23 | 10 | 2014
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Marozi - die gefleckten Löwen Kenias

"Karibu Kenia" - Willkommen in Kenia. Kein anderes Land in Afrika wird so sehr mit unberührter und wilder Natur in Verbindung gebracht wie diese an der ostafrikanischen Küste gelegene Republik. Kenia ist ein Schmelztiegel der Kulturen und hat deswegen auch wie ganz Afrika mit Überbevölkerung und sozialen Konflikten Probleme, aber wohl kaum ein anderer afrikanischer Staat ist im eigenen Interesse so um seine Umwelt engagiert. Insgesamt umfasst das Land neunundfünfzig Naturschutzgebiete, darunter auch so bekannte und flächenmäßig riesige wie die berühmte Masai Mara oder das geheimnisumwitterte Tsavo, das Reich der mähnenlosen, menschenfressenden Löwen.Kaum einhundert Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt beginnt denn auch schon eines der ersten Schutzgebiete, der Nyandarua Nationalpark, dessen eindruckvollste Attraktion die gleichnamigen Berge sind. Jener Gebirgszug, der bis vor einigen Jahrzehnten zu Ehren Lord Aberdares, des bei der Entdeckung amtierenden Präsidenten der königlich geografischen Gesellschaft in London, noch Aberdare-Gebirge hieß, schließt direkt im Osten an den „Kinyaa“, den „leuchtende Berg", mit fünftausenzweihundert Metern Höhe nach dem Kilimandscharo der zweithöchste Berg Afrikas, an die Aberdares an. Der als Mount Kenya bekannte Vulkanberg, dessen von den weißen Entdeckern verballhornter einheimischer Name seit langem das ganze Landes bezeichnet, ist auch heute noch trotz moderner Fortbewegungsmittel relativ unzugänglich. Diese Bergregionen, der Mount Kenya und das Nyandarua-Gebirge, hüten ein kryptozoologisches Geheimnis, dessen Geschichte für die westlichen Kolonialmächte im Jahr 1903 seinen Anfang nahm.

Der britische Offizier Richard Meinertzhagen hörte in diesem Jahr zum ersten Mal, wie die einheimischen Kikuyu von einer ihm unbekannten Raubkatzenart sprachen, die sie Marozi nannten. Zwar zeigte sich Meinertzhagen an diesen wohl seltsamen Großkatzen interessiert, war aber zu diesem Zeitpunkt einem völlig anderen Tier auf der Spur. 1904 entdeckte der Offizier tatsächlich das ebenfalls nur aus einigen wenigen Berichten bekannte Riesenwaldschwein (Hylochoerus meinertzhageni). So waren die Aussagen der Kikuyu über eine unbekannte Großkatzenart, die nur in den höheren Lagen der Bergwälder lebt, lange Zeit vergessen. Selbst als im Jahr 1924 der bekannte Naturkundler und Parkaufseher Blayney Percival von einem selbst erlegten Löwenpärchen mit äußerst ungewöhnlichem Fell berichtete, erregte dies keine nennenswerte Aufmerksamkeit. Und so wären die Marozi wohl, wie so viele andere unentdeckten und geheimnisvollen Tiere, als Märchen und Aberglaube von Halbwilden und einiger Spinner abgetan worden, wenn nicht 1931 absolut unwiderlegbare physische Beweise für ihre Existenz aufgetaucht wären. Der kenianische Farmer Michael D. Trent befand sich allein in den Aberdare Mountains auf einer Großwildjagd und hatte dazu auf etwa 3048 Metern Höhe einen Wasserbock als Köder angebunden. Kurze Zeit später gelang es ihm zwei durch die leichte Beute angelockte Löwen, ein Weibchen und ein Männchen, zu erlegen.

Zeichnung eines Marozi-Weibchens

Zwei Löwen, deren Fellmuster jedoch dem eines Leoparden entsprach. Trent, der sich zwar in der afrikanischen Wildnis auskannte, die Bedeutung seiner Jagdbeute aber nicht wirklich erkannte, zog den Löwen wie gewöhnlich das ungewöhnliches Fell als Trophäe ab und ließ die restlichen Kadaver achtlos liegen. Durch eine glückliche Fügung des Schicksals gelangten die Felle jedoch wenig später zur Wildaufsichtsbehörde in Nairobi, wo man glücklicherweise ihren wahren Wert erkannte. Da Kenia zur damaligen Zeit noch zu Großbritannien gehörte, wurden sie nach London ins Natural History Museum verbracht, wo Reginald Pocock, der Experte für die Gattung Felidae der damaligen Zeit, sich an die Untersuchung dieser mysteriösen Felle machte.
Das etwa dreijährigen, fast geschlechtsreife Männchen war zu Lebzeiten insgesamt schätzungsweise rund 2, 64 Meter lang, wovon etwa 84 Zentimeter auf den Schwanz entfielen. Es war somit größer als ein Leopard, aber dennoch kleiner als ein Löwe vergleichbaren Alters. Die kurze Mähne variiert in der Farbe wie bei anderen Löwen zwischen gelbbraun, grau und schwarz. Am außergewöhnlichsten ist natürlich die Fellfärbung der beiden Tiere. Löwen haben im Gegensatz zu anderen Großkatzen wie Tigern oder Geparden keine besondere Fellzeichnung. Sie haben am ganzen Körper eine sandfarbene Grundfärbung, ausgenommen an der Bauchunterseite wo die Farbe letztendlich ins Weiße übergeht. Die zwei untersuchten Tierfelle aus Kenia verfügten kurioserweise längs des gesamten Körpers über schwarze, klar sichtbare, rosettenartige Fellflecken, so wie sie der Leopard oder sein südamerikanischer Verwandter der Jaguar besitzen (auch wenn diese bei letzterem im Detail etwas anders aussehen), sowie einer komplett schwarzen Linie entlang der Wirbelsäule. Die größte dieser Rosetten weist einen Durchmesser von 8,4 auf 4,5 Zentimeter auf und ihre Farben reichen von graubraun bis schwarz, wobei im Zentrum der Rosetten der Farbton allgemein etwas dunkler ausfällt. Pocock lag zudem ein Schädel zur Untersuchung vor, der angeblich einem der beiden Tiere zuzuordnen war. Da Michel D. Trent nur das Fell mitgenommen hatte und dieser Schädel erst im nachhinein nahe des ursprünglichen Todesortes der beiden Löwen gefunden wurde, bestehen insgeheim Zweifel an der tatsächlichen Zugehörigkeit des Schädels zu den Fellen. Der Kopf wies alle Zähne einer gesunden Raubkatze auf, lediglich der untere Kieferknochen fehlte und das genaue Geschlecht des lebenden Tieres war nicht mehr zu bestimmen. Pocock war aufgrund einiger spezifischer Wachstumsmerkmale der Meinung, dass es sich altersmäßig durchaus um ein gleichaltriges Tier handeln könnte und der Schädel somit zu den erlegten Tieren gehörte.
Leopard mit charakteristischen FleckenBereits vor Reginald Pococks Untersuchungen machte sich ein junger Abenteurer namens Kenneth Gandar Dower auf, um die Flora und Fauna Afrikas zu entdecken und zu erleben. Zusammen mit Raymond Hook, einem Mann, der heute Farmer, morgen Jäger und dann Kundschafter war, rüstete er 1933 eine Expedition auf der Suche nach den geheimnisvollen Marozi aus. Keinen der geheimnisvollen Löwen konnte er mit eigenen Augen sehen, aber er fand die Spuren eines Pärchens, die in ihrer Größe genau zwischen Löwe und Leopard lagen. Diese Großkatzen waren zudem offenbar hinter einigen Büffeln her, so dass die Vermutung nahe lag, es könnte sich hier um jagende und somit ausgewachsene Tiere handeln. Noch weitere Spuren wurden während dieser Expedition gefunden, immer auf einer relativ großen Höhe. Dower hatte wie erwähnt nicht das Glück einen Marozi zu sehen und brachte so lediglich weitere Indizien von seiner Reise mit. Sein wirklicher Erfolg war von gänzlich anderer Art, denn vier Jahre nach seiner erfolglosen Suche veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel "The Spotted Lions" das von seiner Expedition und den bisherigen Erkenntnissen auf der Suche nach den Marozi handelte und welches große Aufmerksamkeit in der britischen Presse und der Bevölkerung hervorrief.
Ein weiterer Erfolg des Buches war das Auftauchen mehrere neue Berichte von verschiedenen Abenteurern und Kenia-Reisenden. Einer davon war G. Hamilton-Snowball, der eine interessante Begegnung in den Aberdares mit mehreren Marozi hatte. Das erste mal hörte dieser bereits von den gefleckten Löwen nachdem er einen Leoparden geschossen hatte, der ungewöhnlich groß und dunkel gefärbt war. Seine Kikuyu-Träger erzählten ihm dies sei kein normaler "chui" (Leopard), sondern ein "damasia". Der "damasia" würde sich genauso von Leopard unterscheiden, wie ein Löwe von einem Marozi. Im Herbst 1923 überquerte Hamilton-Snowball gerade zu Fuß die Berge, als er auf 3500 Kilometern Höhe zwei Löwen erblickte, die sich in 182 Metern Entfernung zu ihm bewegten. Er hielt sie aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse die zu dieser Tageszeit herrschten für zwei sehr gelbbraun gefärbte und durchnäßte Leoparden, als seine Träger eindringlich immer wieder einen Namen murmelten. "Marozi, Marozi". Nachdem die zwei Tiere zu ihrem eigenen Glück in dem nahegelegenen Wald verschwanden, befragte der Großwildjäger seine Begleiter nach diesen Tieren. Sie erzählten ihm, dass die Marozi hier oben in den Bergwäldern lebten und immer nur zu zweit unterwegs wären.
Auch nach Gandar Dowers Tod kamen noch immer weitere Berichte aus Kenia. Powy Cobb, der die Fauna Afrikas sehr gut kannte, war davon überzeugt, dass im Mau-Wald eine unbekannte Löwenart lebt. Er überraschte auf einer der in letzter Zeit regelmäßigen Patrouillen, die er unternahm da eine unbekannte Großkatze bereits mehrere Kühe seiner Farm attackiert hatte, eine größenmäßig zwischen Leopard und Löwe liegende Raubkatze. Er verfolgte das Tier bis in den dichten Wald, musste dort jedoch die Verfolgung aufgeben. Die später gefundenen Fußspuren ähnelten denen eines kleinen Löwen.

Die Berichte und Indizien über eine andersartige Löwenart in den Bergen Kenias sind also reichlich vorhanden und allen Einheimischen der damaligen Zeit waren die Marozi wohlbekannt. Mehr als fünfzig Jahre lang waren die geheimnisvollen, gefleckten Löwen ein vieldiskutiertes Thema in den Gesprächen der westlichen Wissenschaftler. Es bleibt dennoch bis heute ungeklärt, was es mit den Marozi tatsächlich auf sich hat. Eine der vielen zur damaligen Zeit aufgekommenen, unwahrscheinlicheren Theorien war, dass es sich bei allen Sichtungen oder vielmehr bei den Rossetten lediglich um Sinnestäuschungen, verursacht durch Licht- und Schattenspiele der Sonne handelte. Das war aber durch die Felltrophäen von Michael D. Trent nicht wirklich haltbar.
Nach der Geburt eines Jungtieres im japanischen Koshien Zoo in Nishinomiya, dessen Vater ein Leopard und dessen Mutter eine Löwin war, kam frischer Wind in die Diskussionen. Dieser sogenannte Hybrid, den man in der Fachsprache Leopon (engl. Wortzusammensetzung zwischen "Leopard" und "Lion") nennt, war mit den Flecken seines Vaters übersät und trug als genetisches Merkmal seiner Mutter eine schwach entwickelte Mähne. Die Größe des ausgewachsenen Tieres lag genau zwischen derjenigen der Eltern. Somit war ein Leopon also der perfekte Kandidat als Erklärung für die Marozi. Doch es gibt gravierende Gegenargumente, denn während in Gefangenschaft durch Einfluss des Menschen gelegentlich solche Hybriden auftreten, ist dies in freier Wildbahn nahezu niemals der Fall. Löwen und Leoparden bewohnen in Afrika zwar weitgehend dieselben ökologischen Regionen, doch verhindert eine den meisten Tierarten angeborene Artschranke und teilweise auch körperliche Inkompatibilität, die geschlechtliche Verbindung von zwei unterschiedlichen Arten. Auch sind, bis auf wenige Ausnahmefälle, alle männlichen Hybriden unfruchtbar, können also keinen eigenen Nachwuchs zeugen.
Der Vorschlag von W. Robert Foran, es könnte vielleicht eine eingewanderte Population von somalischen Löwen sein (Panthera leo somaliensis), die zudem noch Flecken entwickelten, scheint ebenso zu gewagt und konstruiert sein.

Löwenjunges mit typischen FellfleckenWas bleibt ist die einfachste und logischste Erklärung: die Marozi sind das, als was die Kikuyu sie schon immer sahen - gefleckte Löwen.
Jedes normale Löwenjunge hat von Geburt an gleichförmige Rosetten wie ein Leopard, die dem Jungtier in den ersten Lebensmonaten vermutlich als Tarnung dienen. Diese sind allerdings wesentlich heller in der Farbe und heben sich deswegen kaum vom restlichen Fell ab. Sie verschwinden bereits im Alter von etwa sechs Monaten, auch wenn es belegte Fälle von Löwen gibt, wo diese durch einen genetischen Fehler noch beim erwachsenen Tier vorkamen. Von Skeptikern wurde sogleich gemutmaßt, bei den Marozi könnte es sich um solche Tiere handeln. Angesichts der relativ geringen Zahl dieser Mutation und der wesentlich helleren Rosetten kann diese Vermutung getrost als unrichtig ignoriert werden. Was die Ausführungen dieses Absatzes aber zeigen ist, dass Löwen in ihrem genetischen Code bereits die Eigenschaften für eine Rosettenbildung besitzen. Die Theorie kam auf, dass das ungewöhnliche Fell durch einen Defekt in diesem Code entstanden, ähnlich wie bei den bekannten weißen Tigern. Die räumliche Beschränkung der Marozi auf Bergwälder wäre dadurch jedoch nicht erklärt, denn es gäbe keinen Grund warum die Tiere nicht auch in der offenen Savanne leben würden. Gandar Dower war der erste, der die Vermutung (und auch die stille Hoffnung) hegte, dass die Marozi ursprünglich Löwen waren, die sich im Laufe der Zeit sowohl sozial als auch körperlich an das Leben in den höheren Waldgebieten angepasst hatten. Obwohl die genaue Funktion der verschiedenen Fellmuster von Großkatzen noch heute nicht genau entschlüsselt ist, liegt eine der Hauptfunktionen in der Tarnung. Da der genetische Code für eine Fleckenbildung bereits mit der Geburt der Jungen feststeht, wäre die Entwicklung dieses Tarnmusters also in evolutionärem Zeitmaßstab relativ gering ausgefallen. Sowohl Reginald Pocock als auch Colonel C. R. S. Pitman, einer der damaligen angesehensten und erfahrensten Wildhüter, waren davon überzeugt, dass in den Bergen von Kenia eine kleinere Löwenart existiert. Bernard Heuvelmans, der große Vater der Kryptozoologie, gab den Marozi in seinem berühmten Buch "On the Track of unknown animals" im Jahr 1955 vorläufig den Artnamen "Leo maculatus" (lat.: gefleckter Löwe), den aber natürlich erst ein Skelett oder die Studie des gesamten Tieres bestätigen könnte. Seit dem Ende der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es keine Sichtungen der Marozi mehr, so dass das Geheimnis der gefleckten Löwen zusammen mit den zwei einzigsten Beweisen für ihre reale Existenz in den Räumen des Londoner Naturkundemuseums liegt und auf seine Lösung wartet...

 


Quellennachweis:

  • Coleman, Loren / Clark, Jerome: "Cryptozoology A to Z" New York: Fireside 1999
  • Eberhart, George M.: "Mysterious Creatures" Santa Barbara: ABC-Clio 2002
  • Heinselman, Craig: "Marozi: How the Lion Got His Spots"
    URL: http://www.cryptozoology.com/cryptids/marozi.php [Stand: 23.02.05]
  • Heuvelmans, Bernard: "On the track of unknown animals" 3. Aufl. London: Kegan Paul 1995 [1 Aufl. Orig.: „Sur la Piste de Bêtes Ignorées" Paris: Plon 1955]
  • Seidensticker, J. etc. al.: "Große Katzen" Hamburg: Jahr-Verlag 1991 [Orig.: „Great Cats" MacMahons Point: Weldon 1991]
  • Shuker, Karl P. N.: "Mystery Cats of the World" London: Robert Hale 1989
  • Seifert, S. / Müller, P.: "Das große Buch der wilden Katzen" Leipzig: Edition Leipzig 1987

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