11 | 12 | 2017
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Seeungeheuer im Genfer See

Karte des Genfer SeesDurch viele meiner Veröffentlichungen zieht sich – ausgesprochen oder unausgesprochen – die These, dass sich für jeden See, der nur groß genug ist, auch Sichtungen von Ungeheuern finden lassen, dass das Seeungeheuer also kein biologischer, sondern ein volkskundlicher Fakt ist. Sollte das so sein, muss das Motiv „Seeungeheuer“ vergesellschaftet sein mit dem Erzähltyp Unterwasser-UFO und sich – als „reale“ Sichtung oder Schwindel – in den Erzähltypen des Riesenfischs, der Seeschlange, der Seejungfrau, des entkommenen Krokodils und des unbekannten U-Boots äußern. Michel Meurger hat in seinem grundlegenden Werk „Lake Monster Traditions“ noch hinzugefügt, dass von Ungeheuerseen generell erzählt wird, sie seien unergründlich tief und stünden unterirdisch mit anderen Seen in Verbindung: Letztendlich sei der See der Eingang zur Anders- oder Totenwelt gewesen, und die große Schlange sei nur eine Äußerung dieser Vorstellung. Ich habe als weiteres Motiv dieser Kette die „versunkene Stadt“ identifiziert.

Die ursprünglichen, mit Vorstellungen einer „anderen Welt“ zusammenhängenden mythologischen Konstrukte werden nämlich konkretisiert und somit erlebbar durch die Interpretation konventioneller Auslöser (Wellenphänomene, Boote, große Fische und schwimmende Tiere), deren Klassifikation stets vom Zeitgeist bestimmt ist (Wassergott, Drache, Riesenfisch, überlebender Saurier). Es braucht heute nur noch die richtigen Umstände und einige engagierte Personen, um aus den einzelnen Strängen dieser Erfahrungen und Traditionen ein Seeungeheuer zu etablieren. Weiß man einmal um dieses Ungeheuer, wird es leichter, in konventionellen Stimuli das Monster zu erblicken und zu erkennen.

Im Jahre 2007 veröffentlichte ich einen kurzen Vorbericht zum Ungeheuer vom Genfer See. Es war ein Versuch, diese These an einem noch unschuldigen Objekt zu testen. (Seeungeheuer im Genfer See. Der Kryptozoologe-Report 3, 2007, S. 32-36) Ich hatte Berichte aus der Region des Genfer Sees bislang kaum gesucht oder recherchiert. Sollten meine Vorstellungen aber zutreffen, müssten recht schnell die einzelnen Elemente auch für diesen See nachgewiesen werden können, so die Überlegung. Das in diesem Beitrag enthaltene Material ist das Resultat meiner damaligen, nur eintägigen Suche im Internet, ergänzt durch weitere, später zufällig aufgefundene Berichte. Hier nun die Resultate dieser erweiterten Recherche:

Ungeheuer im Genfer See

Der Genfer See, Lac Léman, gehört mit 581 Quadratkilometern Oberfläche nach dem Plattensee und vor dem Bodensee zu den größten Seen Mitteleuropas. 72 km lang, bis zu 13,8 km breit, im Schnitt 100 m und maximal 309 m tief, liegt er in Form eine Bohne oder Niere an der Grenze der Schweiz zu Frankreich. Genf, Montreux und Lausanne sind die bekanntesten Städte an seinem Ufer.

Caesar erwähnt den See in seinem Gallischen Krieg (1,2,3. 1,8,1. 3,1,1; der römische Name lautete Lemannus lacus), führt aber nichts Bemerkenswertes an.

Wassergötter

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass der See früher als etwas Gefährliches galt, das zu besänftigen war. Zwei Granitblöcke im Genfer Hafen heißen „Steine des Neptun“, dort wurden in der Bronzezeit den Wassergöttern geopfert. (Federica de Cesco & Kazuyuki Kitamura: Der Genfer See. Silva: Zürich 1989, S. 7 & 19) Schon Johann-Heinrich Zedler schreibt Anfang des 18. Jahrhunderts in seinem Universal-Lexikon: „Bey Genff siehet man 2, aus dem See herfür ragende, und obenher in die Runde gehende Felsen, welche man Pierre Neiton, (Petra oder Ara Neptuni) nennet, auf welchen vor Alters her die Heydnischen Einwohner dieser Gegend dem Neptuno geopffert haben, wie denn einstmals die Fischer an diesem Ort mit ihrem Netze eine Priesterliche Schlacht-Axt und ein Opffer-Messer heraus gezogen haben.“

Aus Genf stammt ein spätrömischer Schild mit zwei Delfinen in Drachenform (Geoffrey Ashe, Hrsg: The Quest for Arthur’s Britain. Granada: London 1971, S. 164), es wäre aber sicherlich überzogen, diese Fabeltiere für getreue Abbilder eines Wesens im Genfer See zu halten.

Zedler berichtet nicht nur über den Neptunstein, sondern auch über ein nicht näher erklärtes „Ungeziefer“ im See, das Fischern gefährlich werden konnte. Im damaligen Sprachgebrauch waren Ungeziefer giftige Reptilien und Amphibien. „Riva, ein Hafen am Genfer-See im Pais de Vaud, in der Schweiz, nahe bey Lausanne im Canton Bern, allwo man zu Schiffe gehet, wenn man über den Genffer-See fähret. Dieser Hafen wird durch ein festes Schloß beschützet. Es wollen zwar einige vorgeben, daß das Ungeziefer die Schiffahrth gantz beschwerlich mache; allein es befindet sich in der That gantz anders.“

Ein Riesenaal?

Auf dem Blog des britischen Centre for Fortean Zoology berichtete Mike Hallowell am 24. Juli 2010 über vorgebliche „Riesenaale“ im See. Zum ersten Mal habe die der Bischof William von Lausanne im 13. Jahrhundert erwähnt. Sie hätten die Fischerei behindert, weil immer wieder Fischer von Riesenaalen verschluckt wurden. William habe dann den Genfer See exorziert, und die Plage sei zu Ende gewesen. Hallowell vermutet noch heute Monsteraale im See, er wunderte sich, warum ihm das von den Anrainern, die er befragte, verheimlicht wurde. Vielleicht deswegen, weil die Geschichte vom Exozismus und den Seemonster eine freie Erfindung ist?

„Fehlt der Aal im Genfer See? In einem Vortrage, welchen der als populärer Schriftsteller beliebte Zoologe, Prof. Dr. W. Marshall, in Leipzig im Kaufmännischen Vereine unlängst gehalten hat, findet sich die auch sonst vielfach verbreitete Behauptung, dass der Aal im Genfer See, ähnlich wie im Donaugebiet, fehle. Das ist insoferne nicht ganz zutreffend, als von Zeit zu Zeit immer einige Aale im Genfer See gefangen werden. Der Aal ist dort nur sehr selten, weil es bei gewöhnlichem Wasserstande der Aalmontée nicht gelingt, den hohen und nur bei Hochwasser für Aalbrut passierbaren Rhonefall bei Bellegarde zu überschreiten. Das angebliche Fehlen des Aals im Genfer See schrieb ein alter Arzt, namens Paullini, übrigens dem Bischof Wilhelm von Lausanne zu, welcher nach einem Aalessen unter dem Einfluß seines verdorbenen Magens den ganzen Aalschwarm im Genfer See in Acht und Bann gethan habe, welcher Fluch nun schon seit drei Jahrhunderten fortwirkt.“ (Allgemeine Fischereizeitung: Neue Folge der Bayerischen Fischereizeitung. Organ für die Gesamtinteressen der Fischerei sowie für die Bestrebungen der Fischereivereine insonderheit Organ des Deutschen Fischereivereins. In Verbindung mit Fachmännern Deutschlands, Oesterreich-Ungarns u. der Schweiz, Band 27-28, 1902, S. 33)

Der See-Alligator: Juni 1907 und August 1950

Am 23. Juni 1907 berichtete die Zeitung Telegraph-Herald aus Dubuque auf ihrer S. 10 über „Seeungeheuer in der Schweiz“. Der erste Bericht betraf den Bodensee, wo man bei Lindau einen aggressiven Hai aus dem See gezogen hatte, der zweite den Genfer See: „Ein noch seltsamerer ‚Fang‘ wurde von einem Angler nahe der Mündung der Rhone in den Genfer See gemacht. Er zog ein totes Mississippi-Krokodil aus dem Wasser. Es war etwa 45 cm lang. Das merkwürdige Stück wurde in den Räumen der Naturhistorischen Gesellschaft des Wallis ausgestellt. Wie es in den See kam, bleibt ein Geheimnis.”

Alligator in einem SeeBeim zweiten Alligator des Sees ist die Lösung einfacher – aber auch nicht ohne interessante Nebenaspekte. Am 10. August 1950 nahm der Reptilienliebhaber André Wohler aus Paudex bei Lausanne seinen 1,35 m langen Mississippi-Alligator Ali aus dem Becken in seinem Grundstück, wo er ihn hielt (er war der einzige Überlebende von insgesamt vier Alligatoren) und brachte ihn ans Ufer des Genfer Sees in der Nähe von Lausanne, damit er „einmal natürliche Umwelt“ genießen konnte. Der Alligator aber, offenbar verschreckt durch ein paar Badegäste, kehrte nicht ans Ufer zurück, sondern floh „in die Tiefen des Sees“. Wohler vermutete, das Reptil würde eine Flussmündung aufsuchen, wo es wärmeres Wasser gibt. Unter den Badegästen herrschte Angst und Schrecken vor dem „Terror des Genfer Sees“.

Bis zum 14. August. Da wurde gemeldet, dass das Tier tot auf einem Felsen am Strand von Thonon-les-Bain in Frankreich, am gegenüberliegenden Ufer also, aufgefunden worden sei. Das Tier wies in der Seite eine klaffende Wunde auf, man vermutete, dass sie von der Schraube eines Motorbootes stammte. Am 16. August allerdings wurde die Entdeckung dementiert – der Schrecken ging weiter. Je nach Quelle war es einfach nur eine falsche Meldung oder „der Fang des Alligators war eine Fotomontage einer Zeitung“. Einen toten Alligator muss man kaum fangen – vielleicht gab es mehrere Meldungen, mir liegen leider die französischen Zeitungsmeldungen nicht vor, die hier Klarheit schaffen könnten.

Schließlich wurde Ali am 24. August doch gefangen, und zwar in der Nähe von Lausanne – das Tier hatte sich nicht weit weg von dem Platz bewegt, an dem es ausgerissen war. Schüler aus Paudex sahen das Tier, dessen Schwanz aus einigen Felsen am Ufer herausragte, „und banden einen Taschentuch daran. Sie versuchten, Ali aus den Felsen zu ziehen, doch er war zu schwer.“ Die Schüler meldeten die Entdeckung ihrem Lehrer, der verständigte Wohler. Der gute Mann eilte zum Ufer, stopfte Ali in einen großen Koffer und brachte ihn wieder zu seinem eigentlichen Becken in der Nähe des Sees. Die Gefahr war gebannt. (Montreal Gazette, 11. August 1950; Irish Times, 11. August 1950; ABC, Sevilla, 12. August 1950, S. 12; Miami News, 14. August 1950; Sarasota Herald-Tribune, 14. August 1950; ABC, Sevilla, 15. August 1950, S. 9; ABC, Madrid, 15. August 1950, S. 14; ABC, Sevilla, 16. August 1950, S. 10; Vancouver Sun, 24. August 1950; Sydney Morning Herald, 25. August 1950; ABC, Sevilla, 31. August 1950, S. 10) Wenn jemand etwas sichtet oder ein reales Tier in einen See entweicht, gibt es also immer Mitläufer, die Dinge melden, die sie erfunden haben.

Die Seeschlange in den 1950er und 1960ern

Im Juli 1951 plagte schon der nächste Schrecken das Wallis. „Unterheuer terrorisiert Stadt” meldeten mehrere amerikanische Zeitungen damals. „Vier Leute erklärten, sie hätten ein riesiges unidentifiziertes Tier beobachtet, das die Alpendörfer am Genfer See terrorisiert. Sie beschreiben das ‚Ungeheuer des Wallis‘ als großes Tier mit großes, gepolsterten Beinen und einem langen Schwanz, das mit gewaltigen Sprüngen im Wald verschwand.“ (Reading Eagle 26. und 27. Oktober 1951, S. 56; Los Angeles Times, 30. Oktober 1951) Ob das ein eher reptilischer Tatzelwurm oder ein früher Vorläufer des Alien Big Cat-Phänomens war ist schwer zu entscheiden, als “Ungeheuer vom Genfer See” jedenfalls wurde es gemeldet.

Der französische Kryptozoologe Jean-Jacques Barloy erhielt von einem Augenzeugen einen Bericht über das Auftauchen einer Seeschlange in der Bucht von Thonon am französischen Südufer des Genfer Sees: „Ein ‚Ungeheuer’ im Genfer See (Excenevex), 1958 (C. Baroche)“ schreibt er dazu knapp in seinem Newsletter Enquete (Nr. 35).

„Aus Genf erreichen uns beunruhigende Nachrichten“, schreibt die Zeitung The Sun aus Baltimore, Md. (6. April 1964, S. 22). „Wüssten wir nicht, dass unser Korrespondent, der sie eingereicht hat, zuverlässig ist, würden wir sie für einen Schwindel halten. Es geht um den Genfer See mit der Riesenfontäne. Der See schaukelt. Das Wasser schwappt hin und her wie Kaffee in der Tasse am Morgen. Das ist das erste Mal, dass das Ungeheuer von Loch Ness seine Nationalität gewechselt hat.“ Leider konnte ich keine vergleichbaren Berichte in anderen Zeitungen finden, aber dem Seenforscher zeigt sich schnell, dass die Geschichte weder erfunden ist noch auf ein Monster hinweist.

Die 1990er

Zur 700. Jahresfeier der Schweiz im August 1991 setzte die Künstlergruppe „Groupe Lac-Bleu“ bei Vevey die Statue einer Seeschlange mit kleinem Kopf, gelben Augen und weit aufgerissenem Rachen, langem Hals, Schlangenschwanz und einem grüngeschuppten Höcker mit rotem Kamm („des Ungeheuers vom Genfer See") in den See, „um die Bevölkerung zu überraschen“ (www.scout-ch/lac-bleu/activities/ph-911.htm).

Als Nummer 20 der Serie „Le Trio de l'Etrange“ ist 2001 ein 140 Seiten langer Roman über ein Monster im Genfer See erschienen, der Kinderkrimi von Francis Valéry: „Le Mystère Rosenberg“.

„Wer hat denn gesagt“, so der Werbetext für das Buch, „dass Lausanne eine ruhige Stadt ist? Das Trio de l'Etrange nimmt seinen Dienst wieder auf, als eine Welle kollektiver Halluzinationen die Stadt ergreift. Zuerst erwachen die Drachenskulpturen plötzlich zum Leben und fliegen am Markttag davon. Danach greift ein eigentlich unmögliches Meeresungeheuer das Segelschiff unserer Freunde auf dem Genfer See an und droht, es kentern zu lassen. All diesen seltsamen Vorkommnissen gemein ist ein junges rothaariges Mädchen, das ein sonderbares Heft besitzt ... Ein Heft, das gut den Schlüssel dieses neuen Geheimnisses verbergen könnte.“ (http://www.cadranbleu.com/auteurs/FrancisValery.html)

Aus der gleichen Zeit (datiert auf den 5. September 2001) stammt eine französische Internet-Seite mit Web-Schwindeln, die auch ein Foto des „Monsters vom Genfer See“ enthält. Webmaster der Seite ist ein Dominique Morlet, die Aufnahmen stammen von Morlet Bourges. „Ich zeige hier einige sehr seltsame Postkarten. Betrug oder Wirklichkeit? Die letzte Karte ist ein Foto des Ungeheuers ... vom Genfer See!“, lautet der Text, das Foto selbst konnte ich nicht abrufen (http://www.tronches-de-net.com/zoom/86.php).

Das 21. Jahrhundert

In einer Diskussion zu Sichtungen von Ungeheuern im Lago Maggiore im alten Forum der Internet-Seite „Der einsame Schütze“ schrieb am 7. Mai 2003 der User Demon, dass er ähnliche Höcker wie die von anderen Usern beobachteten auch gesehen hätte: „Dieses Phänomen habe ich selbst schon beobachtet, aber nicht nur am Lago Maggiore, sondern auch am Genfersee und (mehr als einmal) auch am Zürichsee. Bei der Wissenschaft ist es als ‚Zeiche’ (ausgesprochen Sesch) oder auch ‚die drei Schwestern’ bekannt und sorgt immer wieder auf allen möglichen Seen zu Sichtungen von Ungeheuern. Je flacher der See übrigens ist, umso eher tritt es auch auf. Im wesentlichen ist es nicht mehr als eine durch flachen Wind ausgelöste Welle, die wie zwei, meistens drei, ‚Buckel’ aussehen. Für genauere Infos müsste ich meine Bücher wälzen gehen, falls dies gewünscht wird. Die ‚drei Schwestern’ können übrigens genügend gross werden und Wucht besitzen, um ein Schiff zum kentern und sinken zu bringen, wie es schon oft auf den Great Lakes in den USA passiert ist. Die Ureinwohner um die Seen glauben, dass diese Wellen durch einen Riesigen Stör hervorgerufen werden, der in den Tiefen der Seen ruht. (Siehe dazu auch ‚The Great Lakes Triangle’)“

Am Samstag, den 12. Juni 2004 schließlich befand sich M. Wittram auf einer Radtour am Nordufer des Sees entlang, als er zwischen Nyon und Lausanne eine Rast am Ufer einlegt: „Hier paaren sich zwei Haubentaucher“, schreibt er in der englischen Version seiner Homepage. „Plötzlich vergessen sie ihr Liebesspiel und eilen schreiend auf eine bestimmte Stelle an der Wasseroberfläche zu. Jetzt taucht der gekrümmte Rücken eines Tieres auf, dann verschwindet er, dann taucht er erneut auf. Kein Fisch, größer als eine Ratte. Ich kann nur vermuten, dass es ein Biber, ein Otter oder eine Schweizer Nessie ist. Lasst uns an die letztere Möglichkeit glauben.“ (www.tu-bs.de:8080/~wittram/reisen/Schweiz2004/Schweiz2004_2_engl.html)

Europäischer Aal (Anguilla anguilla)Auf der deutschen Version der Website klingt die Sache nicht ganz so aufregend“ „Eine Rast am Seeufer, da balzen gerade zwei Haubentaucher. Plötzlich werden die ganz aufgeregt und streben schimpfend einer Stelle im See zu, wo ein brauner Rücken im Wechsel auftaucht und wieder verschwindet. Offensichtlich ein Tier mit Pelz. Ob Biber oder Fischotter? Am Loch Ness sind wir ja eigentlich nicht. Bald ist wieder Ruhe und ich habe den Fotoapparat vergeblich in Position gebracht.“ (http://www.tu-bs.de:8080/~wittram/reisen/Schweiz2004/Schweiz2004_2.html)

Weniger mysteriös ist ein Foto des Ungeheuers vom Genfer See, das die Schweizer Zeitung Blick am 3. Oktober 2007 unter der Schlagzeile „Nessie im Genfer See“ brachte. Das Bild zeigt vier Elefanten des Zirkus Knie, die am Strand von Bellerive nahe Lausanne im See baden.

In den Jahren vor 2010 reiste der englische Kryptozoologe Mike Hallowell an den Genfer See, um auf die Spur des vorgeblichen Riesenaals dort zu stoßen. Der Riesenaal als Verursacher von Seemonsterberichten ist eine Art Lieblingstheorie des Centers for Fortean Zoology, deshalb ging Hallowell im Voraus davon aus, dass es ein solches Wesen in dem Schweizer See geben muss. „In Port Noir sprach ich mit einigen Einheimischen. ‚Ja, solche Geschichten kenne ich‘, erklärte mir ein junger Mann namens George. ‘Glaubst du daran? Ich weiß es nicht. Einmal, weißt du, da dachte ich … aber es war wohl nur meine Einbildung.‘ […] Ich sprach mit einer jungen Frau, die mir sehr eisig mitteilte, dass sie nicht an die Aale glaubte. […] In Perle du Lac ging mir auf, dass die Genfer nicht die gleiche Lust auf Geheimnisse haben wie wir. In meinem Hotel sprach ich mit den Kellnern, dem Personal an der Bar und mit Touristen. Manche hatten schon von den Aalen gehört, andere nicht. Interessanterweise war niemand daran interessiert, die Wahrheit herauszufinden. ‘Wenn es sie gibt, dann gibt es sie eben’, bemerkte der Polizist Norman Gross.“ (Mike Hallowell: Giant Eels. http://forteanzoology.blogspot.com/2010/07/mike-hallowell-giant-eels.html, 24. Juli

Seejungfrauen

In der Genfer Kathedrale St-Pierre (Baubeginn 1160) kann man auf den Kapitellen der romanischen Säulen Darstellungen von “grotesken Ungeheuern und eine barbrüstige, doppelschwänzige Seejungfrau” sehen – alles Motive, die in der Kunst der Zeit nicht selten waren. Typisch als Verschönerung einer Uferpromenade ist auch die Nachbildung der „kleinen Seejungfrau” von Kopenhagen, die in einem kleinen Hafen in der Nähe Genfs auf einem flachen Stein im Wasser sitzt. Die von der Künstlerin Natacha de Senger geschaffene Bronzestatue wurde 1966 aufgestellt und wird „Sirene du Leman“ genannt.

Ungeheuer im Flusssystem der Rhone

Die Rhone fließt durch den Genfer See und mündet schließlich in einem Delta im Mittelmeer. Bei Lyon, wo der Fluss sich nach Süden wendet, nimmt er den Strom Saone auf, in den wiederum der aus dem Schweizer Jura kommende Doubs einmündet. In allen Teilen dieses großen Stromsystems sind bereits Seeungeheuer gemeldet worden.

Im Juni 1934 beobachteten Angler in dem Doubs ein Tier mit einem „ovalen Körper, einem langen Hals, kleinem Kopf, einem blauen Rücken und gelbem Bauch“ gesichtet. „Es bewegte sich schlängelnd. Die Angler schließen eine Halluzination aus und halten Tag und Nacht Wache.“ (New York Herald Tribune, 20. Juni 1934; Los Angeles Times, 20. Juni 1934; The Telegraph, Nashua, N.H., 19. Juni 1934, S. 2; Spokane Daily Chronicle, 19. Juni 1934, S. 14).

Von der Saone munkelt man – und das ist eine typische moderne Sage – von riesigen Welsen, die so groß seien, dass sie Boote versenkten. Einmal seien Taucher an Brückenpfeilern unter Wasser gegangen, dort hätten sie die riesigen Schatten der Fische erschreckt (Fortean Times 46, S. 28).

In der Rhone selbst (Brief von J.J. Barloy, 4. August 1984) sei 1954/1955 ein Seeungeheuer gesichtet worden.

Die Rhone teilt sich bei Tarascon in zwei Mündungsarme. In dem Städtchen wird einmal im Jahr das große Modell der Tarasque durch die Straßen getragen, eines Drachens, der die Gegend im Mittelalter unsicher gemacht haben soll.

In der Carmargue, zwischen der Mündungsarmen des Stromes, der Grand und der Petit Rhone, liegt die Lagune von Vaccares. Dort soll sich, wie der provenzalische Dichter Joseph d’Arbaut mitteilt, ein Ungeheuer aufgehalten haben.

Es gibt aber nicht nur Legenden: Ende Mai, Anfang Juni 1964 fischten Jacques Borelli und sein Sohn bei der Balancelle-Boje in der Mündung der Grand Rhone, als vor ihren Augen eine Seeschlange auftauchte: „Plötzlich sahen wir, einhundert Meter entfernt, ... eine Art Baumstamm, von heller Haselnussfarbe, zylindrisch, mit einem abgerundeten Ende. Dieser ‚Baum‘, der etwa 1,80 m aus dem Wasser ragte und rund 30 cm im Durchmesser hatte, war nach vorn geneigt und bewegte sich, ohne dass wir aus der Entfernung ein Kielwasser sehen konnten,. Nach 30 Sekunden verschwand er.“ (Bernard Heuvelmans: In the Wake of the Sea Serpents. Hill & Wang, New York 1968, S. 528)

Wellen ohne Wind

„Wellen ohne Wind“ steht auf Landkarten der Renaissance neben manchen Seen (etwa dem Loch Ness oder dem Loch Tay in Schottland). Kryptozoologen deuten das als Anspielung auf Seeungeheuer, doch vermutlich ist hier die Rede von Tsunamis, die durch Seebeben und unterseeische Erdrutsche ausgelöst werden, oder von Seiches, einer Art Ebbe und Flut in Seen, die durch Luft- oder Winddruck erzeugt wird, die das Wasser an eines der Seeufer drückt, wo es dann ansteigt. Lässt der Luftdruck nach, gleicht sich der Wasserspiegel wieder in die Horizontale aus, das Wasser schwappt zurück an das Ufer, das zuvor Niedrigstand hatte – wie in einer Badewanne, die man schräg und dann wieder gerade stellt. Den maximalen Unterschied zwischen Niedrig- und Hochstand des Wassers nennt man Amplitude. Auf dieses Phänomen, das er aber falsch erklärte und mit reflektierten Kielwellen in Verbindung brachte, bezog sich Demon ja für seine Beobachtung von Seeungeheuerhöckern im Genfer See.

Der Genfer See ist tatsächlich ganz besonders berühmt für Wellen ohne Wind, auf ihm wurde das Phänomen der Seiches zum ersten Mal wissenschaftlich festgestellt (und dann kurioserweise zuerst am Loch Ness und Lake Champlain bestätigt). Aber obwohl die wissenschaftliche Erstbeschreibung (mit der korrekten Erklärung des Phänomens) durch F. A. Forel in seinem Werk „Le Léman“ (der Genfer See) von 1892-95 erfolgte, waren bereits zuvor anekdotische Berichte erschienen.

„Bei einem Erdbeben am 1. .März 1584 Mittags 12 Uhr, das besonders am Greifen-See im Kanton Zürich und in der Landschaft Aigle gefühlt wurde, ist ‚der Genffer See zurückgeloffen, so dass Einer trockenen Fusses hätte hindurch gehen können; es hat aber Diess nicht lange gewähret.‘ In Folge der Erschütterung wurde ein Berg bei Yvorne zerrissen ‚und ging aus der Kluft ein so heftiger Wind herfür, dass er grosse Bäume, Steine, Erdschollen u. s. w. mit sich weg fürete, auch endlich gar den Hügel, so über solcher Kluft war, herabrisse, auf gedachtet Dorf Hiborn warf‘ etc. — Am 16. September 1600 ereignete sich ein Erdbeben zu Genf, welches am Ausflusse des Rhodan aus den See durch die Hebung und Senkung des Bodens ein viermaliges Rück- und Wiederlaufen des Flusses verursacht haben soll. Am 19. Januar 1645 stürmte ein sehr starker Orkan in der ganzen Schweitz von Westen her. Es fielen sogar Mauern und Thürme, und man glaubte ein Erdbeben zu spüren. In Genf ward der Rhodan gestauet.“ (Dr. Emil Kluge: Über die Bewegungen in Gewässern bei Erdbeben und eine mögliche Ursache gewisser Erd-Erschütterungen. Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefakten-Kunde. Stuttgart 1861, S. 810; Dr. G. H. Otto Volger: Untersuchungen über das Phänomen der Erdbeben in der Schweiz. Justus Perthes, Gotha 1857, S. 73) Die Amplitude der Seiche von 1600 betrug einen ganzen Meter (Annual Review of Fluid Mechanics 1974, S. 17)

1730 erwähnt der Stadtingenieur von Genf, Fatio de Dullier, das Wort Seiche zum ersten Mal (Alfred Wüst: Unterlagen zur Vorlesung Surface Waves).

Am 1. November 1755, dem Tag des großen Erdbebens von Lissabon, zeigten sich auf vielen europäischen Seen – vom Loch Ness im Norden bis zum Lago Maggiore im Süden – seltsame Wellen. Auch der Genfer See habe sich „auf einige Augenblicke zurückgezogen“ (Volger, S. 157). „Am östlichen Ende des Genfer See's bemerkte man ein dreimaliges Schwellen und Sinken des Wasser-Spiegels bei Vevey, Latour, Villeneuve und Chillon. Die Quellen bei Montreux, Blonay und Corsler bis nach Villeneuve und Aigle wurden plötzlich mehr oder weniger trübe.“ (Dr. Emil Kluge: Über die Bewegungen in Gewässern bei Erdbeben und eine mögliche Ursache gewisser Erd-Erschütterungen. Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefakten-Kunde. Stuttgart 1861, S. 806)

Der Naturforscher Horace Bénédict de Saussure beobachtete am 3. August 1763 im Genfer See eine Seiche mit einer Amplitude von fast eineinhalb Metern (Gehler: Physikalisches Wörterbuch 1836, S. 738).

Im Oktober 1841 fand im Genfer See eine „außergewöhnlich starke externe [das heißt, vom Luftdruck verursachte] Seiche“ statt, sie hatte eine Amplitude von 1,87 m und eine Periode von 73 Minuten: „Der See schaukelte ganze 7 Tage und 17 Minuten.“ (www.ifh.uni-karlsruhe.de/lehre/StudentenLabor/welafi/welafi-kurz.pdf; http://18.1911encyclopedia.org/G/GE/GENEVA_LAKE_OF.htm)

Genfer See bei LausanneNichts anderes als eine Seiche dürfte auch das vom Begründer der Anomalistik, Charles Hoy Fort, geschilderte „plötzliche Steigen und Fallen des Wasserspiegels im Genfer See“ (vermutlich am Schweizer Ufer) am 18. April 1906 gewesen sein (Charles Fort: The Complete Books. New York, Dover 1974, S. 812).

Zusätzlich zu den meteorologisch erzeugten Seiches kennt man vom Genfer See, wie von allen tiefen Alpenseen, Tsunami-Phänomene. In mittelalterlichen Quellen erwähnt und geologisch nachgewiesen ist ein Großereignis aus dem Jahr 563, bei dem ein Erdrutsch vom Berg Grammont eine gewaltige Flutwelle auslöste, die den gesamten See entlang rollte und in Genf gegen das Ufer schlug, wo zahlreiche Todesopfer zu beklagen waren (www.sisl.ch/archives/_presse/2005/200305.htm). Während des großen Erdbebens von Lissabon im Jahre 1755, so berichtet Bertand Elie (1713-1797) in seinem Buch Mémoire pour servir à l’historie des tremblements de terre de la Suisse, sei das Wasser des Genfer Sees in „brüske Bewegung“ gekommen (Cercle vadois de généalogie. Nr 58, Oktober 2005, S. 4).

Unterwasser-UFOs

In Oberitalien sind Monsterphänomene immer begleitet von Sichtungen von Unterwasser-UFOs (ähnliche Sichtungen gibt es auch vom Lake Champlain, Lake Okanagan und vom Poso-See in Indonesien). Eine echtes USO konnte ich am Genfer See noch nicht nachweisen, aber UFOs erscheinen regelmäßig über der Seeoberfläche – Beispiele zu finden war nicht schwer, und ich habe nur eine Buch- und Websuche in englischsprachigen Veröffentlichungen durchgeführt!

Ein im September 1818 auf dem See beobachtetes „Geisterschiff“ war nur eine Luftspiegelung, für die der Genfer See neben den Seiches auch bekannt ist (Helmut Tributsch: Das Rätsel der Götter. Frankfurt: Ullstein 1983, S. 85), aber bereits 1956 wird das erste UFO gemeldet, das in den See taucht: „Von Morges (Genfersee) aus wurde am 6. Mai [1956], von 20.32 bis 20.37 Uhr durch Spaziergänger ein feuriger Ball beobachtet, wie er sich auf den See zu bewegte und schliesslich etwa 100 m vom Ufer ins Wasser fiel. Die Polizei hat die Angelegenheit registriert. ‚Gazsette du Lausanne‘, 7.5.1956“ (Weltraumbote 8, Juli 1956, S. 17)

Am 16. August 1958 näherte sich ein helles Licht einem Dutzend Menschen, die sich in perfekten Wetterbedingungen auf einem Boot im Schweizer Teil des Genfer Sees befanden. Das UFO schwebte 15 m über dem Boot. Es hatte die Form einer Untertasse, etwa 10 m im Durchmesser, mit einer Kabine oben und mehreren Fenstern. Die Scheibe um die Kabine herum drehte sich. Als das UFO über dem See stand, erzeugte es eine Strömung, dann „hüpfte“ es in die Luft und schoss „mit unglaublicher Geschwindigkeit“ davon (Jacques Valleé: Passport to Magonia. Henry Regnery, Chicago 1969, S. 272, Fall 469).

Dieses UFO klingt – sollte es sich nicht um einen Schwindel gehandelt haben – unidentifizierbar. Die nächsten UFOs über dem See haben aber sehr wahrscheinlich eine natürliche Erklärung.

Am Mittwoch vor dem 26. Juli 1963 sah ein Genfer Major der Fliegerabwehr eine „Feuerkugel“, die zwischen Salève und den Voirons den See in einer Höhe von 12 000 bis 14 000 Metern überflog und dabei eine „Rauchspur“ hinterließ (Basler Nachrichten, 26. Juli 1963; der Ausschnitt wurde mir von Luc Bürgin zur Verfügung gestellt). Vermutlich ein großer Meteor.

Am 11. August 2004 werden von Montreux in Richtung Vevey-Lausanne mehrere Fotos eines UFOs über der Seeoberfläche aufgenommen. Der Zeuge will ein „Dreieck-UFO“ gesehen haben – besser: drei gelb-orange Lichter – die scheinbar bewegungslos über dem See entstanden. Solche Sichtungen zur Nacht seien am See nicht eben selten (http://ufologie.net/ufology/montreux11aug2004.htm). Die Fotos zeigen einen typischen Miniatur-Heißluftballon.

Am 1. Dezember 2004 um 21:15 Uhr sahen zwei Augenzeugen, die in Lausanne auf einer Brücke standen und auf den Genfer See blickten, „ein ungewöhnliches grünes Objekt“ im Himmel. Es war lautlos, ähnelte aber einem Feuerwerkskörper mit der Form eines Kometen mit Schweif. Der Spezialist erkennt schnell, dass es sich um einen Boliden, einen besonders hellen Meteor, gehandelt hat (www.ufocasebook.com/sparklinggreenufo.html).

Am 22. Juli 2006 um 1 Uhr morgens schließlich beobachtete ein Zeuge von seinem Balkon in Genf aus über dem See 17 runde, orangefarbene Lichtkugeln, die in mehreren Kilometern Höhe über dem See standen. Nach 15 Minuten verlöschten sie eine nach der anderen – ein so genanntes „stilles Feuerwerk“, bei dem Lichtkörper an Ballonen aufgelassen werden (HBCC UFO Research: Geneva, Switzerland; www.hbccufo/org).

Es sollte noch erwähnt werden, dass im Genfer See auch reale U-Boot unterwegs sind. Bereits zur Expo 1964 in Lausanne operierte ein Passagier-U-Boot, mit dem während der Weltausstellung über 33 000 Passagiere eine Fahrt in die Tiefen des Sees unternahmen. (The Hartford Courant, 1. Juni 1963, S. 10) Auch heute noch operiert ein U-Boot für Touristen (und Forscher), das 3-Mann-U-Boot „F.-A. Forel“ von Jacques Piccard. Mit 11 Tonnen Wasserverdrängung und 4 Stundenkilometer schnell, hat es bisher 4500 Tauchfahrten unternommen (Süddeutsche Zeitung, 31. Juli 2004, S. V1/1), auch für wissenschaftliche Unternehmungen (z.B. im Januar 1998: Limnol. Oceanogr. 47(2), 2002, 535-544). Und der deutsche Forscher Hans Fricke testete sein Tauchboot „Jago“, mit dem er auf den Komoren auf Quastenflosser-Jagd ging, ebenfalls zuerst 1989 im Genfer See (Samantha Weinberg: Der Quastenflosser. Fischer Taschenbuch 2001, S. 190)

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