17 | 12 | 2017
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Vom Monster zum Forschungsobjekt – die einzigartige Geschichte des Architeuthis

Vom Monster zum Forschungsobjekt – die einzigartige Geschichte des Architeuthis

 

Teil I:  Wahrer Seemannsgarn ! 

 

Frankreich. Frühes 19. Jahrhundert. Die Vorstellungswelt der Naturkunde befindet sich in der festen Hand der Aufklärung und ihrer wissenschaftlichen Errungenschaften. Für Religion, Aberglaube und magische Deutung ist in den intellektuellen Kreisen Europas kein Platz mehr. Bürgerliche Werte rücken an die Stelle religiöser Heilsversprechen. Der Mensch unterwirft die Natur. Sie wird beherrschbar, berechenbar, greifbar. Ende des 18. Jahrhunderts verschwinden die letzten großen Raubtiere in den meisten Regionen auf dem europäischen Kontinent, der Rest der Welt und seine indigene Bevölkerung werden mit kanonengeschützten Handelsschiffen für wirtschaftliche und geopolitische Interessen erschlossen und unterworfen. Das Zeitalter des globalen Menschen hat endgültig begonnen. Die Natur wird sein Zugpferd. Man fürchtet die Natur nicht mehr, man klassifiziert sie. Carl von Linné hat schon 1735 in seinem „Systema Naturae“ gezeigt, wie das funktioniert. Europäische Naturkundler wollen auch den letzten Winkel der Welt erkunden, alles wissen, alles beschreiben, das Verborgene auskundschaften und in ihre neuen Raster führen, ob das nun geht oder nicht. Das ist die eigentliche Geburtsstunde der Kryptozoologie. Und von Anfang an ist sie eine tödliche Leidenschaft.

Das bezeugt die Lebensgeschichte eines Kindes dieser Zeit: Er ist ein französischer Naturkundler und hat 1802 sein Werk „Naturgeschichte der Weichtiere im allgemeinen und besonderen“ geschrieben. Vor allem die großen Tintenfische haben es ihm angetan. Seine Phantasie ist besessen von dem Glauben an gigantische Kopffüßer, die dem Menschen auch im Zeitalter von Feuerwaffen, Dampflock und „Spinning Jenny“ noch gefährlich werden können. Aber wer spricht in dieser Zeit denn noch von Glaube? Denn schließlich trifft Pierre Denys de Montfort mit seiner Überzeugung, ja seinem angeblichen Wissen über die Existenz dieser gigantischen Geschöpfe aus den Tiefen der Meere durchaus den Geist der Zeit. Oder ist es ein Zufall, dass Jules Verne in seinem 1869 veröffentlichten Roman „20 000 Meilen unter dem Meer“ Kapitän Nemos „Nautilus“ gegen einen gigantischen Tiefseetintenfisch antreten lässt? ..

Jedenfalls beschäftigte sich der französische Naturwissenschaftler zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit vielarmigen Tiefseeungeheuern. Und tatsächlich hatten die Seeleute so Einiges zu erzählen. Schon 1788 berichtete der Walfänger Dr. Swediaur im „Journal de Physique“, dass er im Hals eines Pottwals ein 27 Fuß (ca. acht Meter!) langes Tentakel eines großen Kopffüßers gefunden hatte.[1] De Montfort, der das Statement las, war begeistert und entschloss sich, amerikanische Walfänger, die im französischen Dünkirchen eine Station errichtet hatten, nach derartigen Funden zu befragen. Auch sie konnten ihm Ähnliches bestätigen. Ein Kapitän namens Benjohnson erblickte im Maul eines erlegten Pottwals ein Arm eines gigantischen Tintenfisches, der so dick wie der Mast seines Schiffes gewesen sein soll, und es auf 11 Meter brachte, obwohl an beiden Enden einige Stücke fehlten! Die Saugnäpfe sollen so groß wie ein Hut gewesen sein![2]

Daraufhin fing de Montfort an, wild drauflos zu spekulieren.[3] Und verspekulierte sich wohl gehörig. Doch abseits aller Phantasterei: irgendetwas schien da unten zu lauern. Nicht nur de Montfort wusste von diesen „Seeteufeln“. Laut dem Seefahrer Grandpié zufolge fürchteten die Bewohner der amerikanischen Küste diese übergroßen Kopffüßer schon lange.[4] Auch von sizilianischen Tauchern hörte man von derartigen Wesen mit der Größe eines Mannes und 10 Fuß (ca. 3 Meter) langen Armen.[5] Selbst aus Polynesien kamen derartige Gerüchte,[6] ganz zu schweigen von den vielen Textstellen über Polypen, Kraken, und Skyllas in den Schriften der Antike und Europas Norden, die vor allem seit der Renaissance (fälschlicherweise) von naturkundlich interessierten Intellektuellen als übergroße Kalmare, Oktopoden oder Sepias interpretiert wurden.[7] Aufgrund dieser Kommentare und vielen Berichten aus der amerikanischen Pottwalfängerei, die sich  im 18. Jahrhundert vollständig etabliert hatte, machten sich in jener Zeit so einige Naturwissenschaftler wie Louis Augustin Guillaume Bosc oder Jacques-Christophe Valmont de Bomare ernsthafte Gedanken darüber, was hinter diesen Erzählungen stecken könnte.[8] De Montfort war also nicht allein. Er selbst war lediglich der größte Propagandist in dieser Sache. Von den Walfängern hörte er weitere Geschichten über gigantische Fangarme, die man während der Jagd aufgelesen hatte. Kapitän Reynolds wusste ihm von einem Tentakel zu erzählen, das man zuerst für eine Seeschlange hielt und erst an Bord hievte, nachdem man sich von der Harmlosigkeit des Gebildes überzeugt hatte. Als man es dann ausmaß, soll es 13 Meter gemessen und einen Durchmesser von 75 Zentimeter gehabt haben! Angespornt von derartigen Aussagen, avancierte seine Abhandlung über Mollusken und Weichtiere zu einem regelrechten Gruselkabinett, das von Übertreibungen und Spekulationen nur so wimmelte.[9] Was davon wahr ist und was nicht, lässt sich heute wohl schwer nachvollziehen. In diese Legenden fällt auch das Ereignis, das in Verbindung steht mit jenem berühmten Bild, das einen gewaltigen Kopffüßer zeigt, der ein Schiff mit seinen Tentakeln umschlungen hat. Ein aus Afrika stammendes Segelschiff war gerade vor der Küste Angolas beladen worden, als plötzlich aus den Fluten ein gigantischer Tintenfisch auftauchte, und das Schiff bis zu den Mastspitzen mit seinen Tentakeln umgarnte und somit fast zum Kentern brachte. Mit Äxten und Hilferufen an ihren Schutzpatron, dem heiligen Thomas, versuchten sich die armen Seeleute zu helfen. Und tatsächlich ließ die Kreatur von dem Boot ab und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Zum Glück. Nach der Rückkehr soll die Mannschaft ebendieses Gemälde für die Kapelle des heiligen Thomas in Sankt Malo gestiftet haben.[10] Recherchen des Michael Meurger zufolge ist es jedoch äußerst zweifelhaft, dass dieses Gemälde in der besagten Kirche jemals existiert hat.[11] Das ist nicht die einzige Horrorstory, von der Montfort zu berichten weiß: Als das Schiff von Jean Magnus Dens, das von St. Helena nach Cape Negro unterwegs war, in eine Flaute geriet und man die Zwangspause für Arbeiten am Schiff nutzen wollte, die Matrosen von Stellagen aus erledigten, erschien plötzlich ein riesiger Tintenfisch, schnappte sich zwei der Seeleute mit seinen Tentakeln und holte nach einem Dritten aus. Dieser konnte sich allerdings in die Takelage retten und versuchte so, den tödlichen Armen zu entrinnen, die ihn jedoch in dieser Position einquetschten. Seine Kameraden versuchten mit Harpunen, die drei Seeleute zu retten und beschossen das Monster, doch das Beast hatte die Beiden fest im Griff und zog sie unter Wasser. Der dritte Mann wurde – eingeschlossen von einem Fangarm und der Takelage – derart zerdrückt, dass er in der folgenden Nacht, offenbar an inneren Verletzungen, starb. Einen der Tentakel konnten die Matrosen allerdings abhacken: er maß 7,5 Meter.[12] 

Auch hier gilt: Was daran war ist oder erfunden, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Montfort jedenfalls büßte nach der Veröffentlichung seines „Gruselkabinetts“ den Ruf eines seriösen Wissenschaftlers komplett ein, wurde innerhalb der Fachkreise verspottet und vernarrt. Keines seiner Werke wurde beendet, der enthusiastische Wissenschaftler starb verarmt und verlassen. P. Werner Lange bleibt zu seiner Geschichte nichts als jenes traurige Resümee:

Pierre Denys de Montfort ist das wohl einzige Opfer, dass die „Seeteufel“ auf dem Festland forderten. Niemand weiß heute mehr, ob es das Jahr 1820 oder 1821 war, als man ihn tot in einer Straße von Paris auffand.“[13]

In der Tat hören sich de Montforts Geschichten phantastisch an. Henry Lee äußert in seinem Werk „Seamonsters Unmasked“ erhebliche Zweifel an seinen Ausführungen, die nicht nur eine große Ansammlung von naiven enthusiastischen Übertreibungen über die Größe und Herkunft seiner Tiefseeungeheuer seien, sondern angeblich sogar auf bewussten Fälschungen seitens des Autoren beruhen. So soll Montfort nach der Geschichte über den Poulpe, der das Schiff vor Angola versenken wollte, M. Defrance gegenüber bemerkt haben: „Wenn sie mein krakenumschlungenes Schiff schlucken, dann werde ich meinen ‚colossal poulpe‘ eine ganze Flotte überfallen lassen“[14] und in der Tat behauptete er wohl später, sechs den Franzosen abgenommene Kriegsschiffe und durch vier britische, die sie  begleiteten, seien von gewaltigen Oktopoden versenkt worden. Doch diese besagten Schiffe kamen in Wirklichkeit alle unversehrt in Jamaica an. Fünf Monate später fielen allerdings neun englische Schiffe einem gewaltigen Sturm zum Opfer.[15] Aber keinem Tiefseemonster. So ist der Verdacht, Montfort neige zu Fälschungen und Scharlatanerei, durchaus gerechtfertigt. Welche und ob überhaupt eine von seinen Geschichten wirklich passiert ist und ob es überhaupt geschah, lässt sich heute nicht mehr nachprüfen. Es sei bemerkt, dass Henry Lee der Geschichte von dem Tintenfisch, der drei Matrosen unter dem Kommando von Kapitän Dens auf dem Gewissen hat, Glauben schenkte, weil der Kommandant als glaubwürdiger Mann gegolten habe. Ob de Montfort jedoch bewusst Geschichten über Schiffe versenkende Seeungeheuer in die Welt gesetzt hat oder ob das Behauptungen sind, die im Rahmen des Spotts, den er für seine Spekulationen ernten musste, aufgekommen sind, geht aus der Literatur nicht hervor. Er schien jedoch eher einen ungesunden Ehrgeiz der Beweisführung für seine Tintenfische entwickelt zu haben als bewusst zu fälschen. Michael Meurger spricht in einem Aufsatz im Magazin „Fortean Times“ gar von einer Obsession.[16] Für eine reine Fälschung war die Wirklichkeit dahinter fast schon zu nahe.

Denn in der Tiefe gab es tatsächlich etwas zu entdecken, etwas, das selbst den noch so phantasiebegabtesten Geistern der bürgerlichen Aufklärung zu abstrakt erschien, um wahr zu sein. Was war es, das die Gemüter von Seeleuten, Wissenschaftlern, Abenteurern, Romanautoren und Scharlatanen im 19. Jahrhundert derart zu erhitzen vermochte? War die Welt doch nicht so leicht erklärbar, wie es einem die neuen technologischen Entwicklungen zu glauben machen wollten? Die Antwort sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen..

Am Nachmittag des 30. Novembers 1861 befindet sich der französische Aviso „Alecton“ in den Gewässern bei den Kanarischen Inseln, um im nahen Teneriffa an Land gehen zu können. De Montfort ist schon lange tot, doch gerne hätte er sich wohl mit den Matrosen dieses Schiff an Deck befunden. Denn plötzlich erblickt einer von ihnen eine seltsame Kreatur mit einer ganzen Anzahl von Tentakeln, die sich im Wasser winden. Sofort wird der Wachoffizier benachrichtigt, der wiederum den Leutnant Frédéric Marie Boyer informiert, den man nur ungern aus seiner Mittagsruhe weckt. Glücklicherweise verschreckt ihn dieses seltsame Wesen im Wasser ebenso wie die Mannschaft und er gibt den Feuerbefehl. Allerdings herrscht starker Seegang, und keiner der Schüsse erreicht sein Ziel. Also rudert die Mannschaft an das Tier heran und attackiert es mit Harpunen. Der Tintenfisch lässt sich das nur ungern gefallen. Er versucht immer wieder, mit seinem aufgerissenen Papageienschnabel seine Peiniger zu erhaschen und sich von der Leine der Harpunen zu lösen, wobei jedes Mal mehr Stücke aus seinem gallertartigen Fleisch gerissen werden. Nach drei Stunden scheint die Sache dann endlich vorbei. Man will es mit einer um den Rumpf geschleiften Schlinge aus dem Wasser hieven, zertrennt dabei aber den weichen Körper, so dass nur ein 20 Kilogramm schweres Stück des Schwanzes übrig bleibt. Als die Männer dem halbtoten Rest des Tieres nachsetzen wollen, wird das vom Kommandanten strengstens untersagt, denn es jagt Boyer ihm immer noch ausreichenden Respekt ein. In Teneriffa angekommen wendet er sich  sofort an den französischen Konsul und bittet ihn um einen Besuch an Bord, woraufhin dieser über das seltsame „Fundstück“ ebenso staunt wie die Mannschaft. Er verfasst einen Rapport, der zusammen mit einer beigefügten Zeichnung des Matrosen über den Kampf an das Marinekommando geschickt wird. Doch daheim will man nicht glauben, was passiert ist.[17]

In einem Gremium der französischen Akademie der Wissenschaften, der man das Material 1862 vorlegt, heißt es hierzu fast schon peinlich skeptisch: „Es ist sehr gut möglich, dass die von verschiedenen Reisenden vorgewiesenen und als von riesenhaften Oktopoden oder Kalmaren stammend bezeichneten Fragmente in Wirklichkeit die Überreste einer Meerespflanze sind. Die weiche Beschaffenheit deratiger Teile von mehr oder minder bedeutender Größe, ihre klebrige Oberfläche und braune oder rötliche Farbe, der starke Geruch, den sie aussenden, all das sind Charakteristika einer großen Anzahl von Produkten des Meeres, und es besteht keinerlei Grund dafür, sie deshalb eher tierischen als pflanzlichen Organismen zuzuordnen.“[18]

Doch dabei liegt die Wahrheit auf der Hand. Es fällt der Menschheit immer noch schwer, zu glauben, was das Meer um sie herum beherbergt: einen übergroßen Kalmar, groß genug, um einer Schikane durch Harpunen in einem dreistündigen Kampf die Parole zu bieten. Und trotzdem glaubt man es nicht, obwohl man seit Jahren weiß, dass es diese Tiere gibt.

Denn nach Montforts wissenschaftlichen Amoklauf waren es nur noch zwei Wissenschaftler, die den Gerüchten über vielarmige Seeungeheuer Beachtung schenkten: der Holländer Harting und der dänische Zoologe Johan Japetus Steenstrup. Jener hatte über Jahre Chroniken und Aufzeichnungen verschiedener Bibliotheken und Museen durchsucht, wo von derartigen Wesen die Rede war. Hat sich diese Suche wirklich so zugetragen wie es meine Quelle schildert[19], dann handelte es sich hier um solide kryptozoologische Detektivarbeit. Einer dieser Bericht stammt vom isländischen Forscher Sven Paulsson aus dem Jahre 1790, als nahe Arnarnaesvick eine „Kohlkrabbe“ an den Strand geworfen worden war, deren Körper ohne das fehlende Vorderende 6,5 Meter lang gewesen sein soll und zusammen mit den Armen 12 Meter maß. Bedauerlicherweise wurde das Tier von den Fischern als Köder benutzt. Doch schon bald sollte Steenstrup das gelingen, wovon viele Kryptozoologen heute nur träumen. Im Keller eines Kopenhagener Museums fand der Forscher die konservierten Fragmente eines großen Kopffüßers, die im Archiv als Teile eines „Meermenschen, der unter der Herrschaft König Christians III. im Öresund gefangen worden war“, betitelt wurden. Im Jahre 1854 verfasste Steenstrup einen Artikel darüber. Doch das sollte nicht der einzige Zwischenfall sein, der dem Dänen in die Hände spielte. Ein Jahr zuvor wurde vor der Küste Jütlands in seinem Heimatland ein Kalmar angetrieben. Fischer zerschnitten das Tier zu Ködern, doch zum Glück blieben ein paar Überbleibsel unversehrt, darunter ein 11,5 Zentimeter langer Schnabel, der „Mund“ des Tieres, den Steenstrup nutzen konnte, um einen weiteren physischen Beweis für die Existenz eines großen Kalmars vorlegen zu können. Die endgültige Bestätigung lieferte ein im Dezember 1850 bei Malmö aufgefundenes Exemplar, das dem Forscher ausreichte, um 1857 die neue Spezies wissenschaftlich zu beschreiben. Nun fand sich in Linnés Systemae ein neues Mitglied: getauft Architeuthis dux, der Riesenkalmar oder „Erste unter den Kalmaren“ (griechisch =Architeuthis).[20]

Doch damit war die Geschichte noch nicht vorbei. Das Ereignis, das sich im Oktober 1873 vor der Küste Neufundlands abspielte, ist so spektakulär, dass – sollte es sich so zugetragen haben, denn niemand von uns war schließlich an besagtem Tag mit dabei  - der Riesenkalmar hier nur schwer nicht als Seeungeheuer bezeichnet werden kann. Drei Fischer, Daniel Squires, Theophilus Piccot und dessen Sohn Tom ruderten etwa drei Meilen vor der Küste Neufundlands, als sie „Etwas“ erblickten, das auf dem Wasser trieb. Als sie das vermeintliche Stück Holz mit einem Enterhaken an Bord holen wollten, schlug dieses Ding zu ihrem Entsetzen seinen harten Kiefer in die Bordwand und umschlang das ganze Ruderboot mit riesigen Tentakeln. Montforts Geschichte aus Angola in Miniaturform. Das Wesen verschwand unter der Wasseroberfläche und drohte, Boot und Besatzung mit sich zu ziehen. Es waren nicht die erfahrenen Männer, sondern der zwölfjährige Sohn Tom Piccot, der zu einem Beil griff und dem Tier den Arm abhackte und somit alle vor dem Bad im Eiswasser und einer eventuell bevorstehenden Konfrontation mit der todbringenden Kreatur da unten bewahrte. Denn daraufhin stieß diese eine Wolke schwarzer Tinte aus und verschwand in den Fluten.[21]

Derartige Erzählungen über Seeungeheuer gibt es viele. Die kryptozoologische Literatur ist voll davon. Ob man sie glaubt oder nicht, bleibt meistens einem selbst überlassen. Die Natur bleibt uns Beweise schuldig und macht es jenen, die eine Existenz dieser Tiere für möglich halten, schwer, und jenen hingegen, die der Sache skeptisch gegenüberstehen, leicht. Doch dieses eine Mal, nach dem Angriff auf das Fischerboot in Neufundland, sollte die Geschichte anders ausgehen. Als Beweisstück führten die drei Fischer nämlich den abgehackten Tentakel des Kalmars mit. Ein Teil wurde zu den Hunden geworfen, doch der andere Teil – immerhin immer noch an die 19 Fuß, also fast sechs Meter (!) lang, gelangten noch am selben Tag in die Hände des Pfarrers und Amateurnaturforschers Reverend Moses Harvey, der darüber erschrak, welchen Stress die Begegnung auf die drei Fischer ausgeübt hatte:

Ich fand sie noch ganz unter dem Eindruck des durchlebten Schreckens. Während sie erzählten, fingen sie immer wieder an zu zittern. Am meisten waren sie über die riesigen grünen Augen des Ungeheuers erschrocken, die in einer unbeschreiblichen Wut gefunkelt hatten, sowie über seinen Schnabel, der einem Papageienschnabel ähnelte und plötzlich aus einer Höhlung im Kopf hervorgestoßen war und versucht hatte, sie in Stücke zu reißen.“[22] Das klingt mehr als abenteuerlich. Doch der Tentakel existierte.

Ich war nun im Besitz einer der seltensten Kuriositäten des gesamten Tierreichs – eines echten Tentakels eines bis dahin unbekannten mythischen Teufelsfisches, über dessen Existenz Naturforscher seit Jahrhunderten stritten. Ich wusste, dass in meiner Hand der Schlüssel zu einem der größten Mysterien lag, dass ein neues Kapitel zur Naturgeschichte hinzugefügt werden musste[23], schrieb Harvey später. Der Provinzgeologe von Neufundland, Alexander Murray, war ebenfalls herbeigeeilt und schloss nach der Schilderung, Tom habe den Tentakel mindestens drei Meter vom Kopf entfernt abgehackt, auf eine Gesamtlänge des Arms von 10 Metern.[24]  Der erste Experte für Weichtiere, der mit den Überresten des „Neufundlandmonsters“ in Kontakt geriet, war Professor Addison Verrill von der Yale-Universität, welcher über einen Zeitungsartikel vom dem Vorfall erfahren hatte. Er reiste sofort an den Ort des Geschehens und vermaß den Arm abermals und kalkulierte die Körperlänge auf zehn Fuß (ca. drei Meter) und zwei Fuß und sechs Inch im Durchmesser (also einen knappen Meter). Die Gesamtlänge des Tentakels betrage 32 Fuß (knappe 10 Meter) und die Länge des ganzen Tieres 44 Fuß (13 Meter). Doch dabei blieb es nicht. In jener Zeit kam es zu einer ganzen Reihe von Strandungen in Neufundland, deren Ursachen bis heute noch nicht ganz klar zu sein scheinen. Darunter befand sich auch ein 1871 von Kapitän Campbell fast tot aufgefundenes Exemplar. Ein weiteres Tentakel eines etwas kleineren Exemplars gelangte nur drei Wochen nach dem gewaltsamen Übergriff auf das Fischerboot erneut in die Hände des Pfarrers Harvey. Die Seeleute mussten den Kopf abtrennen, um die Reste ins Boot zu bekommen, deren Körper sieben Fuß (über zwei Meter) und die Tentakel 24 Fuß (sieben Meter) betragen haben sollen. Während seines Aufenthalts in Neufundland erfuhr Verrill auch von dem Fund eines großen Kalmars aus dem Jahre 1872, der bei Coomb’s Cove angeschwemmt worden war. Er soll den Körperumfang eines großen Fasses, eine Körperlänge von drei Metern und Tentakel von fast 13 Metern gehabt haben! Alle Tiere wurden von Verrill zu der vom Dänen Steenstrup beschriebenen Spezies  Architeuthis dux zugeordnet.

1873 ging einigen Fischern sogar ein Riesenkalmar ins Netz, der, obwohl er durch die Beile und Messer der Fischer dort den Tod fand -  dennoch so gut erhalten war, dass man ihn in ein Museum ausstellen konnte. Selbiges wiederfuhr einem 1877 bei Catalina, Trinity Bay, nach einem Sturm angespülten Tier, das sogar noch am Leben war, als man es fand. Drei Tage wurde es in St. Jonas ausgestellt, bevor man es in Salzlacke packte und nach einer Zwischenstation bei Verrill im New Yorker Aquarium erneut präsentierte. Es war das größte und bis dahin am besten erhaltene Exemplar, das man konserviert hatte. Allein die Augen maßen 20 cm im Durchmesser und legten somit vorerst einmal den Rekord für die größten Glubscher im Tierreich. Verrill veröffentlichte nach seinem Aufenthalt 1874 einen Artikel im „American Journal of Science and Arts“ über die Riesenkalmare, die seit 1870 in Neufundland angespült worden waren. Dort wurde der Riesenkalmar basierend auf die damals gewonnenen Erkenntnisse beschrieben. Schließlich und endlich war ein Tier in das Reich der etablierten Zoologie gelangt, das vorher nur Walfängern und Seeleuten bekannt war und lediglich auf die Gedankenwelt von Phantasten und wissenschaftlichen Einzelgängern einen Eindruck hinterlassen hatte. Doch nach den Ereignissen aus Neufundland war das Feld frei für die „Manstream“-Wissenschaft, welche die großen Kopffüßer nicht mehr ins Reich der Fabelwesen verdammen wollte, sondern erpicht darauf war, mehr Erkenntnisse über diese seltsamen Geschöpfe zu gewinnen. [25]

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden immer wieder Riesenkalmare an die Küsten aller Welt angespült, datiert und beschrieben. Bis heute. Es entstanden Tabellen und Beschreibungen, wurden Vermutungen über die Lebens- und Verhaltensweise angestellt und natürlich darüber, wie groß diese Tiere denn wirklich werden können. Der Riesenkalmar musste plötzlich auch für andere Seeungeheuersichtungen Pate stehen, vor allem wurde und wird sein Erscheinen für die Sichtungen verschiedener Seeschlangen verantwortlich gemacht. Von Henry Lee in „Seemonsters Unmasked“ Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Richard Ellis Abhandlungen über Seeungeheuer zur Jahrtausenwende liest man immer wieder, Sichtungen von saurierartigen Hälsen, die aus dem Wasser ragten, seien nichts anderes als die Tentakel eines Riesenkalmars, die er aus welchem Grund auch immer aus dem Wasser halten würde. Anthonie Cornelius Oudemans Werk „The Great Sea Serpent“, das 1892 die verdrängten Seeschlangensichtungen gegenüber dem „gehypten“ Riesenkalmar rehabilitieren wollte, ist voll von Klagen, dass die Seeschlangensichtungen ständig auf Fehlinterpretationen von Riesenkalmaren reduziert würden. Vor allem beschwert er sich über die Ausführungen von Henry Lee in „Sea Monsters Unmasked“. Er identifiziert meiner Ansicht nach vollkommen richtig, dass es etwas seltsam ist, wenn vor 1848 kaum ein offizieller Bericht über den Riesenkalmar und dessen Fund am Strand erschienen war und sie nun nach seiner offiziellen Klassifizierung „at scores![26] gefunden würden. Die Ursache liegt hier wohl in der Form der Berichterstattung begründet. Ein Tier, das wissenschaftlich beschrieben aber dennoch geheimnisvoll bleibt, wird von der „aufgeklärten“ Öffentlichkeit viel eher akzeptiert als ein Tier, dessen Existenz noch nicht belegt ist. Das soll aber nicht heißen, dass manche Seeschlangensichtungen nicht auf Riesenkalmare zurückgehen könnten. Daneben kam es allerdings schon vor der offiziellen Bestätigung der Existenz des Architheutis zu Sichtungen von großen Seetieren, die eindeutig den Kalmaren (wenn auch nicht immer den Riesenkalmaren, denn darunter befanden sich auch Tiere mit Krallen statt Saugnäpfen an den Tentakeln) zugeordnet werden konnten.[27]


 

Teil II – Architheutis & Co

Da wir den Riesenkalmar nun erfolgreich aus der Fabelwelt in die real existierende Tierwelt überführt haben, wollen wir uns im Folgenden dem biologischen Hintergrund um Architeuthis und seiner kopffüßigen Verwandten widmen.  An allererster Stelle ist eine Begriffsklärung angebracht, denn ärgerlicherweise wird bei den Berichten über große Kopffüßer immer wieder derselbe Fehler gemacht: Unser Architeuthis ist ein Kopffüßer, ein Cephalopode, aber kein Krake. Der Begriff Riesenkrake in Bezug auf den Riesenkalmar ist deshalb schlichtweg falsch. Die Bezeichnung Riesenkalmar dagegen richtig, wenn man sich auf die Tiere mit langestreckten, zugespitzen Körper, acht Fangarmen und zwei noch längeren Tentakeln mit keulenförmigen Enden, also insgesamt zehn Armen, bezieht. Oder, um des besseren Verständnisses wegen noch weiter auszuholen:

Die Klasse der Kopffüßer (Cephalopoda) gehört zum Tierstamm der Weichtiere (Mollusken) und stellt eine sehr alte Tierklasse dar, die zum ersten Mal wohl vor 500 Millionen Jahren in Erscheinung getreten ist. Die rezenten, also heute lebenden, Cephalopoden gliedern sich auf in zwei Unterklassen. Zum einen die Nautiloidea mit nur einer einzigen Gattung, die aufgrund ihrer urtümlichen Beschaffenheit genauso wie der Quastenflosser zu den lebenden Fossilien zählt. Die andere Unterklasse (Coleoidae) beherbergt zwei große Überordnungen: die Octopodiformes („Achtfüßer“) und die Decapodiformes („Zehnfüßer“). Die Octopodiformen gliedern sich wiederum in zwei Ordnungen auf. Zum einen nämlich die Vampyromorpha mit wiederum nur einer Familie, dem Vampirtintenfisch, eine sehr kleine, aber eigenartige Tiefseekreatur, die ihrem Aussehen nach Graf Draculas Haustier sein könnte und zum anderen die Ordnung der Oktopoden, zu denen auch die Kraken gehören. Sie sind achtarmige, bodenbewohnende Lebewesen mit plumpen sackförmigen Körper und saugnapfbesetzten Armen. Einige von ihnen verfügen über sehr hoch entwickelte Fähigkeiten, zu lernen und abstrakte Probleme zu lösen. Der Gemeine Mittelmeerkrake kann beispielsweise Marmeladengläser öffnen und verständigt sich durch verschiedene Kommunikationsformen, um seine aktuelle Stimmung kundzutun. Überflüssig zu erwähnen, dass er die Farbe und Form wechseln kann.[28] Der Riesenkrake existiert als biologisches Tier in einigen Arten: Diese sind der pazifische Riesenkrake (Enteroctopus dofleini), der südpazifische Riesenkrake (Enteroctopus megalocyathus)und der südafrikanische Riesenkrake(Enteroctopus magnificus).

Diese echten Riesenkraken können von der einen Armspitze zur anderen bis zu fünf Meter messen und bringen mehr als 30 Kilogramm auf die Waage. William High schreibt in der 38. Ausgabe der „Marine Fisherie´s Review“ aus dem Jahre 1976, dass er in den fünfziger Jahren einen kommerziellen Taucher namens Jock Mac-Lean of Prince Rupert interviewte, der eine 600 Pfund (über 270 Kilogramm) schweren Kraken mit fast 10 Metern (!) Armspannweite gefangen haben will. Die Fotos, die er High von der Kreatur zeigte, waren aber von schlechter Qualität und ließen daher keine weiteren Rückschlüsse zu. Der Taucher behauptete weiter, dass hin und wieder von ihm 200 Kilogramm schwere Exemplare gefangen worden wären. Allerdings leben die Riesenkraken nicht sehr lange (höchstens fünf Jahre) und deshalb müssen solche Angaben aufgrund des biologischen Limits in Frage gestellt werden.[29] Die meisten Riesenkraken sind jedoch groß genug, um sich auf Spaßringkämpfe mit Tauchern einzulassen, eine für beide sicherlich bereichernde Erfahrung. „Zu faul, um einen Menschen zu töten“, tituliert Jacques-Ives Cousteau in seinem Buch über Tintenfische diese sonderbaren Begegnungen. Sichtungen und Gerüchte über gigantische Oktopusse sind allerdings ein eigenes Kapitel der Kryptozoologie und wurden vor allem durch den Fund von einer riesigen Masse seltsamen Materials an der Küste von St. Augustine, USA, am 30. November 1896 angeheizt. Der Fund wurde vom Weichtierexperten Verrill (demselben Verrill, der auch das Neufundlandmonster untersuchte) in Augenschein genommen, der zuerst überzeugt war, dass es sich dabei um einen gigantischen Oktopoden handelte und ihm gleich den wissenschaftlichen Namen Octopus giganteus gab, später aber seine Meinung revidierte (offenbar benebelt von den vorangegangenen Ereignissen mit den Kalmaren) und konstatierte, die konservierten Überreste der unbekannten Masse seien nichts als Blubber, also die Speckschicht eines Pottwals. Einige Meeresexperten unterstützen heute diese Meinung.[30] Die eingelegten Überreste sind immer noch erhältlich. Wer weiß, welches Tier diesen Funden wirklich zugrunde lag, ein kranker Pottwal oder jener gigantische Oktopus mit 60 Meter Armspannweite, den Verrill zuerst auf Basis des gefundenen Materials durch Hochrechnungen proklamierte?[31] Aus Zeitgründen kann auf diese Thematik hier leider nicht weiter eingegangen werden, denn der Riesenoktopus und die Geschichten um diese seltsamen Blobs oder Globsters (der Fund in St. Augustine war nicht der Einzige) stellen genug Stoff für einen extra Artikel dar und im Gegensatz zum Riesenkalmar gehört ein übergroßer Krake sehr wohl in den Bereich der Kryptozoologie zwecks mangels an ausreichenden physischen Beweisen.

Zurück zu unserer Klassifizierung. Neben den Achtfüßern gibt es die zweite Superordnung innerhalb der Kopffüßer, die Zehnarmigen. Innerhalb derer befinden sich zum Beispiel die Sepioidea und eben auch die Ordnung der Oegopsida, wo die vielen Familien der Teuthidae, also Kalmare, beheimatet sind. Ihre Fangarme können nicht nur simple Saugnäpfe, sondern neben Saugnapfringen auch Haken oder Krallen aufweisen.[32] Bei den Kalmaren findet sich auch unser Riesenkalmar.[33] Im Deutschen wird dieser aber fälschlicherweise immer wieder als Riesenkrake bezeichnet und obwohl alle Autoren, die sich mit der Materie beschäftigen, ständig darauf hinweisen, dass Riesenkrake und Riesenkalmar zwei Paar Stiefel sind, machen auch sie vorher selbst oft den Fehler und assoziieren den Kraken mit dem Kalmar.

Der Riesenkalmar ist das größte als Individuum lebende wirbellose Tier der Welt und mit Ausnahme der Polarregionen weltweit verbreitet. Im Laufe der letzten 150 Jahre wurde eine ganze Reihe von Gattungen und Spezies innerhalb dieser Familie klassifiziert und wieder überarbeitet. Der sowjetische Meeresbiologe Kir Nesis definierte in den achtziger Jahren drei Arten, Architeuthis dux, Architeuthis martensi und Architeuthis sanctipauli, allerdings kann es sich auch genauso gut um eine einzige Art mit drei Unterarten handeln. Die genaue Aufgliederung ist den Forschern noch nicht so ganz klar.[34] Von seiner Morphologie unterscheidet er sich aber nur wenig von den übrigen Kalmaren, er ist ein gleichsam typischer Kalmar mit acht Fangarmen und zwei überlangen Tentakeln, die mit Saugnäpfen besetzt sind. Über die übrige Morphologie weiß man ebenfalls ziemlich gut Bescheid. Sie tragen ein Auftriebsmittel mit sich (Salmiak), das leichter als Wasser ist und über das auch viele andere Tiefseebewohner verfügen. Wie die meisten Kopffüßer (nicht alle, der Nautilus zum Beispiel nicht), hat der Riesenkalmar einen Tintenbeutel. Und wie die anderen Kalmare verfügt auch Architeuthis über einen Trichter, der auf dem Rückstoßprinzip beruht und somit blitzschnelle Bewegung im Wasser ermöglicht. Die Augen gehören mit einem Durchmesser von über 20 cm zu den größten im gesamten Tierreich. Was die angebliche Intelligenz der Tiere betrifft, also die Fähigkeit, zu lernen und Probleme zu lösen, sieht es bei unserem Kalmar düster aus, da das Gehirn um die Speiseröhre herumliegt. Von Architeuthis kann man daher nicht erwarten, dass er Marmeladengläser öffnet wie sein entfernter Verwandte, der Mittelmeerkrake. Auch im Hinblick auf die Fähigkeit zur Bioluminiszenz, also ob der Riesenkalmar in dunkler Tiefe mit Hilfe von Symbionten Leuchtsignale auszusenden kann, wie es viele Lebewesen der unteren Meeresregionen tun, kann man im Moment nur spekulieren. An der Spitze seines Tintenbeutels befindet sich nämlich ein Organ, das gegenwärtig noch nicht analysiert werden kann und bei anderen Tiefseekopffüßern für eben diesen Zweck verwendet wird. Ob das aber auch für Architeuthis zutrifft, steht in den Sternen. Im Internet ist mir einmal die Behauptung untergekommen, die Riesenkalmare seien Zwitterwesen, da man weit unten selten einen Partner finden würde und es daher auf jede Begegnung ankäme. Das ist aber komplett falsch, denn wie alle Kopffüßer ist auch Architeuthis strikt getrennt geschlechtlich. Wenig weiß man aber darüber, wie der Kalmar sich fortpflanzt. Man stellt sich einen ähnlichen abenteuerlichen Paarungsvorgang vor wie man ihn von anderen Kalmaren kennt. Die Dichte seiner Population ist ebenfalls unklar. Es ist sehr gut möglich, dass eine ganze potentielle Population von Architeuthis innerhalb eines Tiefensektors auslöscht wird, wenn man ein einziges Weibchen mit Eiern heraufholt. Genauso wahrscheinlich ist auch, dass die Wirkung dieses Eingriffs auf die Population marginal ausfällt. Der Magen der Exemplare ist selten gefüllt, aber es gibt Ausnahmen, manchmal finden sich dort nämlich andere kleinere Kalmare und auch Fische. Die Riesenkalmare selbst tauchten nicht nur in den Pottwalmägen und an den Stränden auf. Auch junge Exemplare von Architeuthis wurden schon gefunden. Im Magen eines Blauhais, der im östlichen Atlantik vor der Küste Äquatorialafrikas aus dem Wasser gefischt wurde, konnten Teile eines Riesenkalmarsmit einer Mantellänge von nur 76 cm ausfindig gemacht werden.[35] In den Mägen von Albatrossen und anderen Meeresbewohnern wurde man außerdem mehrerer kleiner Kiefer der Spezies habhaft. Die Größe dieser Jungtiere, die aus den oberen Regionen des Meeres in die Schnäbel der Wasservögel geraten waren, konnte nicht mehr als 15 Zentimeter betragen haben[36]. Ob man aufgrund dieser Funde allerdings darauf schließen kann, dass die Kalmare sich in subtropischen Gewässern fortpflanzen und dann in kältere Regionen abwandern, bleibt reine Spekulation.

Was die Größe der Kalmare betrifft, so wurden ebenfalls schon horrende Mutmaßungen angestellt. Wie wir wissen, ist der Hauptfeind der Kalmare der Pottwal, der in der Lage ist, äußerst tief und lange zu tauchen und sich – so vermutet man – in der Tiefe spektakuläre Kämpfe mit Architeuthis liefert. In der Literatur gibt es verschiedenste Theorien über den Ausgang dieser Kämpfe, die von dem Pottwal als alleinigen Jäger und dem Kalmaren als alleinigem Opfer bis zu riesigen Kalmaren reichen, die angeblich Jagd auf die Pottwale machen. Als Beispiel werden immer wieder gigantische Saugnapfabdrücke auf Pottwalhäuten angeführt sowie Berichte von Seeschlangensichtungen, bei der man vermutet, das um den Pottwal geschlungene Etwas stelle nicht den Körper eines gewaltigen Wasserreptils, sondern ein Tentakel eines Riesenkalmars dar. Man rechnete anhand des Durchmessers der Saugnapfabdrücke (20 cm!) auf der Pottwalhaut auf die Größe hoch, bei einigen kam man darauf auf eine Länge von über 30 Metern! Doch realistischer ist laut Volker Miske, dem ausgewiesenen Tintenfischexperten für Deutschland, folgendes Szenario:Der Pottwal taucht ab und packt den Riesenkalmar, der Riesenkalmar heftet sich fest, wird aber gefressen. Der Pottwal taucht auf und wächst weiter und damit auch der Abdruck des Saugnapfes. Das muss man sich so ähnlich vorstellen wie einen Baum, in den ein Liebespärchen ein kleines Herz ritzt, das dann aber mit dem Wachstum des Baumes größer wird. Des Weiteren gebe es laut Miske eine Pilzinfektion, die ähnliche Abdrücke aufweist. Deswegen untersucht man nur noch blutende Wunden der Kämpfe und da kommt man auf 4 – 5 cm Saugnapfdurchmesser. Also deutlich kleiner. Und danach greift die eben geschilderte Wachstumskomponente.

Was die maximale Größe des Riesenkalmars betrifft, so sind Angaben äußerst schwierig, denn die Dehnbarkeit der Tentakel verhindert eine exakte Angabe. Deswegen muss man vor allem bei den Angaben aus dem 19. Jahrhundert vorsichtig sein. Heute wird der Mantel, also der „Körper“ des Riesenkalmars als Medium zur Größenangabe verwendet. Laut dem neuseeländischen Tintenfischexperten Steve O’Shea war der längste wissenschaftlich fundierte Mantel eines Architeuthis dux etwas über 2 Meter lang und das Tier hatte eine Gesamtlänge von 13 Metern.[37] Schenkt man dem Report eines Riesenkalmars in der Lyall Bay (Wellington) im Winder des Jahres 1887 Glauben, so betrug die maximale Länge knappe 17 Meter. Diese Maße werden aber sehr stark angezweifelt. Bei einer korrekten Abmessung würde man hier nur auf knappe 10 Meter kommen, heißt es im Infosheet von O‘Shea.[38] In einem Artikel für die „Proceedings of Royal Society“ seiner japanischen Kollegen Tsunemi Kubodera und Kyoichi Mori steht hingegen, der längste je gefundene Riesenkalmar sei insgesamt 18 Meter lang gewesen, mit mehr als 12 Meter langen Tentakeln (nach Clarke 1969). Im Durchschnitt sind die gefundenen Architeuthis zwar selten über 6 Meter groß, aber mehr als 15 Meter dürften locker noch im Bereich des Möglichen liegen, mehr als 20 Meter allerdings sind noch nicht wissenschaftlich dokumentiert. Bis jetzt.

O’Shea stellte weitere Überlegungen zu der Wachstumsrate und Alter des Architeuthis an Natürlich sind dies nur Annahmen, die ebenfalls einer weiterer Beweisführung bedürfen, lohnen aber durchaus einer Erwähnung: Zur Hilfe nahm er sich unter anderem dabei die sogenannten Statolithen der Kalmare. Der Kern dieser winzigen Gleichgesichtsorgane weist Wachstumsringe auf, ähnlich den Jahresringen eines Baumes. Die Schulpe (Gladius, ein Chitingerüst im Inneren des Weichtieres) und die Augenlinsen der Kalmare verfügen ebenfalls über derartige linienähnliche Strukturen, die Anhaltspunkte über Alter und Wachstum geben könnten. Die Wachstumsraten werden mit ähnlichen ausgebildeten Organen bekannter Kalmararten abgeglichen. Dann wird -je nach Annahme, ob der Riesenkalmar ein schnelles oder ein langsames Wachstum hat – auf die Wachstumsrate geschlossen. O’shea kommt am Ende der Untersuchung zu dem Schluss, dass im Hinblick auf die ausgerechneten Wachstumsraten eine früher vermutete maximale Mantellänge von 6 oder 4 Metern sehr unrealistisch ist. Nach acht Jahren Forschung und über 110 untersuchten Exemplaren sei keines davon über die Mantellänge von 2,3 Meter hinausgekommen. Daher  seien auch die Annahmen über die Wachstumsraten realistisch und bestätigten die Größe seiner untersuchten Exemplare. Die Größenangaben des letzten Jahrhunderts müssten daher äußerst kritisch bedacht werden.[39]

Doch 13 Meter reichen auch noch, um dem Riesenkalmar den Status eines wirklich großen Tieres zuzuerkennen, der –vor allem, was seine Länge betrifft – im Reich der Tiefsee außer dem Pottwal seinesgleichen sucht. Und wer kann schließlich mit absoluter Sicherheit sagen, dass die gefundenen Exemplare als repräsentativ für die Population der Riesenkalmare betrachtet werden können, wenn man denn so wenig über die Populationsdichte weiß? Kann es denn nicht sein, dass nur die kleineren oder jüngeren Tiere an der Küste angespült werden? Und die ganz Großen für immer unten bleiben, auch wenn sie sterben? Wer weiß .?

Denn: Bis auf den heutigen Tag gelang es nicht, einen Riesenkalmar mit eigenen Augen in seinem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Und gerade das macht die Arbeit am Architeuthis so spannend. Es gab Beobachtungen an der Wasseroberfläche, aber die stellen nicht den Lebensraum von Architheutis dar, der sich von 900 bis 3000 Metern Tiefe erstreckt. Über die Tiefseeverbreitung ist wenig bekannt, weil viele Architheutis eben nur durch Tiefseenetze hochgetrieben werden und dann der Kontakt mit dem Tier an der Oberfläche zustande kommt. Das Beobachten der lebenden Tiere ist sehr schwer, es geht entweder mit einem Tiefseeuboot und Automatikkamera oder über die Verfrachtung der Tiefseebewohner in unter Druck gesetzte Becken, wo sie aber auch wegen dem Temperaturunterschied nur einige Minuten überleben. Die Befestigung der Kamera an Pottwale blieb ebenfalls erfolglos, denn der Wal war nicht auf Beutezug.

So bleibt nur noch die Möglichkeit, selbst mit einem U-Boot den Riesenkalmar hinterher zu tauchen. Frederick Aldrich versuchte das 1989 vor Neufundland, Clyde Roper tauchte Anfang 1999 mit seinem „Deep Rover“ in 300 bis 600 Metern Tiefe – ohne Erfolg.  Und bis heute gibt es keine Videoaufnahme von einem Riesenkalmar in der Tiefe. Und trotzdem haben sich die Ereignisse in den  in den letzten Jahren überschlagen:

Neben Steve O’Shea als Experten geistert immer wieder ein anderer Name durch die Presse, wenn es um große Kalmare geht: Tsunemi Kubodera. Ihm sollte schließlich der Erfolg vergönnt sein, einen Riesenkalmar in seinem natürlichen Lebensraum wenigstens zu fotografieren. Um den Kalmar zu lokalisieren, lies man sich mal wieder von Pottwalen helfen. Dieses Mal war es aber nicht nötig, eine Kamera an den Tieren zu befestigen, sondern man suchte in Tiefenregionen, von denen man wusste, dass Pottwale sie zur besagten Zeit als Jagdgründe nutzen. So kamen die Forscher auf die Tiefengewässer vor den Ogasawara Inseln im Nordpazifik. Zwischen September und Dezember gehen die Wale dort auf Beutezug. Außerdem hatte man dort sowohl Tentakel als auch vollständig erhaltene tote Exemplare von Architeuthis gefunden, die entweder an der Oberfläche trieben oder durch die Langleinen des kommerziellen Fischfangs nach oben gebracht worden waren. Einige Kilometer von den Chichijima Inseln entfernt, in einer zerklüfteten Tiefenregion, hatten Ortungsgeräte die Wale beim Jagen ausgemacht. Tagsüber tauchten sie 800 bis 1000 Meter tief, nachts nur 400 bis 500 Meter. Sie bewegten sich also eindeutig im Lebensraum von Architeuthis.[40]

An einer 400 – 1000 Meter langen Nylonleine wurde eine Kamera befestigt, die an drei Schwimmposen hing. Gleich einer Hegene beim Angeln wurde zwei Haken an einer „Nebenleine“ angebracht und daran die Köder befestigt: ein kleiner Kalmar (Todarodes pacificus) wurde beim ersten Haken befestigt und beim Zweiten ein frisches Püree aus Shrimps angebracht. Das Ganze wurde durch ein Blei gewichtet, an das ebenfalls ein kleiner Kalmar als Köder postiert wurde. Die Kamera war eine Digitalkamera, verfügte über einen Tiefensensor und einen Datenspeicher. Für fünf Stunden nahm sie alle 30 Sekunden Fotos auf und war die ganze Zeit über auf den Köder gerichtet.[41] Man war also vorbereitet.

Und tatsächlich: Um 9.15 Uhr morgens, am 30. September 2004, attackierte ein einzelner Riesenkalmar eine der Ködervorrichtungen. Ganz deutlich sind auf den ersten Fotos die zwei langen Tentakel zu sehen, welche sich um den Köder schlingen. Dadurch geriet Architeuthis an den Haken. Mehr als 550 digitale Fotos von dem Tier wurden geschossen, während vier ganzer Stunden versuchte der Kalmar, sich vom Haken zu befreien. Die ersten 20 Minuten sah man meist nur die Tentakel, die nächsten 80 Minuten befand er sich in der Nähe der Leine, während er seine Fangarme um die Schnur warf. In dieser Zeit beförderte er das Angelsystem von 900 Metern nach oben in 600 Meter Tiefe. Die nächsten drei Stunden erreichte es langsam wieder die 1000 Meter. Im letzten Zeitabschnitt war die Schnur außerhalb der Kamerasichtweite, vermutlich weil der Kalmar versuchte, von der Schnur wegzuschwimmen. Nach vier Stunden riss sein Tentakel ab und wurde zusammen mit dem Kamerasystem geborgen. Oben angekommen saugte es sich an allem fest, das es berührte. Das Stück war 5,5 Meter lang und schon bald die Spezies Architheutis als Besitzer identifiziert. Schätzungsweise war das Tier – vorausgesetzt, das Tentakel wurde direkt an der Basis abgetrennt – um die 8 Meter lang. Auf den Fotos ist ganz klar die rote Färbung der Tentakeloberseite zu sehen.[42]

Der Bericht ging um die Welt. Endlich war man ein Stück weiter in das Reich des Riesenkalmars vorgedrungen und hatte eines seiner Geheimnisse gelüftet. Denn das Neue an dieser Entdeckung war, dass Architeuthis scheinbar ein aktiver Jäger zu sein scheint. Vorher wurde nämlich auch angenommen, dass er ein eher passives, träges Raubtier ist, das die Gunst der Stunde abwartet. Von besonderen wissenschaftlichen Wert ist die neue Erkenntnis, dass Architeuthis seine Beute horizontal angreift. Und das schneller als gedacht. Die zwei Tentakel werden nicht wie baumelnde Angelschnuren herabhängend als Köderfalle benutzt, sondern spulen sich blitzartig nach vorne ab, bevor sie sich ähnlich wie Pythons um ihre Beute schlingen.[43]

Man hatte es also endlich geschafft, dieses außergewöhnliche Tier in Aktion festzuhalten. Es hatte mehr als hundert Jahre gedauert, diese Sensation möglich zu machen. Zwischenzeitlich hatten Menschen die Mondoberfläche betreten und Atome spalten gelernt, doch Architeuthis entzog sich den Blicken der Erdbewohner weiterhin. Kubodera und sein Team stachen schon bald wieder in See, um ihre Technik ein weiteres Mal anzuwenden. Und 2006 ging ein weiterer Riesenkalmar an den Haken. Die Forscher filmten den Fang dieses Wesens, das leider während der Aktion verendete. Somit hatte man die ersten bewegten Bilder eines Riesenkalmars, allerdings immer noch nicht in seinem natürlichen Lebensraum, sondern schon halbtot an der Angelleine. Das Tier wurde in derselben Gegend gefangen wie das vorherige Exemplar von 2004. Es handelte sich um ein 50 Kilogramm schweres und dreieinhalb Meter langes Weibchen.[44] Das Video vom Fang kann man auch online ansehen (http://www.indiesquidkid.com/tag/ten-sensational-squids/ ).

Doch Anfang 2007 passierte in den antarktischen Gewässern etwas, das an die frühe Geschichte der Alecton erinnert und mit dem keiner gerechnet hatte. Langsam aber sicher wurde die Poleposition im Zirkel der größten Wirbellosen für Architeuthis gefährlich. Ein Verwandter war dabei, unserem Riesenkalmar die Show zu stehlen. Was neuseeländische Fischer da im Februar 2007 aus dem eisigen Wasser zogen, übertraf selbst die kühnsten Erwartungen der Forscher. Auf der Suche nach Seehechten im arktischen Meer geriet ein Tier an den Haken, dem man als Mensch nur ungern beim Schwimmen begegnen möchte:  An der Leine hing ein großes rotes Ding mit zehn Fangarmen und einem sehr großen und scheinbar schweren Körper. Geistesgegenwärtig lösten die hartgesottenen Fischer das Wesen nicht von der Leine, sondern hoben es an Bord. Im Internetzeitalter braucht man keine Zeichnungen der Matrosen mehr, um sich ein Bild von dem Fang zu machen, sondern kann sich das Video der Bergung bei Youtube anschauen (http://www.youtube.com/watch?v=HB5cKwJzzWY). Die Männer werfen ein Netz um das Tier, was nicht ganz leicht zu sein scheint. Und ganz frei von Angst sind die Männer nicht.. Doch sie schaffen es, packen es in Eis und machen es der Wissenschaft zugänglich: Es ist ein fast 500 Kilogramm schwerer Kolosskalmar, Mesonychoteuthis hamilitoni, ein arktischer Tiefseekalmar, dessen Mantel noch gewaltiger als der des Architeuthis zu sein scheint. Diese Tiere sind über Funde in Pottwalmägen zwar schon lange (1925) bekannt, aber erst seit dem ersten April 2003 der Presse ein Begriff, als ein Weibchen mit einer Mantellänge von 2,5 Metern (Gesamtlänge von 5,4 Metern) und einem Gewicht von ungefähr 300 Kilogramm in die Hände der Forscher in Neuseeland geriet. Doch das 2007 gefangene Tier war gigantisch und mit seiner halben Tonne Gewicht das Schwerste jemals gefundene, ja gefangene Wirbellose[45].

Letzten Endes kam es zu Steve O’Shea und Tsunemi Kubodera, die es im neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa in Wellington untersuchen konnten. Der Vorgang konnte Online von der Internetseite des Museums aus (übrigens eine gute Infopage über den gefundenen Giganten) live mitverfolgt werden. Über den Kolosskalmar, der zu der Familie der Gallertkalmare gehört,  ist man eigentlich gut informiert, denn man konnte schon einige jüngere Tiere untersuchen. Das Hauptunterscheidungsmerkmal zum Riesenkalmar sind zwei Reihen drehbarer Haken an den Tentakeln, während der Riesenkalmar Saugnäpfe besitzt. Des Weiteren hat er nicht die zwei langen Tentakel, die so typisch für den Riesenkalmar sind. Seine sind deutlich kürzer. Dann ist der Körperbau des Kolosskalmars natürlich ein ganz anderer. Der Schnabel des Mesynchoteuthis ist größer und robuster als der des Riesenkalmars. Der Körperbau ist im Vergleich zu Architeuthis viel gedrungener und schwerer, während letzterer insgesamt eher länglich ist. Wer von den beiden Spezies größer ist, hing nun voll und ganz von dem gefangenen Exemplar ab: Man schätze das Tier ursprünglich auf 10 Meter. Es gibt natürlich verschiedene Formen, die Größe eines Tieres zu bestimmen, sei es das Gewicht, die Mantellänge oder die Gesamtlänge, doch wäre ein Kalmar, der zehn Meter lang ist und fast nur aus Körper besteht klar größer als ein Kalmar ,der zwar länger ist, aber diese Länge fast nur den zwei Tentakeln verdankt. Die bisherigen Mantellängen der Kolosskalmare waren meist etwas über einen Meter, Clarke dokumentierte 1966 in Pottwalmägen gefundene Exemplare von über zwei Metern Mantellänge. Das größte bekannte Maß erreicht mit 2,5 Metern in etwa dieselbe Länge wie die des größten bekannten Riesenkalmars, aber ob der Kolosskalmar wirklich in allen Teilbereichern der neue König unter den Wirbellosen sein würde, hing ganz von dem 2007 gefangenen Exemplar ab, das im folgenden Jahr aufgetaut und untersucht wurde.[46]  Doch leider wurde man enttäuscht. Das gefangene Tier war deutlich kürzer als erwartet. Es wies eine Gesamtlänge von gerade einmal 4,2 Metern auf. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten, denn Tentakel kann man nicht nur überdehnen, sondern sie könnten auch durch die Konservierung geschrumpft sein.. Denn obwohl die Mantellänge dieselbe ist wie die jenes Weibchens, das man 2003 fand, so war das jüngst gefangene Tier doch deutlich schwerer.

Man weiß auch hier einfach noch zu wenig, um Rückschlüsse auf Wachstum und Größe zu ziehen. Doch was die Augen des Kolosskalmars betrifft, so hat er dem Architeuthis eindeutig den Rang abgelaufen. Der Mesynchoteuthis verfügt mit Augen vom Durchmesser von fast 30 Zentimetern über die Größten im Tierreich. Sie weisen außerdem die Fähigkeit zur Bioluminiszenz auf![47] Laut Steve O’Shea handelt es sich bei den gefundenen Exemplaren noch nicht um ausgewachsene Tiere, sondern um verhältnismäßig junge Exemplare. Sie könnten also noch gehörig größer werden. Und daher gibt sich der Forscher geschlagen, was die maximale Größe des Mesynchoteuthis betrifft. Man weiß es schlichtweg nicht.[48] In Bezug auf die Länge des Architeuthis hingegen, die nicht besonders alt werden, zeigt sich der Forscher skeptischer und gibt die 13 Meter als das Maximum an Länge an. Doch auch hier gilt das alte Sprichwort: „Nichts Genaues weiß man nicht“.

Der Vollständigkeit halber sei bemerkt, dass es neben dem Riesen- und  Kolosskalmar noch andere große Kalmararten gibt, von denen nicht alle Tiefseebewohner sind. Dazu gehören der Hakenkalmar (Moroteuthis) mit eineinhalb Metern Mantellänge, der Rhombuskalmar (Thysanoteuthis rhombus) mit ebenfalls einem Meter Mantellänge, ein weiterer Tiefseekalmar mit dem lateinischen Namen Taningia danae sowie der den Fischern im Golf vom Mexiko wohl bekannte und berüchtigte Humboldtkalmar (Dosidicus gigas).

Ob Koloss-Rhombus-Riesen-oder Hakenkalmare. Diese faszinierenden Lebewesen halten die Naturwissenschaftler im 21. Jahrhundert wohl immer noch auf Trapp. So wie eh und je stellen sie eine fesselnde Thematik innerhalb des Tierreichs dar, die seit dem Beginn der etablierten Zoologie unendlich viel Raum geben für Spekulationen, Vermutungen, Träume und Alpträume, Wunschdenken und Skeptizismus. Dennoch verbergen sie sich meist erfolgreich vor den Unterwasserkameras, lassen uns im Dunkeln tappen über ihr Jagd- und Fortpflanzungsverhalten, genauso wie ihre Angriffslust und maximale Größe, die sie in den unendlichen Weiten des Meeres erreichen.


 

Teil III – Schluss und Ausblick - Die Bedeutung des Architeuthis für die Kryptozoologie

Der geduldige Leser hat den Riesenkalmar nun von seinem ersten Erscheinen in den Walfangberichten bis auf den Seziertisch von Teutologen der Gegenwart begleitet. Bleibt nur noch ein Aspekt zu klären: Wofür ein Tier, das schon mehr als 150 Jahre beschrieben ist, so detailliert in einem Magazin dokumentieren, das sich vorrangig mit Tieren beschäftigt, die bis heute jeglichen physiologischen Beweis entbehren? Die Antwort ist einfach: Der Riesenkalmar steht ähnlich wie der Quastenflosser ständig Pate für die Existenz weiterer verborgener Tiere, die sich bis heute der wissenschaftlichen Klassifikation entzogen haben. Gebetsmühlenartig wird in der kryptozoologischen Literatur immer wieder betont, dass schon Plinius der Ältere den vielarmigen Polypen beschrieben hat, der die Anwohner bei Carteia ihres Fanges beraubte, sogar an Land kam und sich spektakuläre Kämpfe mit Hunden und Männern lieferte. Oder die Geschichte vom Kraken aus Skandinavien, ein angeblicher Hinweis auf den Riesenkalmar, des „größten Thieres der Welt“, wie es der Bischof Erich Pontoppiddan in seinem 1754 erschienenen Werk „Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen“nennt.Kryptozoologen haben in der Vergangenheit diese Mythen herangezogen, um zu beweisen, dass es angesichts der bisherigen ausbleibenden Beweise für andere Kryptiden sehr wohl Fabeltiere gibt, die Realität geworden sind. Doch genau hier wollte ich einmal genauer nachhaken: Stimmt das wirklich?

Also nahm ich mir den Kraken des Nordens vor, eine seltsame Kreatur, deren Gestalt eigentlich nie so richtig klar ist und offenbar schon lange in der Folklore der Nordländer existiert. Danach taucht er aber immer wieder in den Schriften der Gelehrten auf, vom schwedischen Bischof Olaus Magnus‘ „Historia de gentibus septentrionalibus“ aus dem Jahre 1555 angefangen. Außer bei Erik Ludvigsen Pontoppidan kann man auch in anderen weniger bekannten intellektuellen Werken auf den Kraken stoßen. In der „Ökonomischen Enzyklopädie“ von Johann Georg Krünitz (1733 – 1812)[49], wo er Pontoppiddans Standpunkte kommentierte. Aber es gibt auch unabhängige Werke wie zum Beispiel die „Viaggio Settentrionale“ des italienischen Priesters Francesco Negri (1623 – 1698), das vor Pontoppiddans Klassiker erschienen ist und ähnliche Mythen verarbeitet, mit den sich auch Pontoppiddan auseinandersetzte. Letzteres aber gilt neben dem Buch von Olaus Magnus als die Geburtsstunde für zahlreiche Berichte über Seeungeheuer und wird immer wieder rezitiert. Vor allem der Krake als gigantischer Tintenfisch hat hier seinen Ausgang. Schon Denys de Montfort war überzeugt davon, dass dieses seltsame Ding, das von Pontoppiddan im Folgenden beschrieben wird, nur ein gigantischer Kopffüßer sein kann.[50] Doch wie beschreibt der Bischof es wirklich? Als ein Wesen mit:

Gestalt und Grösse, […] welche vermuthlich niemals ein menschliches Auge zu betrachten Gelegenheit gehabt hat, […], sondern blos mit dem Obertheile seines Körpers, der, dem Augenschein nach, eine Viertelmeile […] zu seyn scheint, [und anfangs keinen anderen Eindruck entstehen lässt, Anm. des Verf.], als ob eine Menge blinder Scheren daselbst im Meere wären, die alle mit etwas, das daselbst herum schwimmet, und dem Tang oder Meergrase gleichkommt, behänget wären. Hier und da bemerkt man eine größere Erhöhung, wie Hügel, worauf verschiedene kleine Fische herumspringen, bis sie endlich über die Seiten hinanrollen. Endlich erheben sich einige glänzende Spitzen und Zacken in die Höhe, die immer dicker werden, je weiter sie übers Wasser hervorkommen; allein sie werden zuweilen so hoch wie mäßige Mastbäume, […] denn nach einem kurzen Zeitverlauf fängt der Kraken an, wieder zu sinken, und begiebt sich wieder hinab in die Tiefe.“[51]

Gehen Sie jetzt einmal in sich und denken darüber nach, was für ein Wesen da beschrieben werden könnte. Und vor allem, was dieses Tier mit einem Architeuthis zu tun hat. Richtig! Gar nichts! Lediglich die Zacken, die – so an anderer Stelle – ähnlich wie Zweige eines Baumes aus dem runden und flachen Körper des Kraken ragen, erinnern entfernt an Fangarme oder Tentakel, wobei – wie kritische Stimmen bemerkt haben – die typischen Merkmale eines Kalmars ganz klar fehlen und das obwohl Pontoppiddan an anderer Stelle eine Sepia oder „Blackfisch“ perfekt beschreibt (S. 334 – 336). Ich schaute das Werk selbst durch, aber konnte nur wenig Gemeinsamkeiten mit Architeuthis finden. Der Kraken hat außerdem recht seltsame Eigenschaften. So würden Fischer ihn nur lokalisieren können, indem sie einen Peilstab ins Meer hinablassen und wenn die Tiefe nicht die für die Gegend adäquaten Werte angibt, so muss er wohl auf einem emporsteigenden Kraken aufliegen und dann besteht höchste Gefahr, dass die Boote von dessen Zacken am Rücken zerschmettert werden. Genauso große Gefahr geht von ihm aus, wenn er wieder abtaucht, denn der Sog, den das größte Tier der Welt verursacht, ist gewaltig. Im Gegensatz zu einem dynamischen Kalmar hält sich der Kraken aber eher am Grund auf, Eigenschaften, die – laut Michael Meurger – entfernt vielleicht an Oktopusse erinnern, aber dennoch nicht mit dem Architeuthis zusammenzubringen sind.[52] Das sind in der Tat sehr amüsante Schauermärchen, aber kann man daraus wirklich auf ein lebendes Tier schließen? Es gibt im Text des Bischofs nur eine Stelle, die auf einen Architeuthis hinweisen könnte. Dort beschreibt Pontoppiddan zwei „lange Fühler“ eines gestrandeten Jungkraken bei Uerwangen im Jahre 1680. Das Tier sei wohl an Bäumen oder Ästen hängengeblieben, nicht mehr losgekommen und an Ort und Stelle verfault. (S.399). Im Werk von Francesco Negri finden sich ebenfalls einige Zeilen, wo seine “Zweige“ Fischerboote packen und in die Tiefe ziehen.[53] Das erinnert schon sehr an die Story aus Neufundland. Der Rest aber passt nicht. Warum wird also der Kraken immer wieder als mythische Verkörperung des Architeuthis benutzt? Den Auslöser gab Pontoppiddan selbst. Er war sich in seinem Werk noch unsicher, ob der Krake als ein gigantischer Seestern oder „ad Genus Polyporum[54] zugehörig bestimmt werden müsse. Er zeigt hier nicht nur eine ganz klare Beeinflussung durch Plinius, sondern spekuliert das erste Mal in Richtung dieses sagenumwobenen Polypen, als es um den Kraken geht. Einmal als Polyp identifiziert, wurde der Krake nun immer wieder als Vorbild für große Kopffüßer verwendet, angefangen natürlich von Denys de Montfort über den Gründer der kryptozoologischen Disziplin, Bernard Heuvelmanns[55], bis hin zu Kinokassenkrachern wie „Fluch der Karibik 2“. Doch eine gründliche Recherche von Michael Meurger ergab, dass das eigentliche Fabelmonster des Kraken gleich mehrere Geschöpfe (und hier vor allem Krabben, übrigens ein anderes Wort für Krake) und sogar Dinge („schwimmende Inseln“) in sich vereint. Daher ist der Versuch einiger Kryptozoologen, diesen Kraken, ein Mischmasch aus realen und nichtrealen Dingen, als klaren Hinweis auf einen Tiefseekalmar zu interpretieren, hier schlichtweg falsch. Vor allem die Beschreibung des Wesens als rund und flach, eigentlich einer Krabbe ähnlich, zeigt das. Schon Pontoppiddan tat sich schwer mit der Klassifikation, er schwankte beim Kraken zwischen Polypen und Seesternen („Kreuzfischen“) und das aus dem Grund, weil es einfach nicht geht, das Wesen einzuordnen.[56] Ähnliches übrigens auch bei der griechischen Hydra und Skylla. Mein Verdacht besteht, dass die Entdeckung des Architeuthis für die Zoologie und darüber hinaus so spektakulär waren, dass allerlei mythisches Getier, das vorher schon irgendwie mit Polypen der Oktopoden in Verbindung gebracht worden war und sämtliche schiffeversenkenden Ungeheuersichtungen, ob nun wahr oder nicht, ab diesem Zeitpunkt verstärkt auf Architeuthis projiziert wurden, ohne diese Mythen selbst wieder kritisch zu überprüfen. Und vor lauter Hast übersah man, dass Architeuthis eben nicht die Ursache aller Ungeheuer war, denen der Mensch durch seine Legenden in den Meeren ein Zuhause gab. Und einige von ihnen sind eben nichts anderes als Legenden.

Das bedeutet aber, dass grundlegende Methodiken unserer Kryptozoologie hinterfragt werden müssten. Könnte es sich bei unserer Disziplin um einen durch die Aufklärung motivierten Versuch handeln, unter dem Dogma rein naturwissenschaftlichen Denkens  Fabelwesen als naive Fehlinterpretation real existierender Arten zu beschreiben? Eine gegen die existierende Meinung gerichtete Disziplin, aber vor dem gleichen geistigen Hintergrund entstanden wie die etablierte Zoologie? Wurde unter dem Namen der Kryptozoologie denn nicht versucht, Fabeln als Augenzeugenberichte zu lesen? So wie bei Däniken aus „Göttern“ Astronauten wurden, machte man aus „Monstern“ ausgestorbene Tiere. Oder unbekannte Arten. War das nicht so? Und das möglichst ohne sozialwissenschaftliche Komponenten wie Mythenbildung und das Entstehen von kulturellen Erinnerungen mit einzubeziehen? So setzte man die reine Naturwissenschaft ein, um die reine Naturwissenschaft zu erweitern. Das ist sicherlich besser als diese Sichtungen religiös oder ufologisch zu interpretieren, aber geht das denn so einfach? Wird unser „seriöser“, rein naturwissenschaftlicher Anspruch uns nun selbst zum Verhängnis, weil wir die Kryptiden gar nicht mit dieser Methodik erklären können?[57] In Bezug auf den Kraken des Nordens scheint es zumindest so zu sein. Desweiteren finde ich es als sehr gewagt, auf der Basis von Augenzeugenberichten Phantombilder verschiedenster Kreaturen zu bestimmen und a la Heuvelmanns einen ganzen Katalog an neuen Spezies zu entwickeln (von denen bisher keine nachgewiesen wurde), noch bevor man mehr als die Augenzeugenberichte zur Verfügung hat, ja – man schon vorweg aufgrund statistischer Häufigkeiten nicht ins Raster passende Sichtungen ausgeschlossen hat. Es wäre schön, wenn es funktioniert hätte. Hat es aber nicht. Deswegen muss eine neue, passivere Methodik die zukünftige Arbeitsweise bestimmen. Denn schließlich ist  die Sache mit der Suche nach unentdeckten Tierarten noch nicht vom Tisch.

Sie bleibt dennoch eine ehrenwerte Aufgabe, die Kryptozoologie. Der Versuch, dass man über den bekannten Tellerrand hinaus probiert, zoologisches Neuland zu gewinnen ist gerechtfertigt. Nur sollte man dabei eben nicht auch „ufologisch abgeben“. Auf der anderen Seite kann man natürlich diese Mythen, Legenden und Sichtungen nicht einfach ignorieren. Also darf man sehr wohl Gerüchten über seltsame Wesen nachgehen. Nur eben vorsichtiger als bisher. Vielleicht verbirgt sich dahinter ein soziologisch erklärbares Phantasiekonstrukt oder doch etwas Anderes. In Sachen Riesenkalmar half auch mir letzten Endes dann doch noch der gute Plinius aus, nachdem das Resultat beim Kraken so enttäuschend ausgefallen war. Wie schon oft erwähnt, wird im neunten Buch seiner Naturgeschichte eine abenteuerliche Jagd auf einen Polypen beschrieben, der aus dem Meere herausgestiegen sein soll und aus offenen Behältern die in Salz eingelegten Fische gestohlen hatte. Man spürte das Tier an Land (!) auf und nach langem mühsamen Kampf wurde es schließlich erlegt und soll enorme Ausmaße gehabt haben, mit einem Gewicht von 700 Pfund und Tentakel von 30 Fuß. Doch viel interessanter als dieser eher unrealistische Kampf ist die Passage, die danach kommt. Nach der Beschreibung konstatiert Plinius bei Berufung auf denselben Gewährsmann: „Daß auch Tintenfische und Kalmare von der gleichen Größe an jene Küste gespült wurden, […].“[58] So banal es klingt, aber diese kleine Textstelle ist für uns Kryptozoologen äußerst wichtig. Denn hier werden Vorgänge beschrieben, die auf die Strandung großer Kopffüßer hindeuten (ob wirklich wörtlich Kalmare gemeint waren, sollte man überprüfen wegen der Übersetzung), ohne dass diese damals schon zur bekannten Tierwelt zählten – bis 1854 eben. Eine ähnliche Geschichte über eine Strandung gibt es übrigens auch aus den „Isländischen Analen“ des Björn Skardsa, wo ein gestrandeter Tintenfisch beschrieben wird, der 1639 bei Thingöre (Thingeyri) an Land gespült worden sein soll.[59] Daraus ergibt sich: 1. Man kann zwar nicht alle mythischen Wesen bedenkenlos in die etablierte Tierwelt überführen, aber Berichte über unbekannte Arten – von woher sie auch kommen mögen - sollte man auch nicht abtun. 2. Wichtig ist aber die Beachtung naturwissenschaftlicher, aber auch soziologischer- und psychologischer Aspekte bei der Untersuchung, denn meist liegen uns nur Augenzeugenberichte vor. Diese beiden Schlussfolgerungen sind ist meiner Meinung nach die Quintessenz der Bedeutung des Architeuthis für die Kryptozoologie.

Seine Geschichte zeigt die gesamte Problematik der Auseinandersetzung des Menschen mit einem Mythos auf und was passiert, wenn so ein Mythos Realität wird. Mit der Hilfe des real existierenden Tieres, das sicherlich hinter einigen Legenden der Seeleute stecken mag,  werden weitere Legenden salonfähig gemacht. In diesem Fall waren es Berichte über große Kopffüßer, denen niemand Beachtung schenkte bis zu dem Zeitpunkt, als sie letztendlich doch wissenschaftlich beschrieben wurden. Angefangen von Gerüchten und Berichten, die keiner glaubte, weil jene, die es glaubten, oft zu obsessiv ihr Ziel verfolgten und sich wie Montfort am Ende lächerlich machten. Und dann stimmt es doch und die Geschichte dreht sich um. Und das in dem Maße, bis sie wieder nicht stimmt. Das ist so nicht richtig und als Kryptozoologie muss man hier klar die Spreu vom Weizen trennen, wenn man ernst genommen werden will. Einerseits geben Tiere wie Architeuthis und auch der Quastenflosser in der Tat viel Hoffnung, dass noch längst nicht alle Tiere auf dem Planeten Erde wissenschaftlich beschrieben sein müssen und es sehr wohl Gründe dafür gibt, Augenzeugenberichten und Sichtungen neuer Arten erst einmal nachzugehen. Andererseits sollten diese Erfolge den Kryptozoologen auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. So zeigt Architeuthis zum einen, dass es Meeresungeheuer gibt und gleichzeitig zum anderen, dass diese Meerestiere vom Menschen zu diesem Ungeheuer gemacht werden. Seine Entdeckungsgeschichte spiegelt auch wieder, wie sehr der Ehrgeiz Einzelner über Jahrhunderte falsche Bilder bis in die Gegenwart transportierte, welche die Wahrheit dahinter bis heute verzerren. Wahrscheinlich würde der Glaube an Meeresungeheuer ohne den Architeuthis gar nicht mehr existieren, was allerdings auch falsch ist. Aus diesem Grund ist es an der Zeit, die Methodik der Kryptozoologie von den alten Phantastereien zu lösen und wie Steenstrup in jeder Hinsicht unvoreingenommen und abseits von festen Denkmustern, sei es dafür oder dagegen, dort anzufangen, wo auch ein normaler Detektiv beginnen würde, wenn er einen Sachverhalt aufklärt. Und wer weiß, vielleicht haben wir dann auch endlich mal mehr Erfolg..?

 

IV Bibliografische Angaben

  1. 1.     Konsultierte Literatur

 

-        Cousteau, Jacques-Yves/Diolé, Philippe: Kalmare. Wunderwelt der Tintenfische. München/Zürich 1973.

-        Ellis, Richard: Seeungeheuer. Mythen, Fabeln und Fakten. Basel/Boston/Berlin 1997.

-        Ellis, Richard: Riesenkraken der Tiefsee. Die aufregende Suche nach den letzten unbekannten Wesen unserer Welt. New York 1998.

-        Frenz, Lothar: Riesenkraken und Tigerwölfe. Auf der Spur mysteriöser Tiere. Berlin 2000.

-        High, William L.: The Giant Pacific Octpus. In: Harrell J.D. (Hrsg.) der National Oceanic and Atmospheric Administration/National Marine Fisheries Service: Marine Fisherie’s Review 38. Seattle 1976. S. 17 – 23.

-        Kubodera, Tsunemi/Mori, Kyoichi: First-ever observations of a live giant squid in the wild. In: Proceedings of Royal Society. 08.09.2005. (Privat zugesandtes Infosheet ohne weitere Angaben)

-        Lange, P. Werner: Seeungeheuer. Fabeln und Fakten. Leipzig 1979 (DDR).

-        Lee, Henry: Sea Monsters Unmasked. London 1883.

-        Magin, Ulrich: Die „Wissenschaft“ der Kryptozoologen. Oder: Wie der Schlaf eines Mythos Ungeheuer gebiert. In: Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP): Skeptiker. Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken 3/1999. Roßdorf 1999.

-        Meurger, Michael: Francesco Negri, the Kraken and the Sea Serpent. In: Fortean Studies 6, 1999, S. 238 – 244.

-        Nelson and Sons. (Hrsg.): Monsters of the Deep and Curiosities of Ocean Life. A Book of Anecdotes, Traditions, and Legends. London/Edinburgh/New York 1875.

-        Oudemans, Anthony Cornelius.: The Great Sea-Serpent. An Historical And Critical Treatise. Leiden/London 1892. (Elektronische Verfügbarkeit durch: Arment Biological Press. Landisville, USA 2000.)

-        Plinii C., Secundi: Naturalis Historiae. Libri XXXVII. Liber IX. Abgedruckt in: König, Roderich/Winkler, Gerhardt (Hrsg.): C. Plinius Secundus. Naturkunde. Lateinisch – Deutsch. Buch IX. Zoologie: Wassertiere. München 1979.

-        Pontoppiddan, Erich: Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen. Band 2. Kopenhagen 1754., S. 394 – 409.

-        Schneider, Michael: Spuren des Unbekannten Reloaded. Kryptozoologie. Monster, Mythen und Legenden. 2, korr. Auflage. Krombach 2008.

-        Sobik, Carsten: Seeungeheuer und der Umgang mit der Angst. Zu einem Beispiel der Vermittlung maritimen Volksglaubens. Norderstedt 2004.

 

  1. 2.     Internet

-        http://tolweb.org/Cephalopoda [09.01.2011] - Tree of Life Web Project

-        http://www.biolbull.org/cgi/content/full/206/3/125 [09.01.2011] - Mikroskopische, Biochemische und Molekulare Analyse des St. Augustine-Globsters.

-         http://www.tonmo.com/forums/content.php?134-Cephalopod-Science  [09.01.2011] - Tonmo.com, sehr gute informative Seite von rund um Cephalopoden. Hier haben Steve O’Shea und Kat Bolstad Informationen für Interessierte rund um das Thema Kalmare.

-        http://www.tonmo.com/science/public/giantsquidfacts.php [09.01.2011] - Vergleich über von Koloss- und Riesenkalmar

-        http://www.tonmo.com/science/public/deepseacephs.php [09.01.2011] - Übersicht über die Cephalopoden

-        http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,456216,00.html [09.01.2011] – Spiegel-Online-Mitteilung über den Fang eines Riesenkalmars vom 22.12.2006

-        http://squid.tepapa.govt.nz/ [09.01.2011] – Sehr gute Information über die Ausstellung des Kolosskalmars im neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa.

 

  1. 3.     Videoquellen

-        Video von der Bergung des Kolosskalmars von 2007 (http://www.youtube.com/watch?v=HB5cKwJzzWY )

-        http://www.indiesquidkid.com/tag/ten-sensational-squids/ - Videosammlung von Begegnungen mit verschiedenen Kalmararten (darunter Riesenkalmar und Kolosskalmar)

V Danksagungen

Die Recherche für den Artikel wäre ohne die Hilfe folgender Personen nicht möglich gewesen:

Hans-Jörg Vogel, Michael Schneider, Ulrich Magin, Volker Miske, Roger Hanlon

 

 

 

 

 



[1] Nelson and Sons. (Hrsg.): Monsters of the Deep and Curiosities of Ocean Life. A Book of Anecdotes, Traditions, and Legends. London/Edinburgh/New York 1875., S. 48.

[2] Lange, P. Werner: Seeungeheuer. Fabeln und Fakten. Leipzig 1979 (DDR)., S. 155f.

[3] Ebd.

[4] Nelson and Sons. (Hrsg.): Monsters of the Deep and Curiosities of Ocean Life. 1875., S. 48.

[5] Ebd.

[6] Lee, Henry: Sea Monsters Unmasked. London 1883., S. 35.

[7] Meurger, Michael: Francesco Negri, the Kraken and the Sea Serpent. In: Fortean Studies 6, 1999, S. 238.

[8] Nelson and Sons.: Monsters of the Deep. 1875., S. 53.

[9] Lange: Seeungeheuer, S. 156.

[10] Lange: Seeungeheuer, S. 156f. Siehe auch: Lee: Sea Monsters Unmasked., S. 33.

[11] Michael Meurger recherchierte im Jahre 2011 selbst nach dem Wahrheitsgehalt dieser Geschichte mit ernüchternden Ergebnissen. Siehe hierzu: Michael Meurger in Der Kryptozoologie-Report, Ausgabe 2/2011.

[12] Lange: Seeungeheuer, S. 156f. Siehe auch: Lee: Sea Monsters Unmasked., S. 33.

[13] Zit. nach: Lange: Seeungeheuer, S. 159 oben.

[14] Zit. nach: Ellis, Richard: Seeungeheuer. Mythen, Fabeln und Fakten. Basel/Boston/Berlin 1997.,S.120. siehe auch: Lee: Sea Monsters Unmasked. 1883., S. 33.

[15] Lee: Sea Monsters Unmasked, S. 33.

[16] Meurger: Francesco Negri, S. 244.

[17] Lange: Seeungeheuer, S.164.

[18] Zit nach: Lange: Seeungeheuer, S.164.

[19] Das Problem besteht hier, dass Bernard Heuvelmans dem ostdeutschen Autor P. Werner Lange bei seinem Buch, aus dem ich die Erzählung habe, unterstützt hat und daher bin ich nicht ganz frei von Bedenken, dass der Autor im Hinblick auf Argumentation für die kryptozoologische Sache beeinflusst wurde und man nachträglich kryptozoologische Detektivarbeit hinzugedichtet haben könnte. Allerdings scheint mir persönlich in diesem Fall eben jene individuelle Suche nach Beweisen des Herrn Steenstrup für die Existenz des Riesenkalmars unabhängig vom wissenschaftlichen Mainstream jener Zeit als plausibel, so dass ich die Geschichte in meinen Artikel aufgenommen habe. Dennoch will ich zur Vorsicht anraten.

[20] Lange: Seeungeheuer, S.159- 160. Siehe auch: Frenz, Lothar: Riesenkraken und Tigerwölfe. Auf der Spur mysteriöser Tiere. Berlin 2000, S. 22 – 25.

[21] Frenz: Riesenkraken und Tigerwölfe, S. 25f. Siehe auch: Lange: Seeungeheuer. S.165f.

[22] Zit nach: Lange: Seeungeheuer, S.166.

[23] Zit nach: Frenz: Riesenkraken und Tigerwölfe, S.26.

[24] Lange: Seeungeheuer, S.166.

[25] Lange: Seeungeheuer, S. 168f. Siehe auch: Lee: Sea Monsters Unmasked, S.46f. Die beiden Quellen unterscheiden sich in der Angabe des Datums zur Veröffentlichung von Verrills Artikel, Lange datiert das Erscheinen auf März 1875, Henry Lee auf 1874.

[26] Zit nach: Oudemans, Anthony Cornelius.: The Great Sea-Serpent. An Historical And Critical Treatise. Leiden/London 1892. (Elektronische Verfügbarkeit durch: Arment Biological Press. Landisville, USA 2000.), S. 292.

[27] Lee: Sea Monsters Unmasked, S. 36f.

[28] http://tolweb.org/Cephalopoda [09.01.2011] - Tree of Life Web Project

 

[29] High, William L.: The Giant Pacific Octpus. In: Harrell J.D. (Hrsg.) der National Oceanic and Atmospheric Administration/National Marine Fisheries Service: Marine Fisherie’s Review 38. Seattle 1976. S. 18.

[30]  http://www.biolbull.org/cgi/content/full/206/3/125 [09.01.2011] - Mikroskopische, Biochemische und Molekulare Analyse des St. Augustine-Globsters.

[31] Frenz: Riesenkraken und Tigerwölfe, S. 203 – 214.

[32] http://www.tonmo.com/science/public/giantsquidfacts.php [09.01.2011] - Giant Squid and Colossal Squid Fact Sheet

[33]  http://tolweb.org/Cephalopoda [09.01.2011] - Tree of Life Web Project

 

[35] Ellis, Richard: Seeungeheuer. Mythen, Fabeln und Fakten. Basel/Boston/Berlin 1997., S. 193.

[36] Schneider, Michael: Spuren des Unbekannten Reloaded. Kryptozoologie. Monster, Mythen und Legenden. 2, korr. Auflage. Krombach 2008., S.80

[40] Kubodera, Tsunemi/Mori, Kyoichi: First-ever observations of a live giant squid in the wild. In: Proceedings of Royal Society. 08.09.2005., S. 2.

[41] Ebd.

[42] Ebd., S. 2 – 4. 

[43] Ebd., S. 4.

[49] Sobik, Carsten: Seeungeheuer und der Umgang mit der Angst. Zu einem Beispiel der Vermittlung maritimen Volksglaubens. Norderstedt 2004., S.8f.

[50] Meurger: Francesco Negri, the Kraken and the Sea Serpent. 1999., S. 240 – 243.

[51] Pontoppiddan, Erich: Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen. Band 2. Kopenhagen 1754., S. 396 – 398.

[52] Meurger: Francesco Negri, the Kraken and the Sea Serpent. 1999., S.239.

[53] Ebd.

[54] Zit. nach: Pontoppiddan: Versuch einer natürlichen Geschichte Norwegens. 1754, S. 404:

[55] Meurger: Francesco Negri, the Kraken and the Sea Serpent. 1999., S. 238.

[56] Pontoppiddan: Versuch einer natürlichen Geschichte Norwegens. 1754, S. 404 – 406.

[57] Magin, Ulrich: Die „Wissenschaft“ der Kryptozoologen. Oder: Wie der Schlaf eines Mythos Ungeheuer gebiert. In: Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP): Skeptiker. Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken 3/1999. Roßdorf 1999., S. 106 – 109.

[58] Zit. nach: Plinii C., Secundi: Naturalis Historiae. Libri XXXVII. Liber IX. Abgedruckt in: König, Roderich/Winkler, Gerhardt (Hrsg.): C. Plinius Secundus. Naturkunde. Lateinisch – Deutsch. Buch IX. Zoologie: Wassertiere. München 1979., S. 73.

[59] Lange: Seeungeheuer, S. 146.