23 | 03 | 2017
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Tzuchinoko - ein japanischer Kryptid

Was haben Nessie & Donnervögel, Sasquatch & Mokele-Mbembe, Riesenanakondas & Nandi-Bär miteinander gemein? Nun, nebst der Tatsache, dass es sich dabei um Kryptiden handelt, sind sich die Genannten noch in einem Punkt sehr ähnlich: sie sind groß, wirklich groß, um nicht zu sagen unwahrscheinlich groß. Mindestens Menschengröße, meist aber eher deutlich darüber, zeichnet die Beschreibung vieler bekannter kryptider Lebewesen aus - eben „Monster“, deren weitläufige Popularität sich vielleicht auch auf dieses körperliche Attribut zurückzuführen ist. Doch gibt es auch andere Kryptiden, die - wenn auch von kleinerer Gestalt - durchaus unserer Aufmerksamkeit wert sind. So auch die Kreatur, die in diesen Artikel vorgestellt werden soll. Ausgerechnet in Japan soll sie vorkommen, einem Land, das im Ausland eh meist eher für kleinere Formen - seien es Bonsais, Elektronik oder gar seine menschlichen Bewohner - bekannt ist.

 

Seit ungefähr dem 13., nachweisbar aber vor allem seit dem 17./18. Jahrhundert, wird das Tier in alten Aufzeichnungen erwähnt; auch in jüngerer Zeit gab es vereinzelte Sichtungen (u.a. 1992 & 2000), die mitunter einen lokalen Medientumult a la Nessie verursachten. Der Lokalisation der Augenzeugenberichte zufolge ist es auf der Hauptinsel Honshu sowie in Kyushu & Shikoku im gebirgigen Innenland beheimatet, wobei es meist die Täler zu bevorzugen scheint. Über 40 Namen soll es in Japan haben, die bekannteste- Tzuchinoko- lässt sich grob mit „Sohn der Strohfledermaus“ übersetzen. Nicht nur Sichtungen, auch tote und lebend gefangene Exemplare soll es gegeben haben; ein Zeuge gibt an, sogar eines gegessen zu haben.

Zwei Modelle einer Tzuchinoko

Doch was genau ist ein „Tzuchinoko“? Einer Fledermaus sieht es kaum ähnlich; vielmehr können sich alle Augenzeugen auf eines einigen: das von ihnen beobachtete Tier ist eine – Schlange. Mit etwas unter einem Meter Länge, meist eher noch weniger, erreicht sie nicht unbedingt die Größe, die für einen publikumswirksamen Kryptiden zum weltweiten Erfolg ausreicht. Doch zeichnet sie etwas anderes aus: ihr Dicke. Ihr im Querschnitt pyramidenförmiger Körper ist gut und gern 7-8cm dick, der dreieckige, breite Kopf mit einem schmäleren Hals vom Rumpf abgesetzt und das Hinterteil endet in ein schmales Schwänzchen (dem angeblich Wirbel fehlen). Letzteres wird ähnlich südostasiatischen Baumotter als flexibles Greiforgan verwendet.
Augenzeugen vergleichen die Dicke des Tieres gern mit einer Bierflasche; nach ihren Aussagen angefertigte „Phantomzeichnungen“ lassen indes eher an einen Plattwurm denken. Des Weiteren weist „Tzuchinoko“ noch einige andere ungewöhnliche Charakteristika vor: sehr große Schuppen v.a. am Kopf und über den Augen (diese sehr groß und mit Lidern), keine gespaltene Zunge, und eine doppelte(!) Wirbelsäule. Die Farbe rangiert auf der Rückenseite von Schwarz, Rot bis hin zu irisierendem Grün(das Tier soll indes die Fähigkeit zum Farbwechsel besitzen), durchzogen von schwarzen Flecken; die Unterseite ist meist orange-gelb.
Auch vom Charakter her hat der kleine japanische Kryptid einiges zu bieten: Tzuchinokos sollen sich auf den Schwanz stellen, hoch springen und dabei Gift spucken können, eine Vielzahl Laute von sich geben und - als höchst ungewöhnliche Art der Fortbewegung - als Rad (sozusagen als Ouroboros) zusammengerollt die Hänge herunterrollen. Auch soll das Tier sich nicht schlängelnd, sondern geradlinig bewegen.

Während einige der genannten Charakteristika sich zweifelsohne als Übertreibungen, Fehlinterpretationen und Volksmythen deuten lassen, stellt sich nichtsdestotrotz die Frage: was ist ein „Tzuchinoko“? Mögliche Erklärungen:

  1. Mamushi - eine japanische GrubenotternartFehlidentifikationen bekannter Schlangenarten: Das vermutliche Verbreitungsgebiet des Tzuchinoko ist Lebenraum verschiedenster Schlangenarten, darunter sowohl Vertreter der Typhlopidae (Blindschlangen), Colubridae, Elaphidae (Giftnattern) & Viperidae (Vipern, Ottern). Einzelne Merkmale des Tzuchinoko lassen sich dabei unterschiedlichen Schlangen zuschreiben- so etwa z.B. die Geräusche (Elaphe taenuria subsp.) oder die großen Augenschuppen (einige Viperidae). Auch die besonderen Merkmale wie „doppelte“ Wirbelsäule, Augenlider oder die nicht gespaltene Zunge lassen sich als besonders geformte/gefärbte Schuppen oder fehlgedeutete Zungenpigmentierung erklären, wie sie auch bei verschiedenen japanischen Schlangenarten vorkommen. Eine der wahrscheinlichsten Kandidaten für die Erklärung zahlreicher Tzuchinoko-Sichtungen ist die Mamushi (Gloydius blomhoffii blomhoffii), eine in Japan recht weit verbreitete Grubenotter. Ungewöhnlich gefärbte, mißgeformte, sich häutende oder gerade ein größeres Beutetier verdauende Exemplare könnten als Tzuchinokos fehlgedeutet worden sein.
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  2. Eine neue (Unter-)Art? Einer von DETHIER/SAKAMOTO aufgestellten Theorie zufolge ließen sich die außergewöhnlichen Attribute- allen voran die ungewöhnliche Dicke- des Tzuchinokos auf eine bislang unbekannte Unterart der Mamushi zurückfolgen, ggf. sogar auf eine neue Gloydius-Art. In diesen Zusammenhang sei noch auf eine andere Gattung aus der Familie der Viperidae hingewiesen- die der in Afrika vorkommenden Bitis-Arten, zu denen unter anderem die Gabun- und Nashornviper zugerechnet werden. Viele der genannten Besonderheiten des Tzuchinoko, etwa die ungewöhnliche breite, dicke Körperform, die geradlinige Fortbewegung oder die großen Schuppen finden sich bei einigen Bitis-Arten, so etwa bei der afrikanischen Gabun-Viper (Bitis gabonica), wieder. Auch wenn die Möglichkeit der Existenz einer bislang unbekannten Bitis sp. in Japan eher wenig wahrscheinlich erscheint, könnte sich die Ähnlichkeit der Tzuchinoko-Beschreibung mit den Bitis-Arten vielleicht mit einer dazu konvergenten Entwicklung einer anderen Viperidae-Gattung, z.B. Gloydius, erklären.
  3. Die Skink-Theorie. Seit den 1970igern sind Blauzungenskinke (Tiliqua) als exotische Heimtiere in Japan legal haltbar; auch davor gab es sicherlich bereits erste japanische Halter dieser in Australien und Neuguinea beheimateten Echsen. Wie auch hierzulande gibt es in Japan aber leider auch immer wieder Tierhalter, die ihrer Verpflichtung den von ihnen gehaltenen Tieren gegenüber nicht mehr nachkommen wollen und diese dann aussetzen.
    Gabun-Viper und Blauzungenskink
    Vielleicht lassen sich einige der Tzuchinko-Sichtungen der neueren Zeit, v.a. diejenigen, die dem Tzuchinoko eher freundliche Eigenschaften zuschreiben, auf ausgesetzte Tiliqua-Exemplare zurückführen; dies ist allerdings nur für einen sehr geringen Anteil der Sichtungen wahrscheinlich und erklärt nicht weiter zurückliegende Sichtungsberichte. Zwar kann der Tzuchinoko hinsichtlich Körpergröße den meisten bekannteren Kryptiden nicht das Wasser reichen; im Sinne der Originalität und vielleicht auch Plausibilität seiner Deutung lässt er aber manch einen der „Großen“ hinter sic


Quellennachweis: ·

  • Dethier, Michael / Dethier-Sakamoto, Ayako: "The Tzuchinoko, an Unidentified Snake from Japan"
    In: Cryptozoology Vol. 6, Tucson: 1987 ·
  • Bauer, Aaron M. / Russel, Anthony P. "Evidence for the Tzuchinoko equivocal",
    In: Cryptozoology Vol. 7, Tucson: 1988 ·
  • Shuker, Karl P.N.: „The Beasts that hide from Man", Paraview Press, New York: 2003

Bildnachweis: