18 | 10 | 2017
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Gambo

Immer wieder geschieht es, dass an den Küsten der ganzen Welt verirrte Wale und Delfine stranden. Dabei handelt es sich keinesfalls, wie man vielleicht annehmen könnte, nur um alte oder kranke Tiere, sondern auch um sehr viele junge und kerngesunde. Ein Phänomen, das jährlich tausendmal stattfindet und das bereits seit Hunderten von Jahren. Die naturwissenschaftlichen Experten unterscheiden bei diesem ungewöhnlichen Vorgang zwischen Massen- und Einzelstrandungen und kennen für die überwiegende Mehrzahl der Strandungen auch eine recht einfache Erklärung. Die Tiere sterben einfach aus den verschiedensten Gründen bereits im Meer und werden dann durch die Strömungen und den Wellengang an Land gespült.

Weitaus rätselhafter für die Biologen sind indes die Strandungen von lebenden Tieren, für deren Ursache es lediglich mehrere Theorien gibt. Eine der bekanntesten davon ist die der Magnetfeldschwankung. Die Meeresforscher vermuten, dass die Mitglieder der Familie der Cetaceen (Wale und Delfine), die die Fähigkeit besitzen Magnetfelder wahrzunehmen, durch Schwankungen innerhalb der sich ständig verändernden Felder verwirrt werden und aufgrund dessen an die Küste schwimmen, was letztendlich zur Strandung führt. Doch die tatsächlichen Ursachen sind noch immer unbekannt und weitere Thesen wie eine Massenpanik durch Erdbeben oder Stürme, oder das Versagen des Sonarsystems der Tiere werden diskutiert.
So furchtbar das Verenden der Tiere am Strand auch für den einzelnen Beobachter sein mag, die Meeresbiologen verdanken ihnen sehr viel. Über Jahre konnte man Informationen über Cetaceen nur durch getötete oder eben gestrandete Tiere gewinnen, einige Arten sind kurioserweise überhaupt nur durch angeschwemmte Tiere bekannt und wurden noch nie lebend gesehen. Und genau das, ein gestrandetes, totes Tier völlig unbekannter Art wurde im Jahr 1983 an einem Strand in Gambia gefunden.

Owen Burnham, ein angesehenes Mitglied des Mandinka-Stammes aus dem Senegal, verbrachte seinen Urlaub zusammen mit seiner Familie im benachbarten Gambia. Sie waren regelmäßig aus diesem Grund hier, aber diesmal sollten sie etwas wirklich einmaliges erleben. Am frühen Morgen des 12. Juni 1983 spazierte er zusammen mit seiner Schwester, seinem Bruder und seinem Vater am Strand entlang. Auf der Höhe des Bungalow-Beach-Hotels bemerkten die vier eine ungewöhnliche Aktivität für diese Tageszeit, was ihre Neugier erregte. Zwei einheimische Männer machten sich am gestrandeten Kadaver eines Tieres zu schaffen. Beim näher Kommen beobachteten die Burnhams, wie die zwei Gambier versuchten, den Kopf der Meereskreatur mit roher Gewalt abzutrennen. Wahrscheinlich, so vermuteten sie, um den Schädel dann für teures Geld an Touristen als ungewöhnliche Urlaubstrophäe zu verkaufen. Owen Burnham, der heute in England lebt, kannte sich mit der Fauna des Meeres gut aus und konnte dennoch das vor ihm liegende Tier nicht identifizieren. Ihm war deshalb auch sofort klar, dass es sich hier möglicherweise um eine vollkommen unbekannte Spezies handeln könnte. Der Kadaver roch bereits faulig, war jedoch kaum verfallen oder beschädigt, deshalb schloss er aus seiner Erfahrung mit ähnlichen Fällen von toten Delfinen, dass die Kreatur höchstens fünf Tage tot war. Unter Zuhilfenahme eines einfachen Bindfadens ermittelten die vier eine Gesamtlänge zwischen 4, 57 Metern und 4, 87 Metern, wovon auf den delfinähnlichen Kopf und den Körper zusammen zirka 3,04 Meter entfielen. Der Hals war recht kurz und der Körper von Gasen bereits aufgedunsen, zu Lebzeiten des Tieres jedoch sicherlich perfekt an das Meer angepasst und stromlinienförmiger. Die Schwanzlänge betrug zwischen 1,37 Meter und 1,52 Meter, die Breite des Tieres etwa 1,52 Meter. Im Gegensatz zu den Cetaceen besaß das Wesen keine Fluke, sondern einen runden und spitz zulaufenden Schwanz. ´

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Die Atmung erfolgte, ebenfalls im Gegensatz zu den Blaslöchern der Cetaceen, offenbar über zwei Nasenlöcher an der Spitze der 46 Zentimeter langen, delfinartigen Schnauze. Auffällig waren auch die insgesamt achtzig Zähne der äußerst ungewöhnlichen Kreatur, die lang, dünn und konisch geformt waren. Wie bei den Zahnwalen und Delfinen waren alle gleichmäßig angeordnet und uniform im Aussehen. Die vier paddelartigen Flipper waren fest und von runder Form, allerdings wies eine der hinteren bereits fehlende Stücke auf, während ihr Gegenstück auf der anderen Körperseite fast komplett fehlte. Die Haut des Tieres war glatt und wies keinerlei Schuppen auf, wie dies bei Reptilien sonst häufig der Fall ist. Wie bei anderen Meerestieren war die obere Körperseite von dunklerer Farbe als die Unterseite. In diesem Fall war der Rücken braun, der Bauch weiß gefärbt.
Die Einheimischen gelangten nur mühevoll mit ihren Macheten durch das dunkelrote Fleisch und die dicken Wirbel, um den Schädel vom Rumpf zu trennen. Nachdem Burnham seine Messungen beendet hatte, befragte er die Leute, um was für ein Tier es sich denn nach ihrer Meinung handeln würde. Die Gambier arbeiteten bei einer örtlichen Fischergemeinschaft, kannte sich also sehr gut mit der Meeresfauna aus und bezeichneten ihre Beute als "Kunthum belein". Dieses Mandika-Wort bedeutet literarisch "schneidende Kiefer" und wird im allgemeinen Sprachgebrauch mit dem Delfin gleichgesetzt. Keiner dem Owen Burnham das Tier jedoch beschrieb, identifizierte es nochmals als "Kunthum belein". Burnham wusste, dass es in der Gegend üblich war, Tiere, die einander ähnlich sahen, mit denselben oder leicht abgewandelten Namen zu belegen. So war es zum Beispiel durchaus nicht ungewöhnlich, den Serval als "kleinen Leoparden" zu bezeichnen. Aus diesem Grund vermutete er, die Fischer benannten das gestrandete Tier schlicht wegen seinem delfinähnlichen Aussehen auch als solchen, da ihnen die eigentliche Spezies nicht bekannt war.

Die Beschreibungen, beziehungsweise die Kombination aller Merkmale von "Gambo", wie Karl Shuker es nach dem Land seines Fundortes benannte, trennen es klar von jeglichem rezenten und auch ausgestorbenen, bekannten Wasserbewohnern.
Einige Autoritäten auf dem Gebiet der Meeresfauna wurden befragt und schlugen als mögliche Erklärung einen der seltenen Shepherd-Wale vor, dem die Fluke abhanden gekommen war und dessen Blasloch sich nach dem Tod geschlossen habe. In der Tat ist bislang in einem einzigen Fall aus dem Jahr 1951 ein Exemplar aus Neuseeland bekannt, dessen Färbung mit dem des gestrandeten Tieres in Gambia übereinstimmt (normalerweise haben Shepherd-Wale eine auffällige cremeweiße Musterung an der Seite). Hier enden jedoch schon die Gemeinsamkeiten. Der Schwanz der gambischen Seeschlange ist eigentlich zu schmal, zu lang und zu spitz für einen Wal, ebenso wie umgekehrt der Kopf des Wales zu schmal für „Gambo“ ist. Neben der Fluke fehlte dem Kadaver auch die Finne, obwohl der Rücken, dort wo sich diese eigentlich befinden sollte, keinerlei Beschädigung aufwies. Doch dafür hatte vier Flipper aufzuweisen, also zwei mehr als dies bei Cetaceen üblich ist, und die allein schon von ihrer paddelartigen runden Form her absolut nicht denen von Shepherd-Walen entsprachen.
Die ebenfalls vorgeschlagene Theorie eines gestrandeten Manatees bedarf selbst für absolute Nicht-Zoologen keinerlei näheren Erläuterungen, genauso wie der Vergleich mit Krokodilen...
Die Suche nach einem geeigneten Kandidaten führt uns weg von den rezenten Meerestieren zu den eigentlich ausgestorbenen. Die Ordnung Ichthyosauria, auch als Fischsaurier bekannt, weist einen möglichen solchen auf. Cymbosphondylus gehörte zur Familie der Shastasauridae, die man hauptsächlich aus Nordamerika kennt. Die bislang gefundenen Exemplare waren bis zu zehn Meter lang, wobei Rumpf und Schwanz den größten Teil des Körpers ausmachten. Finnen fehlten ihnen absolut, genauso wie eine Fluke am Schwanz. Die Flipper waren im Gegensatz zu den weiterentwickelten Ichthyosauriern kurz und erinnerten mehr an Fischflossen. Der Kopf wies jedoch schon den typischen langgezogenen Kiefer auf und schließt somit den Cymbosphondylus genauso wie alle anderen Mitglieder der Gattung Ichthyosauria für die Identifizierung als „Gambo“ leider aus.
Aus naheliegenden Gründen scheiden andere einst lebende Meerestiere wie Basilosaurus oder Mosasaurus ebenso aus. Nur zwei bekannte Tierklassen verfügen wirklich über in Frage kommende Arten – die Thallatosauria und die Pliosauridea.

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Owen Burnham selbst hat nach seinen eigenen Forschungen den zu den Pliosauriern gehörenden australischen Kronosaurus queenslandicus benannt. Dieser fast dreizehn Meter lange Pliosaurier war der größte bekannte Vertreter seiner Familie und verfügte über einen gewaltigen Schädel von beinahe drei Metern Länge. Kronosaurus lebte in australischen Flachmeeren vor rund 200 bis 65 Millionen Jahren. Doch wie schon vorhin passt der gewaltige Schädel nicht wirklich zu dem des Kadavers, außerdem sitzen die Nasenöffnungen bei Kronosaurus nahe vor den Augen und nicht wie bei Burnham’s Kadaver an der Spitze der Schnauze (was im übrigen bei allen anderen bislang genannten Tieren auch so ist). Die zweite Tiergruppe, die "Gambo" am nächsten kommt, sind die Thalatthosaurier. Die Thalatthosaurier waren marine Diapsiden und kamen nur zur Eiablage ans Land. Ihre Fossilien sind aus Europa, dem westlichen Nordamerika und China bekannt, stets nur in Gesteinsformationen aus dem Trias. Die bekannteste Familie innerhalb dieser Ordnung sind die Askeptosauridae mit der aus vorwiegend aus Europa bekannten Art Askeptosaurus. Alle Thalattosaurier waren schmal, das größte Exemplar nicht länger als zwei Meter und verfügten über flipperartige Beine. Wäre nicht die geringe Größe, könnte man sich einen evolutionär weiterentwickelten, riesigen Thalatthosaurier als exakte Übereinstimmung mit „Gambo“ durchaus vorstellen.

Alle Familienmitglieder hatten zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung keine Kamera dabei, da sie sich ja nur auf einem Spaziergang befanden. Somit bleibt zur endgültigen Identifizierung wie so oft kein Foto oder Video. Der Kadaver der gambischen Seeschlange ist längst verrottet, das Skelett verschollen und somit bleibt nur eine einzige vage Hoffnung, jemals das Geheimnis von „Gambo“ zu lösen – der als Trophäe abgetrennte Schädel, der vielleicht in irgendeinem Haus in Gambia oder anderswo auf der Welt sein Dasein als kurioser Wandschmuck fristet...
 

 
Quellenverzeichnis:
 
  • Mark Carwardine: "Wale und Delphine" (1995) 
  • George M. Eberhart: "Mysterious Creatures" (2002)
  • Karl P. N. Shuker: "In search of prehistoric survivors" (1995)
  • M. Würtz und N. Repetto: "Wale und Delphine" (1998)
  • Gondrom-Verlag: "Dinosaurier und andere Tiere der Vorzeit" (1988)

Zeichnungen/Fotos:
 
  • Patrick Seifert, SdP