem sehr auerochsenartigen Körper (langbeinig, athletisch, geschwungene Rückenlinie mit Schulterbuckel) und in Wildfarbe vorbeispaziert:

http://www.youtube.com/watch?v=JfmsndrP6Sc

Hier sind noch ein paar Beispiele, von Rindern, welche sich wie alle Primitivrassen, und ein großer Teil der Rinderrassen allgemein, problemlos in der Wildnis ohne Menschen behaupten können. Betizu (oben) und Camargue (darunter):

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Diese Rassen leben völlig wild und vor allem der Betizu-Stier hat einen Körperbau mit einigen Eigenschaften des Urs.

Wie vielleicht allgemein bekannt sein dürfte, leben Kampfrinder oft so gut wie wild in eigenen Beweidungsarealen, ohne beinahe irgendeinen menschlichen Einfluss, welcher sich auf das Isolieren und Einfangen einzelner Exemplare für Stierkämpfe beschränkt. Diese schöne Dokumentation (leider auf spanisch) zeigt die Kampfrinder beinahe-wildlebend als integralen Teil der lokalen Tierwelt:

http://www.youtube.com/watch?v=7ixI5kY0kJ4

Wie bereits erwähnt, gibt es viele Populationen von Robustrindern, welche in der Natur bereits seit längerer Zeit zurecht kommen. Daher zeigen sie auch wildes, natürliches Verhalten. Ich wünschte das Verhalten wilder Rinder wäre genauer studiert, es könnte uns einiges über die Verhaltensmuster des Auerochsen verraten.

Als Vorgeschmack auf wilde Herden der TaurOs-Ochsen, hier sind Videos einiger wilder oder halbwilder Rinderpopulationen:

http://www.youtube.com/watch?v=AHM3CvNo ... re=related (ungarische Steppenrinder mit Maremmana-Einfluss)
http://www.youtube.com/watch?v=FL8bcc6DbeI (Chilingham-Rinder)
http://www.youtube.com/watch?v=1mar9q5x ... re=related

Interessant ist vor allem die Palette an Lautäußerungen, wie die trompetenden Signalrufe der Bullen. Letzteres Video ist besonders interessant, da sie eine Herde verwilderter Primitivrinder mit recht gutem Phänotyp zeigt. Die genaue Rasse ist mir nicht bekannt.


Warum sind diese Rassen nun besser geeignet als Heckrinder bzw. warum sollte man Heckrinder nicht in Rückzüchtungsprojekte miteinbeziehen?

Aufgrund ihrer bereits ausgeführten großen Heterogenität weisen manche Heckrind-Individuen oder Zuchtlinien mehr Ähnlichkeit mit dem Ur auf, als andere. Einige weisen tatsächlich einen Phänotyp auf, bei dem man sich denken kann, „Hey, daraus kann man etwas machen“. Doch ist der Genotyp des Heckrinds problematisch, da, wie bereits ausgeführt, das Heckrind einen hohen Anteil ungeeigneter mitteleuropäischer Milch- und Fleischrassen enthält und nicht selten unerwünschte Phänotype zum Vorschein kommen – diese würde man durch die Verwendung des Heckrinds höchstwahrscheinlich mitziehen, was nicht konstruktiv für die Zucht einer homogenen und authentischen Auerochsenrückzüchtung ist.

Dies ist zugleich der Vorteil der Primitivrassen, den die Auerochsenmerkmale sind bei diesen Rassen meist stabil. Man wird kein Sayaguesa finden, welches plötzlich krass nach oben oder außen zeigende Hörner oder ein graues Fell hat – man wird keine plötzlich gescheckten Pajunas mit Dackelbeinen finden et cetera et cetera. Wenn aus diesen Rassen einmal abweichende Exemplare herausspringen, dann sind es meistens (unter der annahme, dass es sich nicht um eine mittlerweile von hochgezüchteten Rassen beeinflusste Rasse wie Kampfrind handelt) welche, die ansonsten in der Rasse eher seltenere Primitivmerkmale aufweisen, wie etwa wildfarben braune Sayaguesa-Kühe oder der von mir verlinkte schwarze Podolica-Bulle, oder der Hochlandstier mit seinen dicken, auerochsenartigen Hörnern. Nicht nur der Phänotyp, sondern auch der Genotyp dieser Primitivrassen sind stabil und für eine Rückzucht sehr nützlich.

Warum dies? Davon ausgehend, dass sie nicht wesentlich später als andere Rinderrassen domestiziert wurden oder einen lokalen Einfluss der Ure in sich tragen (wofür es allerdings deutliche Hinweise gibt), wurde ihr Phänotyp und vielleicht auch Genotyp vom Domestikationsprozess weniger affektiert, da diese Rassen weit weniger stark modifiziert (für Milch- & Fleischertrag, oder Zurschaustellung im Falle der Chianina etc.) wurden. Dadurch kann ein höheres Maß an Auerochsengenen in ihnen erhalten bleiben, selbst wenn kein jüngerer Beitrag von Urmaterial in diese Rinderpopulationen stattgefunden hätte. Dennoch gibt es dafür Hinweise in Form von Haplogruppen, welche für lokale Ure typisch sind und in einzelnen iberischen und italienischen Rassen nachgewiesen werden konnten, sowie Knochenmaterial, welches sukzessive Übergangsindividuen darstellen könnte. Solche werden auch vom Balkan und Ungarn postuliert, begründen sich jedoch nur auf die Größe, weshalb ich da skeptisch bin und dortige Rassen ohnehin mit großer Wahrscheinlichkeit von der Türkei nach Europa gebracht wurden und auch phänotypisch keine große Ähnlichkeit mit dem Auerochs haben.


Warum finde ich TaurOs Project vielversprechend?

Einerseits, weil TaurOs Project die Eignung der verwendeten Rassen nicht nur phänotypisch, sondern auch mittels DNA und dem Verhalten der Rinder überprüfte. Die Rassen haben sich als wesentliche authentischer in allen Aspekten erwiesen – so etwa auch, was den Jahresrhytmus angeht. Das Heckrind etwa, als Hausrind mit Anteil von stinknormalen Landrassen wie Anglerrind und Niederungsrind, pflanzt sich das ganze Jahr über fort und es kommt auch im Winter zu Kalbungen, was dem Wildtierrhythmus widerspricht. An den Jahresrhythmus angepasste Primitivrassen, wie das Schottische Hochlandrind, haben fixe Brunftzeiten.
Und phänotypisch besitzen diese Rassen eine Ursprünglichkeit, welche – im Gegensatz zum Heckrind – weit über bloße farbliche Ähnlichkeit hinausgeht. Es betrifft den ganzen Körperbau, welcher, wie bereits ausgeführt, wichtig für ein Überleben in der Wildnis ist.

Kritiker mögen einwenden, dass es zu lange dauern würde, eine neue Rasse zu etablieren und einen möglichst großen Genpool aufzubauen. Aber: Da die verwendeten Auerochsenartigen Rassen noch recht nahe am wilden Vorfahren sind, wird es nicht all zu viele Zuchtgenerationen dauern, bis man sehr gute Resultate hat. Die ersten Kreuzungen sind bereits jetzt sehr vielversprechend. Der Aspekt des großen Genpools ist voll abgedeckt, man verwendet viele Rassen (welche alle Eignungskriterien selbstverständlich erfüllen) um eine breite genetische Basis zu bekommen und man will auch Kreuzungsherden in anderen Ländern aufbauen. Die verwendete Zahl an Individuen ist folglich sehr groß, anders als bei den Hecks damals, welche aufgrund der Zoos als Zuchtplatz eine nur begrenzte Individuenzahl zur Verfügung hatten.
Gerne wird auch eingewandt, das Heckrind habe sich wunderbar als ausreichend robust erwiesen und eine neue Rasse müsste das erst. Dies ist eine Falschbehauptung. Wie bereits ausgeführt, sind eine Vielzahl an Rinderrassen mindestens ebenso robust, wie es das Heckrind ist. Darüber hinaus haben Studien in Hortobagy gezeigt, dass das Hausrind Heckrind (dessen angebliche „Wildheit“ im Wesen aus der Haltungsform ergibt) in kalten Wintern aufgrund des Energie- und Wärmeverlusts durch die großen Euter benachteiligt ist und die Heckrinder deshalb zugefüttert werden müssen, im Gegensatz zu den Pferden. Die von TaurOs Project verwendeten Rassen behaupten sich bereits jetzt mindestens ebenso gut unter halbwilden Umständen, da sämtliche zur Züchtung verwendeten Individuen halbwild gehalten werden und man natürliche Selektion als zusätzliches Werkzeug einbaut.

Die Robustheit der TaurOs-Ochsen ist also voll abgedeckt, ebenso ein möglichst großer Genpool – und warum der Phänotyp dem Auerochsen ohnehin sehr weit entsprechen wird, habe ich bereits ausgeführt. Und da man auch die Kreuzungsexemplare auf ihre genetische Eignung prüfen wird, wird sich auch der Genotyp Richtung Ur bewegen. TaurOs Project ist das am besten vorbereitete und einzige wissenschaftliche Projekt zur Rückzüchtung des Auerochsen, dessen Zielsetzung nicht nur ein Tier zu Schauzwecken in Zoos oder Extensivbeweidung, sondern zur Behauptung in der Wildnis und damit zur Restauration des Auerochsen in einer sehr authentischen Form.
Man verfällt nicht irgend einem kuriosen Pragmatismus, und hofft auch nicht das Schlampigkeiten durch natürliche Selektion in den nächsten Jahrhunderten irgendwie ausgebessert werden – wie dies beim Heck-/Taurusrind der Fall ist.


Das Heckrind entstand durch Unwissenheit und wurde/wird durch dadurch erhalten und verbreitet

Wie bereits ausgeführt, hatten die Hecks wenig Ahnung vom Phänotyp des Auerochsen. Ihre Ideen beschränkten sich auf farbliche Eigenschaften und einen vagen Eindruck der Hörner basierend auf Höhlenmalereien und heutigen Rindern (!!!) anstatt damals bereits vorhandene komplette Schädelknochen anzusehen. Die Rassenauswahl war bei Lutz Heck ein wenig besser, was leider jedoch wenig relevant ist, da wohl nur sehr wenige Individuen der Berliner Linie zum heutigen Heckrind beigesteuert haben dürften. Die von Heinz Heck getroffene Auswahl war, bis auf korsisches Gebirgsrind, Steppenrind und Hochlandrind, sehr schlecht. Anglerrind, Niederungsrind etc. haben in einem Rückzüchtungsprojekt nichts verloren. Hier zeigt sich auch die Unkenntnis der Hecks über primitive Rinderrassen, denn:

Das 20. Jahrhundert war das wohl schlechteste für biologisch dem Ur nahen Rinderrassen. Durch Kreuzung mit Produktivrassen aus Mitteleuropa wurden die ursprünglichen Eigenschaften oft reduziert oder verdrängt oder Selektion auf bestimmte Merkmale zur Zurschaustellung hat den Phänotyp verkorkst. Als Beispiel hierfür, so sah die Rasse Cachena vor einigen Jahrzehnten aus; darunter, so wie sie heute aussieht:

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Zwar ist sind die besten Rassen, welche heute noch existieren und von TaurOs Project verwendet werden, immer noch sehr gut – aber früher gab es noch Rassen, welche in viel weniger Aspekten vom Auerochsen unterscheidbar gewesen waren.

Die Hecks hatten die große Chance, mit diesen Rindern arbeiten zu können. Es hätte sehr schnell zu einem phantastischen Ergebnis geführt und dann wäre heute die meistpropagierte Rasse tatsächlich eine, die dem Ur weitestmöglich entspricht. Stattdessen war ihr Projekt von Unwissenheit, Unwissenschaftlichkeit und Schlampigkeit geprägt und das Resultat ist nichts als eine weitere Landrasse mit ein wenig farblicher Modifikation. Ich verfüge über wissenschaftliche Quellen, die dies untermauern. Hätten die Hecks das notwendige Wissen über den Auerochs und primitive Rinderrassen ihrer Zeit gehabt, und ihr Projekt mit der notwendigen Professionalität und Wissenschaftlichkeit ausgeführt, wären wir dem Ur heute extrem nahe. Aber so kam es nicht.

Auch heute noch zeigen die Heckrinder propagierenden Akteure mitunter ein gewisses Wissensdefizit über den Auerochsen - es fällt unter anderem dadurch auf, dass an den Mythos, dass die letzte Ur-Kuh 1627 gewildert oder geschossen wurde, obwohl sie sehr wahrscheinlich eines natürlichen Todes an Altersschwäche starb. Oder es wird an den übertriebenen Größenangaben von Schulterhöhen um die 2 m und einem Gewicht von 1,5 Tonnen festgehalten. Und alleine schon die Behauptung, dass Heckrinder eine in irgendeiner Weise erwähnenswerte körperbauliche Ähnlichkeit mit Auerochsen hätten, attestiert einem ein starkes Defizit hinsichtlich des Wissens über die Anatomie des Urs und heute existierende Primitivrassen.

Und es ist kein Ende der sich verbreitenden Falschinformation abzusehen. Immer noch, obwohl sich unser Wissen über den Ur wesentlich verbessert hat, glauben Leute, Heckrinder hätten in irgendeiner Weise eine besondere Ursprünglichkeit hinsichtlich Phänotyp, Robustheit oder andere biologische Aspekte und wissen nicht, dass es viel ursprünglichere Rassen gibt, welche leider im Verschwinden begriffen sind. Dies ist unerträglich und ist schädlich für die bestmögliche Restauration einer ausgerotteten Art.

Daher ist es wichtig, das wissenschaftlich fundierte Wissen über den Ur und Primitivrassen, zu verbreiten und leichter zugänglich zu machen. Dann gibt es eine Chance für geeignete und authentische Rückzüchtungen.


LG
Zuletzt geändert von Allosaurus am 03.02.2013 18:12, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 07.01.2012 15:56

Hallo,

hier sind die wichtigsten Mythen und Falschbehauptungen um das Heckrind noch einmal übersichtlich zusammengefasst:


• Das Heckrind habe „bereits“ große Ähnlichkeit mit dem Auerochsen

Diese Behauptung ist falsch und impliziert ein Wissensdefizit bzgl. der Anatomie des Auerochsen. Das Heckrind hat keine körperbaulichen Eigenschaften welches es auerochsenartiger machen als andere Landrassen. Lediglich einige farbliche Modifikationen. Und es gibt wesentlich ursprünglichere wildfarbene Rinder. Das Wörtchen „bereits“ impliziert, dass mit Heckrindern noch angemessene, zielführende Selektivzucht betrieben würde, was selten der Fall ist. Wäre dies der Fall, wäre das, was das Heckrind nach demnach fast 70 Jahren Selektionszucht vorzuweisen hätte, erbärmlich.


• Das Heckrind wäre aus ursprünglichen Rinderrassen gezüchtet worden

Hier hat entweder jemand keine Ahnung, aus welchen Rassen das Heckrind gezüchtet wurde, oder weiß wenig über Primitivrinderrassen. Von den verwendeten Rassen lassen sich einzig korsisches Rind, Kampfrind und vielleicht Steppenrind als ursprünglich bezeichnen, alle anderen hatten einen stark modifizierten Phänotyp und waren völlig normale Zweinutzungsrassen (Niederungsrind, Anglerrind...)

• Bei der Zucht des Heckrinds wären die „alten Gene“ wieder zusammengefügt worden, was die „Ähnlichkeit“ mit der Wildform erklären sollte

Wie bereits ausgeführt, ist das Heckrind keinesfalls der Wildform, dem Ur, besonders ähnlich verglichen mit anderen typischen Landrassen. Alleine farblich gelang eine Annäherung, und das aufgrund der Verwendung des annähernd wildfarbenen Korsischen Rindes. Und wie wir wissen, ist die Wildfarbe beim Heckrind nicht stabil. Bzgl. Hornform ist es nicht verwunderlich, dass bei der Verwendung von Hochlandrind und Steppenrind ein Rind zustande kommt, welches längere Hörner hat – die denen des Auerochs nur selten nahekommen. Also gibt es beim Heckrind keine Mystik von der „Zusammenfügung alter Gene“.

• Heinz und Lutz Heck verwendeten verschiedene Ausgangsrassen, doch ihre Resultate seien einander sehr ähnlich gewesen, was den „Erfolg“ belegen solle

Es ist nicht verwunderlich, dass Heinz und Lutz Heck ähnliche Resultate bekamen, da das Resultat ein normal proportioniertes Hausrind mit annähender Wildfarbe ist. Heinz Heck bekam die farbliche Annäherung durch das korsische Rind, Lutz Heck wahrscheinlich durch die Kampfrinder. Des weiteren waren sich die Münchner und Berliner Linie auch nicht unbedingt besonders ähnlich, teilweise waren sogar erhebliche Unterschiede zwischen beiden Zuchten erkennbar. Ein „Beleg“ für den „Erfolg“ der Brüder ist dies bei Weitem nicht.

• Das Heckrind habe während der Zucht die „Wildheit“ im Verhalten und Resistenz gegen Krankheiten erlangt

Das Verhalten der Rinder gegenüber dem Menschen ergibt sich aus der Haltungsform. Zieht man sie im Stall auf, sind sie so gefügig wie andere Zweinutzungsrinder. Die Resistenz gegen Krankheiten ergibt sich daraus, dass einige der Mutterrassen (Steppenrind, Hochlandrind, Korsiker) ebenfalls widerstandsfähig gegen die meisten Krankheiten der hochgezüchteten Rassen sind.

• Heckrinder wären besonders robust und daher als Auerochsen-Ersatz am besten geeignet

Sehr viele heutige Hausrinder sind in der Lage, in der Wildnis zu überleben – das Heckrind ist nur eines von vielen. Wie gut die Nische ausgefüllt wird, ist sehr wohl auch vom Phänotyp abhängig. So sind Heckrinder ob ihrer völlig normalen Hausrinder-Körperform gegenüber Raubtieren im Nachteil und auch das große Euter bedeutet Wärme- und Energieverlust. Gerade alleine das Heckrind zu propagieren, kann nur von Eigennutz oder Unwissenheit herrühren.

• Heckrinder sind zwar überaus heterogen, doch das wäre eine „natürliche Variation“ wie sie auch beim Ur vorhanden gewesen wäre

Dies wird gerne als Argument gegen die unzähligen Abweichungen des Heckrinds gebracht und ist völliger Unfug. Faktum ist, dass das Heckrind nicht nur viel heterogener als alle Wildtiere, sondern auch heterogener als die meisten Haustierrassen sind. Wir kennen zwar nicht die ganze Bandbreite der intraspezifischen Variation des eurasischen Auerochsen, doch mit Sicherheit wären nicht einmal die besten Heckrinder in der Schwankungsbreite enthalten, und der Auerochse selbst hatte natürlich wie alle Wildtiere einen im Bezug auf grundlegende Merkmale stabilen Phänotyp, wenn auch wahrscheinlich mit geringfügig bekannter lokaler Variation.

• Das Heckrind werde momentan mit anderen Rassen „verbessert“

Dies stimmt so nicht. Die Taurusrind-Versuche bringen durch Verwendung mancher Mittelmeerrassen teilweise bessere Allele in den Genpool ein, aber werden leider bei weitem nicht alle Heckrinder „verbessert“, sondern nur jene, welche in den entsprechenden Projekten verwendet werden. Alle anderen sind und bleiben normale und somit phänotypisch teilweise vom Ur sehr verschieden (was wiederum Auswirkung auf die Tauglichkeit in der Natur hat). Es gibt leider immer noch keine Bestrebungen, Heckdackel in ihrer Gesamtheit durch verbesserte Versionen zu ersetzen, nur einige wenige Linien sind verbessert.

LG
Zuletzt geändert von Allosaurus am 14.09.2013 15:23, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: TaurOs Project: Der Auerochse

Beitragvon Allosaurus » 19.02.2012 14:27

Wird das Heckrind „nach Härte“ gezüchtet? Was heißt das genau?

Wie wir ja bereits wissen, kann das Heckrind bezüglich einigen Auerochsen-Aspekten wie Körperbau, Homogenität, Dimorphismus zwischen Kuh und Stier und Größe mit einigen Primitivrassen nicht einmal Ansatzweise mithalten – aber wie sieht es denn mit der Härte aus? Heckrinderfreunde betonen ja gerne, dass das Heckrind vorrangig auf Härte gezüchtet würde. Was heißt das? Wird das Heckrind denn mit jeder Generation immer wildnistauglicher?
Nein. Wie wir bereits wissen, ist das Heckrind sehr heterogen aus Eigenschaften der Ausgangsrassen zusammen gesetzt, und wie wir bereits wissen, beinhaltet das Heckrind nicht nur Robustrassen wie das Hochlandrind oder Steppenrind, sondern auch hochgezüchtete Rinder wie Anglervieh oder Schwarzbunte Niederungsrinder. Deren geringere Robustheit resultiert aus einem weniger dichten Winterfell und fehlender Leichtkalbigkeit, d.h. die Kälber sind bei der Geburt derart groß, dass die menschlicher Hilfe bedürfen.
Genauso wie beim Heckrind mitunter die weißen Flecken oder Stummelhörner der hochgezüchteten Rinder zum Vorschein kommt, verhält es sich auch mit diesen Eigenschaften – nicht alle Heckrinder sind leichtkalbig, nicht alle haben ein dichtes Winterfell. Das „nach Härte züchten“ wirkt also lediglich der Verwendung von hochgezüchteten Rindern durch die Hecks entgegen, keineswegs ist das Heckrind robuster als das Steppenrind oder Hochlandrind (bei letzterem weiß ich sogar mit Sicherheit, dass dies nicht zutrifft).
In wie fern ist die Härte der Heckrinder eigentlich erprobt? In ganzjähriger Extensivbeweidung behaupten sie sich wunderbar, das ist ein Faktum. Aber man darf nicht vergessen, dass in sämtlichen Beweidugnsprojekten in Deutschland den Heckrindern im Winter fast täglich zugefüttert wird, was in der Natur freilich nicht der Fall ist. Zusätzlich dazu werden die Tiere veterinärmedizinisch betreut. Extensivbeweidung ist folglich wesentlich behüteter als Wildnisleben, was teilweise auch damit begründet ist, dass das Heckrind rechtlich (wie auch zoologisch!) ein Haustier ist und daher laut Tierschutzgesetz ausreichend versorgt zu sein hat.
Bei den Rindern von TaurOs Project ist das nicht der Fall, dort wird im Winter selten zugefüttert und wenn sich ein Rind im Winter ohne Zufütterung nicht behaupten kann, dann selektiert die Natur hier aus. Dies ist ein tatsächliches Züchten nach Härte, das bei Heckrindern fast nie der Fall ist.
Würden Heckrinder in die Natur entlassen, dann sind also hohe Bestandsausfälle im Winter und damit verbundenes unnötiges tierisches Leid zu erwarten – genau das ist in Oostvaardersplassen auch der Fall. Tatsächlich nach Härte gezüchtete Rinder wie die von TaurOs Project sind meiner Meinung nach wesentlich geeigneter, in echter Wildnis zu leben, nicht bloß Beweidungsprojekten mit prallem Futtertrog im Winter.


Warum natürliche Selektion aus Heckrindern keine Auerochsen macht – Oostvaardersplassen als Dedomestikationsexperiment

Wie bereits ausgeführt, hat die Zuchttechnik der Hecks (jedes der abweichenden Exemplare weiter zu züchten) dazu geführt, dass alle der Allele für abweichende Fellfarben, Hornformen etc. beim Heckrind noch vorhanden sind. Dies wiederum führt zu einer sehr heterogenen Population, wenn die Heckrinder nicht mehr durch Menschen selektiert werden. Dies ist in Oostvaardersplassen seit 20 Jahren der Fall, daher gibt es dort alle möglichen Rinder. Alle möglichen Fellvariationen (schwarzbunt, wildfarben, rotbräunlich, gräulich, dunkel mit Sattel etc.) sowie alle möglichen Hornformen (nach oben, nach außen oder nach vorne gerichtet, kurz oder lang, dick oder dünn) und sogar mal schlankere und langbeinigere sowie kurzbeinigere massigere Körper. Dies macht Oostvaardersplassen zu einem sehr interessanten Dedomestikationsexperiment – welche der Rindertypen werden sich durchsetzen? In diesen Heckrindern sind Merkmale verschiedenster Hausrinderrassen vorhanden, daher wird das Resulat nach weiteren Jahrzehnten sehr spannend.

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Doch man muss beachten, dass derzeit eine enorme Menge an Megaherbivoren in diesem Gebiet grast, die Kapazitätsgrenze ist wohl schon erreicht. Folglich wird der begrenzte Lebensraum sowie die Abwesenheit von Raubtieren wohl längerfristig zu einer Bevorzugung von kleineren Rindern führen – keineswegs wird also der Schnitt von 140 auf 170 cm Widerristhöhe gehoben werden, allenfalls wird er gesenkt. Die Paarungskämpfe der Bullen mögen zwar eher die größeren Bullen bevorzugen, doch solche finden im Gebiet auch weniger Nahrung und sind daher mit größerer Wahrscheinlichkeit schlecht genährt oder sterben im Winter. Weiters ist es unwahrscheinlich, dass farbliche Charakteristika (auf die Heckrinderfreunde beinahe ausschließlich wert legen) wie ein weißes Flotzmaul oder ein heller Aalstrich tatsächlich einen Selektionsvorteil für die Rinder bedeutet. Dass die Körper- und Hornform sich dem Auerochsen angleicht, ist wohl nur mit ausreichendem Raubtierdruck – nicht nur von Wölfen, sondern auch etwa Löwen – zu erreichen. Das in Oostvaardersplassen nach Jahrzehnten der Dedomestikation entstehende Rind wird also vermutlich eher weniger Ähnlichkeit mit dem Auerochsen haben. Eine Vorraussetzung für echte Dedomestikation ist nicht nur die (bislang abwesenden) Raubtiere, sondern auch ein Ausbleiben menschlicher Zufütterung, zu der es aber anscheinend im Winter dort schon kommt.



Unten habe ich noch einen Link (man muss in leider kopieren und einfügen, damit er funktioniert) zu einem Bild, das zeigt, woraus das "erste Heckrind", das 1932 geboren wurde, zusammengesetzt war. Außer der Wildfarbe hatte dieser Stier kaum Auerochsenmerkmale, und er geht auf 11 Zucht zurück. Die Hecks brauchten also tatsächlich 6 Kreuzungsgenerationen, um ein Auerochsenmerkmal zu erreichen, welches bei anderen Rassen wie Limia, Pajuna, Maronesa etc. in den ursprünglichen Linien immer noch fixiert ist. Man sieht also, es hängt von den verwendeten Rassen ab, wie gut die Ersatzzucht letztendlich wird und wie effizient die Rückzüchtung vonstatten geht.

http://tierdoku.com/images/Rückzüchtung-3866.JPG
Zuletzt geändert von Allosaurus am 03.02.2013 18:26, insgesamt 1-mal geändert.
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