25 | 07 | 2017
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Seeaffe

Stellersche Seekuh (Hydrodamalis gigas)Georg William Steller ist wohl einer der bekanntesten Naturforscher des 18. Jahrhunderts. Geboren 1709 in Windsheim bei Nürnberg, erforschte er im Auftrag Peters des Grossen um 1741 Alaska und die zwischen Russland und Nordamerika liegenden nördlichen Inseln. Dabei entdeckte und beschrieb er verschiedene, der Fachwelt bislang unbekannte Tier - und Pflanzenarten. Die wohl bekannteste dürfte die inzwischen ausgerottete Stellersche Seekuh sein. Insbesondere die englischen, aber auch einige deutsche Trivialbezeichnungen diverser weiterer Tierarten weisen auf Steller als Erstentdecker hin, etwa Stellerscher Seelöwe, Riesenseeadler (Steller’s Sea Eagle), Scheckente (Steller’s Eider Duck) oder Diademhäher (Steller’s Jay).

Doch in Stellers Reiseberichten finden sich einige Tiere, die sich nicht so ohne weiteres identifizieren lassen. Oder doch?

Der Seeaffe

Am Abend des 10. August 1741, ungefähr 180 Seemeilen von den Tchirikov-Inseln entfernt (die wiederum vor der Alaska-Halbinsel liegen) sah die Besatzung der St. Peter ein Tier, das Steller später folgendermaßen beschrieb:

Am 10. August sahen wir ein sehr ungewöhnliches und unbekanntes Meerestier, über das ich kurz berichten will, da ich es volle zwei Stunden lang beobachten konnte. Es war etwa zwei russische Ellen [ca. 1,8m] lang, der Kopf war wie der eines Hundes, mit spitzen, aufgerichteten Ohren. Von den oberen und unteren Lippen hingen an beiden Seiten Schnurhaare herab, so dass es fast wie ein Chinese aussah. Die Augen waren groß, der Leib länglich-rund und dick, zum Kopf hin verdickend, und sich allmählich zum Schwanz hin verjüngend. Der gesamte Körper war mit dichten Haaren bedeckt, die auf dem Rücken grau, im Bauchbereich aber rötlichweiß gefärbt waren. Im Wasser erschien das Tier aber in seiner Gesamtheit rötlich und kuhfarben. Der Schwanz war in zwei Teile aufgeteilt, von denen einer länger als der andere war [laut manchen Autoren sogar doppelt so lang].“

Phantomzeichnung SeeaffeWährend dieser Beobachtung tollte das Tier lebhaft und neugierig in der näheren Umgebung des Schiffs herum, verharrte mitunter steil aufgerichtet im Wasser, und spielte mit Seetang. Steller entschloss sich schließlich, das Tier zur genaueren Untersuchung zu töten, doch die Schüsse gingen daneben. Das Tier verschwand, und wurde danach nicht mehr gesehen. Steller verglich es im Nachhinein mit Konrad Gesners „Dänischen Seeaffen“, einer obskuren Gestalt in dessen „Historia Animalium“.
Über die Identität des „Seeaffens“ ist im Nachhinein ist im Nachhinein viel spekuliert worden; als mögliche Erklärungen wurden unter anderem

  • eine bislang unbekannte langhalsige Robbenart, ähnlich dem Seeleoparden (so Roy Mackal & Bernard Heuvelmans)
  • eine abnorme Robbe ohne Vordergliedmasse
  • eine verirrte Hawaii-Mönchsrobbe
  • ein deplazierter Seemink (Richard Ellis’ kühner Vorschlag)
  • eine bislang unbekannte Robbenart mit atavistischen Merkmalen (Stehohren)
  • eine aquatische Primatenart

aufgeführt.

Die wohl wahrscheinlichste Erklärung liefert aber LEONARD STEJNEGER in seiner Steller-Biographie: Nahezu alle Aspekte des Seeaffens könnten einem juvenilen Exemplars des Nördlichen Seebärens (Callorhinus ursinus) zugeschrieben werden. Diese Ohrenrobbe kommt in dem Sichtungsgebiet des „Seeaffens“ des öfteren vor. Das angebliche Fehlen der Vordergliedermasse liesse sich mit deren eng an den Köper gepressten, relativ ventralen Lage erklären, wie auch die zweiteilige Schwanz“flosse“ auf typische Ohrenrobben-Hintergliedmasse samt Beflossung schließen liesse. Das „Äffische“ im See“affen“ ist wohl weniger als äußerliche Primatenähnlichkeit, sondern als Umschreibung des spielerisch-neugierigen Verhalten zu verstehen. Letzteres legen Robben bekannter weise an den Tag. Hinsichtlich Augen, Schnurrbart und Ohren - siehe nachfolgendes Bild eines jungen Seebärens.

Nördlicher Seebär (Callorhinus ursinus)Was scheinbar Seebären-untypische Merkmale angeht, so sollte folgendes bedacht werden: zum einen entstammt die obige Beschreibung nicht dem ursprünglichen deutschen Bericht Stellers, sondern einer russischen Übersetzung (die später dann ins Französische, Englische und dann wieder Deutsche übersetzt wurde). Ein häufig zu beobachtender Nachteil derartiger Übersetzungen ist der Verlust bzw. die Verfremdung wichtiger Details im Übersetzungsverlauf.
Zum anderen könnten äußere Umstände Stellers ansonsten akkurate Beobachtung beeinflusst haben. So erfolgte die Sichtung bei zunehmender abendlicher Dunkelheit; Steller hatte zudem wohl bis dato keinen Nördlichen Seebären aus nächster Nähe gesehen.
Warum er aber in späteren Beschreibungen des Seebärens in seinem Werk „De Bestiis Marinis“ den Seeaffen nicht rückblickend als solchen definierte, ist bemerkenswert; war er sich deren Unterschiedlichkeit so sicher? Hatte er den Seeaffen vergessen? Oder konnte er sich diese Fehleinschätzung selbst nicht eingestehen? Auch die zweigeteilte, unterschiedlich große (laut manchen Übersetzungen gar heterocercale) Schwanzflosse ist seltsam, da bei keiner heutigen Robbenart (oder Säuger) beobachtbar. Vielleicht ein von Schwertwal und Co. bis hin zur Asymmetrie angeknabbertes Flossenpaar?
Spätere Augenzeugen berichten von Sichtungen ähnlich Tiere, doch stellten sich diese unter anderem als Seeotter heraus. Was also war Stellers Seeaffe? Ein Seebär? Ein Seeotter? Einer von Heuvelmans hypothetischen Langhalsrobben? Oder, wie MACKAL recht melodramatisch vermerkte, die erste und zugleich letzte Sichtung eines seitdem ausgerotteten Tieres?

Der Weisse Seerabe

Eine weitere, bislang nicht näher identifizierbare Tierart ist Stellers Seerabe. Steller beschrieb diesen als kormoranähnlichen, weißen Meeresvogel. Als mögliche Erklärungen wurden unter anderem

  • die Taubenteiste (Cepphus columba), ein Alkenvogel
  • der Gischtläufer (Aphriza/Calidris virgata), im weißlichen Wintergefieder

in Betracht gezogen.

Gischtläufer (Aphriza/Calidris virgata) / Taubenteiste (Cepphus columba)

Eine weitaus plausiblere Erklärung liefert aber das untere Bild: es zeigt einen wildlebenden Kormoran-Weissling. Derartige aberrant gefärbte Einzelexemplare haben schon in manchen Fällen zur vorschnellen Ausrufung neuer Arten geführt. Siehe z.B. der Réunion-Solitär, der sich im Nachhinein als ein Konglomerat aus Sichtungen einer lokalen, inzwischen ausgerotteten Ibisart und Albino-Dodos herausstellte. Ruft man sich in Erinnerung, dass Kormorane im Deutschen mitunter als Seeraben bezeichnet werden, so scheint diese Erklärung umso logischer. Um welche Kormoranart es sich aber dabei im Detail gehandelt haben könnte, etwa gar um den inzwischen ausgerottete Brillenkormoran (Phalacrocorax perspicillatus), wird wohl nach wie vor ein Rätsel bleiben.

Kormoran-Weissling

Bildnachweis: