28 | 03 | 2017
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Vom Monster zum Forschungsobjekt – die einzigartige Geschichte des Architeuthis

Vom Monster zum Forschungsobjekt – die einzigartige Geschichte des Architeuthis

 

Teil I:  Wahrer Seemannsgarn ! 

 

Frankreich. Frühes 19. Jahrhundert. Die Vorstellungswelt der Naturkunde befindet sich in der festen Hand der Aufklärung und ihrer wissenschaftlichen Errungenschaften. Für Religion, Aberglaube und magische Deutung ist in den intellektuellen Kreisen Europas kein Platz mehr. Bürgerliche Werte rücken an die Stelle religiöser Heilsversprechen. Der Mensch unterwirft die Natur. Sie wird beherrschbar, berechenbar, greifbar. Ende des 18. Jahrhunderts verschwinden die letzten großen Raubtiere in den meisten Regionen auf dem europäischen Kontinent, der Rest der Welt und seine indigene Bevölkerung werden mit kanonengeschützten Handelsschiffen für wirtschaftliche und geopolitische Interessen erschlossen und unterworfen. Das Zeitalter des globalen Menschen hat endgültig begonnen. Die Natur wird sein Zugpferd. Man fürchtet die Natur nicht mehr, man klassifiziert sie. Carl von Linné hat schon 1735 in seinem „Systema Naturae“ gezeigt, wie das funktioniert. Europäische Naturkundler wollen auch den letzten Winkel der Welt erkunden, alles wissen, alles beschreiben, das Verborgene auskundschaften und in ihre neuen Raster führen, ob das nun geht oder nicht. Das ist die eigentliche Geburtsstunde der Kryptozoologie. Und von Anfang an ist sie eine tödliche Leidenschaft.

Das bezeugt die Lebensgeschichte eines Kindes dieser Zeit: Er ist ein französischer Naturkundler und hat 1802 sein Werk „Naturgeschichte der Weichtiere im allgemeinen und besonderen“ geschrieben. Vor allem die großen Tintenfische haben es ihm angetan. Seine Phantasie ist besessen von dem Glauben an gigantische Kopffüßer, die dem Menschen auch im Zeitalter von Feuerwaffen, Dampflock und „Spinning Jenny“ noch gefährlich werden können. Aber wer spricht in dieser Zeit denn noch von Glaube? Denn schließlich trifft Pierre Denys de Montfort mit seiner Überzeugung, ja seinem angeblichen Wissen über die Existenz dieser gigantischen Geschöpfe aus den Tiefen der Meere durchaus den Geist der Zeit. Oder ist es ein Zufall, dass Jules Verne in seinem 1869 veröffentlichten Roman „20 000 Meilen unter dem Meer“ Kapitän Nemos „Nautilus“ gegen einen gigantischen Tiefseetintenfisch antreten lässt? ..

Jedenfalls beschäftigte sich der französische Naturwissenschaftler zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit vielarmigen Tiefseeungeheuern. Und tatsächlich hatten die Seeleute so Einiges zu erzählen. Schon 1788 berichtete der Walfänger Dr. Swediaur im „Journal de Physique“, dass er im Hals eines Pottwals ein 27 Fuß (ca. acht Meter!) langes Tentakel eines großen Kopffüßers gefunden hatte.[1] De Montfort, der das Statement las, war begeistert und entschloss sich, amerikanische Walfänger, die im französischen Dünkirchen eine Station errichtet hatten, nach derartigen Funden zu befragen. Auch sie konnten ihm Ähnliches bestätigen. Ein Kapitän namens Benjohnson erblickte im Maul eines erlegten Pottwals ein Arm eines gigantischen Tintenfisches, der so dick wie der Mast seines Schiffes gewesen sein soll, und es auf 11 Meter brachte, obwohl an beiden Enden einige Stücke fehlten! Die Saugnäpfe sollen so groß wie ein Hut gewesen sein![2]

Daraufhin fing de Montfort an, wild drauflos zu spekulieren.[3] Und verspekulierte sich wohl gehörig. Doch abseits aller Phantasterei: irgendetwas schien da unten zu lauern. Nicht nur de Montfort wusste von diesen „Seeteufeln“. Laut dem Seefahrer Grandpié zufolge fürchteten die Bewohner der amerikanischen Küste diese übergroßen Kopffüßer schon lange.[4] Auch von sizilianischen Tauchern hörte man von derartigen Wesen mit der Größe eines Mannes und 10 Fuß (ca. 3 Meter) langen Armen.[5] Selbst aus Polynesien kamen derartige Gerüchte,[6] ganz zu schweigen von den vielen Textstellen über Polypen, Kraken, und Skyllas in den Schriften der Antike und Europas Norden, die vor allem seit der Renaissance (fälschlicherweise) von naturkundlich interessierten Intellektuellen als übergroße Kalmare, Oktopoden oder Sepias interpretiert wurden.[7] Aufgrund dieser Kommentare und vielen Berichten aus der amerikanischen Pottwalfängerei, die sich  im 18. Jahrhundert vollständig etabliert hatte, machten sich in jener Zeit so einige Naturwissenschaftler wie Louis Augustin Guillaume Bosc oder Jacques-Christophe Valmont de Bomare ernsthafte Gedanken darüber, was hinter diesen Erzählungen stecken könnte.[8] De Montfort war also nicht allein. Er selbst war lediglich der größte Propagandist in dieser Sache. Von den Walfängern hörte er weitere Geschichten über gigantische Fangarme, die man während der Jagd aufgelesen hatte. Kapitän Reynolds wusste ihm von einem Tentakel zu erzählen, das man zuerst für eine Seeschlange hielt und erst an Bord hievte, nachdem man sich von der Harmlosigkeit des Gebildes überzeugt hatte. Als man es dann ausmaß, soll es 13 Meter gemessen und einen Durchmesser von 75 Zentimeter gehabt haben! Angespornt von derartigen Aussagen, avancierte seine Abhandlung über Mollusken und Weichtiere zu einem regelrechten Gruselkabinett, das von Übertreibungen und Spekulationen nur so wimmelte.[9] Was davon wahr ist und was nicht, lässt sich heute wohl schwer nachvollziehen. In diese Legenden fällt auch das Ereignis, das in Verbindung steht mit jenem berühmten Bild, das einen gewaltigen Kopffüßer zeigt, der ein Schiff mit seinen Tentakeln umschlungen hat. Ein aus Afrika stammendes Segelschiff war gerade vor der Küste Angolas beladen worden, als plötzlich aus den Fluten ein gigantischer Tintenfisch auftauchte, und das Schiff bis zu den Mastspitzen mit seinen Tentakeln umgarnte und somit fast zum Kentern brachte. Mit Äxten und Hilferufen an ihren Schutzpatron, dem heiligen Thomas, versuchten sich die armen Seeleute zu helfen. Und tatsächlich ließ die Kreatur von dem Boot ab und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Zum Glück. Nach der Rückkehr soll die Mannschaft ebendieses Gemälde für die Kapelle des heiligen Thomas in Sankt Malo gestiftet haben.[10] Recherchen des Michael Meurger zufolge ist es jedoch äußerst zweifelhaft, dass dieses Gemälde in der besagten Kirche jemals existiert hat.[11] Das ist nicht die einzige Horrorstory, von der Montfort zu berichten weiß: Als das Schiff von Jean Magnus Dens, das von St. Helena nach Cape Negro unterwegs war, in eine Flaute geriet und man die Zwangspause für Arbeiten am Schiff nutzen wollte, die Matrosen von Stellagen aus erledigten, erschien plötzlich ein riesiger Tintenfisch, schnappte sich zwei der Seeleute mit seinen Tentakeln und holte nach einem Dritten aus. Dieser konnte sich allerdings in die Takelage retten und versuchte so, den tödlichen Armen zu entrinnen, die ihn jedoch in dieser Position einquetschten. Seine Kameraden versuchten mit Harpunen, die drei Seeleute zu retten und beschossen das Monster, doch das Beast hatte die Beiden fest im Griff und zog sie unter Wasser. Der dritte Mann wurde – eingeschlossen von einem Fangarm und der Takelage – derart zerdrückt, dass er in der folgenden Nacht, offenbar an inneren Verletzungen, starb. Einen der Tentakel konnten die Matrosen allerdings abhacken: er maß 7,5 Meter.[12] 

Auch hier gilt: Was daran war ist oder erfunden, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Montfort jedenfalls büßte nach der Veröffentlichung seines „Gruselkabinetts“ den Ruf eines seriösen Wissenschaftlers komplett ein, wurde innerhalb der Fachkreise verspottet und vernarrt. Keines seiner Werke wurde beendet, der enthusiastische Wissenschaftler starb verarmt und verlassen. P. Werner Lange bleibt zu seiner Geschichte nichts als jenes traurige Resümee:

Pierre Denys de Montfort ist das wohl einzige Opfer, dass die „Seeteufel“ auf dem Festland forderten. Niemand weiß heute mehr, ob es das Jahr 1820 oder 1821 war, als man ihn tot in einer Straße von Paris auffand.“[13]

In der Tat hören sich de Montforts Geschichten phantastisch an. Henry Lee äußert in seinem Werk „Seamonsters Unmasked“ erhebliche Zweifel an seinen Ausführungen, die nicht nur eine große Ansammlung von naiven enthusiastischen Übertreibungen über die Größe und Herkunft seiner Tiefseeungeheuer seien, sondern angeblich sogar auf bewussten Fälschungen seitens des Autoren beruhen. So soll Montfort nach der Geschichte über den Poulpe, der das Schiff vor Angola versenken wollte, M. Defrance gegenüber bemerkt haben: „Wenn sie mein krakenumschlungenes Schiff schlucken, dann werde ich meinen ‚colossal poulpe‘ eine ganze Flotte überfallen lassen“[14] und in der Tat behauptete er wohl später, sechs den Franzosen abgenommene Kriegsschiffe und durch vier britische, die sie  begleiteten, seien von gewaltigen Oktopoden versenkt worden. Doch diese besagten Schiffe kamen in Wirklichkeit alle unversehrt in Jamaica an. Fünf Monate später fielen allerdings neun englische Schiffe einem gewaltigen Sturm zum Opfer.[15] Aber keinem Tiefseemonster. So ist der Verdacht, Montfort neige zu Fälschungen und Scharlatanerei, durchaus gerechtfertigt. Welche und ob überhaupt eine von seinen Geschichten wirklich passiert ist und ob es überhaupt geschah, lässt sich heute nicht mehr nachprüfen. Es sei bemerkt, dass Henry Lee der Geschichte von dem Tintenfisch, der drei Matrosen unter dem Kommando von Kapitän Dens auf dem Gewissen hat, Glauben schenkte, weil der Kommandant als glaubwürdiger Mann gegolten habe. Ob de Montfort jedoch bewusst Geschichten über Schiffe versenkende Seeungeheuer in die Welt gesetzt hat oder ob das Behauptungen sind, die im Rahmen des Spotts, den er für seine Spekulationen ernten musste, aufgekommen sind, geht aus der Literatur nicht hervor. Er schien jedoch eher einen ungesunden Ehrgeiz der Beweisführung für seine Tintenfische entwickelt zu haben als bewusst zu fälschen. Michael Meurger spricht in einem Aufsatz im Magazin „Fortean Times“ gar von einer Obsession.[16] Für eine reine Fälschung war die Wirklichkeit dahinter fast schon zu nahe.

Denn in der Tiefe gab es tatsächlich etwas zu entdecken, etwas, das selbst den noch so phantasiebegabtesten Geistern der bürgerlichen Aufklärung zu abstrakt erschien, um wahr zu sein. Was war es, das die Gemüter von Seeleuten, Wissenschaftlern, Abenteurern, Romanautoren und Scharlatanen im 19. Jahrhundert derart zu erhitzen vermochte? War die Welt doch nicht so leicht erklärbar, wie es einem die neuen technologischen Entwicklungen zu glauben machen wollten? Die Antwort sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen..

Am Nachmittag des 30. Novembers 1861 befindet sich der französische Aviso „Alecton“ in den Gewässern bei den Kanarischen Inseln, um im nahen Teneriffa an Land gehen zu können. De Montfort ist schon lange tot, doch gerne hätte er sich wohl mit den Matrosen dieses Schiff an Deck befunden. Denn plötzlich erblickt einer von ihnen eine seltsame Kreatur mit einer ganzen Anzahl von Tentakeln, die sich im Wasser winden. Sofort wird der Wachoffizier benachrichtigt, der wiederum den Leutnant Frédéric Marie Boyer informiert, den man nur ungern aus seiner Mittagsruhe weckt. Glücklicherweise verschreckt ihn dieses seltsame Wesen im Wasser ebenso wie die Mannschaft und er gibt den Feuerbefehl. Allerdings herrscht starker Seegang, und keiner der Schüsse erreicht sein Ziel. Also rudert die Mannschaft an das Tier heran und attackiert es mit Harpunen. Der Tintenfisch lässt sich das nur ungern gefallen. Er versucht immer wieder, mit seinem aufgerissenen Papageienschnabel seine Peiniger zu erhaschen und sich von der Leine der Harpunen zu lösen, wobei jedes Mal mehr Stücke aus seinem gallertartigen Fleisch gerissen werden. Nach drei Stunden scheint die Sache dann endlich vorbei. Man will es mit einer um den Rumpf geschleiften Schlinge aus dem Wasser hieven, zertrennt dabei aber den weichen Körper, so dass nur ein 20 Kilogramm schweres Stück des Schwanzes übrig bleibt. Als die Männer dem halbtoten Rest des Tieres nachsetzen wollen, wird das vom Kommandanten strengstens untersagt, denn es jagt Boyer ihm immer noch ausreichenden Respekt ein. In Teneriffa angekommen wendet er sich  sofort an den französischen Konsul und bittet ihn um einen Besuch an Bord, woraufhin dieser über das seltsame „Fundstück“ ebenso staunt wie die Mannschaft. Er verfasst einen Rapport, der zusammen mit einer beigefügten Zeichnung des Matrosen über den Kampf an das Marinekommando geschickt wird. Doch daheim will man nicht glauben, was passiert ist.[17]

In einem Gremium der französischen Akademie der Wissenschaften, der man das Material 1862 vorlegt, heißt es hierzu fast schon peinlich skeptisch: „Es ist sehr gut möglich, dass die von verschiedenen Reisenden vorgewiesenen und als von riesenhaften Oktopoden oder Kalmaren stammend bezeichneten Fragmente in Wirklichkeit die Überreste einer Meerespflanze sind. Die weiche Beschaffenheit deratiger Teile von mehr oder minder bedeutender Größe, ihre klebrige Oberfläche und braune oder rötliche Farbe, der starke Geruch, den sie aussenden, all das sind Charakteristika einer großen Anzahl von Produkten des Meeres, und es besteht keinerlei Grund dafür, sie deshalb eher tierischen als pflanzlichen Organismen zuzuordnen.“[18]

Doch dabei liegt die Wahrheit auf der Hand. Es fällt der Menschheit immer noch schwer, zu glauben, was das Meer um sie herum beherbergt: einen übergroßen Kalmar, groß genug, um einer Schikane durch Harpunen in einem dreistündigen Kampf die Parole zu bieten. Und trotzdem glaubt man es nicht, obwohl man seit Jahren weiß, dass es diese Tiere gibt.

Denn nach Montforts wissenschaftlichen Amoklauf waren es nur noch zwei Wissenschaftler, die den Gerüchten über vielarmige Seeungeheuer Beachtung schenkten: der Holländer Harting und der dänische Zoologe Johan Japetus Steenstrup. Jener hatte über Jahre Chroniken und Aufzeichnungen verschiedener Bibliotheken und Museen durchsucht, wo von derartigen Wesen die Rede war. Hat sich diese Suche wirklich so zugetragen wie es meine Quelle schildert[19], dann handelte es sich hier um solide kryptozoologische Detektivarbeit. Einer dieser Bericht stammt vom isländischen Forscher Sven Paulsson aus dem Jahre 1790, als nahe Arnarnaesvick eine „Kohlkrabbe“ an den Strand geworfen worden war, deren Körper ohne das fehlende Vorderende 6,5 Meter lang gewesen sein soll und zusammen mit den Armen 12 Meter maß. Bedauerlicherweise wurde das Tier von den Fischern als Köder benutzt. Doch schon bald sollte Steenstrup das gelingen, wovon viele Kryptozoologen heute nur träumen. Im Keller eines Kopenhagener Museums fand der Forscher die konservierten Fragmente eines großen Kopffüßers, die im Archiv als Teile eines „Meermenschen, der unter der Herrschaft König Christians III. im Öresund gefangen worden war“, betitelt wurden. Im Jahre 1854 verfasste Steenstrup einen Artikel darüber. Doch das sollte nicht der einzige Zwischenfall sein, der dem Dänen in die Hände spielte. Ein Jahr zuvor wurde vor der Küste Jütlands in seinem Heimatland ein Kalmar angetrieben. Fischer zerschnitten das Tier zu Ködern, doch zum Glück blieben ein paar Überbleibsel unversehrt, darunter ein 11,5 Zentimeter langer Schnabel, der „Mund“ des Tieres, den Steenstrup nutzen konnte, um einen weiteren physischen Beweis für die Existenz eines großen Kalmars vorlegen zu können. Die endgültige Bestätigung lieferte ein im Dezember 1850 bei Malmö aufgefundenes Exemplar, das dem Forscher ausreichte, um 1857 die neue Spezies wissenschaftlich zu beschreiben. Nun fand sich in Linnés Systemae ein neues Mitglied: getauft Architeuthis dux, der Riesenkalmar oder „Erste unter den Kalmaren“ (griechisch =Architeuthis).[20]

Doch damit war die Geschichte noch nicht vorbei. Das Ereignis, das sich im Oktober 1873 vor der Küste Neufundlands abspielte, ist so spektakulär, dass – sollte es sich so zugetragen haben, denn niemand von uns war schließlich an besagtem Tag mit dabei  - der Riesenkalmar hier nur schwer nicht als Seeungeheuer bezeichnet werden kann. Drei Fischer, Daniel Squires, Theophilus Piccot und dessen Sohn Tom ruderten etwa drei Meilen vor der Küste Neufundlands, als sie „Etwas“ erblickten, das auf dem Wasser trieb. Als sie das vermeintliche Stück Holz mit einem Enterhaken an Bord holen wollten, schlug dieses Ding zu ihrem Entsetzen seinen harten Kiefer in die Bordwand und umschlang das ganze Ruderboot mit riesigen Tentakeln. Montforts Geschichte aus Angola in Miniaturform. Das Wesen verschwand unter der Wasseroberfläche und drohte, Boot und Besatzung mit sich zu ziehen. Es waren nicht die erfahrenen Männer, sondern der zwölfjährige Sohn Tom Piccot, der zu einem Beil griff und dem Tier den Arm abhackte und somit alle vor dem Bad im Eiswasser und einer eventuell bevorstehenden Konfrontation mit der todbringenden Kreatur da unten bewahrte. Denn daraufhin stieß diese eine Wolke schwarzer Tinte aus und verschwand in den Fluten.[21]

Derartige Erzählungen über Seeungeheuer gibt es viele. Die kryptozoologische Literatur ist voll davon. Ob man sie glaubt oder nicht, bleibt meistens einem selbst überlassen. Die Natur bleibt uns Beweise schuldig und macht es jenen, die eine Existenz dieser Tiere für möglich halten, schwer, und jenen hingegen, die der Sache skeptisch gegenüberstehen, leicht. Doch dieses eine Mal, nach dem Angriff auf das Fischerboot in Neufundland, sollte die Geschichte anders ausgehen. Als Beweisstück führten die drei Fischer nämlich den abgehackten Tentakel des Kalmars mit. Ein Teil wurde zu den Hunden geworfen, doch der andere Teil – immerhin immer noch an die 19 Fuß, also fast sechs Meter (!) lang, gelangten noch am selben Tag in die Hände des Pfarrers und Amateurnaturforschers Reverend Moses Harvey, der darüber erschrak, welchen Stress die Begegnung auf die drei Fischer ausgeübt hatte:

Ich fand sie noch ganz unter dem Eindruck des durchlebten Schreckens. Während sie erzählten, fingen sie immer wieder an zu zittern. Am meisten waren sie über die riesigen grünen Augen des Ungeheuers erschrocken, die in einer unbeschreiblichen Wut gefunkelt hatten, sowie über seinen Schnabel, der einem Papageienschnabel ähnelte und plötzlich aus einer Höhlung im Kopf hervorgestoßen war und versucht hatte, sie in Stücke zu reißen.“[22] Das klingt mehr als abenteuerlich. Doch der Tentakel existierte.

Ich war nun im Besitz einer der seltensten Kuriositäten des gesamten Tierreichs – eines echten Tentakels eines bis dahin unbekannten mythischen Teufelsfisches, über dessen Existenz Naturforscher seit Jahrhunderten stritten. Ich wusste, dass in meiner Hand der Schlüssel zu einem der größten Mysterien lag, dass ein neues Kapitel zur Naturgeschichte hinzugefügt werden musste[23], schrieb Harvey später. Der Provinzgeologe von Neufundland, Alexander Murray, war ebenfalls herbeigeeilt und schloss nach der Schilderung, Tom habe den Tentakel mindestens drei Meter vom Kopf entfernt abgehackt, auf eine Gesamtlänge des Arms von 10 Metern.[24]  Der erste Experte für Weichtiere, der mit den Überresten des „Neufundlandmonsters“ in Kontakt geriet, war Professor Addison Verrill von der Yale-Universität, welcher über einen Zeitungsartikel vom dem Vorfall erfahren hatte. Er reiste sofort an den Ort des Geschehens und vermaß den Arm abermals und kalkulierte die Körperlänge auf zehn Fuß (ca. drei Meter) und zwei Fuß und sechs Inch im Durchmesser (also einen knappen Meter). Die Gesamtlänge des Tentakels betrage 32 Fuß (knappe 10 Meter) und die Länge des ganzen Tieres 44 Fuß (13 Meter). Doch dabei blieb es nicht. In jener Zeit kam es zu einer ganzen Reihe von Strandungen in Neufundland, deren Ursachen bis heute noch nicht ganz klar zu sein scheinen. Darunter befand sich auch ein 1871 von Kapitän Campbell fast tot aufgefundenes Exemplar. Ein weiteres Tentakel eines etwas kleineren Exemplars gelangte nur drei Wochen nach dem gewaltsamen Übergriff auf das Fischerboot erneut in die Hände des Pfarrers Harvey. Die Seeleute mussten den Kopf abtrennen, um die Reste ins Boot zu bekommen, deren Körper sieben Fuß (über zwei Meter) und die Tentakel 24 Fuß (sieben Meter) betragen haben sollen. Während seines Aufenthalts in Neufundland erfuhr Verrill auch von dem Fund eines großen Kalmars aus dem Jahre 1872, der bei Coomb’s Cove angeschwemmt worden war. Er soll den Körperumfang eines großen Fasses, eine Körperlänge von drei Metern und Tentakel von fast 13 Metern gehabt haben! Alle Tiere wurden von Verrill zu der vom Dänen Steenstrup beschriebenen Spezies  Architeuthis dux zugeordnet.

1873 ging einigen Fischern sogar ein Riesenkalmar ins Netz, der, obwohl er durch die Beile und Messer der Fischer dort den Tod fand -  dennoch so gut erhalten war, dass man ihn in ein Museum ausstellen konnte. Selbiges wiederfuhr einem 1877 bei Catalina, Trinity Bay, nach einem Sturm angespülten Tier, das sogar noch am Leben war, als man es fand. Drei Tage wurde es in St. Jonas ausgestellt, bevor man es in Salzlacke packte und nach einer Zwischenstation bei Verrill im New Yorker Aquarium erneut präsentierte. Es war das größte und bis dahin am besten erhaltene Exemplar, das man konserviert hatte. Allein die Augen maßen 20 cm im Durchmesser und legten somit vorerst einmal den Rekord für die größten Glubscher im Tierreich. Verrill veröffentlichte nach seinem Aufenthalt 1874 einen Artikel im „American Journal of Science and Arts“ über die Riesenkalmare, die seit 1870 in Neufundland angespült worden waren. Dort wurde der Riesenkalmar basierend auf die damals gewonnenen Erkenntnisse beschrieben. Schließlich und endlich war ein Tier in das Reich der etablierten Zoologie gelangt, das vorher nur Walfängern und Seeleuten bekannt war und lediglich auf die Gedankenwelt von Phantasten und wissenschaftlichen Einzelgängern einen Eindruck hinterlassen hatte. Doch nach den Ereignissen aus Neufundland war das Feld frei für die „Manstream“-Wissenschaft, welche die großen Kopffüßer nicht mehr ins Reich der Fabelwesen verdammen wollte, sondern erpicht darauf war, mehr Erkenntnisse über diese seltsamen Geschöpfe zu gewinnen. [25]

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden immer wieder Riesenkalmare an die Küsten aller Welt angespült, datiert und beschrieben. Bis heute. Es entstanden Tabellen und Beschreibungen, wurden Vermutungen über die Lebens- und Verhaltensweise angestellt und natürlich darüber, wie groß diese Tiere denn wirklich werden können. Der Riesenkalmar musste plötzlich auch für andere Seeungeheuersichtungen Pate stehen, vor allem wurde und wird sein Erscheinen für die Sichtungen verschiedener Seeschlangen verantwortlich gemacht. Von Henry Lee in „Seemonsters Unmasked“ Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Richard Ellis Abhandlungen über Seeungeheuer zur Jahrtausenwende liest man immer wieder, Sichtungen von saurierartigen Hälsen, die aus dem Wasser ragten, seien nichts anderes als die Tentakel eines Riesenkalmars, die er aus welchem Grund auch immer aus dem Wasser halten würde. Anthonie Cornelius Oudemans Werk „The Great Sea Serpent“, das 1892 die verdrängten Seeschlangensichtungen gegenüber dem „gehypten“ Riesenkalmar rehabilitieren wollte, ist voll von Klagen, dass die Seeschlangensichtungen ständig auf Fehlinterpretationen von Riesenkalmaren reduziert würden. Vor allem beschwert er sich über die Ausführungen von Henry Lee in „Sea Monsters Unmasked“. Er identifiziert meiner Ansicht nach vollkommen richtig, dass es etwas seltsam ist, wenn vor 1848 kaum ein offizieller Bericht über den Riesenkalmar und dessen Fund am Strand erschienen war und sie nun nach seiner offiziellen Klassifizierung „at scores![26] gefunden würden. Die Ursache liegt hier wohl in der Form der Berichterstattung begründet. Ein Tier, das wissenschaftlich beschrieben aber dennoch geheimnisvoll bleibt, wird von der „aufgeklärten“ Öffentlichkeit viel eher akzeptiert als ein Tier, dessen Existenz noch nicht belegt ist. Das soll aber nicht heißen, dass manche Seeschlangensichtungen nicht auf Riesenkalmare zurückgehen könnten. Daneben kam es allerdings schon vor der offiziellen Bestätigung der Existenz des Architheutis zu Sichtungen von großen Seetieren, die eindeutig den Kalmaren (wenn auch nicht immer den Riesenkalmaren, denn darunter befanden sich auch Tiere mit Krallen statt Saugnäpfen an den Tentakeln) zugeordnet werden konnten.[27]