Der Knochen des Riesen Goliath in Lüneburg

Kryptide, die nicht zur Hominologie oder Dracontologie gehören

Der Knochen des Riesen Goliath in Lüneburg

Beitragvon Albino » 10.11.2011 20:12

Ein Artikel in der lokalen Presse erregte vor geraumer Weile meine Aufmerksamkeit für ein kleines kryptozoologisches Rätsel meines eigenen Wohnortes. In einem Beitrag über Sagen der Region war zu lesen: „Tatsächlich war der Glaube an Riesen viele Jahrhunderte lang verbreitet. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1856 schreibt der Lüneburger Historiker Volger von einem in der Lüneburger Johanniskirche verwahrten "Knochen vom Riesen Goliat", wahrscheinlich ein Überrest aus der urzeitlichen Tierwelt.“

Hier der originale Wortlaut Wilhelm Volgers: „In dieser Kapelle hing auch der einst in der Erde gefundene Knochen vom Riesen Goliat, der jetzt als Schulterblatt eines Seethieres im hiesigen Museum seine Stelle erhalten hat.“
Wilhelm Volger (* 31. März 1794 in Neetze; † 6. März 1879 Lüneburg; deutscher Schulrektor und Pädagoge) [Lüneburger Blätter. Lüneburg, Nachdruck 1986] über die 1814 (sich ehemals neben der Johanniskirche befindliche) abgebrochene Kapelle der Familie von Witzendorff. Quelle: Wiederabdruck der von Volgers in den Jahren 1855 bis 1866 verfassten und in zwangloser Folge herausgegebenen Aufsätze zu unterschiedlichen Aspekten der Lüneburger Stadt- und Kulturgeschichte

Die Aussage Volgers deutet darauf hin, dass dieser Knochen in der Erde gefunden wurde und nicht durch Handel in die mittelalterliche Stadt gelangte, wie es bei dem Überrest eines Meeressäugers oder großen Fisches zu erwarten wäre. Vermutlich handelte es sich in Wahrheit um den fossilen Knochen eines Mammut, zahlreiche Beispiele aus anderen Städten sind weiter unten aufgeführt. Auch andere Quellen erwähnen den Knochen eines Riesen, welcher sich einstmals im Besitz der Lüneburger Johanniskirche befand. Bei Julius von Schlosser (Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance – Ein Beitrag zur Geschichte des Sammelwesens; Verlag von Klinkhardt & Biermann; Leipzig 1908) liest man: „ … wie das Altertum, so sah auch die Märchenphantasie des Mittelalters, unter der Nachwirkung alter Volkssage, in den hier und da zutage geförderten Resten urweltlicher Tiere Riesengebeine; und so waren sie sehr häufig, an Ketten aufgehängt, in den Kirchen zu erblicken. Das Schulterblatt eines Seeungetüms in der Johanniskirche zu Lüneburg wurde gar dem biblischen Goliath zugeteilt.“

Zur Hintergrund – Information zitiere ich aus „Wesen der Edda“ (R. Mekelburg; Twilight – Line – Verlag; 2011): „In Österreich kam bei Ausschachtungsarbeiten für den Bau eines neuen Turmes beim Stephansdom in Wien der Oberschenkelknochen eines Mammut zum Vorschein, der sehr lange über einem Tor des Domes aufgehängt zu sehen war. Dieses trägt heute noch den Namen „Riesentor“. Bei Krems an der Donau, direkt bei der Stadtmauer, fand man im Jahre 1645 fossile Mammutreste, die man gleichfalls als Überbleibsel von Riesen bezeichnete. Voller Stolz präsentierte man so noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Wirtshaus „Zum Riesen“ in Oppenheim bei Mainz den 1,27 Meter langen Oberschenkelknochen eines Mammuts als Riesenbein. In der Stadt Greifswald ist die lokale Sage vom Fund der Überreste eines Greifen bekannt, auch hier waren es vermutlich Fossilienfunde, die sogar zur Namensgebung einer Stadt führten.“

In Niedersachsen bezeichnete man entsprechende Relikte anderer Körperpartien auch gerne als Rippen von Riesen. So liest man in Peuckerts „Niedersächsische Sagen“ Seite 239 ff.:

„I. An einer Kette am Rathhaus bei der Kirche in Osterode hängt ein gewaltiger Knochen, der eine Länge von ungefähr drei Ellen haben mag. Das Volk nennt ihn die Hühnenrippe.
II. Nicht weit vom Markte in Osterode ist das 1552 erbaute Rathhaus mit seiner über der Thür an Ketten hängenden Hühnenrippe zu bemerken, welche aller Wahrscheinlichkeit nach die Rippe eines vorweltlichen Riesentieres, in der nahen Mergelgruben gefunden, ist.
III. Wie groß die Hünen waren, kann man noch an den Hünenrippen sehen, die zu Vehlen und in der Kirche zu Haus Ostendorf hängen.
IV. In Amelunxborn hängt eine gewaltige Hünenrippe; wie sie aber dahin gekommen sei, wusste der Wirt zu Bevern nicht zu sagen.“ (Will Erich Peuckert; Niedersächsische Sagen IV; Verlag Otto Schwartz; Göttingen 1968)

Ergänzend liest sich z. B. auch in „Märkische Sagen“: „In der kleinen Kapelle, die vor dem Landsberger Tor in Straußberg steht, ist ein gewaltiger Knochen zu sehen, der mit einer großen eisernen Kette angeschlossen ist. Von dem sagen einige, dass er von einem Riesen herstamme, andere aber erzählen, dass er einem Lindwurm gehört, der einst im dortigen Wald gehaust habe.“ (Ingeborg Drewitz; Märkische Sagen; Eugen Diederichs Verlag; Düsseldorf 1979)

Auch ein Beispiel aus der Schweiz zeigt sehr schön diese Fehldeutung vergangener Tage: „Der Riese von Reiden ("Gigas"), dessen vermeintliche Reste 1577 bei Reiden nach einem Sturm unter einer gefällten Eiche zum Vorschein kamen. Am Rande des Kommendehügels, der damals noch von einem Graben umgeben war, wurden Riesenknochen gefunden. Der Basler Arzt und Universitätsprofessor Felix Platter hielt sie für die Knochen eines Riesen und errechnete seine Grösse auf 5,6 Meter. Die Gebeine wurden nach Luzern verbracht und im Rathausturm aufbewahrt.“ www.hermannkeist.ch/ Reiden/Geschichte.htm

Weitere „prominente“ Vertreter: „Ein vermeintlicher Riesenknochen von gleicher Größe befand sich damals auch im Besitz eines Oppenheimer Adeligen sowie in einem Speisesaal im badischen Ettlingen nahe Durlach. Außerdem hingen zu jener Zeit in einigen öffentlichen Gebäuden von Worms imposante "Riesenknochen". Oder der "Luzerner Riese", dessen vermeintliche Überreste 1577 bei Reiden nahe des Vierwaldstätter Sees nach einem Sturm unter einer gefällten Eiche zum Vorschein gekommen waren. Der Basler Arzt Felix Platter errechnete eine Körperlänge von 19 Fuß (also mehr als fünf Meter) für diesen Riesen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden von einem Anatomen die noch vorhandenen Knochenreste eindeutig als die eines Mammuts identifiziert. Platz 4 in der Rangliste damaliger Riesen nahm der biblische Goliath ein. Um Mammutknochen und einen Mammutzahn handelte es sich auch bei den vermeintlichen Resten des "Kremser Riesen" aus Niederösterreich, die 1645 auf dem "Hundssteig" in Krems an der Donau von schwedischen Soldaten beim Ausheben von Schanzwerken zutage gefördert wurden. Matthäus Merian der Ältere hat 1647 im fünften Band seines Werkes "Theatrum Europaeum" den "Kremser Riesenzahn" abgebildet.“
http://wissenschafts news.blog.de/2006/03/10/viele_riesen_geistern_durch_die_sagenwel~629680/

Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, weitere Einzelheiten über den Verbleib des „einheimischen“ Riesenknochens in Erfahrung zu bringen. Möglicherweise befindet er sich heute im Museum für das Fürstentum Lüneburg. Dort finden allerdings gerade Umbaumaßnahmen statt, es ist derweil geschlossen. Auf jeden Fall werde ich hier weiter recherchieren, um endlich an mein heiß ersehntes Foto zu gelangen.

Nachtrag: Seit langer Zeit werden außerdem im Lüneburger Rathaus Knochen der sogenannten „Salzsau“ aufbewahrt, ebenfalls ein legendäres Wesen aus der Stadtgeschichte. Angeblich führte dieses Tier - ein weißes Wildschwein - durch seine ungewöhnliche Fellfarbe (hervorgerufen durch das Suhlen in solehaltigem Schlamm) einen Jäger zu den Salzquellen, welche Lüneburg im Mittelalter zu einem gewissen Wohlstand verhalfen.
Albino
 

Re: Der Knochen des Riesen Goliath in Lüneburg

Beitragvon Annie » 15.11.2011 21:24

Vielen vielen Dank... das ist sehr interessant.
Mir war gar nicht bewusst das so viele "Riesenknochen" existier(t)en... und sie sich so oft in Namen niedergeschlagen haben. Ich denke ich werde mal etwas aufmerksamer auf solche Bezeichnungen achten... vielleicht gibt es das hier in der Gegend ja auch...
Liebe Grüße von
Annie
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Re: Der Knochen des Riesen Goliath in Lüneburg

Beitragvon elperdido » 13.01.2012 11:56

Hi Albino

Danke für diese tolle Recherche ,die wird mir in zukunft sehr dienlich bei so mancher Diskussion sein ,gerade in Bezug zu "Drachen" und"Riesen" und deren ursprung in Fossilien
elperdido
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Re: Der Knochen des Riesen Goliath in Lüneburg

Beitragvon Albino » 17.05.2012 15:53

Vielen Dank für das angenehme Feedback an Euch Beide :) Es sollte natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass sowohl für "Riesen" als auch "Drachen" noch andere Gegebenheiten verantwortlich sind. Bei den Drachen sehe ich schwerpunktmäßig das Himmelsphänomen "Komet" als weiteren Auslöser ... bei den Riesen ist es wohl etwas vielschichtiger. Der Glaube an ihre Existenz wurde ja zum Beispiel auch durch unerklärliche (aus zeitgenössischer Sicht) Bauwerke aus der Vorzeit aufrechterhalten - Stichwort Hünengräber, Stonehenge etc. Aber bereits davor dürften Menschen besonders eindrucksvolle Naturerscheinungen als das Werk "großer" übernatürlicher Wesen empfunden haben. Im volkstümlichen Sagengut finden sich hier und da Belege dafür, dass unter dem Einfluss der Christianisierung einstige Götter zu tumben Riesen degradiert wurden.
Albino
 


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