18 | 11 | 2017
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Zuyio Maru-Kadaver

Ein Fisch zieht seine Bahn durch einen weiten Ozean des Oberjura. Eine dunkle, unförmige Silhouette steigt aus der Tiefe empor. Plötzlich ein huschender Schatten nadelspitzer Zähne, die blitzschnelle Bewegung eines Reptilienkopfes gestützt von einem langen, schlangenartigen Hals. Kaum hat er das Opfer verschlungen, setzt der Angreifer seine Beutesuche fort durch das Wasser gleitend wie ein Pfeil, angetrieben von seinen zwei paddelförmigen Flossenpaaren, die an den Seiten seines geschmeidigen Leibes positioniert waren.
Kein Fisch braucht heute noch zu fürchten, von diesem furchterregenden Räuber verspeist zu werden. 135 Millionen Jahre nach ihrem Erscheinen verschwanden jene Geschöpfe wieder von der Bühne des Lebens – für immer ausgelöscht, so wie Tausende andere Arten des Mesozoikums. Die Rede ist vom Plesiosaurier.
Die Vertreter der Ordnung Plesiosauria stellten die bedeutendsten meeresbewohnenden Reptilien des Erdmittelalters dar. Einige Arten erreichten eine Länge von 14 Metern. Die Gliedmaßen waren zu langen, paddelförmigen Flossen umgebildet. Finger und Zehen bestanden aus bis zu 10 Knochen. Der Körper selbst war gedrungen und „fassförmig“, der Schwanz recht kurz.
Glaubte man früher, die Plesiosaurier hätten ihre Gliedmaßen wie Ruder benutzt, geht man einer jüngeren Theorie zufolge jedoch davon aus, dass die Tiere ihre Flossen auf und ab bewegten – ähnlich Vogelflügeln. Mit ihren abgerundeten Vorder- und den sich stark verjüngenden Hinterkanten – einer Form, die mit Pinguinflügeln oder den Gliedmaßen der Meeresschildkröten vergleichbar ist –, waren die Flossen wie Tragflächen aufgebaut.
Wahrscheinlich hoben die Plesiosaurier, ähnlich den heutigen Meeresschildkröten, Gruben am Strand aus, um dort ihre Eier hineinzulegen. Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass sie lebende Junge zur Welt brachten.
Man unterscheidet bei den Plesiosauriern zwei größere Gruppen, deren Vertreter sich hinsichtlich der Länge ihrer Hälse und in ihren Ernährungsgewohnheiten unterschieden. Die Plesiosauroidea hatten einen langen Hals, einen kurzen Kopf und ernährten sich von kleineren Beutetieren. Die Pliosauroidea trugen dagegen kurze Hälse und breite Köpfe und machten Jagd auf größere Beutetiere. Beide Gruppen lebten bis zum Ende der Kreidezeit.

Dies zumindest ist die anerkannte Meinung der Wissenschaft. Anderer Ansicht sind jedoch Menschen, die Tiere gesehen haben wollen, die keiner Spezies der Welt mehr ähnelten als leibhaftigen Plesiosauriern. Wer hat noch nicht von der allseits beliebten, aber unhaltbaren These gehört „Nessie“ sei ein solches Wesen?
Sind jedoch wirklich alle Plesiosaurier ausgestorben? Oder verbergen sich noch heute einige Exemplare unter der dunklen Oberfläche der Weltmeere? Für Aufregung unter Kryptozoologen bezüglich dieser Frage sorgte in den späten 1970er Jahren eine Begebenheit, die sich weit draußen auf dem Meer vor Neuseeland abspielte.

Am Morgen des 25. April 1977 hievte die Mannschaft des japanischen Trawlers Zuiyo Maru beim Einholen der Netze aus 300 bis 350 Metern Tiefe einen gut 10 Meter langen Kadaver bizarren Aussehens an Bord. Das Schiff befand sich gerade etwa 50 Kilometer vor der neuseeländischen Christchurch-Küste auf Makrelenfang. Der merkwürdige Fund wirkte auf die Crew wie ein urzeitlicher Drache.

Kadaver an Bord des Trawlers Zuiyo-Maru
Allem Anschein nach besaß er einen dünnen, etwa eineinhalb Meter langen Hals und einen Kopf von 45 Zentimetern Länge. Dazu ein breiter Rumpf mit flachen, spitzen Flossenpaaren vorne und hinten, sowie ein zwei Meter langer Schwanz. Die Anwesenden schätzten, dass das Geschöpf schon mindestens einen Monat lang tot gewesen sein musste – und es „stank nicht wie ein verwesender Fisch“. Das Tier verbreitete einen wirklich üblen Geruch und ließ eine ölige Flüssigkeit auf das Deck tropfen. Plötzlich schnitten dann noch die Seile durch das verfaulte Fleisch des Geschöpfes, was den Kadaver auf die Bootsplanken stützen ließ. Der Kapitän befürchtete, diese schätzungsweise zwei Tonnen schwere Masse könne seinen gesamten Fang an frischem Fisch verderben, und so gab er Order, das „Monster“ zurück ins Wasser zu werfen. Zuvor wurde es jedoch von einem gewissen Michihiko Yano fotografiert und genau vermessen. Sinnvollerweise wurden auch einige Gewebeproben entnommen, wie etwa von den faserigen Flossen, da niemand an Bord das Wesen mit Sicherheit identifizieren konnte. Einige erinnerte es sogar an eine monströse, panzerlose Schildkröte. Yano selbst hielt es ohne zu Zögern für einen Plesiosaurier.
Zwei Monate später fertigte er aus dem Gedächtnis eine Skizze des Kadavers an. Seine Zeichnung weist, bedingt natürlich durch seine eigene Überzeugung, Ähnlichkeiten mit einem Plesiosaurier auf, entspricht jedoch nicht in allen Details den Fotos. So fehlt beispielsweise die auf einer der Aufnahmen erkennbare Rückenflosse.
Kryptozoologen und Paläontologen waren entsetzt über die Tatsache, dass die Fischer den Kadaver einfach wieder über Bord geworfen hatten. Doch ging der Wissenschaft damit wirklich ein bedeutender Fund verloren?
Am 20. Juli 1977 fand eine Pressekonferenz der Fischereigesellschaft statt. Hier wurde die Auffassung vertreten, bei dem Fang vom April handle es sich tatsächlich um einen Plesiosaurier. Gegenüber der Zeitung Asahi Shinbun erklärte der Leiter der Tierforschungsabteilung in Tokio, Professor Yoshinori Imaizumi, dieses Tier sei weder ein Fisch noch ein Wal oder ein anderes Säugetier, sondern sähe einem Plesiosaurier auffallend ähnlich.
Der sensationelle Fang der Zuiyo Maru schlug rund um den Erdball hohe Wellen. Weltweit berichteten die Zeitungen mit Schlagzeilen wie „Seit Godzilla hatte kein Monster Japan so im Griff“ über den Fund. Spielzeughersteller brachten Plesiosauriermodelle auf den Markt. Am 2. November 1977 wurde eine Sonderbriefmarke herausgegeben – mit einem Plesiosaurier als Bildmotiv. Sogar der Hersteller der Kamera, mit der Michihiko Yano die insgesamt fünf Fotos geschossen hatte, warb mit den Aufnahmen des Kadavers.
Bereits wenige Tage nach der Verbreitung der Bilder wurden vorläufige Untersuchungsergebnisse der Gewebeproben veröffentlicht, die entgegen der Plesiosaurier-Identifikation auf einen Hai hindeuteten. Zudem wiesen skeptische Biologen auf die Verwechslungsgefahr mit einem Riesenhai (Cetorhinus maximus) hin. Doch das setzte der Begeisterung für das vermeintliche Seeungeheuer bei weitem kein Ende.
Im Juli 1978 publizierte eine Arbeitsgruppe einen Bericht für die Societé Franco-Japonaise d‘ Océanographie. Die Ergebnisse ihrer umfangreichen Untersuchungen deuteten, wie die vorherigen bereits, alle auf einen Riesenhai hin. Man hatte die Gewebeproben nochmals nach verschiedenen Verfahren analysiert und festgestellt, dass das Gewebe eindeutig von einem Hai stammte. Man fand in den Proben sowohl Aminosäure, die nahezu identisch mit der von Riesenhaien war, als auch Elastodin – ein Protein, das nur in Hai- und Rochengewebe vorkommt. Auch auf den Fotos und Skizzen ließen sich einige anatomische Merkmale erkennen, die ebenfalls gegen einen Plesiosaurier sprachen. Plesiosaurier besaßen mindestens 13 Halswirbel, der Kadaver dagegen nur sechs oder sieben. Die Kopfform, die Bänder entlang der Wirbelsäule und vor allem das Knorpelskelett deuteten auch auf einen Hai und nicht etwa auf ein Reptil wie den Plesiosaurier hin. Sogar für den augenscheinlich langen und dünnen Hals des Kadavers hatte die Wissenschaft eine plausible Erklärung:
Riesenhaie haben proportional weitaus größere Kiemenspalten als jeder andere Hai. Ihre knorpeligen Kiemenbögen tragen lange, hornige und sehr dicht stehende Fortsätze. Das Gebiss, der Kiemenkorb sowie die Kiemenspalten sind in besonderer Weise gestaltet. Das hängt mit der Nahrungsaufnahme des Riesenhais zusammen: Er schwimmt mit geöffnetem Maul durch die Hochsee, wobei das Plankton (Geschwebe) im Seihapparat des Kiemenkorbes hängenbleibt. Deshalb ist der Kiemenapparat nur schwach am Körper des Tieres befestigt. Verwest ein Riesenhai, so löst sich der Kiemenapparat als Erstes vom Körper, und auch der Unterkiefer geht bald verloren. Übrig bleiben die Halswirbelsäule und der verhältnismäßig kleine Schädel. Da der untere Teil der Schwanzflosse nicht durch die Wirbelsäule gestützt ist, verschwindet auch er recht schnell – nun scheint der Kadaver einen langen, spitzen Schwanz zu tragen. Schließlich, wenn die Haut verwest ist, wirken die ausgefransten Halsmuskeln des Tieres wie eine lange Mähne. Dieser Prozess verlieh dem Zuiyo Maru-Monster ein „Nessie“-ähnliches Aussehen.
Verwesungsprozess des Riesenhais
Unter Kryptozoologen und Zoologen hat dieses Phänomen dem Riesenhai schon den Spitznamen „Pseudo-Plesiosaurier“ eingebracht.
Doch der Trubel um das „Monster“ war noch lange nicht vorüber. Von überzeugten Ungeheuerfans wurden die Ergebnisse der Analysen kaum beachtet. Noch im Zeitraum von 1984 bis 1997 erschienen 19 Publikationen, die den Kadaverfang der Zuiyo Maru als Plesiosaurier und ungelöstes Rätsel aufführten. Auch skeptische Kryptozoologen erwähnen den Fall noch heute als einen der Funde plesiosaurierartiger Kadaver. Sie sehen auf den Fotos keinerlei Ähnlichkeiten mit einem Riesenhai, denn Körperbau und Ansatzpunkte der Flossen seien völlig anders als bei Haien. Auch die Untersuchungen der Gewebeproben selbst werden angezweifelt, denn sie erfolgten erst einige Jahre später, womit die Verwechslungsgefahr mit anderen Proben der zahlreichen Kadaver, die jedes Jahr rund um Japan angeschwemmt werden, immens hoch ist.
Während Skeptiker vor der Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse sogar noch von einem zerfallenem Wal oder einem Riesenseehund sprachen, meinen einige Kryptozoologen noch heute, dass der langgestreckte Leib des Fundes keiner rezenten Tierordnung ähneln würde. Manche hoffen, dass der geheimnisvolle Fund wenigstens einer bislang unbekannten Haiart zuzuschreiben ist.
Doch machen wir uns nichts vor: Die DNS-Analysen, das Knorpelskelett und die faserige Hautstruktur lassen kaum noch Zweifel offen. Die Besatzung der Zuiyo Maru hatte keinen Saurier am Haken, sondern einen Riesenhai.

Funde wie diese sind selten, aber keinesfalls einzigartig. 7 Jahre vor Zuiyo Maru beispielsweise fand man am Strand von Mann-Hill, Massachusetts (USA) einen sechs Meter langen Kadaver, der dem Fang der Zuiyo Maru stark ähnelte. Dem Augenschein nach hatte das bereits stark zerfallene Wesen einen länglichen Hals sowie vier schmale Flossen an den Seiten des langgestreckten Rumpfes. Mit an Sicherheit angrenzender Wahrscheinlichkeit wurde damals der Kadaver eines Riesenhais fehlgedeutet.
Eine ähnliche Tierleiche wurde am 16. September 2002 in Parker’s Cove, Annapolis County (Nova Scotia, Ostküste Kanadas) angespült. Das sechs bis sieben Meter lange Geschöpf ähnelte dem „Mann-Hill-Monster“ und dem Fang der Zuiyo Maru, und wieder sprach man von einem Plesiosaurier – doch erneut hatte ein Riesenhai die Monsterfans der Welt getäuscht.

Sollte dies schon der Abschluss der „Akte Plesiosaurier“ sein? Darf man vielleicht doch noch hoffen, dass sich eines Tages der schlangenartige Hals eines dieser Tiere aus den Meeren erhebt – sichtbar für die ganze Welt?
Vielleicht ist dieser Tag nicht mehr fern. Vielleicht aber hat die Welt diese Szene schon vor über 60 Millionen Jahren das letzte Mal erlebt.


Zeichnungen/Fotos:

  • Alexander Blumtritt
  • Patrick Seifert, SdP