22 | 09 | 2014
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LNM: Genese des Loch Ness Monsters 1933 - 1934

Loch NessDas Ungeheuer von Loch Ness wurde zweimal geboren. Zum ersten Mal 1930, nur um kurze Zeit später schon wieder vergessen worden zu sein, das zweite Mal 1933 um seither nie mehr aus den Zeitungen und aus dem Bewusstsein der Menschen zu verschwinden. Es hört sich kurios an und fast alle Nessie-Bücher behaupten das Gegenteil - aber vor 1933 wusste niemand, weder in der Welt noch am Loch Ness, dass es in dem See ein Ungeheuer gab. Als 1998 der „Inverness Courier“ Father Andrew MacKillop interviewte, der 90 Jahre alt geworden war, davon 78 direkt am Ufer des Loch Ness, erzählte der Pater, ein Nessie-Gläubiger, „das außergewöhnlichste von allem ist dass, als ich noch ein kleiner Junge war [in 1920], niemand das Monster auch nur vermutet hätte, bis dann ganz viele Leute in den frühen 30er Jahren begannen, es zu sehen“ (Inverness Courier, 20. März 1998). Richard Frere (Loch Ness, S. 167), früher Gläubiger, nun Nessie-Skeptiker, schrieb über seine 80 Jahre Leben am Loch Ness: „sollten die Einheimischen etwas über ein seltsames Tier gewusst haben, dann hüteten sie es bis 1933 wie das beste Geheimnis“. Selbst Henry Bauer (The Enigma of Loch Ness, S. 159), einer der profiliertesten akademischen Nessie-Anhänger, gibt zu, dass „nichts, was vor 1933 geschrieben wurde… große, nicht-mythische Tiere im Loch Ness erwähnt“.

Um zu verstehen, warum heute jeder von einer Monster-Tradition spricht, die es vor 1933 nicht gab, um zu sehen wie das, was wir heute über Nessie zu wissen glauben Gestalt annahm, müssen wir uns in den Sommer 1930 begeben. Am 21. Juli 1930 saß Ian {mosimage}Milne, ein Seeanwohner, mit zwei Freunden in einem Boot bei Tor Point, als sie etwas Seltsames sahen. Er erzählte Alex Campbell davon, einem Freund, der für die Ortszeitung Inverness Courier als Korrespondent tätig war. Der schrieb einen kleinen Artikel darüber: „Wir hörten ein furchtbares Geräusch auf dem Wasser, und als wir uns umblickten sahen wir, in einer Entfernung von etwa 600 Metern, eine große Turbulenz. Der Schaum spritze überall hoch. Dann kam der Fisch – oder was immer das war – auf uns zu… wir sahen eine schlängelnde Bewegung, aber das war schon alles“.
Alex Campbell fügte hinzu, das sei nicht die erste kuriose Sichtung, die ihm berichtet worden sei: „Vor einigen Jahren sah ein Anrainer des Loch Ness ein ähnliches Phänomen. … Er sah den Fisch – was immer er ist – in der Mitte des Sees entlangkommen, und erklärte später, er sei von dunkler Farbe gewesen und habe in Form und Größe einem gekenterten Boot geglichen“. Dass zwei Zeugen sich fast identischer Worte bedienen, lässt vermuten, dass Campbell die Berichte stark umgeschrieben hat. Zum Ende seines Artikels bat Campbell die Leser um weitere Sichtungen (Northern Chronicle, 27. August 1930, S. 5; Inverness Courier, 29. August 1930, S. 5; Mackal, S. 224, Observations Nr. 12 und 13; Costello, S. 24; Witchell, S. 46; Binns, S. 12). Die Reaktion war erstaunlich: Er erhielt eine größere Zahl an Zuschriften von Einheimischen, die vermuteten, Ian Milne habe einen Seehund oder einen Otter gesehen. Keiner der Schreiber verband Loch Ness mit einem Monster – außer offenbar Alex Campbell.
Nur ein Leser – anonym zudem – meldete eine weitere Sichtung. Der Northern Chronicle (3. September 1930, S. 5) druckte seinen Brief ab, in dem behauptet wurde, dass „vor etwa 40 Jahren der Skipper und die Crew eines Dampfers im [Caledonian] Canal im Loch Ness ein Monstertier oder Fisch sahen. Es schwamm auf seinem Rücken und hatte Beine und einen pelzigen Körper. So jedenfalls hat man mir das erzählt“ (Binns, The Loch Ness Mystery Solved, S. 13). Da der Loch Ness nur von Fort Augustus aus vom Kanal aus einsehbar ist und Alex Campbell dort lebte, handelt es sich entweder um einen weiteren Bericht aus seiner Feder, oder um einen Nachbarn, der Campbells Monsterspleen kannte und sich über ihn lustig machte. Denn schon 1930 glaubte Campbell an ein Monster, von dem sonst niemand wusste. In seinem zweiten Artikel über das Monster, der im Mai 1933 erschien, bezog sich Campbell ausdrücklich auf die Sichtung von Milne um seine Behauptung zu stützen, es gebe am Loch Ness eine Tradition. Auch in seinem Bericht über Milne hatte er ja – wir sahen es – „frühere“ Sichtungen angeführt. Die Quelle all dieser Berichte ist aber immer nur er selbst. Niemand am Loch Ness wollte etwas von seinem Ungeheuer wissen – und mitten drin saß Alex Campbell und lauerte darauf, dass seine Freunde ihm von einer Turbulenz im Wasser berichteten, die er zum Monster umdichten konnte! Zwischen 1930 und 1933 geschah viel am Loch Ness – die gesamte Infrastruktur änderte sich. Es ist die Zeit, in der der motorisierte Individualverkehr immer stärker an Bedeutung gewinnt. Zwar verkehren nach wie vor mehrere Dampfer auf dem See, die Eisenbahnlinie Glasgow-Fort Augustus aber wird stillgelegt und die seit 300 Jahren bestehende Straße am Nordufer des Sees wird verbreitert. Durch diese Baumaßnahme ist der Uferwald teilweise abgeholzt, Öltonnen und Baumstämme treiben im Wasser.
Nachdem der erste Bericht von 1930 im Keim erstickt worden war, kam 1933 der Artikel der alles endgültig startete. Am 2. Mai 1933 erschien im "Inverness Courier" (S. 5; in der assoziierten Zeitung "Northern Chronicle" am 3. Mai, ebenfalls S. 5) der erste Artikel, der von einem Ungeheuer im Loch Ness sprach. Der Inverness Courier, Ende des 18. Jahrhunderts gegründet, war mehr als 130 Jahre lang erschienen, ohne eine Meldung über Nessie zu veröffentlichen. Verfasser war – wieder – Alex Campbell! Campbell berichtete in sensationellen Worten von einer Beobachtung, die Mr. und Mrs. Mackay, Hotelbesitzer von Drumnadrochit, gemacht hatten:

Seltsames Schauspiel auf dem Loch Ness – Was war es? (Von unserem Korrespondenten)

Seit Generationen gilt Loch Ness als Heim eines Furcht erregend aussehenden Ungeheuers, aber, so scheint es, galt dieser „Wasser-Kelpie“, wie das Fabeltier genannt wird, stets als Mythos, wenn nicht gar als Scherz. Nun kommt jedoch die Nachricht, dass das Ungeheuer erneut gesichtet wurde. Am letzten Freitag fuhr ein bekannter Geschäftsmann, der bei Inverness wohnt, mit seiner Frau (die einen Universitätsabschluss hat) mit dem Auto am Nordufer des Sees entlang, als beide verblüfft unweit von Abriachan eine gewaltige Aufwallung im See sahen, dabei war dieser nur kurz zuvor so still wie der sprichwörtliche Mühlteich gewesen. Die Frau sah die Turbulenz als erste, die ganze dreiviertel Meile vom Ufer geschah, und ihr plötzlicher Schrei, er solle anhalten, lenkte die Aufmerksamkeit ihres Gatten auf das Wasser. Dort zeigte sich das Tier, es rollte und platschte eine ganze Minute lang, und sein Körper glich dem eines Wals. Das Wasser sprudelte an ihm herunter wie ein Wasserfall, das Wasser kochte wie ein Kessel. Bald darauf verschwand das Tier in einer kochenden Masse aus Gischt. Beide Zuschauer gaben an, das ganze sei etwas unheimlich gewesen, denn sie waren sich sicher, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Seebewohner gehandelt hatte. Nicht nur aufgrund der gewaltigen Größe, das Tier sandte auch, als es endlich untertauchte, gewaltige Wellen aus, die denen eines Dampfers glichen. Die Betrachter warteten mindestens eine halbe Stunde in der Hoffnung, das Monster (wenn es ein solches gewesen sein sollte) könnte erneut auftauchen, aber sie sahen es nicht mehr. Als sie nach der Länge des Ungeheuers befragt wurden, meinte die Dame, nach dem Zustand des Wassers in dem betroffenen Gebiet zu schätzen, sei es wohl viele Fuß lang gewesen. Man wird sich erinnern, dass vor einigen wenigen Jahren eine Gruppe von Anglern aus Inverness berichtete, [hier beruft sich Campbell auf seinen Bericht von 1930] sie hätten, als sie den See in einem Ruderboot überquerten, ein unbekanntes Tier gesichtet, dessen Masse, Bewegungen und die Menge von Wasser, die es verdrängte, darauf hindeutete, dass es entweder ein sehr großer Seehund war, ein Tümmler, oder gar das Monster selbst! Aber damals erregte die Geschichte, als sie in der Presse erschien, kaum Aufmerksamkeit. Im Gegenteil, die meisten Leute, die sich dazu äußerten, betrachteten es mit der äußersten Portion Skepsis. Es sollte noch angemerkt werden, dass so weit man weiß, weder Seehunde noch Tümmler je im Loch Ness gesehen worden sind. Im Falle der letzteren wäre dies auch völlig unmöglich, und was Seehunde angeht, so sind sie wohl in seltenen Fällen im Fluss Ness beobachtet worden, aber ihre Anwesenheit im Loch Ness wurde nie eindeutig bewiesen.

Der Artikel von Campbell strotzt vor dem Wunsch, man möge das Ungeheuer endlich anerkennen, von dem eigentlich nur er berichtet. Die Mackays gaben später auf Befragung des Senders BBC (3. April 1983) an, Frau Mackay habe zuerst geglaubt, „die Wasserturbulenzen stammten von zwei miteinander kämpfenden Enten. Ihr Ehemann, der mit dem Auto entlang der Uferstraße fuhr, habe angehalten und lediglich bewegtes Wasser und Wellen gesehen, die ans Ufer schwappten“ (Dash, S. 650; Harrison, Encypclopaedia, S. 126). Auch habe sich Campbell im Datum geirrt, die Sichtung sei im März nicht im April 1933 erfolgt. Der Orginalbericht der Mackays klingt also wesentlich nüchterner als Campbells aufgebauschte Version. Wie reagierten nun die Seeanrainer auf Campbells zweiten Versuch, über ein Ungeheuer im Loch Ness zu schreiben? Schon am 12. Mai brachte der Inverness Courier (S. 5) einen Leserbrief von Captain John MacDonald, der 50 Jahre lang die Aufsicht über alle Linien- und Touristendampfer im Loch Ness innegehabt hatte. MacDonald war der Ansicht, das Ehepaar hätte wahrscheinlich „springende Lachse“ gesehen, die – wie er aus eigener Anschauung wisse – für ziemliche Turbulenzen im sonst ruhigen Loch führen könnten. Und er fügte hinzu: „Außerdem höre ich zum ersten Mal, dass – wie ihr Korrespondent schreibt – der Loch Ness seit Generationen … als Heim eines Furcht erregend aussehenden Ungeheuers gilt. Ich habe 50 Jahre lang den Loch Ness befahren, und in all dieser Zeit nicht weniger als 20.000 Trips den See hoch zurück gemacht. In diesem halben Jahrhundert, in dem ich fast täglich auf dem Loch Ness war, habe ich nie so ein Monster gesehen, wie Ihr Korrespondent es beschreibt“. Erst am 23. Mai erschien der nächste Bericht im "Inverness Courier" (S. 4). In einer nur einen Absatz langen Notiz hieß es, alle befragten Seeanrainer stimmten mit MacDonalds Ansicht überein, dass es kein Monster im See gebe. „Einige denken es sei ein großer Otter, andere ein großer Aal, und wieder andere sind der Ansicht, dass die beobachtete Turbulenz von seismoskopischer Natur gewesen sei. Viele denken auch, dass Captain John MacDonald Recht hat.“ Auch in den folgenden Wochen bis etwa zum Monat Juni lieferte Alex Campbell Monsterberichte an den "Inverness Courier" – darunter auch Augenzeugenberichte, die er anonym schrieb (Harrison, S. 39) – allein, jeder einzelne davon wurde von Leserbriefen entzaubert. Mit einer Ausnahme (ein Brief an den "Inverness Courier" vom 30. Mai, S. 4, der auf den angeblichen Monsterbericht in der Heiligenvita von St. Columba hinwies) schilderten alle Leserbriefe, die nicht von Campbell stammten keine weiteren Sichtungen, sondern nur „rationale“ Erklärungen. Im "Northern Chronicle" (21. Juni) wurde u. a. ein Hai, ein Sonnenfisch, ein Stör (den ein F. Sutherland gerade bei Fort Augustus gesichtet hatte) vorgeschlagen – aber niemand dachte bei Berichten über ein Ungeheuer im Loch Ness an das Ungeheuer von Loch Ness. Einen Stör als Erklärung schlug auch ein weiterer Leserbrief im "Northern Chronicle" (16. August, S. 5) vor. Doch die Zeit der rationalen Erklärungen war endgültig vorbei, als im August ein sensationeller Bericht von Touristen erschien. Es ist insgesamt – zählt man Milnes Sichtung mit – erst die vierte oder fünfte Sichtung eines ungewöhnlichen Tieres im Loch Ness überhaupt. Der "Inverness Courier" druckte am 4. August 1933 einen Leserbrief von Mr. Spicer aus London, der kurze Zeit zuvor zwischen Dores und Foyers am Südufer des Sees entlanggefahren war: „

Da sah ich die naheste Annäherung an einen Drachen oder ein prähistorisches Tier, die ich je gesehen habe. Es überquerte etwa 50 Meter vor mir die Straße und schien ein kleines Lamm oder ähnliches Tier zu tragen. Es schien einen langen Hals zu haben, der sich auf- und ab bewegte wie eine Achterbahn, und sein Körper war ziemlich dick, mit einem hohen Rücken; sollte es aber Füße gehabt haben, so sicher mit Schwimmhäuten, und ob es einen Schwanz hatte weiß ich nicht, da es sich so schnell bewegte, und als wir an dem Punkt angelangt waren, war es vermutlich bereits im See verschwunden.
Fotomontage der Spicer-Sichtung (© A. Blumtritt)
Es war zwischen 6 bis 8 Fuß (1,8 und 2,4 Meter) lang und sehr hässlich. Ich frage mich, ob Sie über dieses Tier etwas wissen, und ich lege einen frankierten Umschlag bei und erwarte Ihre Antwort. Was immer es ist, und es könnte sowohl ein Land- wie ein Wassertier sein, ich denke, man sollte es töten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich, wäre ich ihm näher gewesen, mit ihm fertig geworden wäre. Es ist schwierig, eine bessere Beschreibung zu liefern, da es sich so schnell bewegte, und alles so rasch vorbei war. Es existiert aber zweifellos“. Die Reaktion der Einheimischen auf Spicers Bericht können wir uns schon vorstellen. Ein Leserbrief im "Inverness Courier" befand kurz und bündig: „Von Mr. Spicers Beschreibung des Tieres weiß jeder, der sich mit Ottern auskennt, dass es sich zweifellos um einen Otter gehandelt hat, der einen jungen Otter in seinem Maul trug“. Aber – so skeptisch die Einheimischen blieben, die nach wie vor überzeugt waren, es gebe in ihrem See kein Monster – jetzt kamen die ersten Reporter der überregionalen schottischen und englischen Zeitungen und griffen die Meldung auf. „Ein ungeheuer großer Fisch“ habe sich ins Loch Ness verirrt, so die bescheidenen Kurzmeldungen der Glasgower Zeitungen. Campbell und Spicer waren natürlich die ersten Ansprechpartner. Spicer hat daraufhin seine Geschichte geändert. Gegenüber Constance Whyte beschwerte er sich 1957, man habe sich über ihn lustig gemacht: „Da gab es Berichte, dass das Ungeheuer mit „einem Lamm in seinem Maul“ gesichtet worden sei; diese und andere verzerrten Berichte waren damals üblich und ärgerten Mr. und Mrs. Spicer außerordentlich“ (Binns, The Loch Ness Mystery Solved, S. 90). Gegenüber Mrs. Whyte sagten sie nun, „es müsse sich um das Ende des Schwanzes gehandelt haben“. Auch die Größe des Tieres blieb nicht mehr bei knappen zwei Metern. In einem Interview mit Tim Dinsdale gaben die Spicers 1960 die Länge des Ungeheuers mit 25 Fuß (7,5 Meter) an, Nick Witchell gab Mitte der 1970er Jahre dann sogar 30 Fuß (9 Meter) an. Wenn es sich nicht um einen Schwindel handelte, der auf dem Gerücht vom Monster basierte, ist ein 1,8 Meter langes, sich in Sprüngen über die Straße bewegendes Tier natürlich schnell als Otter identifiziert. Spicer hat seine Geschichte stets verändert, die Größe des Tieres auf das 5-fache gestreckt und peinliche Details (das Lamm) anderen, bösen Menschen zugeschrieben. Aber sein erfundener oder aufgebauschter Bericht war über alle Maßen einflussreich; wir werden sehen, dass die zweite berühmte Landsichtung, die von Arthur Grant, völlig auf dem Bericht der Spicers beruht.
Mittlerweile regt sich am Loch Ness wohl Kritik, dass der Inverness Courier Alex Campbells Monsterberichten so viel Beachtung schenkte. Zumindest druckte die Zeitung am 15. August 1933 (S. 6) ein imaginäres Interview mit dem Monster:

„Es ist sehr schön, sie zu treffen, sagte Mr. Otterschlangendrachenplesiosaurus und winkte mit einer seiner Flossen [genau das hatte ein von Campbell gelieferter anonymer Zeugenbericht in der Vorwoche beschrieben]. Ich habe den Courier in mein Herz geschlossen, schließlich war es ja der Gentlemen, der ihre Berichte aus Fort Augustus schreibt, der mich aus meiner Höhle gezerrt und mich mitten ins Publikum gesetzt hat. Ich sehe, dass man sogar in London über mich spricht, ich bin jetzt reich“.

Der "Inverness Courier" lässt also Nessie selbst sagen, dass sie von Campbell „erschaffen“ wurde. (Binns, The Loch Ness Mystery Solved, S. 22) Das Interview führte übrigens nur zu einem Leserbrief. Am 18. August druckte die Zeitung (S. 5) den Brief eines Einheimischen, der meinte, es sei kein Plesiosaurus sondern ein Otter oder eine Schildkröte. Aber diese Versuche der Zeitung, das Monster bequem zu begraben gelangen nicht. Englische Massenblätter druckten den Bericht der Spicers, Schaulustige begannen an den See zu pilgern. Neben den Nachbarn und Freunden von Alex Campbell meldeten nun auch englische Touristen, die den See kaum kannten, Begegnungen mit dem Monster, die der "Inverness Courier" abdruckte. Im Herbst 1933 kamen die ersten Touristen nach Presseberichten in England an den See, und sprunghaft stieg die Zahl der Monstersichtungen. Man kann davon ausgehen, dass viele Beobachtungen auf im See treibende Öltonnnen und Baumstämme vom Straßenbau zurückgingen, auch auf Stimuli, die den Einheimischen wohl bekannt waren: Otter, Lachse, das Kielwasser von Booten usw. Zudem hielten sich zu der Zeit (und im gesamten Winter 1933/34) Seehunde im See auf ("Northern Chronicle", 6. September, S. 5) Einzelne Seeanrainer begannen nun, von Sichtungen zu erzählen, die sie vor 1930 gemacht haben wollten, aber jedes Mal reagierte die Gemeinschaft am Loch Ness mit Dementis. Die Anwesenheit eines Ungeheuers war mittlerweile zwar akzeptiert, aber es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass es erst seit April 1933 im See war ("Inverness Courier", 3. Oktober, S. 5). Als ein Leserbrief im "Inverness Courier" am 10. Oktober (S. 4) behauptete, das Monster sei seit 50 Jahren bekannt, müssen diese Behauptungen die Einwohner am Loch Ness amüsiert, vielleicht sogar erbost haben. Sie wussten, dass es vor Alex Campbells Artikel im Mai 1933 (und seinem früheren Versuch 1930) am See kein Gerede um ein Monster gegeben hatte. Der "Inverness Courier" brachte am 20. Oktober 1933 (S. 6) einen Leserbrief, in dem festgestellt wurde, die Nonnen im Kloster von Fort Augustus würden schon seit 50 Jahren von dem Ungeheuer sprechen. Natürlich war den Einheimischen klar, dass das eine Parodie auf die Leute sein sollte, die „frühere“ Monster meldeten, denn im Fort Augustus lebten nur Mönche. Endlich hatte auch Alex Campbell eine Sichtung: Am 17. Oktober 1933 berichtete „The Scotsman“, „ein Skeptiker“, der glaube das Monster sei nur ein Seehund. „Nun berichtet er, er habe vor nicht langer Zeit eines Nachmittags ein Tier gesehen, das seinen Kopf und Körper aus dem See hob, dann still hielt, dann seinen Kopf von der einen zur anderen Seite bewegte – einen kleinen Kopf auf einem langen Hals -, weil es offenbar dem Geräusch von zwei Kuttern lauschte die vom Kaledonischen Kanal herkamen. Dann erschrak es und tauchte unter. Das Tier war mindestens 9 Meter lang“ (Binns,The Loch Ness Mystery Solved, S. 77). Campbell schilderte seine Sichtung auch seinem Arbeitgeber, der Fischereibehörde des Loch Ness. Das Monster sei wenige Tage später noch einmal erschienen, doch „nun war das Licht besser, und in nur wenigen Sekunden konnte ich erkennen, dass das, was ich für das Monster gehalten hatte, nur ein paar Kormorane waren“ (Binns, The Loch Ness Mystery Solved, S. 77) Campbells Sichtung taucht dann auch in dem ersten Buch, das je über Nessie geschrieben wurde, Rupert Goulds „The Loch Ness Monster“ auf – als ein typisches Beispiel dafür, wie sich Augenzeugen täuschen können! Doch Campbell, der keinesfalls ein Skeptiker war, sondern bis dahin einer der wenigen, wenn nicht gar der einzige, der überhaupt an ein Loch Ness Monster glaubte, änderte danach seine Geschichte und beeindruckte damit alle Monsterjäger. War seine Sichtung bislang auf den 7. September (in der Zeitung) oder auf den Oktober 1933 (bei Gould) datiert, erzählte er Constance Whyte 1957, sie habe sich am 22. September ereignet. Das Monster sei 9 Meter lang gewesen, kein Zweifel. Tim Dinsdale erzählte er 1960, die Sichtung habe sich im Mai 1934 ereignet, das Monster sei „mindestens 9 Meter lang gewesen“. (LNM, S. 97) Auch gegenüber Nicholas Witchell (S. 80) bekräftigte er das Datum Mai 1934 und die 9 Meter. Noch im Sommer 1976 gab er gegenüber National Geographic an, er habe das Monster dutzende Male gesehen. Es gibt keinen Zweifel , dass Campbell – wenn nicht gleich der Erfinder – so doch der Motor der ganzen Sache in den Jahren 1933 und 1934 war. Andererseits kamen nun, gegen Ende 1933 die ersten einheimischen Zeugen, die das Monster vor 1933 schon gesehen haben wollten. Eine Mrs. MacDonald erinnerte sich, sie habe im Februar 1932 ein seltsames Wesen im Fluss Ness bei Holme Mills gesehen (das fast noch im Stadtgebiet der am Meer liegenden Stadt Inverness). Voneinander abweichende Versionen ihrer spektakulären Sichtung erschienen in vielen Zeitungen (Glasgow Herald, 13. Dezember 1933; Inverness Courier, 12. Januar 1934 und 13. September 1935, S. 5; London Times, 15. Dezember 1933, S. 14). Sowohl der Herald wie die Times berichten falsch, die Beobachtung sei erst 1933 gemacht worden und das Wesen sei 3,6 bis 4,5 Meter lang gewesen und habe Stoßzähne gehabt. Tatsächlich erinnerte sich Mrs. MacDonald an ein „Krokodil“, 1,8 bis 2,4 Meter lang mit einem sehr kurzen Hals und langen, mit Zähnen bewehrten Kiefern, wie sie der „Daily Mail“ (29. Dezember 1933) und Gould (S. 38-39) versicherte. Dieses Wesen, was immer es war, hat offensichtlich wenig mit der langhalsigen Nessie zu tun. Am 12. November 1933 wurde auch das erste Foto von Nessie aufgenommen. Das Bild zeigt einen unförmigen grauen Blubb vor Wellenrippeln. Kein Nessie-Experte stimmt mit einem anderen darüber überein, was es zeigt – eine Flosse, den Rücken, den Hals? Da man durch das Monster hindurch die Wellen sehen kann, bin ich sicher, dass der Fotograf Hugh Gray eine Doppelbelichtung angefertigt hat. Am 9. Dezember beginnt die tägliche Berichterstattung über Nessie in der „London Times“, der wichtigsten und seriösesten Zeitung des Landes. Ohne Ironie, aber mit viel Liebe zum Detail, werden die jeweils neu gemeldeten Sichtungen aufgeführt. Ganz besonders des Themas Nessie angenommen hatte sich die große Londoner Zeitung „Daily Mail“. Im Dezember schickte sie einen berühmten Großwildjäger, Marmaduke Wetherall, an den See. Wetherall befragte Zeugen, befuhr den See und fand schließlich innerhalb einer Woche den endgültigen Beweis für Nessies Realität: Fußspuren des Monsters am Ufer. „Das Ungeheuer von Loch Ness ist eine Tatsache, keine Legende“ lautete am 21. Dezember 1933 die Schlagzeile der „Daily Mail“. Einen Monat später aber verkündete das Britische Museum in London, dass eine Untersuchung der Spuren gezeigt hatte, dass sie alle vom rechten Hinterfuß eines Nilpferdes stammten – sie waren mit einem Schirmständer angefertigt worden. Obwohl immer wieder geäußert wurde, Wetherall habe die Spuren selbst angefertigt, gibt es dafür keinen Beweis.
Das die Spuren gefälscht waren, war allerdings längst noch nicht bekannt, als der nächste klassische Bericht gemeldet wurde, der wie eine Kombination aus dem Schwindel der Daily Mail und dem zweifelhaften Spicer-Bericht erscheint. Beide Male ist angeblich ein Lamm das Opfer der Landexkursion des Monsters, beide Male wird von Fußstapfen am Ufer berichtet.
Am 5. Januar 1934 fuhr Arthur Grant um zwei Uhr morgens auf der Uferstraße bei Abriachan, als er ein großes Etwas von der Nordseite der Straße herkommend sehen konnte. Es sei so mondhell gewesen, dass man „eine Zeitung hätte lesen können“. In mehreren Sätzen überquert das Monster die Straße und verschwindet im Loch Ness. Grant schildert es als Tier mit langem Hals, langem Schwanz, zwei Höckern, den Vorderfüßen einer Robbe und Krokodilbeinen, 4,5 bis 6 Meter lang. Es sei „gewatschelt wie ein Seelöwe“ (Lange, S. 98), „seine Kiefer könnten bequem ein Lamm fassen“. Mehrere Studenten aus Edinburg untersuchten den Sichtungsort einen Tag nach der Begegnung und fanden zahlreiche „Abdrücke von Flossen“, sowie am Ufer „Schafswolle und das Skelett einer Ziege“ (Costello, S. 50). Vielleicht war die ganze Angelegenheit ein Schwindel, vielleicht auch eine Fehldeutung, die von der „Daily Mail“-Sensation beeinflusst war. Interessanterweise hielt sich damals ein oder mehrere Seehunde im Loch Ness auf – dass 1933 und 1934 alteingesessene Fischer von Seehunden im Loch berichteten, wird bis heute in den Nessie-Büchern verschwiegen! Der Inverness Courier (16. Januar 1934, S. 4 und 5) berichtet, am 13. Januar sei ein Seehund im Fluss Ness, am 15. Januar bei Fort Augustus gesichtet worden.
Mittlerweile lassen sich die Ereignisse nicht mehr einfach schildern. Im Schnitt wurde spätestens jeden zweiten Tag eine Beobachtung gemeldet, von Einheimischen wie von Touristen. Zahlreiche dieser Sichtungen sind definitiv Fehldeutungen (so wurde während eines Schneetreibens ein mehrhöckerigeres Monster gesichtet, dessen einzelne Höcker miteinander verschmolzen; eine vielhöckerige Nessie folgte einem Trawler, dessen Besatzung nichts merkte – alles typische Kielwassersichtungen), häufig dauerten sie mehrere Minuten, manchmal Stunden. Eine solche Dauer ist seither nie mehr gemeldet worden.
Nachstellung d. Surgeon-FotosDie nächste klassische Sichtung erfolgte am 1. April 1934. Der Londoner Gynäkologe R. K. Wilson befand sich bei Invermorriston, als er etwas Seltsames sah. Er nahm mehrere Fotos auf, von denen zwei deutlich genug waren – die berühmten „Surgeon’s pictures“. Wilson weigerte sich stets, Details seiner Sichtung zu berichten (angeblich war er mit einer Geliebten am See gewesen und wolle sie nicht kompromittieren), er weigerte sich auch stets zuzugeben, dass seine Bilder Nessie zeigten. Er wusste warum er dies tat. Erst 1994 kam heraus, dass es ein Modell war und dass der Drahtzieher hinter dem Schwindel Wetherall gewesen war, der sich an der „Daily Mail“ rächen wollte. Obwohl es heute noch Hardliner gibt, die den Schwindel nicht akzeptieren, so steht er doch einwandfrei fest. Mit dem Bild des Chirurgen gab es einen Archetyp, wie Nessie aussehen musste – vorher wichen die Berichte oft voneinander ab. Nun war das Monster endgültig etabliert, der Mythos beeinflusste die Art und Weise, wie Augenzeugen Kielwellen, treibende Baumstämme, Seehunde, Otter und schwimmendes Wild wahrnahmen. Und Nessie ist seither nicht mehr von unserer Seite gewichen.

Mythen und Schlussfolgerungen

Es zeigt sich durch diese Analyse der zeitgenössischen Quellen, dass viele lieb gewonnenen Klischees, die sich in praktisch jedem Buch über das Ungeheuer von Loch Ness finden lassen, nachweislich falsch sind.
  1. Es wurde 1933 keine neue Straße am Loch Ness gebaut

  2. Das Ungeheuer wurde nicht „seit Jahrhunderten“ schon beobachtet. Wir haben schon gesehen, dass sich 1933 alle Seeanrainer einig waren, dass sie noch nie etwas von einem Loch Ness Monster gehört hatten. Wohl meldeten bereits im Spätjahr 1933 manche Zeugen Sichtungen vor 1930, doch wurde das generell von der Bevölkerung bezweifelt. Erst Constance Whyte schuf die Legende von der Nessie-Tradition 1957 in ihrem Buch „More Than A Legend“. Natürlich erschien eine Besprechung auch im „Inverness Courier“ (12. April 1957, S. 3). Das Buch habe nur einen schweren Fehler, meinte der Journalist von Loch Ness. Es sei falsch, dass es eine Monstertradition gebe. Bis 1957 war das eine anerkannte Tatsache, seither glauben selbst die Menschen am Loch Ness man habe schon immer von dem Ungeheuer gemunkelt. Als Gould 1934 sein „The Loch Ness Monster“ schrieb, hatte er keinen Zweifel, dass „was immer X [sein Name für Nessie] ist, es kam ursprünglich aus dem Meer“ (The Loch Ness Monster, S. 165). Um zu beurteilen, was die Augenzeugen gesehen hätten, sei es nötig herauszufinden, ob „ein Meerestier den Loch erreichen könnte“ (The Loch Ness Monster, S. 6). Er akzeptierte Berichte von 1871, 1903 und 1908 (TLNM, S. 25; eine dieser Sichtungen beschreibt eindeutig einen Otter, andere sind vage, keine wurde damals der Zeitung gemeldet), schrieb aber andererseits „es gibt kein Indiz dafür, dass es mehr als ein Tier im See gibt“ (The Loch Ness Monster, S. 34).
    Der große holländische Zoologe Dr. A. C. Oudemans, Autor des Klassikers „The Great Sea-Serpent“ (1892) schrieb 1934 das Büchlein „The Loch Ness Animal“. In diesem Buch geht er davon aus, dass Nessie erst vor kurzer Zeit in den Loch Ness gekommen war, wohl im Frühjahr 1933 als der Fluss Ness Hochwasser hatte. Da Oudemans Goulds Buch kannte, in dem dieser Ende 1933 gesammelte frühere Sichtungen von Nessie erwähnte (etwa Mrs. MacDonalds Bericht und den von Ian Milne), meint er „nicht zum ersten Mal hat Loch Ness die Ehre, Besuch von einer Seeschlange zu erhalten. … Jedesmal blieb die Seeschlange nur kurze Zeit; sie verließ den Loch, vermutlich auf die gleiche Weise, wie sie hineingekommen war“ (The Loch Ness Animal, S. 6). Oudemans wies darauf hin, dass „Commander Gould annimmt, dass das Tier während eines Hochwassers des Flusses Ness in den Loch gekommen sei“ (The Loch Ness Animal, S. 8). Oudemans war sich sicher, das sei im März 1933 gewesen. „Eines Tages wird es den See wieder verlassen wollen“ (The Loch Ness Animal, S. 15).

  3. Es wird generell argumentiert, die Bevölkerung habe mit dem Ungeheuer so viel Aberglauben verbunden, dass die Schotten Sichtungen nicht gemeldet hätten. Doch waren einerseits die Zeitungen von Inverness voller Berichte über Seeschlangen und überlebende Dinosaurier in anderen Teilen der Welt, andererseits berichteten sie über Begegnungen mit unerklärlichen Lichtern über dem Loch, die zumindest ähnlich abergläubisch konnotiert waren. Zudem war Loch Ness seit 1850 ein beliebtes Reiseziel, unter anderem verbrachten Charles Darwin, Königin Victoria, der englische Dichter Dr. Johnson sowie der bekannte Magier A. Crowley, Urlaube dort und auch sie berichteten nichts von einem Ungeheuer (vgl. dazu Aufsatz d. Autors in Fortean Studies 7).

  4. Das Jahr 1933 und die Geburt Nessies wird in den „pro“-Büchern stets grob verzerrt, absichtlich oft sogar falsch dargestellt. Besondere Verzerrungen sind bei den formativen Sichtungen festzustellen: der Landsichtung der Spicers, Campbells Riesenmonster oder dem „Surgeon’s photo“. Zudem waren die Berichte damals extrem unterschiedlich: die Mackay sahen etwas undefinierbares, Mrs. MacDonald ein Krokodil, die Spicers ein otterartiges Etwas, Arthur Grant eine Art Seelöwe, andere berichteten von saurierartigen Wesen. Die Sichtungen haben wenig Gemeinsamkeiten; der Spicer- und der Grant-Landbericht, beide höchst dubios, haben dann aber das Bild des langhalsigen, vielhöckrigen, saurierartigen Monsters etabliert, dem seither alle Sichtungen folgen. Hätten wir nun das Jahr 1933, könnten wir uns überhaupt kein Bild des Monsters machen, zu unterschiedlich sind die Geschichten (vergleichbar mit europäischen See-Monstern, wie in der Zeitschrift „Pterodactylus“ erschienenen Serie. Auch hier findet man eine große Variationsbreite. Jeder dieser Seen kann eines Tages, wenn die Umstände dem gewogen sind, zu einem klassischen Monstersee werden).

Wie bei Ufos (Kenneth Arnold, Ray Palmer), Bigfoot (Wallace) und dem Bermuda-Dreieck (Ivan T. Sanderson und Vincent Gaddis) steht auch am Loch Ness eine einzige Person mit ihrem Glauben an das Phänomen am Anfang der Legende, die sich erst mit der Zeit entfaltet und vervollständigt.
Zu guter letzt die einzigen beiden „authentischen“ Berichten von Seeungeheuern im Loch Ness, die vor 1930 auch in zeitgenössischen Medien erschienen. Den ersten hat der Autor im „Inverness Courier“ vom 1. Juli 1852 (S. 3) entdeckt:

EIN VORFALL BEI LOCHEND

An einem Tag in der letzten Woche, als der Loch Ness völlig ruhig ohne ein Kräuseln an der Oberfläche dalag, wurden die Bewohner von Lochend plötzlich in den Zustand höchster Aufregung versetzt, als zwei große Körper erschienen, die gleichmäßig von Aldourie zum gegenüber liegenden Nordufer des Sees schwammen. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind lief herbei, um das ungewöhnliche Schauspiel zu beobachten. Unzählbar die vielerlei Spekulationen, welcher Art diese Tiere angehören könnten; einige dachten, es sei die Meerschlange, die sich dort entlang schlängelte und andere vermuteten ein Paar Wale oder große Seehunde. Als sich die unheimlichen Objekte dem Ufer näherten, holte man die verschiedensten Waffen herbei um sie anzugreifen. Die Männer waren mit Beilen in der Art der antiken Kriegsäxte von Lochaber bewaffnet, die jungen Burschen hatten Sensen und die Frauen Mistgabeln … Zum Schluss kam ein ehrwürdiger Patriarch zu dem Schluss, das es sich um zwei Hirsche handelte und lief davon um seinen alten „Niccoiseam“ (eine Flinte) zu holen, die offenbar seit dem Unglückstag von Blar-nam-magal nicht mehr benutzt worden war. Als die angeblichen Hirsche nahe genug gekommen waren und unser Held sie gerade ins Visier nahm und eben feuern wollte, warf er die Flinte plötzlich zu Boden und rief in der wahren Sprache der Berge: „Dia M’un cuairt duinn, ,s iad na h’eich-uisg a th-ann“ Obwohl sie nicht gerade echte Furcht erregende „Kelpies“ waren, stellten sie sich doch als wertvolles Paar Ponys heraus, die nach Aldourie gehörten und die möglicherweise um der großen Hitze des Tages zu entgehen Gefallen daran gefunden hatten, sich in die kühlen Gewässer des Loch Ness zu stürzen. Der Loch ist an dieser Stelle fast eine Meile breit.

Da lange Zeit beratschlagt wurde, um was es sich handle und weil es mit einem Meeresungeheuer, nicht einer einheimischen Seeschlange verglichen wurde, wissen wir durch diesen Bericht, dass es auch im 19. Jahrhundert keine Nessie-Tradition gab. Der zweite authentische Zeitungsbericht vor 1930 aus dem „Inverness Courier“ (8. Oktober 1868) wurde von dem Schweizer Forscher Andreas Trottmann entdeckt:

Ein fremdartiger Fisch im Loch Ness

Vor einigen Tagen strandete ein großer Fisch am Ufer des Loch Ness etwa zwei Meilen westlich vom Lochend Inn. Weder Name noch Spezies des fremdartigen Besuchers konnten zufrieden stellend geklärt werden und große Mengen von Landbewohnern gingen hin, um ihn selbst zu sehen und zu untersuchen, aber sie zogen unverrichteter Dinge wieder ab, weil sie nicht herauszufinden vermochten, ob das Monster nun aus dem Wasser kam, ob es amphibisch war oder vom Land. Die Leichtgläubigsten versicherten, dass ein großer Fisch schon einmal vor vielen Jahren hin und wieder bei seinen Sprüngen im Loch gesehen worden sei und sie erklärten entschlossen, das Erscheinen seines toten Körpers am Ufer bedeute nichts gutes für die Bewohner – tatsächlich sage seine Anwesenheit Seuchen oder Hungersnöte voraus, vielleicht beides. Zu guter letzt aber kam ein Herr vorbei, der in der Wissenschaft der Ichthyologie bewandert war, und er stellte sicher, dass der fremdartige Besucher nichts anderes war als ein Tümmler von etwa 1,8 Metern Länge. Wie nun ein Bewohner des Ozeans ausgerechnet im Loch Ness an Land gespült worden war, war die nächste Frage, doch auch sie wurde bald geklärt, denn es stellte sich heraus, dass die Fettschicht fehlte! Der Fisch war natürlich im Meer gefangen und im Loch Ness über Bord geworfen worden. Damit wollte ein Scherzbold wohl die primitiven Bewohner von Abriachan und dem umliegenden Distrikt erschrecken. Der Plan war von vollem Erfolg gekrönt“.

Beide Berichte haben nicht nur eine natürliche Erklärung, sie belegen beide eindeutig, dass es damals noch keine Nessie-Tradition gab, denn sie spielen nicht darauf an, sondern bezeichnen die gesichteten Untiere als „Besucher“.


Quellennachweis:

 

  • Bauer, Henry H.: The Enigma of Loch Ness. Urbana: University of Illionois Press 1986
  • Binns, Ronald: The Loch Ness Mystery Solved. Shepton Mallet: Open Books 1983
  • Costello, Peter: In Search of Lake Monsters. London: Garnstone Press 1974
  • Dinsdale, Tim: The Leviathans. London: Futura 1976
  • Dinsdale, Tim: Loch Ness Monster. Forth Edition. London: RPK 1982
  • Frere, Richard: Loch Ness. London: John Murray 1988
  • Gould, Rupert T.:Loch Ness Monster. London: Geoffrey Bles 1934
  • Mackal, Roy P.: The Monsters of Loch Ness. London: Futura 1976
  • Magin, Ulrich: Waves without Wind – Historical accounts of the Loch Ness Monster. Fortean Studies 7, 2001, S. 95 -115
  • Oudemans, A. C.: The Great Sea Serpent. Leyden: Brill, Luzac & Co. 1892
  • Oudemans, A. C.: The Loch Ness Animal. Leyden: E. J. Brill 1934
  • Thomas, Charles: The “Monster” Episode in Adomnan’s Life of St. Columbus, Cryptozoology 7, 1988, p. 38 - 45
  • Whyte, Constance: More Than A Legend. London: Hamish Hamilton 1957
  • Williamson, Dr. Gordon R.: Seals in Loch Ness. Scientific Report of the Whale Research Institute, No. 39, March 1988: 151 – 157, Tokyo
  • Witchell, Nicholas: The Loch Ness Story. Lavenham: Terence Dalton 1976

Bildnachweis:

  • Loch Ness: Marozi
  • Nachstellung d. Spicer-Sichtung: Alexander Blumtritt
  • Nachstellung d. Surgeon-Fotos: Alexander Blumtritt
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Die Pseudo-Plesiosaurier-Theorie bietet damit eine rationale Erklärung für derartige Tierleichen, sie ist jedoch keineswegs allgemeingültig. Letztlich bietet der Kadaver von Querqueville aber auch zwei Lehren, die in der Kryptozoologie von Vorteil sind: es ist immer besser einen Experten vor Ort mit Zugriff auf das zu untersuchende Objekt zu haben als nur wild zu spekulieren. Und es ist nicht immer alles so, wie es zu sein scheint.

Querqueville- od. Cherbourg-Kadaver