16 | 09 | 2014
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Framboise-Dinosaurierkadaver

Pseudo-Plesiosaurier-Prozess vereinfacht dargestelltEinige Globster erinnern von ihrer äußeren Form mit oftmals einem kleinem Kopf, einem langen dünnen Hals, einem großer Körper mit Flossen und einem spitz zulaufenden Schwanz auf den ersten Blick an einen Vertreter der ausgestorbenen marinen Reptiliengruppe der Plesiosaurier. Tatsächlich jedoch handelte es sich bei allen Fällen in denen genügend Material oder Daten zur Identifikation vorhanden waren, ausnahmslos um Kadaver von Riesenhaien (Cetorhinus maximus), was letztlich 1989 zur Prägung des Begriffs „Pseudo-Plesiosaurier“ durch Daniel Cohen in seinem Buch „Encyclopedia of Monsters“ führte.

Der dahinter stehende Prozess lässt sich verallgemeinert wie folgt beschreiben: Sobald das Gewebe des Hais weich wird, fällt der gesamte Kiemenapparat des Plankton filtrierenden Fisches inklusive des Kiefers weg. Vom vorderen Körper beginnend ab den Brustflossen bleiben nur die Wirbelsäule und der in Relation zum Körper kleine Schädel übrig. Die Wirbelsäule verläuft wie bei allen Haien heterozerk, dass heißt die Wirbel laufen an der Schwanzflosse ausschließlich nach oben. Verschwindet der untere Flossenlappen verwesungsbedingt oder aus anderen Gründen sieht es im Ergebnis so aus, als verfüge das Tier lediglich über einen langen, spitz zulaufenden Schwanz. Hinzu kommen weitere allgemeine Prozesse und Faktoren, so verrotten die Haut, das Fleisch und auch die Rückenflosse oder werden von Fischen aufgefressen, die Fasern der Muskeln brechen auf, was den Eindruck von Haaren beziehungsweise das Vorhandensein einer Mähne erweckt usw. usf. Zahlreiche Fälle derartiger Pseudo-Plesiosaurier sind im Laufe der Jahre bekannt und beschrieben worden, darunter beispielsweise der Querqueville-Kadaver von 1934 aus Frankreich, der Deepdale Holm- und der Hunda-Kadaver von 1941 aus Schottland, das Scituate-Monster von 1970 aus Massachusetts oder auch der kanadische „Parkie“ von 2002. Zum besseren Verständnis dieses Prozesses ist es natürlich wichtig möglichst jeden Fall zu erfassen, weshalb im Folgenden ein bislang wenig dokumentierter und scheinbar vergessener Fund präsentiert werden soll.

Der Kadaver des Framboise-„Dinosauriers“ wurde am beziehungsweise um den 16. Juli 1976 bei Framboise, einer kleinen Fischersiedlung an der südöstlichen Küste der Kap-Brenton-Insel im kanadischen Bundesstaat Nova Scotia angeschwemmt. Der Calgary Herald berichtet am 17.06.1976 unter dem Titel „Sea washes up monster. Residents perplexed, frightened ... carcass has appearance of dinosaur“ (Meer spült Monster an. Einwohner verblüfft, verängstigt ... Kadaver hat Aussehen von Dinosaurier):

Der schlecht verweste Kadaver, über 25 Fuß [7,62 m] lang, hat die Einwohner der kleinen Fischergemeinschaft 10 Meilen südlich von Sydney verblüfft und einige ein wenig verängstigt.

Der Kadaver hat einen über drei Fuß [0,9 m] langen Hals mit einer 18 Inch [45,72 cm] breiten dorsalen Flosse halb den Rücken hinunter, zwei hinterbeinartige Konstruktionen und ein Paar von flossenartigen Vorderfüßen. Teile des Körpers enthielten, was wie Haar erschien. Es hatte einen schlaffen Magen und keinen offensichtlichen Brustkorb.

Die Titulierung als „Dinosaurier“ beziehungsweise die Beschreibung als „dinosaurier-ähnlich“ ohne weitergehende Informationen, hat in Folge bei einigen Personen zu falschen Schlussfolgerungen geführt.Hydrorion brachypterygius, ein Plesiosauridae Tatsächlich dürfte bereits der gewählte Begriff „Dinosaurier“ vermutlich eine Verwechslung des Artikelverfassers gewesen sein und gemeint waren weitläufig verwandte marine Reptilien wie eben der Plesiosaurier. Wie dem auch sei, handelt es sich beim „Dinosaurier von Framboise“ tatsächlich um einen überlebenden Vertreter einer seit Jahrmillionen ausgestorben gedachten Tierart? Nein.

Das bereits erwähnte Foto stammt aus einem eingescannten Presseartikel und ist von relativ schlechter Qualität. Dennoch lassen sich markante Merkmale feststellen, die im Zusammenspiel mit Erkenntnissen aus gleichartigen Fällen und genereller Kenntnis über Haie eine Identifikation anhand dieses Fotos ermöglichen. Die korrekte Identifikation erfolgte bereits zur damaligen Zeit durch Dr. Paul Brodie, Meeresäugetierexperte vom Bedford Institute of Oceanography, und, wie in The Leader-Post vom 21.06.1976 erwähnt, auch durch Dr. Barry Mair, Forschungsdirektor für das Federal Fisheries Department in Halifax. Der Calgary Herald berichtet über die Identifikation von Dr. Brodie:

Ein Marinebiologe sagte Freitag, ein dinosaurier-ähnlicher Kadaver der an einem Strand bei Framboise, N. S., angeschwemmt wurde, erscheint der eines männlichen Riesenhais zu sein. [...] das Paar von hinterbeinartigen Auswüchsen scheinen die Klasper zu sein die alle männlichen Haie bei der Paarung nutzen. Die vorderen wären die Flossen des Hais. Obwohl ein Hai einen großen Kopf hat, umhüllt nur ein kleiner Schädel sein Gehirn, erklärend für den kleinen Kopf und den offensichtlich langen Hals. Die Kiefer und Kiemenstrukturen würden in der Zersetzung wegfallen.

Dr. Brodie sagt, Berichte von Haar auf dem Tier könnten möglicherweise Stränge von zersetztem und erodierten Muskelgewebe gewesen sein.

Die Größe und das Fehlen eines Brustkorbs passen zur Beschreibung eines Riesenhais. Ein Walkadaver hätte einen auffallenden Brustkorb.

Bei den Ausführungen von Dr. Brodie beziehungsweise dem hier beschriebenen Vorgang und seinen Folgen handelt es sich eindeutig um den dargestellten Pseudo-Plesiosaurier-Prozess: Im Vordergrund, am Ende der teilweise freiliegenden Wirbelsäule, findet sich ein kleiner Schädel, der komplette Kiemenapparat und die Kiefer sind verschwunden. Die rechte pektorale Brustflosse ist noch festzustellen, alle anderen Flossen sind offenbar bereits abhanden gekommen. Am hinteren Ende deutlich zu erkennen sind die sogenannten „Klasper“, die männlichen Begattungsorgane, bestehend aus umgeformten, röhrenförmig eingerollten Bauchflossen.

Ein visueller Vergleich zwischen dem Framboise-„Dinosaurier“ und einem in beinahe exakt derselben Lage 2008 in Chile angeschwemmten männlichen Riesenhai-Kadaver zeigt deutlich wie sehr der Pseudo-Plesiosaurier-Prozess das ursprüngliche Tier verändert.

Vergleich: Framboise-Dinosaurier und Riesenhai

Quellennachweis:

  • Anonymous (1976) Sea washes up monster
    In: The Calgary Herald, 17. Juli 1976
  • Anonymous (1976) Monster
    In: The Telegraph, 17. Juli 1976
  • Anonymous (1976) “Monster” identified
    In: The Leader-Post, 21. Juli 1976
  • Baker, Margaret (1979) Folklore of the Sea. London: David and Charles
  • Bright, M. (1989). There are giants in the sea. London: Robson Books
  • Cohen, D. (1989). Encyclopedia of Monsters. London: Guild Publishing
  • Dinsdale, Tim (1966) The Leviathans. London: Routledge & Kegan Paul
  • Hamlett, W. C. (1999). Sharks, Skates, and Rays: the Biology of Elasmobranch fishes. Baltimore: The Johns Hopkins University Press
  • Heuvelmans, B. (1968). In the Wake of the Sea-Serpents. New York: Hill and Wang.
  • Fairfax, D. (1998). The basking shark in Scotland. East Linton: Tuckwell Press.
  • Matthews, LH (1950). Reproduction in the basking shark. Philosophical Transactions of the Royal Society of London Series B 234, 247–316
  • Norman, J. R.; Fraser, F. C. (1938) Giant fishes, whales and dolphins. New York: Norton & Company

Bildnachweis: