23 | 04 | 2014
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Einführung in die Kryptozoologie

Die meisten Menschen wissen mit welcher Thematik sich die wissenschaftlichen Disziplinen der Paläontologie oder der Zoologie beschäftigt, doch was ist mit der Kryptozoologie?

Was ist Kryptozoologie?

Am einfachsten kann man sich sicherlich etwas darunter vorstellen, wenn man das Wort selbst in seinen Bestandteilen betrachtet und diese hierfür in die eigene Sprache übersetzt. Kryptozoologie setzt sich aus den griechischen Wörtern "kruptos" für versteckt/verborgen, "zoon" für Tier und "logos" für Studie zusammen. In einem Satz sinngemäß übertragen also die "Studie der verborgenen Tiere".
Der Begründer und Namensgeber dieser Studie, der belgische Zoologe Bernard Heuvelmans, definierte seine Suche als: „die wissenschaftliche Studie von Tierformen, deren Existenz nur auf Zeugenaussagen oder Indizien oder auf Material, das jemand als ungenügend bewertet hat, basiert.
Eine ähnliche Definition traf auch der bekannte amerikanische Kryptozoologe Professor Loren Coleman von der Universität Süd-Maine: "Kryptozoologie ist die Studie von versteckten Tieren (ob groß oder klein), welche von der (meist) westlichen Wissenschaft nicht anerkannt werden, deren Existenz aber trotzdem von menschlichen Wesen bezeugt werden kann."
Die 1982 unter Präsidentschaft von Heuvelmans gegründete International Society of Cryptozoology (ISC), die sich für eine wissenschaftliche Anerkennung der Kryptozoologie einsetzt, formulierte nach zahlreichen Diskussionen eine noch weitergehende Begriffsbestimmung. Demnach enthält die Kryptozoologie auch die mögliche Existenz bekannter Tiere in Gebieten wo ihr Vorkommen nicht vermutet wird (weder jetzt noch in der Vergangenheit), ebenso wie das unbekannte Fortdauern vermeintlich ausgestorbener Tiere in die heutige Zeit oder die jüngste Vergangenheit.

Was ist keine Kryptozoologie?

Phänomene, Mysterien u. ä. sind populäre Themen, was für die Kryptozoologie bedauerlicherweise ein Image-Problem hervorgerufen hat. Vielfach wird in den Medien, im Internet oder im allgemeinen Gedankengut die Kryptozoologie mit diesen Themen in Verbindung gesetzt und der Eindruck hervorgebracht, es handle sich um unirdische oder paranormale Zoologie. Kryptozoologie ist jedoch keineswegs eine „arkane oder okkulte Zoologie“ wie bereits Heuvelmans feststellte. Folkloristische Entitäten wie Geister, Vampire, Werwölfe usw. sind keinesfalls kryptozoologisch, sondern basieren (wissenschaftlich gesehen) auf menschlichen Psychosen und Krankheiten. Theorien über paranormale Eigenschaften oder Erklärungen die (vor allem in den Jahren zwischen 1970 und 1980) für einige Kryptide aufgestellt wurden, basieren in der Regel nur auf unzulänglichen Kenntnissen und Datenanalysen beziehungsweise -sammlungen. Die Kryptozoologie ist im Rahmen der anerkannten Natur- und Geisteswissenschaften einzig und allein auf der Suche nach möglicherweise existierenden Tieren!

Gibt es überhaupt noch unbekannte Arten?

Okapi - Ehemalige KryptideViele Menschen sind grundsätzlich der Meinung, die Erde wäre bereits vollkommen erforscht und nichts Neues könnte mehr entdeckt werden. Wenn doch, dann sowieso nur eine Variante des bereits bekannten. Aber dies ist ein Irrtum, dem die Menschen immer wieder in der Geschichte auflagen. Große Tiere, so dachte man bereits Anfang des 18. Jahrhunderts, werden keine mehr entdeckt werden. Kurioserweise hegten gerade berühmte Naturforscher wie Baron Georges Couvier, der eine derartige Aussage im Jahr 1819 tätigte, diese Ansicht. Doch alleine in den vergangenen hundert Jahren wurden über 300 größere Tierarten neu- beziehungsweise wieder entdeckt!

Die Anzahl aller heute bekannten Tierspezies unseres Planeten beträgt zusammengenommen schätzungsweise 1,75 Millionen, davon kennen die meisten Menschen noch weniger als 0,01 Prozent. Das ist jedoch nur ein kleiner Bruchteil der noch unbekannten, geschätzten 5 bis 30 Millionen Arten (offiziell haben sich Zoologen in einem Kompromiss auf etwa 15 Millionen geeinigt). Natürlich findet sich ein Großteil dieser Spezies im Bereich der Insekten und Wirbellosen, doch auch bei großen Wirbeltieren gibt es immer wieder Neuentdeckungen. Große Teile unserer Erde sind noch immer absolutes Neuland, denn selbst der modernsten Technik sind Grenzen gesetzt. Nach Schätzungen der Organisation Conservation International sind ganze 46 Prozent der Landoberfläche auch heute noch als Wildnis zu betrachten, davon nehmen allein die Antarktis und die arktische Tundra ein Drittel ein. Andere große Wildnisgebiete sind in Alaska, Kanada, dem Kongo, Russland und Papua Neuguinea zu finden. Daneben sind aber auch in urbanen und vermeintlich gut bekannten Regionen unseres Planeten wie zum Beispiel Nordamerika große Gebiete nur scheinbar besiedelt und erforscht.
Ein noch größerer Teil unserer Erdoberfläche besteht zu 71 Prozent aus Wasser, dessen Tiefen unter der Oberfläche so gut wie nicht bekannt sind. Nach Schätzungen von Meereswissenschaftlern des Census of Marine Life sind sogar 95 Prozent der Biomasse der Ozeane unbekannt.

Warum sollte es also nicht verborgene (unbekannte oder ausgestorben geglaubte) Tiere geben, für deren Existenz nur fragmentarische Indizien existieren und die man mit einer zielorientierten Suchmethode finden könnte?

Wo liegen die Ansatzpunkte der Kryptozoologie?

Die klassischen Ansatzpunkte für eine kryptozoologische Suche sind ethnologische Berichte von unbekannten Tieren in alten Texten, Erzählungen oder bildliche Darstellungen und Skulpturen. "Riesige Affenmonster, die die Frauen der Ureinwohner rauben und sie zu Tode quetschen", so beschrieb 1860 der König von Ruanda die rezente Art der Berggorillas die immer wieder als Beispiel für eine derartige Entdeckung herangezogen wird.

Ebenfalls zu den klassischen Quellen zählen Augenzeugenberichte beziehungsweise Berichte auf alle menschlichen Sinne bezogen. Seit dem Aufkommen moderner Techniken, gehören auch Foto- und Filmaufnahmen, Sonaraufnahmen und ähnliches hierzu. Diese Berichte bzw. Aufnahmen bilden heute die quantitativ größte und schwierigste Informationsquelle.

Die dritte Quellengattung ist direkter, naturwissenschaftlich-physischer Natur. Gemeint sind Trittsiegel, Haar- bzw. Fellreste, Exkremente usw. Diese Quellen sind recht selten, bieten jedoch die direkte Überprüfung mittels der DNA-Technologie und somit des eventuellen Existenznachweises vor einer eigentlichen Entdeckung.

Grob gesehen bezieht die Kryptozoologie ihre Informationen also aus

  • Legenden, Sagen beziehungsweise Mythen der (Ur-)Einwohner
  • kognitiven Sinneseindrücken wie Fühlen, Sehen, Riechen usw.
  • physischen Spuren, seien es Trittsiegel oder Fotos
  • anatomischen Fragmenten

Aus diesen Quellen gilt es, möglicherweise existierende Tiere zu erkennen. Dabei spielen die verschiedensten Faktoren in kryptozoologischen Ermittlungen eine Rolle und den richtigen Ansatz für eine Theorie zu finden ist oft nicht leicht. Ein gutes Grundgerüst für einen Kryptozoologen ist der eigene gesunde Verstand und die Tatsache, dass die meisten professionellen und ernstzunehmenden Kryptozoologen über ein Zoologiestudium verfügen.

Was sind diese „verborgenen“ Tiere?

Derart „verborgene Tiere“, die von John E. Wall in einem Brief an die ISC als „Kryptide“ bezeichnet wurden, lassen sich in diverse Kategorien einteilen. Richard Greenwell stellte 1985 als eine der ersten Aufteilungen ein siebenstufiges Kategoriensystem auf, wobei dieses in einzelnen Punkten nicht allgemein anerkannt ist und im Laufe der Zeit andere Aufteilungen erfolgten. Zur Kryptozoologie zählen nach Greenwell

  • Individuen eines bekannten, rezenten Tieres dessen Form, Größe, Farbe oder Musterung außergewöhnlich für die Art ist
  • noch vorhandene und gut bekannte Arten, die als nicht in einem bestimmten Gebiet lebend registriert sind
  • vermutlich ausgestorbene Arten, nicht fossile Formen, die nur durch eingeschränkte organische Beweise (Haut, Knochen, Federn usw.) bekannt sind ohne ein komplettes
  • bekannte Arten, die als in historischen Zeiten ausgestorben gelten und möglicherweise doch viel länger überlebt haben – vielleicht bis heute.
  • Vertreter fossiler Formen (u. a. Dinosaurier) die als während geologischer Zeiten ausgestorben gelten und möglicherweise in historische Zeiten oder sogar bis heute überlebt haben
  • neue Arten, die nur durch anektodische und ohne organische Beweise bekannt sind
  • neue Arten, die (Ur-)Einwohnern zuvor nicht bekannt oder von diesen nie erwähnt wurden und durch Zufälle entdeckt wurden.

Die letzte Kategorie wurde im Übrigen in einer Anmerkung bereits von Greenwell im Grunde als nicht zur Kryptozoologie im eigentlichen Definitionssinn zugehörig erkannt. Einer weiteren Kategorisierung zufolge, handelt es sich bei Kryptiden

  • um Tiere, die in den Quellenangaben weder rezenten noch fossilen Arten gleichen und somit als vollkommen unbekannt eingestuft werden müssen
  • um (fossil) bekannte Tiere die offiziell als ausgestorben gelten
  • um bekannte (rezente) Tiere , deren Vorkommen in spezifischen Gebieten nicht vermutet wird.

Wer begründete die Lehre von den "verborgenen Tieren"?

Heuvelmans 1995 in seinem Arbeitszimmer in Le Vesinet (© F. de Sarre)Der Zoologe Bernhard Heuvelmans (geb. 10. Oktober 1916 in Le Havre/Nordfrankreich) wird als moderner Begründer der Kryptozoologie angesehen. Der Begriff Kryptozoologie selbst wurde von ihm in den späten fünfziger Jahren immer öfter in seinen privaten Korrespondenzen verwendet um seine Suche zu beschreiben. In Folge dessen wurde der Begriff 1959 vom Chefinspektor der französischen Übersee-Territorien Lucien Blancou erstmals in einer wissenschaftlichen Publikation die er Heuvelmans widmete verwendet ("Bernard Heuvelmans, Maitre de la Cryptozoologie") und somit öffentlich bekannt. Heuvelmans sammelte tausende von Berichten, Legenden, Sagen, Geschichten und Indizien verborgener Tiere und prägte durch seine Arbeit die Kryptozoologie äußerst nachhaltig. Zu seinen Publikationen zählen zahlreiche Bücher zum Thema, so unter anderem auch die ins englische übersetzten Referenzwerke "On the Track of Unknown Animals", "In the Wake of the Sea-Serpents" oder "The Kraken and the Colossal Octopus: In the Wake of the Sea-Monsters" die zudem in zahlreiche andere Sprachen übersetzt wurden. Im Jahr 1982 gründete er zusammen mit Roy P. Mackal, J. Richard Greenwell und anderen die International Society of Cryptozoology (ISC) mit Sitz in Tucson/Arizona die sich mit diversen Schriftveröffentlichungen (ISC Newsletter und das Journal Cryptozoology) sehr verdient gemacht hat. Heuvelmans selbst lebte seit den neunziger Jahren aufgrund einer schweren Krankheit sehr zurückgezogen. Am 23. August 2001 starb der moderne Begründer der Kryptozoologie an Herzversagen. Das Lebenswerk von Bernard Heuvelmans (schätzungsweise 25.000 Berichte, 1.000 Bücher, 12.000 Diafotos, 25.000 Fotos, unzählige Illustrationen und materielle Indizien) wurde nach seinem Tod dem Schweizer zoologischen Museum Lausanne überlassen und steht dort allen wissenschaftlich Interessierten zur Verfügung.

Bernard Heuvelmans gilt als der moderne Begründer der Kryptozoologie. Die Kryptozoologie in ihrer Definition gab es jedoch schon lange vorher, denn sie ist und war im Grunde schon immer ein Teil der Zoologie. David Livingstone, Richard Burton, John Speke und viele andere Entdecker die tief in die unbekannten Regionen unseres Planeten vordrangen - sie alle brachten Berichte über fremdartige und unbekannte Kreaturen mit nach Europa die den Naturvölkern schon lange bekannt waren. Kryptozoologie war, in einem geschichtlichen Bezug gesehen, zu diesen Zeiten gewissermaßen die Zoologie selbst.

Wer sind die bedeutendsten und bekanntesten (neuzeitlichen) Kryptozoologen?

Naturgemäß zählen zu dieser subjektiven Kategorie zuförderst studierte Wissenschaftler der Biologie wie zum Beispiel Bernard Heuvelmans, Ivan T. Sanderson, Roy P. Mackal, Karl P. N. Shuker, Loren Coleman, Ingo Krumbiegel, Francois De Sarre, Dao Van Tien, Richard Greenwell, Paul H. LeBlond und viele andere.
Auch Vertreter anderer Wissenschaftsgebiete wie Psychologie, Ethnologie, Linguistik usw. steht die Kryptozoologie offen - auch wenn nur wenige Forscher dieser Richtungen bislang von sich reden machten.
Eine dritte ernstzunehmende Gruppierung sind interessierte Laienforscher mit seriösem Hintergrund wie z. B. der Journalist und Autor Ulrich Magin oder der Regierungsangestellte Mark A. Hall.

Wie ersichtlich ist Kryptozoologie also letztlich interdiszipliär und vielen Wissensgebieten offenstehend - Grundlage sollte jedoch immer die Kenntnis um wissenschaftliche Methoden sein.

Gibt es professionelle Organisationen oder Zusammenschlüsse?

Nur Fiktion - Türschild der kryptozoologischen AbteilungEs existieren zahlreiche Zusammenschlüsse, Organisationen und Institutionen, die sich, neben der allgemeinen Kryptozoologie, zum Teil auch auf eine bestimmte Thematik, Region oder auf einen bestimmten Kryptiden konzentrieren. Dazu gehören zum Beispiel das Center for Fortean Zoology (CFZ), der British Columbia Scientific Cryptozoology Club (BCSCC), das Global Underwater Research Team (G.U.S.T.), die British Big Cat Society (BBCS), „CryptoSafari“ aber auch allgemein anerkannte Institutionen wie die National Geographic Society oder das Londoner Natural History Museum. Die Wissenschaftlichkeit beziehungsweise die grundsätzliche Glaubwürdigkeit dieser Zusammenschlüsse. Organisationen und Institutionen ist jedoch sehr unterschiedlich.

Die International Society of Cryptozoology (ISC) veröffentlicht bereits seit 1998 keine Publikationen mehr. Nach jahrelanger Inaktivität, dem Tod und Austritt verdienstvoller und wichtiger Mitglieder oder Funktionspersonen erklärte der Vizepräsident Roy P. Mackal, dass die ISC bis auf weiteres nicht mehr geschäftsfähig ist. Dennoch führt der geschäftsführende Sekretär Richard Greenwell nominell zusammen mit anderen Mitgliedern die ISC weiter.

Zur Zeit gibt es keine vergleichbare international tätige kryptozoologische Organisation, mit dem Anspruch und dem Ansehen der einstigen ISC, unter deren Dach sich alle führenden Kryptozoologen und interessierte Personen formieren.

Diese Einführung

Diese Einführung dient einem groben Überblick über die Thematik und deren Geschichte. Keinesfalls kann sie alle Aspekte und notwendigen Bemerkungen enthalten, die eine Definition und Bewertung der Kryptozoologie aus wissenschaftlicher Sicht erfordert. Dennoch wird die Bedeutung beziehungsweise der grundlegende wissenschaftliche Anspruch der Kryptozoologie bereits aus diesen Zeilen ansatzweise erkenntlich. Folgeartikel werden sich ausführlich(er) mit wissenschaftstheoretischen Aspekten der Kryptozoologie auseinandersetzen.


Quellennachweis:

  • Arment, Chad: “Cryptozoology – Science or Speculation?” Landisville: Coachwhip Publications 2004
  • Coleman, Loren / Clark, Jerome: “Cryptozoology A to Z”, New York: Fireside 1999
  • Coleman, Loren: persönliche Kommunikation
  • Heuvelmans, Bernard: “On the track of unknown animals” 3. Aufl. London: Kegan Paul 1995 [Orig.: „Sur la Piste de Bêtes Ignorées" Paris: Plon 1955]
  • De Sarre, Francois: „Bernard Heuvelmans – Jäger der verlorenen Tiere
  • De Sarre, Francois: "Geschichte der Kryptozoologie"
    In: Pterodactylus Seminarband I / 2003
  • · Newton, Michael: „Encyclopedia of Cryptozoology: a global guide to hidden animals and their pursuers“ Jefferson: McFarland & Company 2005
  • Arbeitskreis Kryptozoologie der Gesellschaft f. Anomalistik: Vorstellungstext

Bildnachweis:

  • Okapis: Ralf Schmode, JungleWalk (Public Domain Lizenz)
  • Heuvelmans in Le Vesinet: Francois de Sarre