18 | 10 | 2017
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Vom Monster zum Forschungsobjekt – die einzigartige Geschichte des Architeuthis - Teil II – Architheutis & Co

 

Teil II – Architheutis & Co

Da wir den Riesenkalmar nun erfolgreich aus der Fabelwelt in die real existierende Tierwelt überführt haben, wollen wir uns im Folgenden dem biologischen Hintergrund um Architeuthis und seiner kopffüßigen Verwandten widmen.  An allererster Stelle ist eine Begriffsklärung angebracht, denn ärgerlicherweise wird bei den Berichten über große Kopffüßer immer wieder derselbe Fehler gemacht: Unser Architeuthis ist ein Kopffüßer, ein Cephalopode, aber kein Krake. Der Begriff Riesenkrake in Bezug auf den Riesenkalmar ist deshalb schlichtweg falsch. Die Bezeichnung Riesenkalmar dagegen richtig, wenn man sich auf die Tiere mit langestreckten, zugespitzen Körper, acht Fangarmen und zwei noch längeren Tentakeln mit keulenförmigen Enden, also insgesamt zehn Armen, bezieht. Oder, um des besseren Verständnisses wegen noch weiter auszuholen:

Die Klasse der Kopffüßer (Cephalopoda) gehört zum Tierstamm der Weichtiere (Mollusken) und stellt eine sehr alte Tierklasse dar, die zum ersten Mal wohl vor 500 Millionen Jahren in Erscheinung getreten ist. Die rezenten, also heute lebenden, Cephalopoden gliedern sich auf in zwei Unterklassen. Zum einen die Nautiloidea mit nur einer einzigen Gattung, die aufgrund ihrer urtümlichen Beschaffenheit genauso wie der Quastenflosser zu den lebenden Fossilien zählt. Die andere Unterklasse (Coleoidae) beherbergt zwei große Überordnungen: die Octopodiformes („Achtfüßer“) und die Decapodiformes („Zehnfüßer“). Die Octopodiformen gliedern sich wiederum in zwei Ordnungen auf. Zum einen nämlich die Vampyromorpha mit wiederum nur einer Familie, dem Vampirtintenfisch, eine sehr kleine, aber eigenartige Tiefseekreatur, die ihrem Aussehen nach Graf Draculas Haustier sein könnte und zum anderen die Ordnung der Oktopoden, zu denen auch die Kraken gehören. Sie sind achtarmige, bodenbewohnende Lebewesen mit plumpen sackförmigen Körper und saugnapfbesetzten Armen. Einige von ihnen verfügen über sehr hoch entwickelte Fähigkeiten, zu lernen und abstrakte Probleme zu lösen. Der Gemeine Mittelmeerkrake kann beispielsweise Marmeladengläser öffnen und verständigt sich durch verschiedene Kommunikationsformen, um seine aktuelle Stimmung kundzutun. Überflüssig zu erwähnen, dass er die Farbe und Form wechseln kann.[28] Der Riesenkrake existiert als biologisches Tier in einigen Arten: Diese sind der pazifische Riesenkrake (Enteroctopus dofleini), der südpazifische Riesenkrake (Enteroctopus megalocyathus)und der südafrikanische Riesenkrake(Enteroctopus magnificus).

Diese echten Riesenkraken können von der einen Armspitze zur anderen bis zu fünf Meter messen und bringen mehr als 30 Kilogramm auf die Waage. William High schreibt in der 38. Ausgabe der „Marine Fisherie´s Review“ aus dem Jahre 1976, dass er in den fünfziger Jahren einen kommerziellen Taucher namens Jock Mac-Lean of Prince Rupert interviewte, der eine 600 Pfund (über 270 Kilogramm) schweren Kraken mit fast 10 Metern (!) Armspannweite gefangen haben will. Die Fotos, die er High von der Kreatur zeigte, waren aber von schlechter Qualität und ließen daher keine weiteren Rückschlüsse zu. Der Taucher behauptete weiter, dass hin und wieder von ihm 200 Kilogramm schwere Exemplare gefangen worden wären. Allerdings leben die Riesenkraken nicht sehr lange (höchstens fünf Jahre) und deshalb müssen solche Angaben aufgrund des biologischen Limits in Frage gestellt werden.[29] Die meisten Riesenkraken sind jedoch groß genug, um sich auf Spaßringkämpfe mit Tauchern einzulassen, eine für beide sicherlich bereichernde Erfahrung. „Zu faul, um einen Menschen zu töten“, tituliert Jacques-Ives Cousteau in seinem Buch über Tintenfische diese sonderbaren Begegnungen. Sichtungen und Gerüchte über gigantische Oktopusse sind allerdings ein eigenes Kapitel der Kryptozoologie und wurden vor allem durch den Fund von einer riesigen Masse seltsamen Materials an der Küste von St. Augustine, USA, am 30. November 1896 angeheizt. Der Fund wurde vom Weichtierexperten Verrill (demselben Verrill, der auch das Neufundlandmonster untersuchte) in Augenschein genommen, der zuerst überzeugt war, dass es sich dabei um einen gigantischen Oktopoden handelte und ihm gleich den wissenschaftlichen Namen Octopus giganteus gab, später aber seine Meinung revidierte (offenbar benebelt von den vorangegangenen Ereignissen mit den Kalmaren) und konstatierte, die konservierten Überreste der unbekannten Masse seien nichts als Blubber, also die Speckschicht eines Pottwals. Einige Meeresexperten unterstützen heute diese Meinung.[30] Die eingelegten Überreste sind immer noch erhältlich. Wer weiß, welches Tier diesen Funden wirklich zugrunde lag, ein kranker Pottwal oder jener gigantische Oktopus mit 60 Meter Armspannweite, den Verrill zuerst auf Basis des gefundenen Materials durch Hochrechnungen proklamierte?[31] Aus Zeitgründen kann auf diese Thematik hier leider nicht weiter eingegangen werden, denn der Riesenoktopus und die Geschichten um diese seltsamen Blobs oder Globsters (der Fund in St. Augustine war nicht der Einzige) stellen genug Stoff für einen extra Artikel dar und im Gegensatz zum Riesenkalmar gehört ein übergroßer Krake sehr wohl in den Bereich der Kryptozoologie zwecks mangels an ausreichenden physischen Beweisen.

Zurück zu unserer Klassifizierung. Neben den Achtfüßern gibt es die zweite Superordnung innerhalb der Kopffüßer, die Zehnarmigen. Innerhalb derer befinden sich zum Beispiel die Sepioidea und eben auch die Ordnung der Oegopsida, wo die vielen Familien der Teuthidae, also Kalmare, beheimatet sind. Ihre Fangarme können nicht nur simple Saugnäpfe, sondern neben Saugnapfringen auch Haken oder Krallen aufweisen.[32] Bei den Kalmaren findet sich auch unser Riesenkalmar.[33] Im Deutschen wird dieser aber fälschlicherweise immer wieder als Riesenkrake bezeichnet und obwohl alle Autoren, die sich mit der Materie beschäftigen, ständig darauf hinweisen, dass Riesenkrake und Riesenkalmar zwei Paar Stiefel sind, machen auch sie vorher selbst oft den Fehler und assoziieren den Kraken mit dem Kalmar.

Der Riesenkalmar ist das größte als Individuum lebende wirbellose Tier der Welt und mit Ausnahme der Polarregionen weltweit verbreitet. Im Laufe der letzten 150 Jahre wurde eine ganze Reihe von Gattungen und Spezies innerhalb dieser Familie klassifiziert und wieder überarbeitet. Der sowjetische Meeresbiologe Kir Nesis definierte in den achtziger Jahren drei Arten, Architeuthis dux, Architeuthis martensi und Architeuthis sanctipauli, allerdings kann es sich auch genauso gut um eine einzige Art mit drei Unterarten handeln. Die genaue Aufgliederung ist den Forschern noch nicht so ganz klar.[34] Von seiner Morphologie unterscheidet er sich aber nur wenig von den übrigen Kalmaren, er ist ein gleichsam typischer Kalmar mit acht Fangarmen und zwei überlangen Tentakeln, die mit Saugnäpfen besetzt sind. Über die übrige Morphologie weiß man ebenfalls ziemlich gut Bescheid. Sie tragen ein Auftriebsmittel mit sich (Salmiak), das leichter als Wasser ist und über das auch viele andere Tiefseebewohner verfügen. Wie die meisten Kopffüßer (nicht alle, der Nautilus zum Beispiel nicht), hat der Riesenkalmar einen Tintenbeutel. Und wie die anderen Kalmare verfügt auch Architeuthis über einen Trichter, der auf dem Rückstoßprinzip beruht und somit blitzschnelle Bewegung im Wasser ermöglicht. Die Augen gehören mit einem Durchmesser von über 20 cm zu den größten im gesamten Tierreich. Was die angebliche Intelligenz der Tiere betrifft, also die Fähigkeit, zu lernen und Probleme zu lösen, sieht es bei unserem Kalmar düster aus, da das Gehirn um die Speiseröhre herumliegt. Von Architeuthis kann man daher nicht erwarten, dass er Marmeladengläser öffnet wie sein entfernter Verwandte, der Mittelmeerkrake. Auch im Hinblick auf die Fähigkeit zur Bioluminiszenz, also ob der Riesenkalmar in dunkler Tiefe mit Hilfe von Symbionten Leuchtsignale auszusenden kann, wie es viele Lebewesen der unteren Meeresregionen tun, kann man im Moment nur spekulieren. An der Spitze seines Tintenbeutels befindet sich nämlich ein Organ, das gegenwärtig noch nicht analysiert werden kann und bei anderen Tiefseekopffüßern für eben diesen Zweck verwendet wird. Ob das aber auch für Architeuthis zutrifft, steht in den Sternen. Im Internet ist mir einmal die Behauptung untergekommen, die Riesenkalmare seien Zwitterwesen, da man weit unten selten einen Partner finden würde und es daher auf jede Begegnung ankäme. Das ist aber komplett falsch, denn wie alle Kopffüßer ist auch Architeuthis strikt getrennt geschlechtlich. Wenig weiß man aber darüber, wie der Kalmar sich fortpflanzt. Man stellt sich einen ähnlichen abenteuerlichen Paarungsvorgang vor wie man ihn von anderen Kalmaren kennt. Die Dichte seiner Population ist ebenfalls unklar. Es ist sehr gut möglich, dass eine ganze potentielle Population von Architeuthis innerhalb eines Tiefensektors auslöscht wird, wenn man ein einziges Weibchen mit Eiern heraufholt. Genauso wahrscheinlich ist auch, dass die Wirkung dieses Eingriffs auf die Population marginal ausfällt. Der Magen der Exemplare ist selten gefüllt, aber es gibt Ausnahmen, manchmal finden sich dort nämlich andere kleinere Kalmare und auch Fische. Die Riesenkalmare selbst tauchten nicht nur in den Pottwalmägen und an den Stränden auf. Auch junge Exemplare von Architeuthis wurden schon gefunden. Im Magen eines Blauhais, der im östlichen Atlantik vor der Küste Äquatorialafrikas aus dem Wasser gefischt wurde, konnten Teile eines Riesenkalmarsmit einer Mantellänge von nur 76 cm ausfindig gemacht werden.[35] In den Mägen von Albatrossen und anderen Meeresbewohnern wurde man außerdem mehrerer kleiner Kiefer der Spezies habhaft. Die Größe dieser Jungtiere, die aus den oberen Regionen des Meeres in die Schnäbel der Wasservögel geraten waren, konnte nicht mehr als 15 Zentimeter betragen haben[36]. Ob man aufgrund dieser Funde allerdings darauf schließen kann, dass die Kalmare sich in subtropischen Gewässern fortpflanzen und dann in kältere Regionen abwandern, bleibt reine Spekulation.

Was die Größe der Kalmare betrifft, so wurden ebenfalls schon horrende Mutmaßungen angestellt. Wie wir wissen, ist der Hauptfeind der Kalmare der Pottwal, der in der Lage ist, äußerst tief und lange zu tauchen und sich – so vermutet man – in der Tiefe spektakuläre Kämpfe mit Architeuthis liefert. In der Literatur gibt es verschiedenste Theorien über den Ausgang dieser Kämpfe, die von dem Pottwal als alleinigen Jäger und dem Kalmaren als alleinigem Opfer bis zu riesigen Kalmaren reichen, die angeblich Jagd auf die Pottwale machen. Als Beispiel werden immer wieder gigantische Saugnapfabdrücke auf Pottwalhäuten angeführt sowie Berichte von Seeschlangensichtungen, bei der man vermutet, das um den Pottwal geschlungene Etwas stelle nicht den Körper eines gewaltigen Wasserreptils, sondern ein Tentakel eines Riesenkalmars dar. Man rechnete anhand des Durchmessers der Saugnapfabdrücke (20 cm!) auf der Pottwalhaut auf die Größe hoch, bei einigen kam man darauf auf eine Länge von über 30 Metern! Doch realistischer ist laut Volker Miske, dem ausgewiesenen Tintenfischexperten für Deutschland, folgendes Szenario:Der Pottwal taucht ab und packt den Riesenkalmar, der Riesenkalmar heftet sich fest, wird aber gefressen. Der Pottwal taucht auf und wächst weiter und damit auch der Abdruck des Saugnapfes. Das muss man sich so ähnlich vorstellen wie einen Baum, in den ein Liebespärchen ein kleines Herz ritzt, das dann aber mit dem Wachstum des Baumes größer wird. Des Weiteren gebe es laut Miske eine Pilzinfektion, die ähnliche Abdrücke aufweist. Deswegen untersucht man nur noch blutende Wunden der Kämpfe und da kommt man auf 4 – 5 cm Saugnapfdurchmesser. Also deutlich kleiner. Und danach greift die eben geschilderte Wachstumskomponente.

Was die maximale Größe des Riesenkalmars betrifft, so sind Angaben äußerst schwierig, denn die Dehnbarkeit der Tentakel verhindert eine exakte Angabe. Deswegen muss man vor allem bei den Angaben aus dem 19. Jahrhundert vorsichtig sein. Heute wird der Mantel, also der „Körper“ des Riesenkalmars als Medium zur Größenangabe verwendet. Laut dem neuseeländischen Tintenfischexperten Steve O’Shea war der längste wissenschaftlich fundierte Mantel eines Architeuthis dux etwas über 2 Meter lang und das Tier hatte eine Gesamtlänge von 13 Metern.[37] Schenkt man dem Report eines Riesenkalmars in der Lyall Bay (Wellington) im Winder des Jahres 1887 Glauben, so betrug die maximale Länge knappe 17 Meter. Diese Maße werden aber sehr stark angezweifelt. Bei einer korrekten Abmessung würde man hier nur auf knappe 10 Meter kommen, heißt es im Infosheet von O‘Shea.[38] In einem Artikel für die „Proceedings of Royal Society“ seiner japanischen Kollegen Tsunemi Kubodera und Kyoichi Mori steht hingegen, der längste je gefundene Riesenkalmar sei insgesamt 18 Meter lang gewesen, mit mehr als 12 Meter langen Tentakeln (nach Clarke 1969). Im Durchschnitt sind die gefundenen Architeuthis zwar selten über 6 Meter groß, aber mehr als 15 Meter dürften locker noch im Bereich des Möglichen liegen, mehr als 20 Meter allerdings sind noch nicht wissenschaftlich dokumentiert. Bis jetzt.

O’Shea stellte weitere Überlegungen zu der Wachstumsrate und Alter des Architeuthis an Natürlich sind dies nur Annahmen, die ebenfalls einer weiterer Beweisführung bedürfen, lohnen aber durchaus einer Erwähnung: Zur Hilfe nahm er sich unter anderem dabei die sogenannten Statolithen der Kalmare. Der Kern dieser winzigen Gleichgesichtsorgane weist Wachstumsringe auf, ähnlich den Jahresringen eines Baumes. Die Schulpe (Gladius, ein Chitingerüst im Inneren des Weichtieres) und die Augenlinsen der Kalmare verfügen ebenfalls über derartige linienähnliche Strukturen, die Anhaltspunkte über Alter und Wachstum geben könnten. Die Wachstumsraten werden mit ähnlichen ausgebildeten Organen bekannter Kalmararten abgeglichen. Dann wird -je nach Annahme, ob der Riesenkalmar ein schnelles oder ein langsames Wachstum hat – auf die Wachstumsrate geschlossen. O’shea kommt am Ende der Untersuchung zu dem Schluss, dass im Hinblick auf die ausgerechneten Wachstumsraten eine früher vermutete maximale Mantellänge von 6 oder 4 Metern sehr unrealistisch ist. Nach acht Jahren Forschung und über 110 untersuchten Exemplaren sei keines davon über die Mantellänge von 2,3 Meter hinausgekommen. Daher  seien auch die Annahmen über die Wachstumsraten realistisch und bestätigten die Größe seiner untersuchten Exemplare. Die Größenangaben des letzten Jahrhunderts müssten daher äußerst kritisch bedacht werden.[39]

Doch 13 Meter reichen auch noch, um dem Riesenkalmar den Status eines wirklich großen Tieres zuzuerkennen, der –vor allem, was seine Länge betrifft – im Reich der Tiefsee außer dem Pottwal seinesgleichen sucht. Und wer kann schließlich mit absoluter Sicherheit sagen, dass die gefundenen Exemplare als repräsentativ für die Population der Riesenkalmare betrachtet werden können, wenn man denn so wenig über die Populationsdichte weiß? Kann es denn nicht sein, dass nur die kleineren oder jüngeren Tiere an der Küste angespült werden? Und die ganz Großen für immer unten bleiben, auch wenn sie sterben? Wer weiß .?

Denn: Bis auf den heutigen Tag gelang es nicht, einen Riesenkalmar mit eigenen Augen in seinem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Und gerade das macht die Arbeit am Architeuthis so spannend. Es gab Beobachtungen an der Wasseroberfläche, aber die stellen nicht den Lebensraum von Architheutis dar, der sich von 900 bis 3000 Metern Tiefe erstreckt. Über die Tiefseeverbreitung ist wenig bekannt, weil viele Architheutis eben nur durch Tiefseenetze hochgetrieben werden und dann der Kontakt mit dem Tier an der Oberfläche zustande kommt. Das Beobachten der lebenden Tiere ist sehr schwer, es geht entweder mit einem Tiefseeuboot und Automatikkamera oder über die Verfrachtung der Tiefseebewohner in unter Druck gesetzte Becken, wo sie aber auch wegen dem Temperaturunterschied nur einige Minuten überleben. Die Befestigung der Kamera an Pottwale blieb ebenfalls erfolglos, denn der Wal war nicht auf Beutezug.

So bleibt nur noch die Möglichkeit, selbst mit einem U-Boot den Riesenkalmar hinterher zu tauchen. Frederick Aldrich versuchte das 1989 vor Neufundland, Clyde Roper tauchte Anfang 1999 mit seinem „Deep Rover“ in 300 bis 600 Metern Tiefe – ohne Erfolg.  Und bis heute gibt es keine Videoaufnahme von einem Riesenkalmar in der Tiefe. Und trotzdem haben sich die Ereignisse in den  in den letzten Jahren überschlagen:

Neben Steve O’Shea als Experten geistert immer wieder ein anderer Name durch die Presse, wenn es um große Kalmare geht: Tsunemi Kubodera. Ihm sollte schließlich der Erfolg vergönnt sein, einen Riesenkalmar in seinem natürlichen Lebensraum wenigstens zu fotografieren. Um den Kalmar zu lokalisieren, lies man sich mal wieder von Pottwalen helfen. Dieses Mal war es aber nicht nötig, eine Kamera an den Tieren zu befestigen, sondern man suchte in Tiefenregionen, von denen man wusste, dass Pottwale sie zur besagten Zeit als Jagdgründe nutzen. So kamen die Forscher auf die Tiefengewässer vor den Ogasawara Inseln im Nordpazifik. Zwischen September und Dezember gehen die Wale dort auf Beutezug. Außerdem hatte man dort sowohl Tentakel als auch vollständig erhaltene tote Exemplare von Architeuthis gefunden, die entweder an der Oberfläche trieben oder durch die Langleinen des kommerziellen Fischfangs nach oben gebracht worden waren. Einige Kilometer von den Chichijima Inseln entfernt, in einer zerklüfteten Tiefenregion, hatten Ortungsgeräte die Wale beim Jagen ausgemacht. Tagsüber tauchten sie 800 bis 1000 Meter tief, nachts nur 400 bis 500 Meter. Sie bewegten sich also eindeutig im Lebensraum von Architeuthis.[40]

An einer 400 – 1000 Meter langen Nylonleine wurde eine Kamera befestigt, die an drei Schwimmposen hing. Gleich einer Hegene beim Angeln wurde zwei Haken an einer „Nebenleine“ angebracht und daran die Köder befestigt: ein kleiner Kalmar (Todarodes pacificus) wurde beim ersten Haken befestigt und beim Zweiten ein frisches Püree aus Shrimps angebracht. Das Ganze wurde durch ein Blei gewichtet, an das ebenfalls ein kleiner Kalmar als Köder postiert wurde. Die Kamera war eine Digitalkamera, verfügte über einen Tiefensensor und einen Datenspeicher. Für fünf Stunden nahm sie alle 30 Sekunden Fotos auf und war die ganze Zeit über auf den Köder gerichtet.[41] Man war also vorbereitet.

Und tatsächlich: Um 9.15 Uhr morgens, am 30. September 2004, attackierte ein einzelner Riesenkalmar eine der Ködervorrichtungen. Ganz deutlich sind auf den ersten Fotos die zwei langen Tentakel zu sehen, welche sich um den Köder schlingen. Dadurch geriet Architeuthis an den Haken. Mehr als 550 digitale Fotos von dem Tier wurden geschossen, während vier ganzer Stunden versuchte der Kalmar, sich vom Haken zu befreien. Die ersten 20 Minuten sah man meist nur die Tentakel, die nächsten 80 Minuten befand er sich in der Nähe der Leine, während er seine Fangarme um die Schnur warf. In dieser Zeit beförderte er das Angelsystem von 900 Metern nach oben in 600 Meter Tiefe. Die nächsten drei Stunden erreichte es langsam wieder die 1000 Meter. Im letzten Zeitabschnitt war die Schnur außerhalb der Kamerasichtweite, vermutlich weil der Kalmar versuchte, von der Schnur wegzuschwimmen. Nach vier Stunden riss sein Tentakel ab und wurde zusammen mit dem Kamerasystem geborgen. Oben angekommen saugte es sich an allem fest, das es berührte. Das Stück war 5,5 Meter lang und schon bald die Spezies Architheutis als Besitzer identifiziert. Schätzungsweise war das Tier – vorausgesetzt, das Tentakel wurde direkt an der Basis abgetrennt – um die 8 Meter lang. Auf den Fotos ist ganz klar die rote Färbung der Tentakeloberseite zu sehen.[42]

Der Bericht ging um die Welt. Endlich war man ein Stück weiter in das Reich des Riesenkalmars vorgedrungen und hatte eines seiner Geheimnisse gelüftet. Denn das Neue an dieser Entdeckung war, dass Architeuthis scheinbar ein aktiver Jäger zu sein scheint. Vorher wurde nämlich auch angenommen, dass er ein eher passives, träges Raubtier ist, das die Gunst der Stunde abwartet. Von besonderen wissenschaftlichen Wert ist die neue Erkenntnis, dass Architeuthis seine Beute horizontal angreift. Und das schneller als gedacht. Die zwei Tentakel werden nicht wie baumelnde Angelschnuren herabhängend als Köderfalle benutzt, sondern spulen sich blitzartig nach vorne ab, bevor sie sich ähnlich wie Pythons um ihre Beute schlingen.[43]

Man hatte es also endlich geschafft, dieses außergewöhnliche Tier in Aktion festzuhalten. Es hatte mehr als hundert Jahre gedauert, diese Sensation möglich zu machen. Zwischenzeitlich hatten Menschen die Mondoberfläche betreten und Atome spalten gelernt, doch Architeuthis entzog sich den Blicken der Erdbewohner weiterhin. Kubodera und sein Team stachen schon bald wieder in See, um ihre Technik ein weiteres Mal anzuwenden. Und 2006 ging ein weiterer Riesenkalmar an den Haken. Die Forscher filmten den Fang dieses Wesens, das leider während der Aktion verendete. Somit hatte man die ersten bewegten Bilder eines Riesenkalmars, allerdings immer noch nicht in seinem natürlichen Lebensraum, sondern schon halbtot an der Angelleine. Das Tier wurde in derselben Gegend gefangen wie das vorherige Exemplar von 2004. Es handelte sich um ein 50 Kilogramm schweres und dreieinhalb Meter langes Weibchen.[44] Das Video vom Fang kann man auch online ansehen (http://www.indiesquidkid.com/tag/ten-sensational-squids/ ).

Doch Anfang 2007 passierte in den antarktischen Gewässern etwas, das an die frühe Geschichte der Alecton erinnert und mit dem keiner gerechnet hatte. Langsam aber sicher wurde die Poleposition im Zirkel der größten Wirbellosen für Architeuthis gefährlich. Ein Verwandter war dabei, unserem Riesenkalmar die Show zu stehlen. Was neuseeländische Fischer da im Februar 2007 aus dem eisigen Wasser zogen, übertraf selbst die kühnsten Erwartungen der Forscher. Auf der Suche nach Seehechten im arktischen Meer geriet ein Tier an den Haken, dem man als Mensch nur ungern beim Schwimmen begegnen möchte:  An der Leine hing ein großes rotes Ding mit zehn Fangarmen und einem sehr großen und scheinbar schweren Körper. Geistesgegenwärtig lösten die hartgesottenen Fischer das Wesen nicht von der Leine, sondern hoben es an Bord. Im Internetzeitalter braucht man keine Zeichnungen der Matrosen mehr, um sich ein Bild von dem Fang zu machen, sondern kann sich das Video der Bergung bei Youtube anschauen (http://www.youtube.com/watch?v=HB5cKwJzzWY). Die Männer werfen ein Netz um das Tier, was nicht ganz leicht zu sein scheint. Und ganz frei von Angst sind die Männer nicht.. Doch sie schaffen es, packen es in Eis und machen es der Wissenschaft zugänglich: Es ist ein fast 500 Kilogramm schwerer Kolosskalmar, Mesonychoteuthis hamilitoni, ein arktischer Tiefseekalmar, dessen Mantel noch gewaltiger als der des Architeuthis zu sein scheint. Diese Tiere sind über Funde in Pottwalmägen zwar schon lange (1925) bekannt, aber erst seit dem ersten April 2003 der Presse ein Begriff, als ein Weibchen mit einer Mantellänge von 2,5 Metern (Gesamtlänge von 5,4 Metern) und einem Gewicht von ungefähr 300 Kilogramm in die Hände der Forscher in Neuseeland geriet. Doch das 2007 gefangene Tier war gigantisch und mit seiner halben Tonne Gewicht das Schwerste jemals gefundene, ja gefangene Wirbellose[45].

Letzten Endes kam es zu Steve O’Shea und Tsunemi Kubodera, die es im neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa in Wellington untersuchen konnten. Der Vorgang konnte Online von der Internetseite des Museums aus (übrigens eine gute Infopage über den gefundenen Giganten) live mitverfolgt werden. Über den Kolosskalmar, der zu der Familie der Gallertkalmare gehört,  ist man eigentlich gut informiert, denn man konnte schon einige jüngere Tiere untersuchen. Das Hauptunterscheidungsmerkmal zum Riesenkalmar sind zwei Reihen drehbarer Haken an den Tentakeln, während der Riesenkalmar Saugnäpfe besitzt. Des Weiteren hat er nicht die zwei langen Tentakel, die so typisch für den Riesenkalmar sind. Seine sind deutlich kürzer. Dann ist der Körperbau des Kolosskalmars natürlich ein ganz anderer. Der Schnabel des Mesynchoteuthis ist größer und robuster als der des Riesenkalmars. Der Körperbau ist im Vergleich zu Architeuthis viel gedrungener und schwerer, während letzterer insgesamt eher länglich ist. Wer von den beiden Spezies größer ist, hing nun voll und ganz von dem gefangenen Exemplar ab: Man schätze das Tier ursprünglich auf 10 Meter. Es gibt natürlich verschiedene Formen, die Größe eines Tieres zu bestimmen, sei es das Gewicht, die Mantellänge oder die Gesamtlänge, doch wäre ein Kalmar, der zehn Meter lang ist und fast nur aus Körper besteht klar größer als ein Kalmar ,der zwar länger ist, aber diese Länge fast nur den zwei Tentakeln verdankt. Die bisherigen Mantellängen der Kolosskalmare waren meist etwas über einen Meter, Clarke dokumentierte 1966 in Pottwalmägen gefundene Exemplare von über zwei Metern Mantellänge. Das größte bekannte Maß erreicht mit 2,5 Metern in etwa dieselbe Länge wie die des größten bekannten Riesenkalmars, aber ob der Kolosskalmar wirklich in allen Teilbereichern der neue König unter den Wirbellosen sein würde, hing ganz von dem 2007 gefangenen Exemplar ab, das im folgenden Jahr aufgetaut und untersucht wurde.[46]  Doch leider wurde man enttäuscht. Das gefangene Tier war deutlich kürzer als erwartet. Es wies eine Gesamtlänge von gerade einmal 4,2 Metern auf. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten, denn Tentakel kann man nicht nur überdehnen, sondern sie könnten auch durch die Konservierung geschrumpft sein.. Denn obwohl die Mantellänge dieselbe ist wie die jenes Weibchens, das man 2003 fand, so war das jüngst gefangene Tier doch deutlich schwerer.

Man weiß auch hier einfach noch zu wenig, um Rückschlüsse auf Wachstum und Größe zu ziehen. Doch was die Augen des Kolosskalmars betrifft, so hat er dem Architeuthis eindeutig den Rang abgelaufen. Der Mesynchoteuthis verfügt mit Augen vom Durchmesser von fast 30 Zentimetern über die Größten im Tierreich. Sie weisen außerdem die Fähigkeit zur Bioluminiszenz auf![47] Laut Steve O’Shea handelt es sich bei den gefundenen Exemplaren noch nicht um ausgewachsene Tiere, sondern um verhältnismäßig junge Exemplare. Sie könnten also noch gehörig größer werden. Und daher gibt sich der Forscher geschlagen, was die maximale Größe des Mesynchoteuthis betrifft. Man weiß es schlichtweg nicht.[48] In Bezug auf die Länge des Architeuthis hingegen, die nicht besonders alt werden, zeigt sich der Forscher skeptischer und gibt die 13 Meter als das Maximum an Länge an. Doch auch hier gilt das alte Sprichwort: „Nichts Genaues weiß man nicht“.

Der Vollständigkeit halber sei bemerkt, dass es neben dem Riesen- und  Kolosskalmar noch andere große Kalmararten gibt, von denen nicht alle Tiefseebewohner sind. Dazu gehören der Hakenkalmar (Moroteuthis) mit eineinhalb Metern Mantellänge, der Rhombuskalmar (Thysanoteuthis rhombus) mit ebenfalls einem Meter Mantellänge, ein weiterer Tiefseekalmar mit dem lateinischen Namen Taningia danae sowie der den Fischern im Golf vom Mexiko wohl bekannte und berüchtigte Humboldtkalmar (Dosidicus gigas).

Ob Koloss-Rhombus-Riesen-oder Hakenkalmare. Diese faszinierenden Lebewesen halten die Naturwissenschaftler im 21. Jahrhundert wohl immer noch auf Trapp. So wie eh und je stellen sie eine fesselnde Thematik innerhalb des Tierreichs dar, die seit dem Beginn der etablierten Zoologie unendlich viel Raum geben für Spekulationen, Vermutungen, Träume und Alpträume, Wunschdenken und Skeptizismus. Dennoch verbergen sie sich meist erfolgreich vor den Unterwasserkameras, lassen uns im Dunkeln tappen über ihr Jagd- und Fortpflanzungsverhalten, genauso wie ihre Angriffslust und maximale Größe, die sie in den unendlichen Weiten des Meeres erreichen.