21 | 08 | 2017
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Zwergelefanten

Majestätisch gleitet der mächtige Vogel Roc über den tiefblauen Himmel. Sein gewaltiger Schatten lässt alle Tiere auf dem Erdboden angsterfüllt und hastig einen Schlupfwinkel suchen. Nur ein kleiner Elefantenbulle stillt seinen Durst am Fluss und bemerkt so nicht die Gefahr, die ihm von oben droht. Der Roc faltet seine mächtigen Flügel zusammen und sein Körper gleicht nunmehr einem tödlichen Pfeil, als er im Sturzflug auf sein ahnungsloses Opfer herabschießt. Die messerscharfen Krallen des gewaltigen Greifvogels schneiden tief in das Fleisch seines überraschten Opfers, und nur wenige Flügelschläge später erhebt sich der Roc wieder in die Lüfte. In seinen Fängen hält er den Elefanten, dessen qualvolle Todesschreie nur wenige Minuten später enden, als der Roc seine Beute aus großer Höhe fallen lässt...

Ein ausgewachsener Elefant als Beute eines riesigen Greifvogels, ist das tatsächlich denkbar?

Elefant als Beute des Vogel RocDer Vogel Roc (arabisch, von „al-Rukhkh“) stammt aus den arabischen Erzählungen von "Tausend und eine Nacht", wird aber auch von Marco Polo und anderen Reisenden und Händlern des Indischen Ozeans erwähnt. Er wird nach den allgemeinen Beschreibungen größer als ein Mann, denn der bekannteste Held aus „Tausend und einer Nacht“, Sindbad, der Seefahrer, band sich, um seinem Schicksal auf einer abgelegenen Insel zu entkommen, an ein Bein des Vogels Roc.
Ein Szenario wie zu Anfang geschildert fand so jedoch zu keiner Zeit tatsächlich statt, denn den Vogel Roc so wie er aus den Erzählungen stammt, gab es nicht wirklich. Vielmehr scheinen fantasievolle Ausschmückungen und Übertreibungen, so wie in jedem Märchen, eine bedeutende Rolle bei seiner Entstehung gespielt haben. Doch ebenso steckt in jedem Märchen auch ein Körnchen Wahrheit. Nach der kryptozoologischen Haupttheorie basiert der Vogel Roc im wesentlichen auf dem mittlerweile ausgestorbenen Elefantenvogel (Aepyornis maximus) von Madagaskar, der zwar zu den großen Laufvögeln wie dem Moa oder dem Strauß gehört, keinesfalls jedoch die Größe des legendären Roc. Könnte es nicht sein, dass das wesentlich kleiner war und arabische Reisende im Mittelmeerraum einen Greifvogel beobachteten, der einen derart kleinen Elefanten erbeutete? In der Eiszeit, dem sogenannten Pleistozän, lebten neben größeren Elefantenarten wie dem Steppenmammut, auch wesentlich kleinere. Auf den Mittelmeerinseln Kreta, Malta, Sardinien, Zypern und Sizilien wurden Fossilien verschiedener zwergwüchsiger Elefantenarten gefunden, deren kleinster Vertreter Elephas falconeri lediglich neunzig Zentimeter Schulterhöhe erreichte. Andere Spezies wie Elephas mnaidriensis oder Mammuthus lamarmorae wurden nur unwesentlich größer. Die bekannteren Arten des Mittelmeerraumes stammten nahezu alle von Elephas antiquus ab, einem prähistorischen Waldelefanten, der zur damaligen Zeit in ganz Europa weit verbreitet war. Aber auch im asiatischen Raum auf den Inseln rund um das heutigen Indonesien wie Sulawesi, Flores, Komodo und Celebes wurden derartige Funde gemacht. Diese Elefanten passten aufgrund ihrer geringen Größe sogar in das Beutespektrum des „orientalischen Drachen", des Komodo-Warans. Doch warum entstanden diese Zwergarten überhaupt? Zumindest im Mittelmeer scheinen die Umstände, die zu dieser Verzwergung geführt haben klar. Der Meeresspiegel fiel und stieg immer wieder während des Pleistozäns, da kalte Zeiten (Glazial) und wärmere Zeiten (Interglazial) einander ablösten und ermöglichten es so, Elephas antiquus zum Beispiel, auch sonst weit vom Festland entfernte Inseln zu erreichen. Während die Elefanten die neu zugänglichen Regionen eroberten, wechselte das Klima erneut, der Meeresspiegel stieg wieder an und die Tiere waren gefangen. Da isolierte Inseln eine große Pflanzenfresserpopulation auf Dauer nicht ernähren können, waren die Elefanten gezwungen, ihre Körpergröße und somit ihren Nahrungsverbrauch zu reduzieren. Diese evolutionäre Größenanpassung auf Inseln lässt sich immer wieder beobachten, wobei die umgekehrte Wachstumsrichtung (also Riesenwuchs) für einige Tierspezies ebenfalls typisch ist. Nachdem der Familienstammbaum der Elefanten also bereits vor mehreren Jahrtausenden derart kleine Arten nur auf isolierten Inseln hervorgebracht hat, erscheint es umso mehr faszinierender, dass dies auch auf dem Festland (wenn auch in weniger extremen Größenausmaßen) möglich sein soll. Genau das ist es aber, wovon Kryptozoologen und auch einige Zoologen inzwischen überzeugt sind.

Bereits im Jahr 1905 brachte der bekannte und berühmte Tierhändler Carl Gottfried Heinrich Hagenbeck, dessen Familie auch heute noch den gleichnamigen Hamburger Zoo besitzt, einen kleinen, kaum 1, 60 Meter großen Elefanten aus dem afrikanischen Gabun (nach Heuvelmans Kapitel in "On the Track of Unknown Animals"; nach Eberhart's "Mysterious Creatures" stammt der Elefant jedoch aus der Republik Kongo) mit ins deutsche Hamburg. Keine ungewöhnliche Größe für ein Jungtier, doch dieser Elefant war beinahe ausgewachsen. Carl Hagenbeck verkaufte ihn kurz darauf an den New Yorker Bronx-Zoo, wo „Congo“ im Jahr 1915 im Alter von fünfzehn Jahren an einer Infektion starb. An seinem Todestag erreichte der kleine Elefant lediglich eine Schulterhöhe von zwei Metern.

Größenvergleich diverser Elefantenarten

Der deutsche Professor Theodor Noack beschrieb 1906 in Hannover als erster Zoologe anhand von „Congo“, der im übrigen neben einem weiteren Exemplar in Antwerpen der einzige seiner Art in den europäischen Zoos seiner Zeit war, derart kleinwüchsigen Elefanten und benannte sie, da er überzeugt war es müsse sich hier um eine eigenständige Art handeln, mit dem taxonomischen Artnamen „Loxodonta pumilio“. Einheimische und Großwildjäger berichteten jedoch schon bevor Hagenbeck seinen Elefanten mitbrachte, von kleineren, ausgewachsenen und dunkelhäutigeren Elefanten aus Zentralafrika (Gabun, Kongo, Kamerun). Genau wie der afrikanische Waldelefant (Loxodonta cyclotis) scheinen diese Tiere dichte Wälder zu bevorzugen, in denen sie sich gut verstecken können. Ein Jahr nach Noack's Veröffentlichung, im Juni 1907, gelang es einem zuverlässigen Abenteurer namens Le Petit am kongolesischen See Leopold II, Elefanten zu beobachten, die insgesamt auffallend kleiner als normale Waldelefanten waren und sofort die Flucht in den See antraten (Le Petits Sichtung ist innerhalb der Zwergelefantenthematik ein Sonderfall, da die Beschreibungen der Tiere derart ungewöhnlich sind, dass es Vermutungen für ihre Zugehörigkeit zur ausgestorbenen Familie der Deinotheridae gibt). Die Zwergelefanten des Kongo stellen, da ihre Lebensweise mehr der einer amphibischen Art entspricht, auch eine Besonderheit dar. Ein Umstand, dem sie auch ihren Beinamen "waka-waka" - Wasserelefant verdanken. Der belgische Offizier Lieutenant Franssen, der sich geschworen hatte den Beweis für die Existenz der Wasserelefanten zu erbringen, tötete tatsächlich ein solches Tier und brachte es mit nach Belgien. Der Bulle war nur 1, 66 Meter groß und seine 65 Zentimeter langen Stoßzähne waren äußerst ungewöhnlich für einen Elefanten seines Alters, so Dr. Henri Schoutenden, Direktor des Kongo-Museums in Belgien. Er benannte den Wasserelefanten des Kongogebietes zu Ehren des kurz nach seiner Expedition verstorbenen Lieutenant Franssen "Loxodonta fransseni". Aufgrund der unterschiedlichen Ohrenform und der Tatsache, dass der tote Elefant im Gegensatz zu "Loxodonta pumilio" an seiner Rüsselspitze zwei Greiffinger statt nur einem hatte, sah er in ihm eine eigenständige Zwergelefantenart. Alle afrikanischen Elefanten verfügen wie "Loxodonta fransseni", im Gegensatz zum asiatischen "Elephas maximus", über zwei Greiffinger am Rüsselende. Aufgrund dieser Tatsache und der absoluten Unwahrscheinlichkeit einer asiatischen Elefantenpopulation in Afrika, muss "Loxodonta fransseni" nach Ansicht von Bernard Heuvelmans als ein Synonym für "Loxodonta pumilio" betrachtet werden und letzterer dementsprechend wie alle afrikanischen Elefanten zwei Greiffinger aufweisen. Vergleich der RüsselendenAber nicht nur aus dem Kongo sind Sichtungen von Zwergelefanten belegt. Major P. Offerman berichtete 1932 von zwei gefangenen kleinen Elefanten, die alle Merkmale eines ausgewachsenen Tieres besaßen und von den Einheimischen klar von normalen Elefanten unterschieden wurden. 1955 sichtete Froncais Edmond-Blanc auf einer Expedition für die Universität Kopenhagen im südlichen Kamerun eine zwölfköpfige Herde, deren Mitglieder allesamt kleiner als zwei Meter waren. Zwei Jahre darauf tötete ein Captain Chicharro einen Zwergelefanten in Aquatorial-Guinea, der sich in einer Gruppe von zwanzig weiteren Tieren befand. 1970 gelang es dem deutschen Amateurforscher Ulrich Roeder einen in Kamerun erlegten Zwergelefantenbullen zu untersuchen, der zwischen sechzehn und achtzehn Jahren alt war. In den achtziger Jahren untersuchte L. P. Knoepfler in Gabun eine tote Zwergelefantenkuh, die einen voll ausgebildeten Fötus in sich trug und somit zweifelsfrei geschlechtsreif war. Neben zahlreichen Trittspuren, ungewöhnlichen Stoßzähnen und seltsamer Hautfragmente sowie den getöteten Tieren selbst, folgten auch immer mehr visuell belegbarere Beweise durch moderne Technik. H. J. Steinfurth filmte mehrere Minuten lang drei Zwergelefanten in der Zentralafrikanischen Republik. Schließlich gelang es dem ehemaligen deutschen Botschafter in der Republik Kongo, Harald Nestroy auf einem Jagdausflug im Mai 1982 in der nördlichen Likoula-Region als eindruckvollstem Beweis Fotos einer Zwergelefantenherde zu machen. Insgesamt vier ausgewachsene und zwei Jungtiere. Dass es sich um Zwergelefanten handelte, konnte man anhand der Relation der Tiere zu einem Silberreiher (Egretta alba) im Vordergrund des Fotos zweifelsfrei belegen. Auch Nestroy war sich noch vor der Bestätigung durch die Experten in der Größe der Elefanten sicher, hatte er doch einen guten Vergleich, da kurz nach seiner ersten Fotografie noch eine Waldelefanten- und eine Büffelherde die Lichtung betrat.

Die Indizien und Beweise sind also definitiv vorhanden, doch während die Kryptozoologen nach diversen Theorien (so wurde zum Beispiel als Erklärung für die Zwergelefanten auch ein evolutionär weiterentwickeltes, schweinegroßes Mastodon oder Moeritherium angedacht) von einer eigenständigen Elefantenart ausgehen, spaltet die Existenz einer dritten afrikanischen Elefantenart die Zoologen weiterhin. Einige der Gegenargumente sind im Laufe der Zeit als unhaltbar widerlegt worden. So zum Beispiel die Annahme, dass Zwergelefanten eine Erfindung der Großwildjäger seien, um das Abschussverbot für Jungtiere zu umgehen, oder dass es sich lediglich um Gruppen pubertärer Elefanten handle, was Glover Allen als Erklärung vorschlug (was übrigens bei keiner rezenten Elefantenart der Fall ist, da ein enges soziales Gefüge die Jungtiere in die Herde integriert). Auch ein genetischer Defekt in der Erbanlage von Waldelefanten oder eine mangelnde Ernährung in den Wäldern und Sümpfen, die ähnlich wie bei uns Menschen zum Zwergenwuchs geführt haben könnte kann ausgeschlossen werden. Ein solcher Defekt würde sich innerhalb einer Elefantenpopulation niemals schnell genug auswirken, um zur Bildung ganzer Herden zu führen. Und selbst wenn mehrere Tiere eine derartige Wachstumsanomalie über mehrere Generationen weitergeben würden, wäre dies eine räumlich begrenzte Eigenart und es würde nicht in verschiedenen afrikanischen Ländern Indizien und Beweise für Zwergelefanten geben. Auch die mangelnde Ernährung und eine damit einhergehende Degeneration der Größe scheint ziemlich an den Haaren herbeigezogen im Angesicht dessen, dass es im selben Lebensraum normalgroße Waldelefanten gibt und die Sümpfe in der Regel viel pflanzliche Nahrung bereitstellen.

Wolfgang Böhme und Martin Eisentraut fassten in der Zeitschrift des Kölner Zoos alle Indizien und Beweise zusammen und halfen „Loxodonta pumilio“ endgültig die festgefahrenen Meinungen der Zoologen gehörig zu unterlaufen. Die Zwergelefanten führen jedoch trotz allem noch immer ein Schattendasein innerhalb der modernen Zoologie, obwohl ihre Existenz (wenn auch nicht als eigenständige Art) von allen anerkannt wird. Letztlich werden die letzten Zweifel wohl nur durch die neueste und modernste Methode der Verwandtschaftsbestimmung ausgeräumt werden können – dem DNA-Test.


Quellennachweis:

  • Natale Guido Cincinnati: "Was ist der Zwergelefant?" (Pterodactylus Seminarband I / 2003)
  • Loren Coleman und Jerome Clark: "Cryptozoology A to Z" (1999)
  • George M. Eberhart: "Mysterious Creatures" (2002)
  • Lothar Frenz: "Riesenkraken und Tigerwölfe" (2000)
  • Bernard Heuvelmans: "On the track of unknown animals" (1955)
  • Ulrich Sedlag: "Elefanten" (WAS IST WAS, Band 86, 1989)
  • Hans Petsch und Rudolf Piechocki: "Ordnung Proboscidea - Rüsseltiere" (Urania Tierreich, Säugetiere 2000)
  • Reinhard Ziegler, persönliche Kommunikation

Zeichungen/Fotos:

  • Patrick Seifert, SdP