25 | 07 | 2017
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Shunka Warak’in

Große Halle im London Natural History MuseumEinige Räumlichkeiten von Naturkundemuseen, Universitäten und ähnlichen Institutionen sind wahre Schatzgruben für Biologen voll mit bekannten, ungewöhnlichen und tatsächlich auch unbekannten Arten die erst noch untersucht, klassifiziert und beschrieben werden müssen. Und auch für die Kryptozoologie findet sich hier mitunter einiges an wertvollem Material. Als Beispiel mag die umfangreiche Sammlung des Londoner Natural History Museum dienen, in dem unter anderem die Felle eines kenianischen Marozi und eines südafrikanischen Wollgeparden aufbewahrt werden. Im Schweizer Naturkundemuseum Lausanne lagern tausende von Unterlagen über bekannte und unbekannte Kryptide, die Dr. Bernard Heuvelmans dem Museum hinterließ. Und selbiger fand das entscheidende Vergleichsmaterial der ziegenartigen Serau (Capricornis sumatrensis thar) für die Bestimmung der Haare des von Edmund Hillary mitgebrachten Yeti-Skalps im Belgian Royal Institute of Natural Sciences in Brüssel. Ein Museum könnte nun, nach 121 Jahren, erneut die Lösung für ein kryptozoologisches Rätsel bieten…

Tod und Geburt des Ringdocus

Der Ort an dem die Geschehnisse ihren Lauf nahmen ist das Madison River Valley im amerikanischen Bundesstaat Montana. Die mormonische Familie Hutchins zog 1880 in das Tal und gründete hier eine Ranch (heute als Sun Ranch bekannt), vierzig Meilen nördlich der Kleinstadt Ennis. Der Zoologe Ph. D. Ross Hutchins beschrieb in seiner 1977 erschienenen Autobiografie „Trails to Nature's Mysteries: The Life of a Working Naturalist“ ein ungewöhnliches Tier, dass sein Großvater Israel Ammon Hutchins im Jahr 1886 hier erschossen hatte:

An einem Wintermorgen wurde mein Großvater durch das Bellen der Hunde aufgeweckt. Er entdeckte, dass eine wolfsähnliche Bestie von dunkler Farbe die Gänse meiner Großmutter jagte. Er feuerte sein Gewehr auf das Tier ab, verfehlte jedoch. Es flüchtete den Fluss hinab, aber mehrere Morgen später wurde es wieder bei Tagesanbruch gesichtet. Es wurde noch mehrere Male auf der Ranch und auch bei anderen Ranches zehn oder fünfzehn Meilen talabwärts gesehen. Was auch immer es war, es war ein großer Reisender…

Diejenigen, die einen guten Blick auf die Bestie hatten, beschrieben es als annähernd schwarz und mit hohen Schultern und einem rückwärts nach hinten abfallenden Rücken wie bei einer Hyäne. Dann eines Morgens im späten Januar wurde mein Großvater durch die Hunde alarmiert, und diesmal war er in der Lage es zu töten. Nur was das Tier war, ist noch immer eine offene Frage. Nachdem es getötet war, wurde es an einen Mann namens Sherwood geschenkt, der eine Kombination von Lebensmittelgeschäft und Museum bei Henry Lake in Idaho betrieb1. Es wurde ausgestopft und dort für viele Jahre ausgestellt. Er nannte es ‚ringdocus.’“

Rennende Kreatur - Der Ringdocus?

Der Kadaver des geheimnisvollen Tiers wurde von Israel A. Hutchins an den Taxidermisten Joseph Sherwood für den Preis einer Kuh verkauft, die der Rancher nach den Erinnerungen seines Sohnes Elliot Hutchins mit dem ersten verfehlten Schuss tödlich getroffen hatte. Sherwood präparierte den Kadaver und stellte das Tier schließlich publikumswirksam unter der erfundenen Bezeichnung "ringdocus" aus.

Danach verlor sich die Spur jedoch im Laufe und im Nebel der Zeit. Erst 1977 nahm sich Ph. D. Ross Hutchins des „ringdocus“ in seinem bereits erwähnten Buch an. Der Zoologe spekulierte, dass es sich möglicherweise um eine aus einem Zirkus entlaufene Hyäne handeln könnte. Der nächste Zirkus, so merkt er jedoch zugleich an, war zu diesem Zeitpunkt hunderte von Meilen entfernt. Der Wissenschaftler sandte daher eine detaillierte Beschreibung an das renommierte Smithsonian Institution, doch auch von den dortigen Experten konnte es nicht näher identifiziert werden. Alles was blieb, war ein schwarzweißes Foto des ausgestellten unidentifizierten Tieres mit der wissenschaftlich-klingenden Beschriftung "Guyasticutus", der Name einer mythischen Kreatur die von Schaustellern erfunden wurde um das Publikum anzulocken.

Vom Ringdocus zum Shunka warak’in

1995 erzählte der Ioway-Indianer Lance Foster dem amerikanischen Kryptozoologen Loren Coleman über ein mysteriöses Tier, genannt "shunka warak'in":

Wir hatten ein merkwürdiges Tier namens shunka warak’in das nachts in die Lager schlich und Hunde stahl. Es wurde gesagt, es sehe ungefähr aus wie eine Hyäne und schreie wie ein Mensch wenn sie es getötet hatten.

Foster, ein ausgebildeter Anthropologe, Historiker und Landschaftsarchitekt, der von der Geschichte um den "ringdocus" gehört hatte, glaubte daran, das es sich bei dem Tierpräparat von Sherwood um dieses legendäre Tier handeln könnte. Der Bezug zur indianischen Legende des „shunka warak’in“ der Ioway und einiger anderer Stämme war somit hergestellt und der ursprünglich von J. Sherwood verliehene Name trat in den Hintergrund.

Der Ringdocus-Shunka warak’in taucht wieder auf

Nach der Lektüre eines Halloween-Artikels über lokale ungeheuerliche Kreaturen begann Jack Kirby, Enkel des „ringdocus“-Jägers Israel A. Hutchins, sich für dieses Mysterium seiner Familie zu interessieren. "Ich habe die Geschichte nie angezweifelt," so Kirby. Also machte er sich auf die schwierige und langwierige Suche und fand das Präparat schließlich im Idaho Museum of Natural History in Pocatello, dem die gesamte Sammlung von Joseph Sherwood einst überlassen wurde. Das Museum lieh es Kirby, der es ins Madison Valley History Museum nach Montana brachte, wo es ab Mai 2008 zur Neueröffnung des Museums zu bestaunen sein soll.

Exkurs: Hutchins Ringdocus in Wahrheit die Sherwood-Bestie von Schooster?

Wolf (Canis lupus)Obwohl die zuvor präsentierte Historie insgesamt sehr stimmig ist, gibt es auch eine andere Geschichte über die Herkunft des in Joseph Sherwoods Museum ausgestellten Tiers, die nicht unerwähnt bleiben soll.

Im Jahr 2003 interviewte der damals 14jährige Harold Bishop für ein Pfadfinderabzeichen Pete Marx, einen Einwohner von Chester. Marx hütete in seiner Jugend Schafe im Gebiet von Henry’s Lake und Reynolds Pass und erzählte Bishop die Geschichte der sogenannten „Sherwood-Bestie“: In den späten 1930er Jahren machte in jenen Hügeln eine Bestie die Gegend unsicher, die verantwortlich gemacht wurde 30 bis 40 Rinder getötet zu haben. Wölfe oder Kojoten schloss man aus, da die Bestie ihre Beute durch einen Biß in die Kehle zu Fall brachte anstatt in die Flanken oder in die Kniesehnen. Die Spuren konnte man leider nicht zuordnen, niemand erlangte überhaupt einen guten Blick im Tageslicht auf das Tier. Zu dieser Zeit lebte auch ein Mann namens Heini Schooster in der Gegend, der zwar an einer Krankheit litt, die seine Hände zittern ließ, der aber dennoch ein äußerst guter Schütze war. Irgendwann nach 1948 begegnete Schooster der Bestie, die gerade ein Kalb am Nacken gepackt hatte und zu Boden warf. Das Raubtier war schnell, doch nicht schnell genug für Schooster und sein Gewehr vom Kaliber 32. Das tote Tier sah aus wie eine Kreuzung zwischen Wolf und Hyäne, es hatte lange Vorderbeine und große Zähne. Zur Identifikation wurde es an das Bozeman College gesandt, wo man es den Erzählungen nach ebenfalls nicht bestimmen konnte. Und hier wiederum schließt sich der Kreis, denn letztlich bekam Joseph Sherwood das Tier und seitdem stand es in einem Glaskasten an der Eingangstür seines Museums.

Für das Island Park Historical Society Board und andere Einwohner des Gebiets ist somit klar, dass es sich bei dem ausgestopften Tier nicht um den „ringdocus“ von Hutchins, sondern um die „Sherwood-Bestie“ von Schooster handelt. In der Frage der Herkunft des Präparats würde somit Aussage gegen Aussage stehen, wenn nicht das ausgestopfte Tier selbst einen Vergleich mit der Fotografie von Ross Hutchins ermöglich würde und die prozentuale Ähnlichkeit zwischen beiden sehr hoch wäre.2

Das Tierpräparat und sein weiteres Schicksal

Der wieder gefundene „ringdocus“ ähnelt sehr stark einem Wolf, weist jedoch den bereits zuvor beschriebenen hyänenartig abfallenden Rücken und einen ungerade-geformten Kopf mit einer schmalen Schnauze auf. Das Fell ist dunkelbraun, beinahe schwarz, mit helleren Arealen und einem schwachen Eindruck von Streifen auf der Seite. Es weist eine Kopf-Rumpf-Länge von 1,21 Meter und 68 bis 71 Zentimetern Schulterhöhe auf. Das präparierte Tier ist in einem erstaunlich guten Zustand für ein Alter von 121 Jahren und zeigt keine größeren Anzeichen von Beschädigungen oder Zeiteinflüssen z. B. auf die Fellfarbe. Zum Bedauern vieler, veröffentlichte der Bozeman Daily Chronicle am 15.11.2007 in seinem Online-Artikel über die erfolgreiche Wiederentdeckung des verschollenen „ringdocus“ nur ein Bild des Tierpräparats aus einem für die weitere Analyse unzureichendem Winkel. Sollte es tatsächlich dasselbe sein wie das in der Autobiografie abgebildete, steht im Vergleich mit dem neuen Foto weit deutlicher die Ähnlichkeit zu einem Wolf (Canis lupus) als zu einem anderen, ausgestorbenen Tier im Raum3.

Eine nähere Untersuchung des Ausstellungsstücks oder womöglich sogar ein DNA-Test ist zur völligen und sicheren Aufklärung jedoch notwendig und Experten haben sich hierfür bereits zur Verfügung gestellt. Jack Kirby jedoch ist sich nicht sicher ob er bereit ist das Mysterium seiner Familie zu beenden. "Wollen wir es wissen?" fragte er. Daraufhin kann man nur entgegnen: Natürlich wollen wir es wissen! Schluss mit dem Mysterium!!

Quellennachweis:

Bildnachweis: