23 | 04 | 2014
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Riesenanakonda - Sucuriju gigante und Co.

Anakonda-Kopf mit charakteristischen StreifenNoch heute spricht man von 50 Fuß langen Riesenschlangen; noch heute scheut man sich nicht zu erzählen, dass solche Ungeheuer auch über Pferde, Rinder und andere Tiere herfallen, sie erwürgen und verschlingen; und wenn man den Elefanten nicht mehr in den Bereich der Beutestücke unserer Schlangen zieht, so geschieht dies vielleicht nur, weil man die alten Geschichten vergessen hat. Es mag sein, dass die Riesenschlangen vormals eine bedeutendere Größe erlangten als gegenwärtig, wo ihnen der besser ausgerüstete Mensch entgegentritt und mit seinen furchtbaren Waffen das Leben kürzt; solche Schlangen aber, wie sie die Alten uns beschrieben, hat es nie gegeben.

(Brehms Tierleben, Allgemeine Kunde des Tierreichs. Band 7 (1892), www.BioLib.de)

Obige Zeilen wurden vor über einem Jahrhundert verfasst, haben jedoch seitdem kaum etwas bezüglich ihrer Grundaussage über Geschichten von gigantischen Riesenschlangen eingebüßt. Immer wieder berichteten reisende Abenteurer, Entdecker, Jäger oder Missionare über enorm große Schlangen aus aller Welt. Und noch heute wird in den Medien immer wieder von Riesenschlangen von mindestens vierzehn Metern Länge berichtet und so mancher Einheimische erzählt dem Wissbegierigen gerne von Begegnungen mit ähnlich großen Schlangen. Dem zoologisch (und kryptozoologisch) Interessierten stellen sich an dieser Stelle einige Fragen, denn was ist von derartigen Berichten zu halten? Wie lang können Riesenschlangen wirklich werden? Handelt es sich womöglich tatsächlich um bislang unbekannte Arten wie hier und da spekuliert wurde? Die bestdokumentiertesten und häufigsten neuzeitlichen Berichte stammen aus Südamerika, dem Verbreitungsgebiet der Großen Anakonda (Eunectes murinus)1.

Sichtungen, Geschichten und Legenden

Um 1906 befanden sich die drei Staaten Brasilien, Bolivien und Peru in einem erbitterten Streit darüber, wo ihre bislang nicht festgelegten Grenzen im unzugänglichen Dschungelgebiet verlaufen. Dahinter steckten vor allem wirtschaftliche Interessen, denn jeder Meter Land erhöhte für die jeweilige Regierung die Möglichkeit den begehrten und daher äußerst wertvollen Kautschuk zu ernten. Um diesen Konflikt nicht komplett in einem Krieg eskalieren zu lassen, wurde die britische Royal Geographic Society als neutraler Vermittler angerufen, die daraufhin den damals neununddreißigjährigen Artillerieoffizier Colonel Percy Harrison Fawcett zur Kartographierung ins umstrittene Grenzgebiet schickte. Im Januar 1907 hörte Fawcett dort zum ersten Mal von über achtzehn Meter langen Anakondas und keine drei Monate später sollte er mit seiner Expeditionsmannschaft in der Nähe der Grenze zwischen Peru und Bolivien auf dem Rio Abuna einer dieser Monsterschlangen begegnen. In seinen Memoiren „Exploration Fawcett“ berichtet er:

Der Manager in Yorongas erzählte mir, dass er eine 18 Meter lange Anakonda am unteren Amazonas getötet hat. Ich war geneigt dies zu dieser Zeit als Übertreibung anzusehen, aber später, wie ich erzählen werde, erschossen wir eine noch größere als diese. Wir trieben gemächlich in der trägen Strömung nicht weit unterhalb des Zusammenflusses des Rio Negro beinahe unterhalb des Bogens des Igarité als ein dreieckiger Kopf auftauchte und mehrere Meter wellenförmiger Körper. Es war eine riesige Anakonda. Ich sprang nach meinem Gewehr als die Kreatur begann ihren Weg auf die Uferbank zu nehmen und schmetterte kaum zielend eine .44 Bleispitz-Kugel in ihre Wirbelsäule, drei Meter unterhalb des niederträchtigen Kopfs. Sofort war da ein Schaumgestöber und mehrere schwere Stöße gegen den Bootskiel die uns durchschüttelten als wären wir an etwas hängen geblieben. Mit großer Schwierigkeit überredete ich die indianische Mannschaft landwärts zu wenden. Sie waren so erschrocken, dass das Weiße um ihre aufgerissenen Augen überall zu sehen war und in dem Moment der Schussabgabe hörte ich ihre ängstlichen Stimmen die mich anbettelten nicht zu schießen damit das Monster nicht das Boot zerstört und jeden an Bord umbringt, denn nicht nur attackieren diese
Kreaturen Boote wenn sie verletzt sind, sondern es geht auch große Gefahr von ihren Ehepartnern aus. Wir schritten an Land und näherten uns vorsichtig dem Reptil. Es war regungslos, aber Schauer liefen den Körper rauf und runter wie Windstöße auf einem Bergsee. Soweit es möglich war die Länge zu messen, lagen 14 Meter aus und 5 Meter im Wasser, was eine Gesamtlänge von 19 Metern ergibt. Der Körper war nicht dick für solch eine kolossale Länge - nicht mehr als 30 Zentimeter im Durchmesser - aber sie war wahrscheinlich länger ohne Nahrung. Ich versuchte ein Stück der Haut abzuschneiden, aber das Biest war noch keineswegs tot und die plötzlichen Umherwälzungen erschreckten uns ziemlich. Ein durchdringender Geruch ging von der Schlange aus, wahrscheinlich ihr Atem, welchem ein betäubender Effekt nachgesagt wird, zuerst die Beute anzieht und später paralysiert. Alles an dieser Schlange war abstoßend. So große Exemplare wie diese mögen nicht gewöhnlich sein, aber die Spuren im Sumpf erreichen eine Breite von 2 Meter2 und unterstützen die Angaben der Indianer und Kautschuk-Ernter, dass die Anakonda manchmal eine unglaubliche Größe erreichen, die die durch mich erschossene insgesamt zwergenhaft erscheinen lassen. Die Brazilian Boundary Commission erzählte mir von einer, die am Rio Paraguay getötet wurde, die 24 Meter Länge überschritt!

Bedauerlicherweise teilte Colonel Fawcett nicht mit, auf welche Art und Weise oder mit welchen Mitteln er seine Messung durchführte, was womöglich geholfen hätte das Ergebnis plausibel nachzuvollziehen3. So jedoch verwundert es wohl kaum, dass er, wie sein Sohn Brian in einer Fußnote zu obiger Schilderung anmerkt, in London als glatter Lügner angesehen wurde. Dabei ist Fawcett mit derartigen Berichten über riesige Anakondas in Südamerika keineswegs allein...

Der Abenteurer und Autor Fritz W. Up de Graff will während seines siebenjährigen Aufenthalts am Amazonas ebenfalls einer derartigen Anakonda begegnet sein. Mit dem Kanu unterwegs auf dem ecuadorianischen Rio Yasuni sahen er und seine einheimischen Führer eine riesige Anakonda am Ufer, die mit beinahe vier Metern ausgestreckt auf dem Ufer lag während sich der restliche Körper im Wasser unterhalb des Kanus befand. Nach seinen Angaben betrug ihre Gesamtlänge mindestens 15 Meter wahrscheinlich aber eher 18 Meter. Während Fawcett den Leser im Dunkeln lässt wie er die Länge ermittelte, macht Up de Graff hierzu jedoch nähere Angaben. So nutzte er als Basis seiner Schätzung sein Kanu, dessen Länge von 7, 31 Meter ihm bekannt war. Der Kopf des Tiers befand sich geschätzte 3 bis 3,65 Meter vor dem Bug des Kanus, der restliche Körper lag s-förmig unter dem Boot im klaren Wasser und endete rund 1,21 Meter hinter dem Heck. Nachvollziehbar wie Up de Graff auf seine Längenangabe kam, aber aufgrund der unzulänglichen „Schätzung“ kaum glaubwürdiger.

In Ermangelung einer entsprechend großen Schlange hatte der Marquis de Wavrin, der sich um 1940 auf der Suche nach der Quelle des Orinoko befand, keine Möglichkeit zu schätzen. Doch auf seiner Reise begleitete ihn der Zoologe Bernard Heuvelmans, welchem er erzählte, dass die Einheimischen von wesentlich größeren Anakondas berichten als die, die man für gewöhnlich entlang der Flüsse sichtet. Einmal tötete der Marquis eine auf einem Ast ruhende etwa acht Meter lange Schlange, die daraufhin in den Fluss fiel. Er beabsichtigte seine Trophäe aus dem flachen Wasser zu fischen, doch seine Kanuten sahen es nur als Zeitverschwendung an, sich um eine derart kleine Anakonda zu bemühen. Am Rio Guaviare, so erzählten sie ihm daraufhin, würden sie während der Überschwemmungen - hauptsächlich in einigen benachbarten Lagunen - und auch nahe des Zusammenlaufs des Flusses oftmals Schlangen von mehr als der doppelten Größe sichten, die oft dicker als ihr Kanu seien.

Große Anakonda in Venezuela

Ein weiterer Informant von Heuvelmans war der französische Maler Serge Bonacase, der sich 1947 mit neunzehn weiteren Männern auf einer Friedensmission4 zum Volk der Chavantes5 am mittleren brasilianischen Araguaya befand. Einmal machten sich sieben oder acht Männer auf, um im sumpfigen Gebiet zwischen dem Rio Manso und dem Rio Cristalino Capybaras (Hydrochaerus hydrochaeris)6 zu jagen. Halb verborgen im Gras entdeckten sie schließlich in 18 Metern Entfernung eine Anakonda und feuerten mehrere Male ihre Gewehre auf das Tier ab. Die Schlange versuchte zwar dem Kugelhagel zu entkommen, doch die Jäger konnten sie abfangen und endgültig töten. Die ungeheuerliche Länge vermaßen sie mehrmals mit Hilfe eines Stücks Schnur, das etwas kürzer als einen Meter war7, und kamen so auf 24 oder 25 Schnurlängen. Die Anakonda musste demnach nahezu 23 Meter lang sein. Der Durchmesser ihres Körpers betrug etwa die Hälfte der Schnurlänge, also annähernd 45 Zentimeter.

In den Archiven der Hamburger Tierhändler- und Zoo-Dynastie Hagenbeck, die über ein Jahrhundert Informationen über bekannte und unbekannte Tiere aus aller Welt erhielt, fanden sich auch Unterlagen, die auf eine noch gigantischere und aufgrund der physischen Merkmale beziehungsweise ihres Verhaltens noch unglaubwürdigere Schlange hinweisen, die in der Sprache der Einheimischen als „sucuriju gigante“ von der gewöhnlichen Anakonda „sucuriju“ unterschieden wird. So berichtet der deutsche, missionarisch tätige Pater Victor Heinz:

Während der großen Überschwemmungen von 1922, am 22. Mai etwa um drei Uhr um exakt zu sein, wurde ich mit einem Kanu auf dem Amazonas von Obidos heimgefahren; plötzlich bemerkte ich im Mittelstrom etwas überraschendes. Ich erkannte deutlich eine riesige Wasser-Schlange in einer Distanz von ungefähr 27 Metern….
Aufgerollt in zwei Ringen trieb das Monster still und sacht stromabwärts…. Ich schätze dass sein Körper so dick wie ein Ölfass war und dass seine sichtbare Länge ungefähr 24 Meter betrug. Als wir weit genug entfernt waren und meine Bootsmannschaft es wieder wagte zu sprechen, sagten sie das Monster hätte uns wie eine Streichholzschachtel zerschmettert wenn es nicht zuvor mehrere große Capybaras verzehrt hätte.
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Meine zweite Begegnung mit einer riesigen Wasserschlange fand am 29. Oktober 1929 statt. Um der großen Hitze zu entkommen hatte ich entschieden, um etwa 19.00 Uhr flussabwärts in Richtung Alemquer zu fahren. Gegen Mitternacht fanden wir uns oberhalb der Mündung des Piaba, als meine Mannschaft, ergriffen von einer plötzlichen Furcht, hart in Richtung des Ufers ruderte. ’Was ist los?’ rief ich und stand auf. ’Dort, ein großes Tier,’ murmelten sie sehr aufgeregt. Im selben Moment hörte ich das Wasser sich bewegen als ob ein Dampfboot vorbeigefahren wäre. Sofort bemerkte ich mehrere Fuß über der Oberfläche zwei bläulich-grüne Lichter ähnlich den Navigationslichtern auf der Brücke eines Flussbootes und schrie: ’Nein, seht, es ist ein Dampfboot! Rudert zur Seite, so dass es uns nicht umwirft.’
’Que vapor que nada,’ antworteten sie. ‚Un cobra grande!’ Versteinert beobachteten wir das sich nähernde Monster; es wich uns aus und durchquerte den Fluss erneut in weniger als einer Minute, eine Überquerung für die wir im ruhigen Wasser zehn bis fünfzehn mal so lang gebraucht hätten. In der Sicherheit des trockenen Lands fassten wir den Mut und schrien, um die Aufmerksamkeit auf die Schlange zu lenken. In diesem Moment begann eine menschliche Figur am anderen Ufer eine Öllampe zu schwenken, ohne Zweifel weil sie dachte jemand sei in Gefahr. Beinahe sofort stieg die Schlange an der Oberfläche auf und wir waren in der Lage klar die Unterschiede zwischen dem Licht der Lampe und dem phosphoreszierenden Licht der Monsteraugen abzuschätzen. Später, auf meinem Rückweg, versicherten mir die Einwohner dieses Ortes, dass oberhalb der Mündung des Piaba eine sucuriju gigante wohnt.

Aufgrund dieser Erlebnisse fing Pater Heinz an, gezielt dem Mysterium um die Sucuriju gigante nachzugehen. So fand er auch Reymondo Zima, einen portugiesischen Händler, der ihm von einer ähnlichen Begegnung erzählte. Zusammen mit seiner Frau und einem Bootsjungen war dieser am 06. Juli 1930 auf dem Jamunda unterwegs, als sie Licht auf einer Uferseite bemerkten. In dem Glauben, es handle sich das Licht des von ihm gesuchten Hauses, steuerte Zima darauf zu. Als das Licht aber seinerseits mit hoher Geschwindigkeit auf das Boot zuhielt und die hierdurch verursachten Wellen es beinahe zum Kentern brachten erkannten sie, dass es sich um eine riesige Schlange handelt. Das Tier umkreiste mit unveränderter Geschwindigkeit immer wieder das Boot, so dass der Händler sich gezwungen sah an Land zu flüchten. Aufgrund der panischen Situation war der Händler nicht in der Lage, die Länge der Riesenschlange abschätzen. Er vermutete, dass das Tier sein Suchlicht mit einem Artgenossen verwechselte.
Am selben Ort dieser Begegnung sah 1948 Paul Tarvalho, ein Freund von Pater Heinz, während einer Motorbootreise ebenfalls eine riesige Schlange in 228 bis 274 Metern Entfernung aus dem Wasser auftauchen und schätzte ihre Länge auf etwa 46 Meter.

Angesichts des nachfolgenden Berichts des Brasilianers Joao Penha hatten die zuvor genannten Personen wohl ziemliches Glück, dass diese Monsterschlangen nicht noch aggressiver auftraten… Penha befand sich am 27. September 1930 mit seinen zwei Söhnen dabei, zur Erleichterung der Eierablage von Schildkröten die Uferbank des Wasserarms der vom Maruricana-See zum Rio Iguarapé führt zu säubern. Dann sah er plötzlich zwei grüne Lichter hinter einer der hier oft zu findenden Barrieren aus schwimmenden Pflanzen, Baumstämmen und -ästen, die selbst großen Dampfschiffen die Passage erschweren. Zuerst dachte er, es handle sich um einen Fischer, doch plötzlich bebte die gesamte Barriere, was eine schäumende Welle von beinahe zwei Metern erzeugte, vor der er sich schnell in Sicherheit brachte. Alle drei Personen sahen dann, wie sich eine gigantische Schlange aus dem Wasser erhob und die Barriere gute 274 Meter weit schob, bis schließlich der Weg frei war. Während der gesamten Zeit konnten sie die phosphoreszierenden Augen und die großen Zähne des unteren Kiefers beobachten.

Das war nur eine kleine Auswahl von Berichten über Riesenanakondas, Sucuriju gigante und Co. aus Südamerika. Tatsächlich gibt es noch weit mehr (und noch unglaublichere) derartige Berichte, aber im folgenden wird aufgeführt wie diesen Geschichten die zoologische Realität gegenübersteht.

Längenrekorde, Messmethoden und Schlussfolgerungen

Die Große Anakonda (E. murinus) ist die schwerste und bezogen auf eine Kombination der Länge, des Umfangs und des Gewichts die größte Schlange der Welt. Im Wettstreit um den Titel der längsten Schlange der Welt allerdings liegt sie mit dem asiatischen Netzpython (Python reticulatus) im Wettstreit.

Längenrekorde

Noch bis in die 1980ziger Jahre galt selbst unter Experten eine Schlange von angeblich 11, 44 Metern als Rekordlänge einer Anakonda. Der für eine Ölfirma arbeitende Geologe Robert Lamon entdeckte 1939/1940 auf einer Expedition in Ostkolumbien das riesig anmutende Tier im trüben Wasser am Oberlauf des Orinoko. Umgehend eröffnete man das Feuer und zog das augenscheinlich tote Tier an Land. Mit einem Stahlmessband stellten die Männer daraufhin die besagte Länge von 11, 44 Metern fest9. Lamon berichtete seinem Freund, dem Biologie-Professor Emmett R. Dunn von diesem Tier, der nach mehreren
Rückfragen 1944 in einer Publikation über die Reptilien Kolumbiens diesen Bericht als glaubwürdig einstufte. Der Herpetologe R. M. Gilmore schrieb 1954 Lamon an, um dessen Report nochmals zu hinterfragen. An Details konnte dieser sich nach der langen Zeit nicht mehr konkret erinnern, aber soweit er dies noch wisse, vermaß man die Schlange mit einem 4m-Stahlband und musste dieses drei Mal anlegen. Lamon konnte nicht ausschließen, dass es womöglich doch nur zweimal angelegt wurde. Da er den Bericht jedoch kurz nach der Messung weitergab, war er überzeugt die korrekte Länge angegeben zu haben. Dieser Schriftwechsel wurde erst 1993 publiziert und bedeutete spätestens zu diesem Zeitpunkt, dass so viele Zweifel an diesem Bericht bestanden, dass er nicht mehr vertretbar war.

Nachdem dieser Längenrekord somit fallengelassen werden musste, dürfte neuer Rekordhalter nach Ansicht der Riesenschlangenexperten Dr. Lutz Dirksen, Dr. Mark Auliya und Henry Bellosa in ihrem Buch „Faszination Riesenschlangen“ eine 1935 am brasilianischen Coxipo-Fluss getötete Schlange sein, die zu Lebzeiten rund neun Meter lang war. Ihre Haut Haut wurde noch in Brasilien präpariert und gelangte schließlich zum Reptile Discovery Center im National Zoological Park in Washington wo sie restauriert und vermessen wurde. Die kaum gestreckte Haut weist eine Länge von 8,85 Meter und eine Breite zwischen 56 bis 59 Zentimeter auf. Ausgehend von diesen Maßen berechneten die Experten die Länge der Anakonda inklusive des fehlenden Kopfes und des Schwanzes zu Lebzeiten zwischen 8,65 und 9,1 Metern.

Messungen, Schätzungen und Übertreibungen

Längenschätzungen an Schlangen sind schwierigDer Fall des Dunn-Lamon-Rekords zeigt, dass eine exakte, genau dokumentierte und möglichst wiederholbare Messung im Grunde unabdingbar ist. Doch leider gibt es genau in diesem Bereich bei Riesenschlangen bei nahezu jeder Messmethode diverse Hürden die beachtet werden müssen und die von keinem der beschriebenen Berichte des ersten Kapitels ohne Zweifel erfüllt wurden:

Schätzungen sind die ungünstigste Möglichkeit die Länge einer großen Schlange zu ermitteln. Zwar gibt es mitunter Möglichkeiten ein Ergebnis relativ nahe an der tatsächlichen Länge zu erhalten (bspw. wenn der Schätzende erfahren ist mit Riesenschlangen oder die Schlange an längenmäßig bekannten Objekten vorbeikriecht) aber je länger das Tier ist, desto größer ist letztlich die Fehlerquote.
Eine lebende Schlange entsprechender Größe zu vermessen, stellt eine gewisse Herausforderung dar. Selbst bei einer „kleinen“ Anakonda von „nur“ rund 4,5 Metern empfehlen sich zur Bändigung bereits mindestens vier Helfer…
Die Vermessung einer (frisch-)toten Schlange stellt die wohl häufigste angewandte Methode dar. Um anerkannt zu werden, muss aber mindestens ein Zeuge anwesend sein und ein geeignetes Messinstrument verwendet werden. Dies ist leider beim überwiegenden Anteil der historischen Berichte nicht gegeben.
Bei Messungen an einer abgezogenen Haut oder einem Präparat muss beachtet werden, dass die Schlangenhaut dehn- und streckbar ist und die Art der Verarbeitung ebenfalls eine Rolle spielt. Streckungen über 25 Prozent sind hier durchaus im Bereich des Möglichen.

Eine weitere Komponente, die nicht nur im Fall der kryptiden Riesen- beziehungsweise Superschlangen keinesfalls unterschätzt werden sollte ist zudem die Person des Berichtenden bzw. des Messenden und dessen Intention selbst. Sehr oft wird die Länge einer Schlange übertrieben dargestellt, ob absichtlich oder nicht sei dahingestellt.

Genetik, Ökologie und Stoffwechsel

Es gibt und gab nachweislich also riesige Anakondas mit Längen über acht Metern, aber keineswegs sind diese regelmäßig zu finden, im Gegenteil es handelt sich um absolute Ausnahmeexemplare. Mehrere Faktoren spielen beim Wachstum von Riesenschlangen eine Rolle, wobei als grundlegende Voraussetzung die Gene einer Schlange ihr Potential zum Wachstum bestimmen. Hinzu kommen äußere, ökologische Faktoren wie ausreichend Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten, wenig bis keine Verletzungen, Krankheiten oder Parasiten und so weiter. Kommt zu all diesen Faktoren noch ein höheres Alter hinzu, erst dann hat eine Schlange tatsächlich das Potential zu einem Rekordexemplar heranzuwachsen.

Doch selbst unter derart optimalen Bedingungen sind dem Organismus einer Riesenschlange Grenzen gesetzt! Der Umsatz von Nahrung in Körpermasse nimmt im Alter rapide ab, weshalb für eine größere Längenzunahme eine immens größere Nahrungsmenge nötig wäre als in der Jugend und natürlich auch eine entsprechende Verarbeitung! Da dies physiologisch nicht möglich ist, bleibt als Alternative nur ein entsprechend hohes Alter, denn immerhin können Riesenschlangen im Gegensatz zu Säugetieren bis ins hohe Alter weiter wachsen. Doch auch bei ihnen beginnt meist mit der Geschlechtsreife das Wachstum stark abzunehmen. Datenanalysen haben gezeigt, dass selbst ungewöhnlich große und bereits entsprechend alte Tiere nur wenige Zentimeter im Jahr wachsen. Betrachtet man das Höchstalter von Anakondas, das in Gefangenschaft bei 33 Jahren und in der Wildnis im günstigsten Fall zwischen 28 und höchstens 30 Jahren liegt, bietet sich auch hier keine Basis für die Berichte über Riesenanakondas.

Ein Fazit

Der vorliegende Artikel bietet nur einen groben Überblick über die Frage nach der längsten Anakonda beziehungsweise der Existenz einer südamerikanischen „Superschlange“. Gleichwohl dürfte ein wenig klar geworden sein, dass sowohl den Berichten über Riesenanakondas und noch mehr den Märchen über „Superschlangen“ die zoologische Realität gegenübersteht und es unter Würdigung der Umstände und Fakten keine solchen Schlangen gegeben hat, gibt oder geben wird.


  1. Die Große oder Grüne Anakonda ist in Bolivien, Brasilien, Ecuador, Französisch-Guyana, Guyana, Kolumbien, Paraguay, Peru, Surinam und Venezuela sowie Trinidad und Tobago verbreitet.
  2. Derartige Spuren gehen vermutlich ganz profan auf eine Anakonda zurück, deren Körperumfang durch entsprechend große Beute auf diese Maße gedehnt wurde.
  3. Davon ausgehend, dass der seiner Ansicht nach zwar träumerisch veranlagte, aber akkurat berichtende Militär Fawcett nicht einfach die Länge der Schlange abschätzte, spekulierte der Zoologe Dr. Bernard Heuvelmans, dass dieser ohne vorhandene Hilfsmittel schlicht die Länge der toten Schlange (zumindest soweit sie an Land lag) abschritt.
  4. Die Chavante massakrierten 1947 mehrere brasilianische Behördenmitarbeiter, weshalb Francisco Meirelles vom Service for the Protection of the Indians diese Expedition zusammenstellte mit dem Ziel den Stamm zu kontaktieren und Friedensverhandlungen durchzuführen.
  5. Die Chavante (auch Xavante, Shavante, Chavante, Akuen, A'uwe, Akwe, Awen oder Akwen) sind ein im östlichen Brasilien in der Region Matto Grosso lebendes Indianervolk. Sie führten beginnend mit dem 20. Jahrhundert bis etwa 1957 einen ständigen Guerillakrieg gegen die brasilianische Regierung um ihre verbliebenen Territorien zu verteidigen.
  6. Die pflanzenfressenden Capybaras (Hydrochaerus hydrochaeris)sind die größten Mitglieder der Ordnung der Nagetiere (Rodentia). Es sind gedrungene Tiere mit kurzen Vorder- und längeren Hinterbeinen, die eine Körperlänge zwischen 1,00 und 1,30 sowie eine Schulterhöhe von mindestens einem halben Meter aufweisen bei einem Gewicht bis zu 79 Kilogramm. Das braune bis rötliche Haar der gruppenbildenden Tiere ist lang und derb. Die Capybaras kommen nur in Südamerika vor und besiedeln dort Lebensräume von offenem Grasland bis hin zum Regenwald. Obwohl ihr größter Feind (neben dem Menschen) die Anakonda ist, halten sie sich vorwiegend in der Nähe von Wasser auf.
  7. Ohne Hilfsmöglichkeit musste man sich eines Tricks bedienen, die Schnur abzumessen. Man streckte einfach einen Arm aus und hielt die Schnur dann zwischen Zeigefinger und Schulter des anderen Arms.
  8. Nur einen Tagesmarsch von Obidos entfernt, so Heuvelmans, wurde wohl eine derartige Monsterschlange getötet, die gerade dabei war, am Ufer des Lago Grande do Salea ein Capybara zu verschlucken. Der Magen enthielt demnach nicht weniger als vier adulte Nagetiere dieser Art.
  9. Die Schlange war trotz mehrerer Schüsse offenbar doch nicht tot, denn nachdem die Expeditionsmitglieder von ihrem Mittagessen zurückkehrten war sie spurlos verschwunden.

Quellennachweis:

  • Bellosa, Henry / Dirksen, Lutz / Auliya, Mark: „Faszination Riesenschlangen - Mythos, Fakten und Geschichten“, München: BLV-Verlag 2007
  • Dirksen, Lutz: “Anakondas”, Münster: Natur- und Tier-Verlag 2002
  • Fawcett, P. H.: “Exploration Fawcett”, London: Hutchinsons & Co. 1935
  • Heuvelmans, Bernard: "On the track of unknown animals", 3. Aufl. London: Kegan Paul 1995 [Orig.: „Sur la Piste de Bêtes Ignorées", Paris: Plon 1955]
  • Murphy, John C. / Henderson, Robert W.: “Tales of giant snakes – a historical natural history of Anacondas and Pythons”, Malabar (USA): Krieger Publishing Company 1997
  • Petzold, Hans-Günter: “Die Anakondas”, Reprint 2. Aufl. Magdeburg: WestarpWissenschaften 1995

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