31 | 07 | 2014
Hauptmenü
Translation
Kryptozoologie-Report
RSS
Partnerprojekte

Cape May-Globster 1921

Pseudo-Plesiosaurier-Prozess vereinfacht dargestelltEs gibt „eine Lektion über stoßzahnbewehrte Seeschlangen-Kadaver“, wie der kanadische (Krypto-)Zoologe Ben Speers-Roesch anhand einiger Beispielfälle von Globstern darlegt. Denn „Augenzeugen von seltsamen Meerestierkadavern sind nur selten ausreichend geschult, um diese korrekt zu identifizieren und Berichte sind im Detail oft spärlich und betonen Merkmale, die den Zeugen an andere Tiere erinnern, anstatt an spezifische anatomische Merkmale“. Allgemein ausgedrückt lassen Fälle, wie beispielsweise der des Kadavers von Ataka, gewisse beschreibende Tendenzen oder besser Merkmale erkennen, die bei einer Identifizierung hilfreich sein können. Eine der bekannteren solch beschreibender Tendenzen ist die Plesiosaurier-ähnliche Form angenommen von einzelnen Riesenhai-Kadavern, was letztlich auch zur Prägung des Begriffs „Pseudo-Plesiosaurier“ geführt hat. Die Nennung von „Stoßzähnen“ ist ein weiteres solches Merkmal, denn hinter dieser Charakteristik stecken in der Regel die auseinander gebrochenen Unterkieferbögen eines Bartenwals. Ein solcher Fall ist auch der des Cape May-Kadavers von 1921.

Der Cape May-Kadaver

Cape May ist eine Stadt und zugleich ein County im US-Bundesstaates New Jersey, gelegen an der Südspitze der ebenfalls Cape May genannten Halbinsel zwischen der Delaware Bay und dem Atlantik. Gleich zwei Globster wurden in der Vergangenheit bei Cape May angeschwemmt und in der Literatur erwähnt. Der erste im Oktober oder November 1887, der zwar laut Boston Courier vom 06. November 1887 von Wissenschaftlern vermessen und untersucht wurde, von dem aber bislang keine konkrete Identifikation vorliegt. Vom zweiten Kadaver berichtet uns 1923 der englische Autor, Reisende und Abenteurer Frederick Albert Mitchell-Hedges in seinem Buch „Battles with Giant Fish“:

[...] Im November 1921, vor Cape May, wurde eine große Bestie angeschwemmt. Dieses Säugetier, das schätzungsweise mehr als 15 Tonnen gewogen hat, und das – um einen Vergleich für seine Größe heranzuziehen – beinahe so groß war wie fünf ausgewachsene Elefanten, wurde von vielen Wissenschaftlern besichtigt, die es aber nicht einordnen konnten und eindeutig erklärten, dass es sich mit nichts vergleichen ließe, was der Wissenschaft bisher bekannt sei.
Die Fotografien die in vielen Zeitungen publiziert wurden zeigten, dass dieser moderne Leviathan ein wenig dem Elefanten ähnelt – tatsächlich kann es am besten beschrieben werden als ein See-Elefant, aber von riesigen Proportionen.

Diesen Fall nutzte Mitchell-Hedges neben einigen weiteren als Beleg für seine Aussage, dass die „großen Bestien der Mesozoikum-Periode“ noch existierten. Ein 1922 publizierter Leserbrief zu seinem Buch von einem gewissen C.H. Fraser in der New York Times bestätigt diese Meinung noch, es handle sich wohl um ein kürzlich noch lebendes, prähistorisches Lebewesen. Damit lagen beide Schreiber jedoch falsch, wie die Recherchen des amerikanischen Autors und Pionier der Erforschung unerklärlicher Phänomene, Charles Hoy Fort, ergeben sollten. Dieser greift 1931 in seinem Buch „Lo!“ den Bericht von Mitchell-Hedges nochmals auf:

Jemand aus Cape May schrieb mir, dass es sich bei dem Ding um den äußerst unappetitlichen Leichnam eines Wals gehandelt habe, den man aufs Meer hinausgeschleppt hätte. Jemand anders schrieb mir, er habe mit eigenen Augen sehen können, dass es sich um ein Ungeheuer mit einem zwölf Fuß langen Stoßzahn gehandelt hätte. Wenn ich wollte, würde er mir ein Foto des Ungeheuers schicken. Nachdem er mir erklärt hatte, er habe ein Geschöpf mit einem zwölf Fuß langen Stoßzahn gesehen, schickte er mir ein Foto von einem Wesen, das zwei jeweils sechs Fuß lange Stoßzähne hatte. Aber nur einer der vermeintlichen Stoßzähne ist auf dem Foto deutlich zu sehen, und es mag sein, dass es lediglich der Kieferknochen eines Wals ist, der wie ein Stoßzahn aufgestellt wurde.

Nachfolgende Autoren, wie zum Beispiel Dr. Bernard Heuvelmans, folgen Fort in dessen Einschätzung. Mit den oben präsentierten Fakten endet das in der einschlägigen Literatur überlieferte Wissen, neuerliche Recherchen belegen nochmals die Richtigkeit der Identifizierung.

Neue, aber alte Informationen

Die Warsaw Daily Times and the northern Indianian berichtete am 26. November 1921 über den Kadaver. Neben der konkreteren Größenangabe von 23 Metern stellt man fest, dass nicht einmal „der älteste Segler an der Küste sagen könnte was für eine Art von Fisch es wäre“. Diese dachten vielmehr „es sähe wie eine Kreuzung zwischen einem Wal und einer Seekuh aus“. Derselbe Zeitungsbeitrag beinhaltet auch ein Foto - allerdings in sehr schlechter Qualität. Mit der überaus freundlichen und kompetenten Hilfe des Reference Department der Cape May County Bibliothek ist es gelungen, ein qualitativ zumindest etwas besseres Foto im Idaho Statesman vom 19. September 1921 zu lokalisieren. Die Bibliotheksmitarbeiter fanden zudem auch einige weitere Zeitungsartikel, so dass nicht nur ein relativ gutes Foto des Seemonsters präsentiert werden kann, sondern in Folge auch die Datierung des Kadaverfunds auf November 1921 in Frage gestellt werden muss.

Cape May-Kadaver von 1921

Die Stoßzähne des „Riesen-Fischs

Am markantesten fällt einem sicherlich der „Stoßzahn“ rechts auf dem Bild des stark verwesten und zerstörten „See-Elefanten“ auf. Unterhalb der beobachtenden Personen links, liegt wahrscheinlich sein Gegenstück, der rechte „Stoßzahn“ (wie Fort bereits feststellt, ist dies jedoch sehr undeutlich zu sehen). Ein entsprechendes Skelett macht deutlich, dass es sich bei den Stoßzähnen um nichts anderes als die Unterkieferbögen eines Bartenwals (Mysticeti) handelt.

Der Unterkiefer dieser Wale besteht, als Gegenstück zu den mit langen Hornplatten (den sogenannten Barten) ausgestattetem Oberkiefer, aus zwei langen, rundlichen und nach außen gebogenen zahnlosen Knochenbögen, die in der symphysischen Region (der vorderen Region, an der beide Knochenbögen zusammentreffen) nicht fest miteinander verbunden sind. Die Symphyse besteht vielmehr aus einem flexiblen Polster aus Faserknorpeln, wobei diese Flexibilität zum Beispiel bei der als Intervall- oder Schluckfiltrieren bekannten Nahrungsaufnahme eine Rolle spielt. Erleidet ein Bartenwal eine entsprechende Verletzung wodurch diese Region in Mitleidenschaft gezogen und durchtrennt wird, kann bei einem angeschwemmten Kadaver durch die nunmehr getrennten Unterkieferbögen der Eindruck von hervorstehenden Stoßzähnen entstehen.

Unterkieferbögen / Walkadaver mit Stoßzähnen

Kopfform und Furchenhaut

Nachdem die „Stoßzähne“ des Kadavers auf die Unterordnung der Bartenwale hinweisen, deutet die spitz zulaufende Kopfform (und damit einhergehend natürlich auch die weiter unten aufgeführten spezifischen Merkmale) darauf hin, dass es sich um einen Furchenwal (Familie Balaenoptiidae) handelt. Hinzu kommt der Eindruck einer von der Spitze kommend auf das Blasloch zulaufenden Rostrumleiste. Und direkt hinter dem linken Kieferbogen, lässt sich wahrscheinlich auch noch ein Teil der typischen Furchenhaut erkennen. Diese namensgebenden Furchen sind Längsfalten der Haut, die sich von der Spitze des Unterkiefers bis etwa zur Bauchmitte ziehen. Dieses Merkmal hebt die Balaenoptiidae von allen anderen Walen ab.

Kopfform und Hautfurchen

Zwei „See-Elefanten“ bei Cape May?

Während die Identifizierung von Fort als richtig angesehen werden kann, sieht es mit dem tatsächlichen Monat des Vorfalls etwas anders aus. Wie zitiert, schrieb ein zweiter Einwohner von Cape May an Fort, dass es sich um den Kadaver eines Wals handelte, den man wieder auf See gezogen habe. Tatsächlich finden sich auch mindestens zwei diesbezüglichen Berichte aus Cape May in der New York Times.

Am 04. September 1921 berichtet diese, dass während der Nacht ein toter, dreizehn Meter langer Wal am Fuß der Queen Street in Cape May angeschwemmt wurde. Man denke, dass das Säugetier bei einem Manöver der Navy bei den Virginia Kaps durch eine Flugzeugbombe verletzt wurde und später durch Haiangriffe, die zu großen Wunden führten, getötet wurde. Dies sei seit zwanzig Jahren der erste Wal zu Besuch bei Cape May, so dass viele Schaulustige auch von weither kamen um das tote Tier zu betrachten. Einige gingen davon aus, dass es sich um denselben Wal handelt, der zuvor bei der Stadt Lewes im Bundesstaat Delaware gestrandet und wieder auf See gezogen wurde. Es sei der dritte angeschwemmte Wal an der Küste von Jersey in diesem Sommer, die anderen strandeten in Wildwood und Seagirt.

Am 05. September 1921 setzt sich das Schicksal der Tierleiche fort. Nachdem drei Versuche gescheitert waren den Kadaver der Flut zu überlassen, wurde er von Captain Howard Smith von der „Schellenger Landing“-Fischflotte mit einem Schiff auf See gezogen. Der zu Besuch in Cape May weilende Walfang-Kapitän Olsen ist der Ansicht, der Wal sei vermutlich von einer Schule von Haien angegriffen worden, die kleine Stücke aus seiner Seite gefressen haben. Bis letztlich einer der größeren Haie ihn von unten attackiert und ausgeweidet habe. Besonders interessant an diesem Bericht ist die Feststellung, dass die Haie ihn „an einigen Stellen bis zu den Knochen angefressen haben und die zwei langen Knochen nahe dem Kopf mit Stoßzähnen verwechselt wurden.

Es stellt sich also die Frage, ob innerhalb weniger Monate (September und November) gleich zwei Walkadaver bei Cape May angeschwemmt wurden – wobei bei beiden die Unterkieferknochen als „Stoßzähne“ verwechselt wurden? Oder ob es sich um ein und dasselbe Tier handelte? Und es gibt noch mehr Fragen, denn sprechen die unterschiedlichen Längenangaben von 23 und 13 Metern für zwei Individuen? Oder ist dies vergleichbar zu anderen Globsterfällen, in denen auch derartige Unterschiede auftauchen und eine Angabe davon einfach falsch beziehungsweise unpräzise ist? Und wenn es doch zwei Walstrandungen waren, warum erwähnt kein Pressebericht im November das öffentlich vielbeachtete und identische Ereignis vom September?

Ein „See-Elefanten“ bei Cape May!

Wie bereits erwähnt fand das Reference Department der Cape May County Bibliothek ein Foto und einen dazugehörigen Artikel im Idaho Statesman datierend auf 19. September 1921. Foto und Elemente beziehungsweise Formulierungen dieses Textes, wie beispielsweise die Länge von 23 Metern oder die eingangs erwähnten „unwissenden“ alten Seemänner, tauchen wortgleich in späteren Berichten auf. Anhand dessen und angesichts aller anderen Fakten muss das Funddatum des stoßzahnbewehrten Cape May-Globsters von 1921 von November auf September vordatiert werden.

Um diesen Punkt abzusichern sind letztlich weitere Recherchen nötig. Wie andere Fälle aber zeigen, ist es auch nicht ungewöhnlich, dass Zeitungen ältere Berichte erst Tage oder Wochen später publizieren. Es besteht also die Möglichkeit, dass Mitchell-Hedges und Fort als Quelle nur spätere, im November publizierte Quellen vorlagen.

Quellennachweis:

  • Anonymous (1921) 45-ft. whale at Cape May
    In: The New York Times, 04. September 1921
  • Anonymous (1921) Cape May banishes whale
    In: The New York Times, 05. September 1921
  • Anonymous (1921) –
    In: Idaho Statesman, 19. September 1921
  • Anonymous (1921) What is the strange sea monster?
    In: The Democratic Banner, 21. Oktober 1921

  • Anonymous (1921) What is the strange sea monster?
    In: Warsaw Daily Times, 26. November 1921
  • Fort, Charles H. (1975) Lo!. New York: Garland
  • Fraser, C. H. (1922) Big fish
    In: The New York Times, 12. März 1922
  • Heuvelmans, B. (1968). In the Wake of the Sea-Serpents. New York: Hill and Wang.
  • Mitchell-Hedges, Frederick A. (1928) Battles with giant fish. London: Duckworth
  • Nowak, R.M. (2003) Walker’s Marine Mammals of the World. Baltimore. The John Hopkins University Press.
  • Roesch, Ben (2007). A lesson about tusked sea-serpent carcasses
    URL: http://www.forteantimes.com/exclusive/roesch_01.shtml [Stand: 02.05.07]
  • Tinker, Spencer Wilkie (1988) Whales of the World. Bess Press Inc.

Bildnachweis:

  • Riesenhai und Pseudo-Plesiosaurier-Prozess: Markus Bühler/Markus Hemmler
  • Cape May-Kadaver: Anonymous (1921)
    In: Idaho Statesman, September 19, 1921
  • Blauwal-Skelett im Beaty Biodiversity Museum: Big Dave Diode
    (http://www.flickr.com/photos/big-dave-diode/4803211199/in/set-72157624400436175, CC BY-NC-SA 2.0)
  • Walkadaver mit Stoßzähnen: ligthmatter
    (http://www.flickr.com/photos/lightmatter/, CC BY 2.0)
  • Toter Bryde-Wal: npwsnorthernmarine
    (http://www.flickr.com/photos/26814718@N08/5267672463/)

Vielen herzlichen Dank an Claire Jaycock, Lawrence "npswnorthernmarine" und vor allen anderen insbesondere an das Reference Department der Cape May County Bibliothek für ihre Hilfe!