20 | 12 | 2014
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LNM: Erdbebenphänomene am Loch Ness

Great Glen VerwerfungIm Sommer 2001 war Nessie, das Ungeheuer im schottischen Loch Ness, wieder in den Schlagzeilen. Dieses Mal nicht, weil es gesichtet worden war, sondern weil ein Wissenschaftler eine Theorie hatte, die die Sichtungen „rational erklären“ sollte.

Der Geologe Luigi Piccardi, „ein Experte für mythische Traditionen und ihre Erklärungen“, präsentierte seine These auf einem Geologenkongress in Edinburgh. Loch Ness liegt auf einer Verwerfungslinie, dem „großen Graben“, einem gewaltigen Riss in der Erdkruste, in dem sich zwei Kontinentalplatten teilen. Nun werden – so Piccardi – bei kleineren Erdstößen Gasblasen auf dem Grund des Sees freigesetzt, die an die Oberfläche steigen und dort von Augenzeugen für die Höcker des Ungeheuers gehalten werden. Platzen die Blasen, dann entsteht ein Geräusch „wie das berühmte Brüllen des Ungeheuers“! Das letzte große Erdbeben am Loch Ness habe es 1901 gegeben, so Piccardi. Er habe nun „etwa 3000 Sichtungen“ des Ungeheuers untersucht und jede davon stünde in „engem Zusammenhang“ mit Erdstößen. (1)

Obwohl die These in den Zeitungen viel Widerhall fand, ist Piccardi nicht der erste, der an eine solche Korrelation gedacht hat. Aber, ganz gleich wie einleuchtend seine Vorstellungen klingen, sie sind falsch. Erstens gibt es nicht 3000, sondern nur 900 Sichtungen des Ungeheuers, Piccardi muss also einen fehlerhaften Datensatz besessen haben, zweitens korrelieren die etwa 900 bekannten Sichtungen von Nessie in keinerlei Weise mit den aus der Umgebung von Inverness gemeldeten Erdstößen, drittens hat noch nie jemand das Brüllen des Ungeheuers gehört, auf das Piccardi so viel Wert legt. Letztlich berichtet zwar der „Inverness Courier“ hin und wieder von Erdstößen (ich habe eine Liste dieser Ereignisse), doch die sind auf Erdrutsche am steilen Ufer des Sees zurückzuführen. Dr. Roger Musson und Hilary Heason vom British Geological Service haben die These denn auch nur Stunden, nachdem Piccardi seine Presseerklärung in die Welt gejagt hatte, als falsch zurückgewiesen, weil die Verwerfung, an der der Große Graben (Great Glen) liegt, schon lange inaktiv sei – es gebe am Loch Ness keine Erdstöße mit seismischer Ursache!

Damit ist die These Piccardis erledigt. Aber es gibt ein interessantes, schon sehr lange bezeugtes Phänomen am Loch Ness, das mit Erdstößen, Erdbeben, submarinen Landrutschen und – wie sollte es in Großbritannien anders sein – dem Wetter in Verbindung steht: das plötzliche Aufwogen des Sees, das manche Kryptozoologen für frühe Nessie-Berichte halten. Denn einige schottische Seen standen in der Renaissance in dem Ruf, „Wellen ohne Wind“ zu erzeugen. (2)

Der erste konkrete Bericht über dieses Phänomen datiert vom 1. November 1755, dem Tag des verheerenden Erdbebens von Lissabon. In seinem Buch „A Tour of Scotland“ (Eine Reise durch Schottland), das Anfang des 19. Jahrhunderts erschien, berichtet Thomas Pennant (3) über ein seltsames Ereignis am Loch Ness:

Loch Ness „wird vom Wind auf das heftigste aufgewühlt, und manches Mal sind die Wogen hoch wie Berge. Am 1. November 1755, zur gleichen Zeit wie das Erdbeben von Lissabon, wurden die Wasser in außergewöhnlicher Art und Weise betroffen: sie hoben sich und wallten im See mit größter Kraft von Osten nach Westen, und wurden über 200 Meter den Fluss Oich (bei Fort Augustus) aufwärts getragen, sie brachen sich an seinen Ufern in einer fast einen Meter hohen Welle; dann ebbten sie eine Stunde lang beständig auf und ab: um 11 Uhr jedoch kam eine Wogen den Fluss entlang, die gewaltiger war als alle zuvor, brach sich an dem nördlichen Ufer und überschwemmte dieses auf eine Strecke von 10 Metern. Ein Boot, das in der Nähe der General's Hut lag und mit Gestrüpp beladen war, wurde drei Male an Land getrieben und zwei Male wieder zurück geworfen; beim letzten Male aber war das Ruder zerbrochen, das Holz herausgeschwemmt und das Boot blieb mit Wasser gefüllt am Ufer zurück.“

Das Phänomen war der Wissenschaftlern im 19. Jahrhundert wohl bekannt, man findet daher den Bericht von Loch Ness in zahllosen Büchern: „Am ersten Nov. 1755, grade zu der Zeit, wo Lissabon durch ein Erdbeben zerstört wurde, gerieth das Loch Neß in die heftigste Bewegung; sein Wasser erhob sich und fluthete mit großer Gewalt von Osten nach Westen. Um 11 Uhr überstieg eine Welle, welche größer war als alle übrigen, die Ufer der Nordseite des Lochs und überschwemmte das Land 30 Fuß weit.“ (4)

Damals schwankten Seen in ganz Europa, neben dem Loch Ness noch weitere schottische Lochs: „Wie in Garnett's Reise durch die schottischen Hochlande zu lesen ist, gerieth der Süsssee Loch Ness an jenem Tage in eine gewaltige Wellenbewegung, während man auf dem Lande nicht die geringste Erschütterung spürte, u. das W. des Loch Lomond stieg zur Zeit desselben Erdbebens plötzlich mehrere Fuss u. fiel dann eben so tief unter seinen gewöhnlichen Standpunkt, welches Ebben u. Fluthen mehrere Stunden in allmäliger Abnahme dauerte. (Eine ähnliche Hin- u. Her-Bewegung des Loch Tay, die am stärksten am 12. Sept. 1784, u. weniger stark die nächsten Tage bis zum 15. Okt. wahrgenommen wurde, wobei freilich kein Erdbeben oder eine sonstige Erschütterung eines andern W. zu bemerken war, beschreibt derselbe Reisende.).“ (5)

Etwas ähnliches ereignete sich auch am 31. März 1761. Das „Gentleman's Magazine“ berichtete 1761, (6) dass sich an diesem Tage im Loch Ness der Wasserspiegel „plötzlich um fast 30 Zoll (75 cm) hob, und das beständig während einer halben Stunde, während deren das Wasser so aufgewühlt war, dass alle Schiffe am Fort (Fort Augustus) auf das trockene Ufer gespült wurden. Es gab keinerlei äußerliche Ursache für dieses Phänomen, weder Regen noch Sturmwinde &c., sondern das Wetter war an jenem Tage und an den Tagen zuvor besonders schön. Etwas Ähnliches ist bereits während des Erdbebens von Lissabon geschehen, aber zu keinem anderen Zeitpunkt innerhalb der letzten 50 Jahre.“

Ich hätte beide Berichte für zwei Versionen des gleichen Ereignisses gehalten, hätte nicht der zweite Bericht Bezug auf 1755 genommen.

Ähnliche Phänomene wurden, wenn auch nicht so drastisch, noch später am Loch Ness wahrgenommen. Während des auch von Piccardi erwähnten Erdbebens vom 28. September 1901 bemerkte ein Beobachter in einem Boot im Loch Ness, wie dieses „sich deutlich bewegte, und ein Erdstoß war spürbar“. (7)

Nessie-FotomontageAls Reaktion auf die Veröffentlichung von Piccardis These schrieb eine Betty Macdonald aus Brisbane, Queensland, Australien, einen Leserbrief an die Website des „Scot’s Magazine“ (8), in dem sie über „The Blackening“ (die Schwärzung) berichtete:

„Dass Nessies Anwesenheit Unruhe auf der Wasseroberfläche des Loch Ness hervorruft, wurde jüngst von Dr. Luigi Piccardi bestritten. Er behauptet, Erdbeben seien dafür verantwortlich.
Diese Behauptung erinnert mich an ein Erlebnis meines Großvaters, der Ende des 19. Jahrhunderts ein kleines Handelsschiff im Caledonian Canal (der durch Loch Ness führt) besaß. Das Schiff lag eines abends an einer der Molen des Loch Ness verankert. Am Morgen bemerkte er, dass die Baumstämme der Mole eine deutliche Gezeitenmarke aufwiesen. Da das Wetter ruhig war und kein großes Schiff vorbeigekommen war, fragte er einen Mann, der dort wohnte. Dieser meinte, das pflege vorzukommen und werde „The Blackening“ genannt. Man dachte, die Erscheinung ginge auf Erdbeben an anderen Orten der Welt zurück.“

Diese Wellen ohne Wind können auf zwei Arten entstehen. Die erste ist seit den Ereignissen in Indonesien und Japan in aller Munde: Tsunamis. An Seen sind die Auslöser für solche heftigen Ebbe-und-Flut-Bewegungen Erdbeben, Erdrutsche unter dem Seespiegel, in sich kollabierende Flussdeltas aus losem Sediment oder Steinlawinen, die von den Bergen in den See poltern. Teilweise katastrophale Tsunamis kennt man vom Lago Maggiore, vom Comer See, vom Vierwaldstätter See. Sicherlich stehen die Flutwellen am Loch Ness bei Erdbeben damit in Zusammenhang. Die zweite Art der „Wellen ohne Wind“ nennt man Seiches. Sie entstehen, wenn der Luftdruck über einem Ende eines Sees höher ist als am anderen. Löst sich das atmosphärische Druckgebiet auf, schwankt die gesamte Wassermasse des Sees, nun von der Last befreit, tagelang hin und her.

Aber hat man solche Seiches je mit Nessie in Verbindung gebracht? Alex Campbell, der Mann am See, der der Auslöser vieler Nessie-Mythen (und wohl auch des Hauptmythos) war, beschrieb folgende „unheimliche Begegnung“:

„Es war ein wunderschöner Sommertag, wohl 1956 oder 1957. Er ruderte mit seinem Boot in der Mitte des Lochs, als das Wasser in Bewegung kam und sein Boot in die Luft gehoben wurde. Dann fiel es zurück ins Wasser.“ (9)

Anmerkungen/Quellennachweis:

  1. Odenwälder Zeitung, 2. Juli 2001. S. 7; Badische Neuste Nachrichten, 28. Juni 2001; Spiegel online, 27. Juli 2001; Ananova, 28. Juni 2001
  2. Die komplette Liste aller „Sichtungen“ des Ungeheuers von Loch Ness vor 1933 habe ich in „Fortean Studies“ 7 (2000) veröffentlicht, eine komplette Liste aller je gemeldeten Sichtungen in Henry Bauer: The Enigma of Loch Ness, Chicago 1986.
  3. Pennant, Thomas: A Tour of Scotland. Perth: Melven Press 1979 (Nachdruck), S. 201
  4. Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge herausgegeben von J. S. Ersch und J. G. Gruber, Johann Samuel Ersch. Verlag J. f. Gleditsch, 1842, S. 10
  5. Bernhard M. Lersch: Hydro-Physik; oder, Lehre vom physikalischen Verhalten der natürlichen Wässer: namentlich von der Bildung der kalten und warmen Quellen. August Hirschwald, 1865, S. 153-54
  6. „Gentleman's Magazine“ 1761, S. 185; zitiert in: Peter Christie: „Extracts from the Gentleman's Magazine“ in: „Fortean Studies“ 2, S. 246 – 279, dort auf S. 259
  7. Binns, Ronald: The Loch Ness Mystery Solved. Shepton Mallet: Open Books 1983, S. 18
  8. http://www.scotsmagazine.com/editor.htm (Archiv anklicken)
  9. Ronald Binns: The Loch Ness Mystery Solved, S. 79 f.

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