21 | 11 | 2017
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Ataka-Kadaver

Wal auf Bugwall eines KreuzfahrtschiffsEine der Gefahren, der Wale neben der Umweltverschmutzung und Bejagung (direkt oder indirekt) durch den Menschen ausgesetzt sind, sind Kollisionen mit Schiffen. Natürlich stellt dies für ein hiervon betroffenes Tier prinzipiell beinahe immer ein Problem dar, allerdings kann dies unter Umständen auf Populationsebene eine andere Dimension gewinnen. So war die Kollision mit einem Schiff beispielsweise mit 35 Prozent (entspricht 16 Tieren) zwischen 1970 und 1999 die zweithöchste Ursache bei 45 nachweislichen Todesfällen von Atlantischen Nordkapern (Eubalaena glacialis), die hauptsächlich durch Bejagung nur eine relativ kleine Gesamtpopulation aufweisen. Diese Gefahr könnte auch nach Ansicht einiger Forscher den Unterschied zwischen Aussterben und Überleben dieser Walart ausmachen. Aber auch für andere Cetacea stellt der Schiffsverkehr eine Gefahr dar. Seit dem Aufkommen von Dampfschiffen im späten neunzehnten Jahrhundert und der durch die neue Technologie zunehmenden Geschwindigkeit von Schiffen lassen sich derartige Kollisionen mit steigendem Vorkommen verzeichnen. Diverse Forschungsberichte der letzten Jahre haben dabei gezeigt, dass solche Zusammenstöße weit häufiger sind als einst angenommen. Die Daten in diese Richtung werden deshalb mittlerweile ständig aktualisiert, wobei im folgenden als Beispiel eine Auswertung des Zeitraums zwischen 1970 und 2002 genügen soll. Die Biologen Aleria Jensen und Gregory Silber zählten anhand von Berichten und gestrandeten Tieren mit entsprechenden Verletzungen insgesamt 292 Großwal-Schiffskollisionen. Die Dunkelziffer nicht erkannter oder nicht berichteter Kollisionen ist mit Sicherheit allerdings weit höher, da nicht immer ein Bericht vorliegt oder ein toter Wal angeschwemmt wird1. Betroffen von Zusammenstößen mit Schiffen ist natürlich nicht nur der Atlantische Nordkaper sondern auch andere Großwale. Der Finnwal wird sehr häufig getroffen (75 Tiere) und nimmt damit die traurige Spitzenposition ein, Kollisionen mit dem Buckelwal (44), Grauwal (24), Zwergwal (19), Pottwal (17) und Südlichem Glattwal (15) sind relativ häufig in einigen Gebieten, nur wenige gibt es hingegen mit dem Blauwal (8). Zusammenstöße mit Sei- und Brydewal (jeweils 3) und dem Grönlandwal sind noch seltener. Eine sehr große Anzahl (42) wurde beziehungsweise konnte nicht identifiziert werden. Zwar verliefen nicht alle Kollisionen mit größeren Konsequenzen für das betroffene Tier (48 Vorfälle resultierten lediglich in Verletzungen) aber mit 198 tödlichen Vorfällen nichtsdestotrotz der Großteil. Die Verletzungen selbst umfassten im übrigen eine große Bandbreite angefangen von Hämatomen und Propeller-Schnitten bis hin zu Frakturen und abgetrennten Flossen. Wie erwähnt, konnte nicht in allen Fällen das mit dem jeweiligen Schiff kollidierte Tier identifiziert werden. Und solch ein Fall schien zunächst auch der sogenannte Ataka2-Kadaver zu sein...

Der Fund des Ataka-Kadavers

Am 3. Januar 1950 wurde an einem Strand nahe der ägyptischen Stadt Sues am Roten Meer ein etwa zwölf Meter langer Kadaver nach einem Sturm angeschwemmt beziehungsweise gefunden. Das tote Tier war von schmutzig-grauer Farbe und hatte eine dicke, harte Haut. Der Kadaver war in etwa 1, 3 Meter hoch und wies oben am Kopf ein Blasloch auf. Es besaß eine lange, hundeähnlich spitze Schnauze von rund 2, 4 Metern Länge, die zwischen zwei auffälligen 2, 5 Meter langen Stoßzähnen lag. Dort wo die Stoßzähne aus dem Körper kamen, befanden sich übel zugerichtete „Lumpen“ schleimigen Fleisches, die nach Ansicht einiger die Überreste von Flossen sein könnten.

Ataka-Kadaver, Ägypten 1950

Das obige Bild zeigt den Kadaver, der aufgrund der Stoßzähne als „See-Elefant“, ganz allgemein als „See-Monster“ oder schlicht nach seinem Fundort als Ataka-Kadaver bezeichnet wurde. Die Geschichte wie das Tier zu Tode kam ist relativ gut dokumentiert. Demnach berichtete ein norwegischer Tanker nach seiner Ankunft im Hafen von Sues (vier Tage bevor der Kadaver gefunden wurde), eine „untergetauchte Masse von irgendetwas“ auf See getroffen zu haben. Tatsächlich scheint diese Kollision, bei dem das Tier von den Schiffspropellern getroffen wurde und die daraus resultierenden Verletzungen die Todesursache gewesen zu sein. Der „See-Elefant“ wurde am 6. Januar schließlich von Wissenschaftlern aus Kairo und Alexandria zur näheren Analyse aufgesucht. Zwar stand von Anfang an aufgrund des insgesamt walähnlichen Aussehens bereits ein gewisser Verdacht, um was für ein Tier es sich handeln könnte im Raum, doch nach den ersten Presseberichten schlossen die Mitarbeiter des Hydro-Biologischen Instituts von Alexandria aufgrund der Stoßzähne und dem Fehlen von Zähnen im riesigen Maul die Möglichkeit eines Wals zunächst aus.

Irrwege und Identifikation

Dieser - nachweislich nicht vollständige - Kenntnisstand hat sich bis heute in kryptozoologischer Literatur3 und vor allem auf diversen Webseiten gehalten. Solange das Tier nicht identifiziert werden konnte, blieb es auch in der damaligen Presse ein „See-Monster“ und aufgrund der ungewöhnlichen Stoßzähne ein „See-Elefant“. Der Umstand, dass die Experten sich zunächst nicht festlegten und einen Wal als Erklärung ausschlossen, wird so fälschlicherweise als starkes Indiz für eine unbekannte, möglicherweise sogar prähistorische Meereskreatur gewertet und Personen die dennoch eine einfache und naheliegende Erklärung bevorzugen kritisiert. Dementsprechend heißt es zum Beispiel im Artikel eines unbekannten Autoren im Internet: „Obwohl Experten der Ära dieses Tier nicht positiv identifizieren konnten, ist es übliche Praxis unter modernen Skeptikern, diese Kreatur abzutun als nichts weiter als ein verfallenen Walkadaver [...].“

Bereits das einzig vorhanden Bild bietet jedoch genügend charakteristische Merkmale um mit ein wenig Recherche nicht nur den Kadaver eindeutig als Wal, sondern auch die Walart selbst zu bestimmen.

  • Im Fall des Ataka-Kadavers können die „Stoßzähne“ als Unterkieferbögen eines Bartenwals identifiziert werden. Der Unterkiefer von Bartenwalen (Mysticeti) besteht aus zwei langen, rundlichen und zahnlosen Knochenbögen, die in der symphysischen Region (der Region an der beiden Knochenbögen des Unterkiefers zusammentreffen) nicht miteinander verbunden sind. Wird ein Bartenwal angeschwemmt und ist er bereits entsprechend verfallen, kann durch diese Unterkieferbögen der Eindruck von hervorstehenden Stoßzähnen entstehen.
  • Hinzu kommt, dass auf einem Foto mit guter Auflösung erkannt werden kann, dass es sich nicht nur um lediglich ein Blasloch handelt wie in den Beschreibungen dargelegt, sondern um zwei dieser Entsprechungen unserer Nasenlöcher. Ein zusätzlicher Hinweis, dass es sich um einen Mysticeti-Kadaver und nicht um einen Vertreter der Zahnwale, die nur über ein Blasloch verfügen, handelt.
  • Nachdem so die Familie gut eingegrenzt werden konnte, bietet eine spezifische Besonderheit der Oberseite des Kadavers letztlich die Möglichkeit sogar die Art zu benennen. Auf dem Kopf (also der „langen, hundeähnlich spitzen Schnauze“) sind drei langgezogene Grate zu erkennen, die von der Schnauze bis hoch zu den Blaslöchern führen. Die mittlere Leiste ist breiter und auch bei niedrigerer Auflösung relativ klar erkennbar, während die zwei seitlichen Leisten nur aus der Nähe beziehungsweise bei größerer Auflösung gut sichtbar sind. Durch diese Kopfleisten kann der Ataka-Kadaver sicher als Brydewal (Balaenoptera brydei) identifiziert werden, denn im Gegensatz zu anderen Furchenwalen mit nur einer Leiste verfügt diese Art (und die gleichfalls zum Brydewal-Komplex gehörige Art B. edeni) über eben drei parallele, längliche Leisten am Kopf.

Bartenwalskelett und toter 'See-Elefant'

Obwohl die Identifikation somit für jeden sicher nachvollziehbar ist, werten einige die oben erwähnte unglückliche erste Experteneinschätzung4 stärker als die aufgeführten Merkmale. Denn „es erscheint beides - töricht und arrogant - anzunehmen, dass Amateure (oder professionelle) Meeresbiologen von einem einzigen, körnigen, schwarz-weiß Foto feststellen können, wozu ägyptische Spitzenwissenschaftler die Proben des in Frage stehenden Kadavers studierten nicht in der Lage waren; namentlich das dass Ataka-Exemplar nicht mehr war als ein leicht zerfallenes Beispiel eines gewöhnlichen Wals [...].“

Diese Annahme basiert wie bereits oben erwähnt auf einem unzureichendem Kenntnisstand, denn tatsächlich blieb die Identität auch für die ägyptischen Wissenschaftler nur vorläufig ungeklärt. Beginnend am 14. Januar 1950 lässt sich der Presse entnehmen, dass sich die ägyptischen Experten einig wurden und der Kadaver identifiziert werden konnte: es handelte sich um nichts weiter als einen jungen Wal mit „gebrochenen“ Kieferknochen hervorstehend aus einer fatalen Wunde die er erlitt!

Der Vollständigkeit halber sollen an dieser Stelle noch die einzigen tatsächlich sachlichen Gegen-“argumente“ kurz berichtigt werden:

  • Da es sich um einen Bartenwal handelt, lassen sich die vermeintlichen „Flossen“, also die „Lumpen“ schleimigen Fleisches, schlüssig als Haut- und Fleischreste der Kopf-beziehungsweise Halsunterseite erklären und bilden somit keinerlei Mysterium.
  • Entgegen der Ansicht (die bei der alleinigen Betrachtung des Fotos natürlich resultieren kann) der Kadaver verfüge über keine Augen, werden in einem Pressebericht „sehr kleine Augen über den Überresten was scheinbar Flossen waren“ erwähnt. Im Foto sind die Augen schlicht durch die „Lumpen“ verdeckt, da sie beim Brydewal (und anderen Walarten) etwa in der Mitte der Körperseite, am Ende kurz hinter den Maulwinkel liegen.

Fall abgeschlossen

Um nun zum Schluss den Bogen nochmals zurück zur Einleitung und den Großwal-Schiffskollisionen zu spannen -der Ataka-Kadaver wird natürlich auch im Paper von Laist, D. W., A.R. Knowlton, J.G. Mead, A.S. Collet und. M. Podesta. (2001). Collisions between ships and whales. Marine Mammal Science, 17(1): 35-75. auf Table I. Records of collisions between motorized ships and whales prior to 1951 gelistet:

1950. Bryde’s whale. killed. tanker. Red Sea, Egypt. Anonymous 1950.

 


  1. Gerade bei größeren Schiffen kommt es sehr häufig vor, dass die Mannschaft nichts von einer Kollision mitbekommt und der Wal ungesehen am Schiff vorbei treibt bzw. schwimmt. In den Fällen, in denen ein Wal gerammt und auf dem Bugwulst mitgeführt wurde, bemerkte man dies beinahe immer erst im Hafen. Wird ein Wal bei einem tödlich verlaufenden Zusammenstoß auf die offene See getrieben, verschwindet er natürlich gleichfalls unbemerkt.
  2. Einen Ort „Ataka“ konnte nicht lokalisiert werden. Vermutlich wird dieser Strand bzw. diese Küstenregion insgesamt mit Ataka benannt. Dafür spricht, dass sich direkt an die Küste das (Jebel) Atakah-Gebirge bzw. Hochplateu anschließt und auch weitere Küstenabschnitte als Atakah-Riff bzw. Ataka-Landzunge bezeichnet sind.
  3. Um dies zu relativieren sollte erwähnt werden, dass der Fall des Ataka-Kadavers nach Kenntnis des Autors nur in einem einzigen Buch thematisiert wird (Redaktion “TIME LIFE”. (2002). Geheimnisses des Unbekannten: Rätselhafte Wesen. Stuttgart: ECO-Verlag)
  4. Es sei darauf hingewiesen, dass die tatsächlichen Aussagen der ägyptischen Wissenschaftler nicht überliefert sind; insofern kann natürlich auch ein Verständnisfehler zu diesem unglücklichen Ergebnis in der Presse geführt haben.

Quellennachweis:

  • Anonymous (1950) Sea Monster washed up at Suez.
  • In: The Times, 07. Januar.1950
  • Anonymous (1950) 40-Foot ’Monster’ with tusks found on Egyptian Beach.
  • In: The Hartford Courant, 08. Januar 1950
  • Anonymous (1950) Sea Monster puzzles experts.
  • In: The Hartford Courant, 13. Januar 1950
  • Anonymous (1950) ’Sea Elephant’ of Suez turns out to be a young whale.
  • In: Chicago Daily Tribune, 15. Januar 1950
  • Anonymous (1950) Suez Sea Monster turns out to be only young whale.
  • In: The Hartford Courant, 15. Januar 1950
  • Anonymous (1950) Young Whale taken for Sea Elephant.
  • In: Canberra Times, 16. Januar 1950
  • Jensen, A.S. und G.K.Silber. (2003) Large Whale Ship Strike Database. U.S. Department of Commerce, NOAA Technical Memorandum. NMFS-OPR-, 37pp
  • Laist, D. W., A.R. Knowlton, J.G. Mead, A.S. Collet und. M. Podesta. (2001). Collisions between ships and whales. Marine Mammal Science, 17(1): 35-75
  • Tinker, Spencer Wilkie (1988) Whales of the World. Bess Press Inc.
  • Shirihai, Hadoram; Jarret, Brett. (2006). Meeressäuger. Stuttgart: Frankh-Kosmos
  • Redaktion “TIME LIFE”. (2002). Geheimnisses des Unbekannten: Rätselhafte Wesen. Stuttgart: ECO-Verlag

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