24 | 03 | 2017
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Die rätselhaften Dickhäuter Ozeaniens: Teil II

Elefanten in Oz :Mastodon australis und Notelephas australis

 

Die wohl mysteriösesten Fossilfunde, die je auf australischem Boden gemacht worden sind, sind sicherlich die fossilierten Überreste von Rüsseltieren auf dem roten Kontinent.  Versteinerte Zähne und Stoßzähne von Elefanten wurden im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach aus Australien vermeldet. Aufgrund der biogeographischen Implausibilität höchst umstritten beschrieb der große Wirbeltieranatom des 19.Jahrhunderts Sir Richard Owen eine neue Gattung und zwei neue Arten von Rüsseltieren aus Oz. Lange Zeit als kuriose Schlampigkeit in Owens Werk belächelt, stieß ausgerechnet der herausragende Säugetierpaläontologe Australiens unserer Tage Prof. Michael Archer Ende der 1990er-Jahre auf einen weiteren versteinerten Stoßzahn des Australischen Elefanten.

Die Fossilfunde im 19. Jahrhundert und Owen’s Beschreibungen

Der erste 1843 gemachte Fund von Rüsseltier-Fossilien in Australien kam durch Sir Richard Owens Beschreibung aus dem Jahr 1844 zur allgemeinen Kenntnis ( Owen, 1844). Owen beschrieb ausgehend von einem Backenzahn die neue Art Mastodon australis. Der Zahn, es handelte sich wohl um einen unvollständig ausgebildeten 4. Molaren, stammte aus dem linken Unterkiefer eines Rüsseltieres und war in einer Höhle im Inland von New South Wales im Südosten Australiens gefunden worden. Der Aborigine, der den von ihm gefundenen Zahn verkaufte, berichtete, dass er noch weitere und zum Teil größere Zähne gesehen habe. Eine genaue Lokalisation der Fundstelle und somit eine Altersbestimmung des Fundes konnte allerdings nicht gemacht werden, Owen berief sich in seiner Beschreibung auf die kryptische Formulierung, “found in a cave further in the interior than those of Wellington”.  In der Folgezeit musste diese paläontologische Absonderlichkeit einiger Kritik stand halten. Der Schotte Falconer, dem zu Ehren die Schraubenziege und der pleistozäne sizilianische Zwergelefant ihren Artnamen tragen,  und  der Australier Anderson griffen Owens Arbeit vehement an und kamen beide zu dem Schluss, dass es sich bei dem Zahn um das Fossil eines südamerikanischen Mastodons, Mastodon andium, handeln müsse und von daher auszuschließen sei, dass der Fund aus Australien stammen könne (Falconer 1868, Anderson 1933). Demzufolge müsste das Fossil bewusst oder unbewusst mit falschem Fundort angegeben oder von jemandem in der Wildnis New South Wales deponiert worden sein. Doch eine Koryphäe wie Owen dürfte trotz allem publizistischen Eifer nicht jeder unglaubwürdigen Schilderung der Fundumstände gefolgt sein. Und bei dem Mann, der den Zahn für die europäische Wissenschaft entdeckte und ihn in Australien kaufte, handelte es sich auch um niemand geringeren als den berühmten polnischstämmigen australischen Entdecker und Abenteurer Paweł Edmund Strzelecki, nach dem heute zahlreiche Lokalitäten in Australien benannt sind. Tatsächlich aber bereiste Strzelecki 1836 auch die südamerikanische Westküste und könnte dort in den Besitz eines solchen südamerikanischen Mastodonzahnes gekommen sein. Um ihm aber einen solchen Betrug zu unterstellen, fehlt jeder Hinweis.

Auf einer Konferenz im Jahre 1862 von Falconer direkt mit der schwachen Beweislage für Mastodon australis konfrontiert, nötigte dieser Owen zu einem öffentlichen Rückzug von seiner Beschreibung, die auf „loose and possibly inaccurate“ Daten zurückgehe. Bestärkt habe Owen sich hierbei dadurch gesehen, dass auch in den letzten 20 Jahren nach dem ersten Fund keine weiteren Belege, die M. australis stützen könnten, entdeckt wurden.

Diese paläontologische Kuriosität gilt heute leider als in den Untiefen des Natural History Museums in London verschollen.

Doch nach weiteren 20 Jahren sollte das Finderglück Owen noch einmal zuhilfe kommen, denn es erreichten ihn drei große und zahlreiche kleine Fragmente eines Elefantenstoßzahnes, die ein Fred N. Isaac im Südosten Queenslands ebenfalls an der Ostküste in einer Schlucht in der Darling Downs Region gefunden hatte ( Owen 1882). Dessen Neffe E. Thurston Hollande sorgte für die Verschiffung dieser Rarität zu dem berühmten Anatomen. Die Fragmente waren sehr oberflächlich abgelagert, was für ein geologisch jüngeres Alter spricht.  Owen beschreibt von diesem Stoßzahn ausgehend die neue Gattung und Art Notelephas australis, das “südliche Südelfenbein”. Durch diesen weiteren Rüsseltierfund bestärkt kommt Owen in seiner Beschreibung auch noch einmal auf Mastodon australis zu sprechen. Er sieht den Fall für die Authentizität von M. australis durch einen weiteren Rüsseltierfund auf australischem Boden gestärkt, räumt aber aufgrund der Größenverhältnisse ein, dass der große Backenzahn und der kleine Stoßzahn nicht zur selben Art gehören könnten.

Natürlich blieb auch diese Darstellung nicht unwidersprochen und Lydekker äußerte sich 1886 kritisch über Notelephas australis (Lydekker 1886). Seiner Meinung nach sei es nicht zu bestimmen, ob der Stoßzahn nicht doch von Elephas oder Mastodon stamme. Demnach sei mindestens die Aufstellung einer neuen Gattung verfehlt. Longman schließlich äußerte sich abwägend 1916 in der für lange Zeit letzten Veröffentlichung über Notelephas, dass es zwar unwahrscheinlich sei, dass der Stoßzahn wirklich aus Australien komme, es aber gegenwärtig keinerlei Argumente gegen die von Owen gemachten Schlussfolgerungen gebe (Longman, 1916).

Die Fragmente des kleinen Stoßzahnes lassen sich heute in der Sammlung des Natural History Museum in London finden.

Auf diesem Stand verharrte die Kenntnislage bezüglich australischer Elefanten lange und bis in die späten 1990er Jahre fanden sie höchstens als Kuriositäten Einzug in historische Darstellungen der Geschichte der Wirbeltierpaläontologie Australiens (z.B. Vickers-Rich & Archbold, 1991). In diesen Abhandlungen setzte sich auch die nicht unbedingt durch Argumente gestützte Sichtweise durch, dass es sich bei M. australis und Notelephas schlicht um Etikettierungsfehler oder gar üble Scherze aus weniger zivilisierten Tagen handelte.

Archer’s Fossilfund und “Bloaters & Floaters”

Auf diesem Stand wäre die Diskussion um den Australischen Elefanten wahrscheinlich auch verblieben, wäre nicht ausgerechnet Michael Archer, der heutige Doyen der australischen Säugetierpaläontologie 1999 geradezu über einen weiteren versteinerten Stoßzahn gestolpert ( Archer, 1999). Im Schaufenster eines Ladens im westaustralischen Dandaragan entdeckte Archer bei einem Aufenthalt einen weiteren kleinen fossilierten Stoßzahn. Der Besitzer machte Archer gegenüber glaubwürdig, dass er ihn in den Dünen an der Küste vor Dandaragan gefunden hatte. Dieser dritte Beleg für einen Australischen Elefanten wurde von Archer fotografiert und davon ausgehend beschrieben. Er war deutlich kleiner als der 1882 von Owen beschriebene Stoßzahn.  Leider waren abermals die genauen Fundumstände nur ungenau zu rekonstruieren, aber mit drei verschiedenen Fossilfunden von den beiden Küstenregionen – fast 4.000 km voneinander entfernt - aus drei australischen Bundesstaaten, konnte der “südliche Südelefant” als Phänomen nicht mehr so leicht wie zu den Tagen Falconer’s vom Tisch gewischt werden.

Archer machte sich nun seine eigenen Gedanken und präsentierte in seiner Veröffentlichung einen eigenwilligen Lösungsvorschlag.

Für ihn waren die Belege für eine über Australien verbreitete Population von Rüsseltieren in der jüngeren Vergangenheit nicht ausreichend. Stattdessen vermutete Archer, ausgehend insbesondere von dem von ihm entdeckten Stoßzahn aus Dandaragan, dass vielmehr ein besonderes taphonomisches Phänomen hinter dem “Südelefanten” stecke. Plakativ von Archer als “Bloaters and Floaters”, frei übersetzbar als “aufgebläht und oben treibend”, betitelt, stellte er ein Modell auf, wie die später fossilierten Überreste von Elefanten, die nie in Australien lebten, dorthin gelangen konnten. Für Archer von eminenter Bedeutung war der Fundort in den Dünen an der Küste, wo der Stoßzahn durchaus von auswärts hätte angespült werden können. Dabei ist aber zu beachten, dass Stoßzähne nicht schwimmen und die nächsten gesicherten Rüsseltierpopulationen erdgeschichtlich nie näher als 6-7.000 km Seeweg von Westaustralien entfernt lebten. Also hätte der Stoßzahn eines gut seetauglichen Vehikels bedurft, hätte er von See kommen sollen. Rüsseltiere sind zwar bekanntermaßen gute Schwimmer, doch, dass sie nach Westaustralien oder Queensland geschwommen sein sollen, um dort zu verenden, darf nicht angenommen werden. 

Archer machte sich für sein Modell nun einige wenige bekannte Zwischenfälle zunutze, bei denen die aufgedunsenen Kadaver von Elefanten große Strecken über See zurückgelegt hatten. Von Fäulnisprozessen ausgehend werden in intakten Kadavern, nachdem die Bakterien des Darms die dortige Epithelbarriere überwunden haben, große Mengen Leichengase in die Körperhöhlen freigesetzt. Bleiben diese intakt entstehen große gasgefüllte Blasen, die den Kadaver an der Wasseroberfläche halten können. Ab einem gewissen Auftrieb hebt sich soviel vom Kadaver aus dem Wasser, dass er zudem eine gute Angriffsfläche für den Wind bietet und somit übers Meer “segeln” kann.

Ein derartiges Erklärungsmuster muss beispielsweise für einen 1986 von hoher See aus angespülten Elefantenkadaver angenommen werden, den man über Nacht in einem Kanal auf einer Insel der Florida Keys gefunden hat. Die Küstenwache kam zu der Überzeugung, dass der aufgeblähte Kadaver auf offener See von einem Frachtschiff geworfen wurde und dann über Tage hinweg im Meer trieb und dann zum Erstaunen der Anwohner angespült wurde. Die Küstenwache ihrerseits schleppte ihn wieder hinaus und stach ihn dann auf hoher See an (Anonymus, 1986).

Erklärt die Theorie von “Bloaters and Floaters” aber alle Funde hinreichend und nicht nur den Dandaragan-Stoßzahn? Selbst wenn man den zweifelhaften Backenzahn aus New South Wales außer Betracht lässt, wurde der erste Stoßzahn weit im Landesinneren von Queensland, der Darling Downs – Region, gefunden. Dabei muss man zusätzlich noch bedenken, dass sich die Küstenlinie seit dem Ende der letzten Eiszeit stark ins Landesinnere von Queensland vorgearbeitet hat, so dass die Darling Downs erdgeschichtlich noch viel inländischer lagen. Dass er angespült wurde, erscheint daher nicht wahrscheinlich.

Was bleibt also vom Australischen Elefanten auch nach über 150 Jahre seit der Erstbeschreibung übrig?

Drei räumlich über den gesamten australischen Kontinent verteilte rätselhafte Fossilfunde, die leider nur wenige Informationen preisgeben. Bedauerlicherweise wurde keines der Fossilien originär von einem Paläontologen oder zumindest einer wissenschaftlichen Fachkraft entdeckt, immer ist man auf die Glaubwürdigkeit und wissenschaftliche Integrität der Aussagen der Finder angewiesen, die teilweise sicher angezweifelt werden dürfen. Eine genaue Altersbestimmung erfolgte nicht, es spricht aber manches dafür, dass die Fossilien nicht älter als das Pliozän, also höchstens 5 Mio. Jahre alt, sind.  Die Fossilien erlauben auch keine genaueren Aussagen über ihre exakte Affinität im Stammbaum der Rüsseltiere. Auffällig ist der Größenunterschied zwischen erstem und zweitem entdeckten Stoßzahn sowie die Größendiskrepanz zwischen dem Backenzahn und den Stoßzähnen. Vieles spricht dafür den ersten Fund des Backenzahnes anzuweifeln und ihn, zumal er verschollen ist,  für seriöse Betrachtungen auch außer Acht zu lassen.

Übrig bleiben also die beiden Stoßzähne. Folgt man Archer und nimmt an, dass der westaustralische Stoßzahn mit einem weit herumgekommenen Elefantenkadaver angespült wurde, lässt sich der einzige verbliebene Beleg leicht als weiterer Schwindel oder Missverständnis abtun. Denkbar überdies auch, dass die Fossilien als Handelsgut aus Indonesien über Seefahrer nach Nordaustralien gelangten und von dort über den Kontinent verteilt wurden. Ein solches Vorgehen erscheint aber aufgrund des Vorhandenseins von drei unabhängig voneinander über den Zeitraum von 150 Jahren gefundenen Belegstück übermäßig kritisch.

Stattdessen ließe sich aus den Funden auch das Modell einer von Indonesien her unter Überwindung der Wallace-Linie eingewanderten Linie von echten Elefanten oder Stegodonten ( in der erdgeschichtlichen Vergangenheit im indonesischen Archipel verbreiteter Verwandte der amerikanischen Mastodonten) entwickeln. Gerade indische Elefanten sind belegterweise ausdauernde Schwimmer und auch die Stegodonten müssen das indonesische Archipel teils schwimmend besiedelt haben. Eine mögliche Kolonisierung der australasischen Landmasse durch Rüsseltiere über eiszeitlich verengte Meeresstraßen hinweg ist nicht von der Hand zu weisen. Die australischen Ökosysteme boten, wie sich im Auftreten der Riesenwombats wie Diprotodon zeigt ausreichend Nischen für warmblütige Megaherbivoren. Möglich also, dass eine kleine Gründerpopulation von Rüsseltieren die zumindest zeitweise Etablierung auf dem roten Kontinent schaffte und die Spezies dabei im Laufe der Zeit auch schrumpfte oder wuchs, was die Größenunterschiede zwischen den Stoßzähnen erklären könnte.

Für ein solches Modell fehlt allerdings noch der unumstößliche Beleg. Aus den enigmatischen Bruchstücken, die uns vorliegen, lässt sich das eine wie das andere Modell entwickeln. Wobei es gegenwärtig sicher ein schwieriges Unterfangen ist, zu entscheiden, welches der beiden Modelle abwegiger ist, also die Missidentifizierung und Verschleppung der Fossilien nach Australien oder die Existenz indigener plio- oder pleistozäner Rüsseltiere Australiens.

Somit bleibt  wohl nur - wie  Sir Richard Owen einst in seiner Auseinandersetzung mit Falconer 1862 -  auf weitere Fossilfunde zu hoffen, die dann aber hoffentlich wissenschaftlich eindeutig verwertbare Informationen liefern und die Fragen , die wir über den Australischen Elefanten haben, endlich beantworten können.