16 | 04 | 2014
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Ein französisches Seeungeheuer

Zeitungsartikel zum SeeungeheuerEs gibt kaum eine Region in Europa, in der man – als zusätzliche Thrill zum Sommerurlaub – nicht auch noch auf Seeungeheuersuche gehen könnte. Soweit ich weiß, ist das Ungeheuer vom französischen Lac Camon noch nie in einem kryptozoologischen Werk erwähnt worden. Er liegt halbwegs zwischen der Atlantikküste bei Bordeaux und der Mittelmeerküste zu Füßen der Pyrenäen.

Das erste – und einzige – Auftauchen des Monsters füllte 1934 die Zeitungsspalten:

„Ungeheuer mit feuerroten Augen wird gejagt“, berichteten am 4. September 1934 mehrere englische und amerikanische Zeitungen: „Saint Gaudens, Frankreich, 3. Sept. (AP) – Die alten Geschichten über Wölfe in dieser Gegend im Schatten der einst wilden Pyrenäen wurden gestern wieder heraufbeschworen, um ein ‚Ungeheuer mit feuerrot glühenden Augen‘ aufzuspüren, das hier gesehen worden sein soll. Trotz der Stürme, die über den Bezirk fegten, verbrachten hunderte von Jägern und Schaulustigen unter Führung des ‚Wolfleutnants‘ der Region St.-Gaudens das Wochenende damit, den See Camon zu erforschen, um das Ungeheuer zu finden. Der See gilt bei Geologen schon lange als der Rest eines einstigen Binnenmeers aus uralter Zeit.

Heute Abend hat man zwar immer noch keine Spur von ihm gefunden, aber M. F. Narud, der Jäger, der sein Auftauchen gemeldet hatte, beharrt darauf, dass er das Geschöpf letzten Freitag sah, als es plötzlich im Schilf erschien, das den sumpfigen Abschnitt des Sees einfasst.

Narud meinte, das Monster wirke prähistorisch. Sein Körper war 7,5 Meter lang und 1,5 Meter breit. Große Schuppen bedeckten ihn, sagte er, und zu all dem Schrecken kamen noch seine eigenartig leuchtenden Augen.

Der ‚Wolf-Leutenant‘ Moga, dessen Amt noch aus einer Zeit stammt, als alle Distrikte einen eigenen Wolfleutnant hatte, um sie vor diesen Raubtieren zu schützen, ließ seine Aufgabe als Fuchsjäger ruhen, um die Suche nach dem Tier zu organisieren.

Obgleich im ganzen Land nur noch vierzig Wölfe leben, und diese in Schutzgebieten, gibt es noch immer über 1100 Franzosen, die den Titel Wolfleutnant tragen.

Karl der Große bewilligte 813 den Wolfjägern Befreiung vom Militärdienst, einen Anteil des Getreides des Kaisers und andere Privilegien. Heute kommt die Aufgabe einen Amtsträger teuer zu stehen.

Man erwartet von dem Wolf-Leutnant nicht nur, dass er ein großes Rudel Jagdhunde hält, sondern dafür auch noch die Steuer zahlt wie auch aufwändige Jagden organisiert, in denen er eine Uniform mit einer blaue Jacke und einer goldenen Schale trägt.“1

 

Das Monster habe sich „schwerfällig“ bewegt, erklärte M. F. Narud noch.2

Wir erfahren aus diesem Agenturbericht herzlich wenig über das Ungeheuer und viel über eine alte französische Tradition. Auch am Folgetag, in weiteren Artikeln, lernen wir kaum zusätzliche Informationen:

„Jäger suchen 7,50 m-langen Drachen. Monster im See Camon, Frankreich, gesichtet. Hat Augen wie Scheinwerfer. (Kabel der Associated Press) Saint Gaudens, Frankreich, 3. September – Der Drachen des Sees Camon, der die örtliche Jagdsaison mit einem Knall eröffnet hat, hat sich heute offensichtlich von dem Knallen der Gewehre verängstigt verzogen, die auf unschuldige Kaninchen und Rebhühner abgefeuert wurden.

Die Kleintierjäger, die in Scharen in die Region gekommen sind (und die sich in den Gasthöfen hier einquartiert haben), wundern sich, dass sie bislang noch keinen Blick auf das Ungeheuer werfen konnten, von dem M. F. Narud berichtete, denn dieser örtliche Jäger, die Quelle des Berichts, beschrieb seinen Fund als 7,5 Meter lang mit Augen wie Scheinwerfer.

Ein solcher Vierfüssler, so ist man sich einig, könnte sich nur sehr schwer selbst in einen ausreichend getarnten Versteck vor den unerschrockenen Herscharen von hunderten von Jägern verbergen, die mit Geflügelgewehren ausgestattet sind.

Nicht alle Einheimischen sind begeistert von ihrem Drachen, denn im Süden Frankreichs weiß man schon lange von der Tatsache, dass Alphonse Daudet in seinen ‚Unglaublichen Abenteuern des Tartarin de Tarascon‘ den bemerkenswerten Tartarin aus ihrer Region stammen ließ.

Man hatte das leicht komische Gefühl, dass diese Suche nach dem Drachen im Lande der Kaninchen nicht ohne Parallele in Tartarin de Tarascons Abenteuern ist. Daudet lässt seinen Helden in Afrika auf Großwildjagd gehen, auf einen Hasen feuern und einen blinden Löwen töten.

Seit zwei Tagen dauert die Suche nach dem Drachen im Sumpfland um den See nun schon an. Heute Abend zuckten die Jäger mit ihren Schultern und machten sich an die nüchterne Aufgabe, ihre Kochtöpfe mit Kleinwild zu füllen.“3

Nur noch einmal huscht das Monster vom Lac Camon kurz durch die Zeitungen – im Juli 1947 in einem Agenturbericht über die jüngst erschienenen fliegenden Unrtertassen, in dem das Ungeheuer des Loch Ness, des Comer Sees und des Sees Camon als Sensationen der vorhergehenden Sommer genant werden.4

Rund 40 Kilometer westlich von Saint Gaudens, im Tal der Garonne, wurden fünf Jahre später ebenfalls Monster bemerkt.

Von Mai bis August 1939 meldeten Zeitungen immer wieder Sichtungen von ganz unterschiedlichen Riesenreptilien beim Dorf Ossun bei Tarbes, in der Nähe des französischen Wallfahrtsorts Lourdes.

Nach der Londoner „Times“ hatten zwei Frauen, die in einem finsteren Wald Blumen zum Verkaufen pflückten, ein etwa 1,80 Meter hohes Reptil mit Echsenkopf beobachtet. Die Frauen rannten – verständlicherweise – kopflos und aufgeregt ins Dorf, um dort Hilfe zu holen. Die Dorfbewohner rotteten sich zusammen, um das Ungeheuer zu erlegen.

In den beiden Folgewochen kam es offenbar zu weiteren Sichtungen: Ein Mann stieß auf das ungeheuere Reptil und beschrieb es als Vierfüßer von 1,70 Meter Länge mit einem großen und runden Körper wie ein Hund. Das Tier soll sich in einer Reihe von Sprüngen wie ein Frosch fortbewegt haben. Das ist gemeinhin eine Beschreibung des Tatzelwurms, der ja auch Sprtingwurm genannt wird, und offensichtlich in allen europäischen Hochgebirgen gesehen werden kann.5

Bereits am 15. Oktober 1892 soll jemand in Ossun eine zwei Meter lange Riesenschlange gesichtet haben, die sich in einem Baum schlängelte und auf den Zeugen hinabstieß6 und im Jahr darauf, am 15. Februar oder 25. März 1893, sei jemand in Ossun auf einen eineinhalb Meter langen Leguan getroffen.7

Bereits am 15. Februar 1893 soll jemand in Ossun ein zwei Meter langes Riesenreptil gesichtet haben. Ein Landpfarrer traf auf eine 1,5 Meter lange Eidechse. Er meldete seine Sichtung der Polizei, die in einem Protokoll festhielt, dass „das seltsame Tier 1,5 m lang gewesen sei, der Kopf und Schwanz nicht mit eingerechnet. Seine Farbe war grün, die Haut schuppig, es erinnere an eine Eidechse und hatte an beiden Seiten der Kehle etwas wie ein fettes Schwein.“ Als die Echse ihr Riesenmaul aufriss, floh der Pfarrer.

Am 25. Mai 1893 versperrte ein Bauer, der ebenfalls aus Ossun stammte, unter einer Eiche, als er darin eine riesige Schlange bemerkte. Sie rollte sich um einen Ast, näherte sich dann aber dem Bauern. Der floh panisch.6, 7

Ist das Ungeheuer vom Lac Camon ein schwimmender Tatzelwurm gewesen? Hat es etwas mit dem Ungeheuer von Ossun zu tun? Das ist schwer zu sagen.

Saint-Gaudens – wo ist der Monstersee?

Die Probleme einer weitergehenden Analyse beginnt mit dem Ort der Sichtung: Es gibt in Frankreich mehrere Lac Camon, aber keinen bei Saint-Gaudens, obwohl ein See viele Kilometer entfernt in den Pyrenäen manchmal so genannt wird. Bei Saint-Gaudens gibt es keinen See – nur einen Fluss und ein paar Kiesweiher. Vielleicht gab es 1934 noch Sümpfe, die mittlerweile längst trockengelegt wurden.

Saint-Gaudens (okzitanisch Sent Gaudenç), ein französische Kleinstadt mit rund 11000 Einwohnern, liegt am Fuß der Pyrenäen im Département Haute-Garonne in der d7er Region Midi-Pyrénées. Durch die Stadt fließt die Garonne.

Der See Lac Camon ist auf keiner Karte verzueichnet. Gibt man den Namen im Weltidentifizierungsprogramm iTouchMap ein, zeigt ein Pfeil einfach auf Saint-Gaudens.8 Einen Artikel über eine „Summary of Calculations for Reservoirs in Lake Camon Lake Period“ konnte ich leider nicht einsehen9, offenbar ist hier Lake Camon die Bezeichnung für einen heute nicht mehr vorhandenen postglazialen Riesensee (etwa wie der Lake Agassiz in Amerika, das in den Zeitungsartikeln genannte ehemalige Binnenmeer). In einem Buch aus dem 19. Jahrhundert wird der Name „lac Camon“ allerdings mit einem „lac d'Orredon“ gleichgesetzt10 – heute befindet sich ein Lac d’Orredon oder Lac d'Orédon rund 30 km südwestlich von Saint-Gaudens in einer Höhe von 1849 Meter auf dem höchsten Pyrenäengipfel an Grenze zu Katalonien. Sein Spiegel beträgt 0,46 km², es ist ein Stausee. Google Earth findet ihn, zeigt aber auf der Karte einen See, der wiederum andeSaint Gaudensrs heißt. Möglicherweise ist Lac d'Orédon also ein Name, der mehr als einen See oder eine Gruppe von Stauseen schmückt, möglicherweise gab es noch 1934 einen heute nicht mehr existierenden See bei Saint-Gaudens namens Lac Camon, möglicherweise wurde nach diesem ein postglazialer Riesensee benannt.

Zugang vom Meer?

Die Mündung der Garonne nennt man die Gironde. Dort kam es mehrmals zu Strandungen von Seeungeheuern:

Am 30. Dezember 1936, so Zeitungsmeldungen, wurde ein Ungeheuer „mit dem Kopf eines Elefanten, aber ohne Rüssel“ an den Strand von Soulac gespült. Der Strand von Soulac liegt in der Nähe der Mündung der Gironde. Die Fischer, die es fanden, gaben an, es sei 5,40 Meter lang und 4,5 Meter im Umfang gewesen, 90 cm lange Flossen saßen hinter dem Kopf. Es hatte zusätzlich „Seitenflossen“, die 1,35 Meter lang waren. Die langen Kiefer waren mit großen Zähnen bewehrt. Insgesamt glich das Tier einem Säugetier (Wal? Robbe?). Die örtlichen Fischer äußerten die erstaunliche These, dass Ungeheuer sei wohl arktischen Ursprungs und mit der Strömung in die Nähe von Bordeaux gekommen. Daraus kann man folgern, dass sie selbst noch kein lebendes Ungeheuer in der Region gesichtet hatten.11

Im Januar 1960 wurde erneut ein Monster an der Gironde gefunden. Der Sturm hatte es ans Ufer von Arcachon an den Strand von Cape Ferrat geworfen. Das Ungeheuer wog mehrere Tonnen und war 3,90 Meter lang und 3 Meter breit. Der Körper war von blaugrauer Farbe, mit dickem Fell bedeckt und schon so lange im Wasser gewesen, dass eine eindeutige Identifizierung unmöglich war. Die Zeitungen erklärten, hier habe es sich nicht um ein Seeungeheuer gehandelt, sondern um ein Landsäugetier, möglicherweise einen Elefanten.12

Weitere Details kamen hinzu: Das Monster glich einem Seeelefanten, hatte aber große Ohren, die sich aus einem flachen Kopf wölbten, zwei Meter lange Füße mit Schwimmhäuten und dichtes, schwarzes Haar.13

Die Meeresforschungsstation von Bordeaux soll das Tier schließlich als Seeelefant aus der Arktis identifiziert haben.14

Vermutlich liegt hier ein Übertsetzungsfehler vor, denn im Spanischen beispielsweise heißt der Riesenhai elefante marino, und das Ungeheuer von Cape Ferret klingt sehr stark nach all den verwesten Riesenhaien, die man für Seeungeheuer hielt. Keines dieser Monster könnte unbemerkt in einem Fluss quer durch halb Südfrankreich geschwommen sein, um dann 1934 weit im Inland für eine Sensation zu sorgen.

Das letzte „bizarre Meerestier“ aus dieser Gegend war eine „Mischung aus Walkörper und Delfinkopf“ und wurde am 16. Januar 1999 am Strand von Biscarosse entdeckt. Es handelte sich um eine seltene Spezies von Schnabelwal.15

Keiner dieser Funde hilft uns, etwas über den seltsamen Tazelwurm zu sagen, der 1934 in einem Sumpf der Pyrenäen Seeungeheuer spielte – auch nicht die örtlichen Traditionen über Nixen (eine schlangenähnliche Melusine in der Kirche von Puce, Gironde)16. Vielleicht gibt eine Internet-Seite über Sichtungen von Riesenschlangen in der Gironde mehr Auskunft, entweder über Land- oder Wassermonster, doch mein Französisch reicht nicht aus.17

Fazit


Die Untersuchung zeigt, dass Ungeheuer in Seen ein allgemein verbreitetes Phänomen sind (wo in Europa gibt es eigentlich keine?), dass es sehr schwer ist, außer bei vielleicht exotischen Ausnahmen, von realen Tieren auszugehen, die der Wissenschaft noch nicht bekannt sind. Wie in den Alpen geht das Motiv der Seeschlange in das Motiv des Landdrachen oder Tatzelwurms über, ohne dass zwischen beiden Spezies deutlich unterschieden werden kann. Und die Leguane von Tarbes zeigen, dass die Vorstellung vom Tatzelwurm nicht auf den Alpenraum begrenzt ist, sondern in ganz Europa immer wieder auftaucht.

Quellennachweis:

  1. Gettysburg Times, 3. September 1934, S. 5; Baltimore Sun, 3. September 1934; New York Times, 3. September 1934; Evening Independent, 4. September 1934, S. 5; Hartford Courant, 4. September 1934
  2. San Jose News, 4. September 1934
  3. Montreal Gazette, 4. September 1934; The Sun, Baltimore, 4. September 1934; Chicago Tribune, 4. September 1934
  4. Youngstown Vindicator, 8. Juli 1947
  5. A Monster in Bigorre, The Times, 1. Mai 1939, die gleichen Fakten werden berichtet in: See Strange Monster, Women Report. Sunday Morning Star, Wilmington, Delaware, 6. August 1939, S. 1 – ein Datum lässt sich so einfach aus den Zeitungsberichten also nicht ableiten. Siehe auch: Neue Mannheimer Zeitung, 10. Mai 1939; Pursuit 73, S. 19
  6. Michel Meurger: Histoire naturelle des dragons, S. 243; Pursuit 73, S. 19
    Diese Sichtungen laufen unter den unterschiedlichsten Daten: 15. Oktoberr 1892, 15., Februar 1892 oder 1893, 15. März und 25. Mai 1893. Welches Datum auch stimmt, es waren wohl insgesamt zwei Beobachtungen, die in einigem Abstand, aber wohl innerhalb eines halben Jahres erfolgten.
  7. Michel Meurger: Histoire naturelle des dragons, S. 243; Pursuit 73, S. 19
  8. http://itouchmap.com/?p=lac+camon%2C+france&submit=+Go+&t=l&r=b
  9. National Geographic Society (Hrsg.): National Geographic Research. Band 5, 1989, S. 157
  10. Henri Béraldi: Cent ans aux Pyrénées. impr. L. Danel, 1898, S. 160
  11. Sea Monster Beached; Head Like Elephant’s. Spokane Spokesman-Review, 31. Dezember 1936, S. 2; Dead Sea Monster Puzzles Fishermen. Reading Eagle, 31. Dezember 1936; 'Sea Monster with Head of Elephant' Lands in France. Chicago Tribune, 31. Dezember 1936
  12. Mystery Of A 'Monster'. U.P.I; The Singapore Free Press, 9. Januar 1960, S. 3; Land-Based Monster. Hartford Courant, 10. Januat 1960, S. 26A
  13. Blue Sea Monster Is Washed Ashore. Regina Leader-Post, 11. Januar 1960, S. 10; What Big Ears You Got, Baby. Miami News, 11. Januar 1960
  14. Sea Elephant Was “Monster”. Ottawa Citizen, 13. Januar 1960; Sea Monster Now Identified. Saskatoon Star-Phoenix, 14. Januar 1960, S. 4)
  15. Bizarre Marine Mammal Found on a Beach in France. Le Soleil, Quebec, 2. Januar 1999
  16. www.archive.org/.../babylonianinflu00palmgoog_djvu.txt -
  17. Un serpent monstrueux en Gironde?
    http://serpentsdefrance.free.fr/forum/viewtopic.php?f=2&t=1326
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