20 | 08 | 2017
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Tot wie ein Dodo?!

Tot wie ein Dodo?!

Kryptozoologie wäre nicht Kryptozoologie, würde sie nicht mitunter seltsame Stilblüten treiben. Viele Angelsachsen suchen mit großer Begeisterung in ihrer Freizeit nach allerlei Großkatzen, die sie in der Nachbarschaft verborgen wähnen, sei es nun in den Hügeln Großbritanniens selbst oder in den britischen Dominions rund um den Globus. Die australischen Vettern haben sich dann auch gleich einmal ein eigenes Pendant zum nordamerikianischen Bigfoot zugelegt, den “Yowie”, Teil des großen angelsächsichen “Fabel-Faunen-Austausches”. Und so steht es dem geneigten Angelsachsen offen, in allen Ländern ihrer Majestät von Good Old England bis zu den Pazifik-Eilanden Neuseelands dieser seltsamen Passion einer völlig ungefährlichen Pirsch auf Phantom-Raubkatzen und Affenmenschen nachzugehen.Mit demselben Feuereifer verbeißen sich oftmals kreationistisch gesinnte Zeitgenossen in hanebücherne Schauergeschichten von kongolesischen Dinosauriern oder den angeblichen, ramphorynchoiden Flugsauriern Neu-Guineas, den berüchtigten “Ropens”.  Das Ziel ihrer Bemühungen ist es, endlich die “unterdrückte Wahrheit” über das junge Alter der Schöpfung ans Licht zu bringen und der “heuchlerischen Evolutionstheorie” und dem wissenschaftlichen Establishment damit den Gnadenstoß zu verpassen.Ein Vertreter letzteren Lagers, William J. Gibbons, seines Zeichens “Master in Religious Education”, gebürtiger Schotte besitzt nun beides, den abwegigen aber sturen britischen Jagdinstikt für fantastische Kreaturen und ein unverbrüchliches Vertrauen in den Kreatonismus.

Dabei, man verzeihe das Wortspiel, schießt er aber den Vogel ab, denn Gibbons geht nämlich in seinem Bestreben sogar so weit, den schon sprichwörtlich toten Dodo zu fleddern. Der kreationistische Hobbykryptozoologe, der zuvor schon Dinosaurier im Kongobecken gejagt hatte, richtete nämlich 1990 und 1997 zwei aberwitzige Expeditionen auf der Suche nach dem Dodo aus und plant Gerüchten zufolge sogar eine dritte. 

Warum aber ist es so unwahrscheinlich naiv eine Fortexistenz des Dodos anzunehmen, und wieso hat Gibbons es trotzdem getan?

Der Dodo, im Deutschen auch als Dronte oder Walkvogel bekannt, gehört zu jenen frühen Opfern der Globalisierung, die wie auch die Stellersche Seekuh oder etliche Arten von Riesenschildkröten ihr Ende als Wegzehrung europäischer Seefahrer fanden. Dabei waren die heimatlichen Maskarenen-Inseln, deren wichtigste Mauritius, Reunion und Rodriguez sind, ein echter Hotspot des Artensterbens. Die Inseln hatten eine für die Seefahrt günstige Lage im  südwestlichen indischen Ozean und wurden von portugiesischen und später niederländischen Seefahrern zur Auffüllung der Vorräte vor  der Überquerung des Indischen Ozeans genutzt. Die Inseln selbst waren aber so abgelegen, dass es dort keine einheimischen landlebenden Säugetiere gab. In die so verfügbaren Nischen hinein und ungestört von Fressfeinden konnten sich Reptilien und insbesondere verschiedene Vogelformen ungestört ausbreiten und auf diese Weise eine einzigartige Fauna, dominiert von Riesenschildkröten, flugunfähigen Riesen-Tauben und Papageien, etablieren. Die gierigen Seefahrer plünderten nun diesen reich gedeckten Tisch nicht nur in kürzester Zeit – die Dodo-Population hielt der Bejagung genauso wie die Schildkröten oder bodenbewohnden Papageien nicht einmal 200 Jahre stand – nein sie pflügten auch noch bildlich gesprochen ökologisches Salz unter, indem sie Ratten, Katzen, Schweine und Javaneraffen später sogar Mangusten auf den Inseln einführten, die sich fortan an den Vogelnestern und Jungvögeln laben konnten.  Dieser ökologischen Brandschatzung fielen die fünf endemischen Riesenschildkröten-Arten der Gattung Cylindraspis, ebenso wie 13 einzigartige Vogelarten zum Opfer. Die ikonischste unter diesen verloren gegangen Arten ist der Dodo, der flugunfähige und grotesk anmutende Spross einer Linie von Taubenvögeln, deren nächste Verwandte in der westpazifischen Kragentaube und der samoanischen Zahntaube Didunculus strigirostris – sinnigerweise lateinisch als Dodochen benant –gesehen werden.Die noch flugfähigen Vorfahren der Dronten entwickelten sich auf Mauritius zu den schwerfälligen Dodos, während sie sich auf Rodriguez ebenfalls zu einer flugunfähigen, aber etwas grazileren Form, dem Rodriguez-Solitaire, wandelten. Lange Zeit war es umstritten, ob es noch eine dritte Dronten-Form auf der Insel Reunion gegeben hatte, denn Berichte der frühen Seefahrer beschrieben doch einen großen, weißen Vogel auf der Insel, den Reunion-Solitaire. Dies veranlasste zahlreiche Zoologen u.a. Anton Cornelis Oudemans, berühmter Apostel der großen Seeschlange, dazu, eine dritte, schneeweiße Drontenform zu postulieren. Einen physischen Beleg für diese Dodo- Art gibt es nicht und so erscheint sie sehr zweifelhaft. In jüngerer Vergangenheit wurden dann allerdings die Überreste einer großen Ibisart auf Reunion entdeckt, in der die wissenschaftliche Meinung heute den Reunion-Solitaire identifiziert sieht.

Der Dodo, bis heute Wappentier von Mauritius, ist die Ikone der verlorengegangenen Lebensgemeinschaften der Maskarenen. Mit einem Gewicht von über 20 kg war der flugunfähige Dodo neben den Riesenschildkröten des Archipels das größte landbewohnende Tier. Als spezialisierter Fruchtfresser hatte er sich an die saisonal schwankende Futterverfügbarkeit durch die Ausbildung von umfangreichen Fettdepots angepasst. Eben diese Fettdepots wurden ihm dann zum Verhängnis, denn hungrige Seefahrer sahen ihretwegen sogar über den berichteten wenig guten Geschmack des Fleisches hinweg. Starke Bejagung und die Dezimierung des Nachwuchses durch die eingeschleppten Säugetiere führten dann auch innerhalb von nicht einmal 100 Jahren zum Aussterben der Art. Zum ersten Mal erwähnt 1598 scheint der letzte Dodo 1688 erlegt worden zu sein. Das genaue Aussterben des Dodos ist nicht ganz sicher zu ermitteln, da es sich eingebürgert hatte, auch andere leicht zu fangende Vögel Mauritius als Dodos zu bezeichnen. Sicher ist aber, dass der Dodo um die Wende zum 18. Jahrhundert ausstarb. Zur Kenntnis genommen wurde dies in der europäischen Wissenschaft aber erst im 19. Jahrhundert, da es zuvor als unerhört galt, anzunehmen, eine ganze Art sei ausgestorben. Ausgestorben? Ja, absolut sicher. Es gab in den letzten 300 Jahren nicht den geringsten Anlass daran zu zweifeln. Die Landnutzung der 2040 qkm großen Insel hat atemberaubende Außmaße angenommen und Mauritius ist heute mit 1,29 Mio. Einwohnern der am 17. dichtbesiedelste Staat der Erde. Die Zeit vor dem Tourismus war durch eine intensive Landwirtschaft, u.a. Zuckerrohranbau, geprägt, der die Insel stark veränderte. Die fruchtreichen Wälder wurden zerstört, zudem veränderte sich die Zusammensetzung der Flora stark und die typischen Futterbäume des Dodos verschwanden fast völlig. Es gibt heute auf der Insel keinen einzigen Wald mehr, der kontinuierlich seit dem 16. Jahrhundert besteht. Heutzutage sprießen immer neue Hotelanlagen aus dem Boden und die letzte verbliebene “Wildnis” wird mit Wanderpfaden versehen und täglich von hunderten Wanderern und “Forest-Tours” durchkämmt. Eine fette bodenlebende 20kg – Taube ist dabei noch keinem aufgefallen.Zu allem Überfluss dominiert eine ganze Armada zugewanderter Säugetiere die Insel, für die die bodenbrütenden Dodos, die stets nur ein Ei legten und dann paarweise bebrüteten, ein leichtes Fressen wären. Für solch einen schwerfälligem Landbewohner ist ein Entrinnen nicht einmal denkbar. Um im Bilde zu bleiben, ein überlebender Dodo auf Mauritius ist also genauso wahrscheinlich wie die Existenz eines 20 kg Großtieres ohne jede Möglichkeit sich zu verbergen in einem Stadtstaat wie San Marino, der jeden auch nur halbwegs beackerbaren Boden in eine Plantage umgewandelt hat. Man bedenke zudem, dass sich dieses ominöse Tier in den letzten 300 Jahren nicht ein Mal gezeigt hat. 
Kein leichter Fall, der da auf Mr. Gibbons gewartet hatte, als der sich durch eine lokale Zeitungsmeldung vom 1. April veranlasst zu seiner Expedition von 1990 aufmachte. Ein mauritisches Lokalblatt nämlich hatte schelmisch berichtet, “europäische” Touristen hätten bei einer Bootstour im Sonnenuntergang am Badestrand einen Dodo gesehen, der ihnen mit seinen kurzen Flügeln scheinbar fröhlich zugewunken habe. Wie diese “Schlagzeile” den “Master of religious education” erreichte, konnte leider nicht recherchiert werden. Vermutlich aber durch Verwandte oder Freunde seiner Ehefrau, einer gebürtigen Insulanerin.
Anscheinend in vollem Ernst – freilich das Nützliche mit dem Angenehmen verbindend – packte Mr. Gibbons also Badesachen und Wanderausrüstung zusammen, um sich im Namen der Wissenschaft – oder wohl doch eher dem des Baptistentums – dieser Plackerei anzunehmen. Trotz umfangreicher Feldforschung, Gibbons soll die Strände der Insel wohl einmal abgelaufen sein, war keine Spur von einem Dodo zu finden. Um nicht ganz mit leeren Händen abzuziehen, berichtete Gibbons von einer vielversprechenden Spur, nämlich dass es sich bei dem beobachteten Tier vielleicht doch eher um einen bisher gänzlich unbekannten großen Seevogel, vermutlich aus dem Kreis der Sturmvögel, gehandelt habe. Trotz der vorläufigen Ergebnislosigkeit ließ der Kreationist sich jedoch für eine zweite “Expedition” im Jahre 1997 begeistern. Ob das Sonderangebot eines Reiseveranstalters mitausschaggebend war, konnte nicht verifiziert werden.
Auch jetzt noch schwärmt Gibbons von einer dritten Erkundung der Insel, schließlich könnte man dem Dodo, der den Touristen so freundlich zuwinkte, gleich hinter der nächsten Strandbar begegnen. 
 

Ein ganz fantastisches Buch zur verlorenen Lebensgemeinschaft von Mauritius
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