18 | 08 | 2017
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Der Beutelwolf auf dem australischen Festland

Betrachtet aus naturgeschichtlicher und kryptozoologischer Perspektive

Einleitung

Das als 'Benjamin' bezeichnete Weibchen, letzter bekannter Beutelwolf, im Zoo von Hobart.Kryptozoologie hat sich nach der International Society of Cryptozoology als die Beschäftigung mit allen Tieren zu verstehen, die in einem fundamentalen Sinne unerwartet oder verborgen vor dem Auge der reinen Wissenschaft seien. Eine solch weite Sichtweise umfasst nicht nur die Suche nach bisher gänzlich unbekannten Tieren, sondern auch die Untersuchung von Sichtungen und Hinweisen auf Tiere abseits ihrer angestammten Lebensräume und sogar das Fahnden nach als ausgestorben geltenden Arten. Der wahrscheinlich berühmteste Grenzgänger zwischen Ausrottung und Überleben ist der Tasmanische Tiger oder Beutelwolf. Dieser größte bekannte Raubbeutler unserer Tage wurde nach allgemein herrschender Auffassung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in seinem Rückzugsgebiet, der Insel Tasmanien etwa 240km südlich von Australien, als vermeintlicher Schädling bewusst ausgerottet. Die besondere Abscheulichkeit dieser Ausrottung, die sie von allen sonstigen abhebt, liegt darin begründet, dass sie staatlich gewollt, befördert und finanziert wurde. Am 7. September 1936 verstarb schließlich das letzte der Wissenschaft bekannte Exemplar der Art verwahrlost im Zoo der tasmanischen Hauptstadt Hobart. Es ist vielleicht auch das schlechte Gewissen, das viele Menschen in der Folgezeit immer wieder Sichtungen, Fährten und andere Belege für das Weiterbestehen der Art in den wenig erschlossenen Landstrichen Tasmaniens vermelden ließ. Der Strom an Sichtungen, der sich bis heute ereignet, war allerdings so umfassend und glaubwürdig, dass selbst viele skeptische Wissenschaftler, allen voran Dr. Eric R. Guiler, den Tasmanischen Tiger nicht vorschnell abschreiben wollten und sich auf der diesmal wohlgemeinten Jagd nach dem Beutelwolf beteiligten. Bis heute blieb uns Tasmanien einen weiteren Tiger schuldig und die Suche geht auch in diesem Jahr weiter.
Erstaunlicherweise findet darüber hinaus eine unüberschaubare Vielzahl von angeblichen Sichtungen des Tasmanischen Tigers (wissenschaftlich Thylacinus cynocephalus) weit ab der namensgebenden Insel südlich des australischen Festlands statt. Problemlos lassen sich derartige Berichte aus allen australischen Festlandsstaaten zusammentragen, die in ihrer Zahl mindestens in die Hunderte gehen. Bisher wurde diesen Sichtungen durch die herrschende wissenschaftliche Meinung von der historischen Verbreitung des Tasmanischen Tigers jedoch jegliche Plausibiltät abgesprochen: Es galt als gängiger Konsens, dass die Familie der Thylacinidae zwar wenigstens in ihrer jüngeren Vergangenheit auf dem australischen Festland beheimatet war und Thylacinus cynocephalus dort auch zuerst aufgetreten sei; im Folgenden die Gesamtpopulation aber durch die Flutung von Bass- und Torres-Strait in drei Subpopulationen getrennt worden sei, wobei die Populationen auf Neuguinea und dem australischen Festland bis um etwa 1.000 v.Chr. durch klimatischen Wandel oder Konkurrenz mit dem Dingo ausgestorben seien. Die britischen Kolonisten auf Tasmanien seien lediglich Zeugen (und Henker) einer Reliktpopulation der bereits im Aussterben begriffenen Art geworden. Diese Auffassung, die unter anderem Eric Guiler in seinem wissenschaftlichen Standardwerk Thylacine: The Tragedy of the Tasmanian Tiger vehement vertrittt, entwickelte sich zu einem regelrechten Dogma, das jede Plausibilität der Festlandssichtungen von vornherein ausschloss. Um diesem Widerspruch zwischen einer Vielzahl auch sehr glaubwürdiger Sichtungsberichte und dem zoologischen Forschungsstand zu begegnen, wurden einige Überlegungen angestellt und Funde neu überprüft. Gewisse Hinweise darauf, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts Beutelwölfe gezielt zur Arterhaltung durch staatliche Stellen oder Privatpersonen auf das Festland übergesiedelt wurden, konnten inzwischen sicher widerlegt werden. Vielversprechende Knochenfunde erhellen aber mittlerweile nach einer gründlichen Altersbestimmung unsere Kenntnisse von den Festlandstigern, die unzweifelhaft existiert haben. Auch konnten wertvolle Hinweise auf Beutelwölfe auf dem Festland auch noch in jüngster Vergangenheit aus den Quellen der frühen Kolonisten und der Aborigines gewonnen werden. Viele Sichtungen und Berichte aus der unmittelbaren Gegenwart lassen Hoffnung zu, dass die Art auf dem Festland hat überdauern können. Im Folgenden soll daher die Geschichte des Beutelwolfes auf dem australischen Festland unter Einbeziehung und besonderer Würdigung dieser Erkenntnisse umfassend erzählt werden.

 

1. Evolution und verwandtschaftliche Beziehungen

Aboriginale Felsmalerei aus dem Arnhem-Land im Norther Territory, die einen T.c. zeigen soll.Wie die meisten endemischen Säugetiere der australischen Fauenregion oder auch Notogaea entstammt der Tasmanische Tiger der Unterklasse der Beuteltiere oder Marsupialia. Beuteltiere stellen einen seit der Kreidezeit bestehenden Ast im evolutionären Busch der Klasse der Säugetiere dar, die sich insbesondere durch ihre spezielle Ausbildung der Fortpflanzungsorgane und der damit verbundenen “doppelten Tragzeit” (Moeller, 1997) kennzeichnen lassen. Die Wiege der Beuteltiere ist im Gegensatz zu ihrem heutigen vornehmlichen Verbreitungsgebiet in dem kreidezeitlichen Südamerika identifiziert worden, was im Folgenden noch von Bedeutung sein wird. Von dort aus haben sich die heute in Australien beheimateten Ordnungen und Familien der Marsupialia über eine ehemals bestehende direkte Landverbindung über die Antarktis nach Australien ausgebreitet. Im Vergleich zu den übrigen Beuteltieren der Notogaea erschien der Beutelwolf, der einzige rezente Großraubbeutler, sowohl morphologisch als auch in seiner ökologischen Rolle lange Zeit derartig isoliert, dass Bensley ihn sogar als “foreign element” (fremdartiges Element) ( Bensley, 1903) bezeichnete. Erschwert wurde jede weitere Einordnung durch die Unkenntnis früher fossiler Formen der Thylacinidae. Die bis 1900 beschriebenen pleistozänen Fossilformen Thylacinus spelaeus ( Owen, 1845), Thylacinus major (Owen, 1877) und Thylacinus rostralis ( De Vis, 1894) wiesen keine Eigenschaften auf, die einer Einordnung der Thylacinidae dienlich waren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich erkannt, dass die zur Etablierung der genannten Spezies herangezogenen Merkmale im intraspezifischen Variationsbereich von Thylacinus cynocephalus liegen ( Dawson, 1982) und diese somit wohl nicht valide sind. In die um die vorletzte Jahrhundertwende herrschende Unklarheit über die verwandtschaftlichen Beziehungen des Tasmanischen Tigers platzte eine paläontologische Entdeckung in Südamerika, die für die nächsten 50 Jahre die Diskussion beherrschen sollte: Der Argentinier Ameghino beschrieb 1891 eine neue Gattung südamerikanischer Raubbeutler aus dem unteren Miozän. Die morphologische Ähnlichkeit zu einem damals recht obskuren Beuteltier von der Insel Tasmanien muss ihm so groß erschienen sein, dass er die neue Gattung Prothylacinus – den Vor- Thylacinus – benannte. Tatsächlich teilt sich Prothylacinus eine höchst spezielle Eigenschaft mit Thylacinus, beide Gattung besitzen nämlich einen rückgebildeten Beutelknochen. Prothylacinus gehört zu den Borhyaenidae, einer vielfältigen, fossilen Familie von südamerikanischen Raubtieren, die man früher als Beuteltiere ansah, heute jedoch etwas entfernter von diesen ansiedelt. Zur damaligen Zeit drängte sich trotz Unkenntnis der Kontinentalverschiebung der Schluss auf, der offenbar in Australien isolierte Thylacinus sei in der Tat ein “fremdartiges Element” in der australischen Fauna: Bensley formulierte 1903 als erster die Auffassung, dass Thylacinus einziger australischer Abkömmling der südamerikanischen Borhyaenidae und damit ohne jede lebende Verwandtschaft sei. Der Paläontologe William J. Sinclair, der Professor an der Princeton-University war und dessen Forschungsschwerpunkt auf den fossilen Beuteltieren Patagoniens lag, verhalf dieser Ansicht schließlich 1906 zu wissenschaftlicher Dominanz. Sie sollte für die nächsten Jahrzehnte unwidersprochen bleiben. Erst der große amerikanische Paläontologe George Gaylord Simpson verwirft 1939 diese augenscheinlich unwahrscheinliche Vorstellung und rückt Thylacinus stattdessen in die Nähe der kleinen australischen Raubbeutler Dasyuridae. Ein interessantes Indiz, das Simpson zur Stützung seiner These anführt, ist der teilweise zurückgebildete Beutelknochen des Tasmanischen Teufels (Sarcophilus harrisii) eines Dasyuriden, der die Einzigartigkeit der Rückbildung bei Thylacinus und Prothylacinus relativiert. Nachdem der Streitstand mit Simpson's Gegenthese formuliert war, vergingen die nächsten drei Jahrzehnte recht ereignislos, wenn man von der dritten aber wenig beachteten These des ebenfalls amerikanischen Paläontologen George Tate absieht, der Thylacinus in die Nähe der Beutelmäuse stellt (Tate, 1947) . Erst die Verbreitung biochemisch-molekularbiologischer Methoden zur Untersuchung von Verwandtschaft wie des immunologischen Prezipitin-Tests brachte Bewegung und schließlich auch die Antwort auf die Frage nach der verwandtschaftlichen Beziehung von Thylacinus. Wegweisend erwies sich die von Jerold M. Lowenstein et al. durchgeführte Untersuchung mittels eines Radioimmunoassay 1981. Stolz nahmen die Autoren für sich in Anspruch, mit ihrer Untersuchung erstmals einen phylogenetischen Streitstand betreffend eines ausgestorbenen Taxons durch molekularbiologische Untersuchungen aufgelöst zu haben (Lowenstein et al., 1981). Ein Radioimmunoassay erlaubt es strukturelle Unterschiede im Aufbau von Proteinen gemäß ihres unterschiedlichen Reaktionsverhaltens zu radioaktiv markierten Antikörpern als spezifische Strahlungsintensität zu quantifizieren. Je ähnlicher sich zwei Proteine in ihrer Struktur sind, desto ähnlicher ist auch ihre so ermittelte spezifische Strahlungsintensität. Dabei entsprechen Unterschiede in der Proteinstruktur genau den Unterschieden auf der Ebene des Erbgutes. Eicht man zusätzlich eine molekulare Uhr für das untersuchte Protein, kann man nicht nur den Grad der Verwandtschaft der Spender der untersuchten Proteine bestimmen, sondern sogar den Zeitpunkt der stammesgeschichtlichen Trennung angeben. Lowenstein et al. gelang es jedenfalls unter Verwendung von ungegerbter Haut von Thylacinus cynocephalus dessen verwandtschaftliche Beziehung zu den Dasyuriden zu bestimmen. Ihr Ergebnis fiel eindeutig aus: Die Thylaciniden stellen eine recht junge Abspaltung von der Familie der Dasyuriden dar und sind alles andere als ein “fremdartiges Element” in der Notogaea. Als nächster lebender Verwandter erwies sich der Tasmanische Teufel, eine wunderbare Bestätigung für Simpson 's rein morphologisch entwickeltes Modell. Im Folgenden konnten Richard Thomas et al. 1989 dieses Ergebnis mithilfe einer genaueren Methode nachvollziehen und die Trennung von Dasyuriden und Thylaciniden zeitlich auf etwa 12-15 Mio. Jahre v.Chr. (also weit jenseits des Untergangs der Landverbindung zwischen Südamerika und Australien) festlegen (Richard Thomas et al.,1989). Damit war die Borhyaeniden-These vollends widerlegt, die trotzdem selbst heute noch in zweifelhaften Publikationen herumgeistert. Die Thylaciniden stellen somit eine indigene Formengruppe Australiens dar, die ihre Evolution auf dem australischen Festland durchlaufen haben, und sind keineswegs ein fremdes Relikt. Mittlerweile ist die Frühzeit der Thylaciniden durch jüngere fossile Funde besser bekannt. Die älteste bekannte Form und nicht weit von der Abspaltung von den Dasyuriden entfernt ist der altoligozäne Nimbacinus dicksoni, der 1990 von Muirhead und Archer beschrieben wurde und den Dasyuriden noch deutlich näher steht. Ab dem späten Miozän ist die stammesgeschichtlich alte Gattung Thylacinus nachweisbar. Aus Zentralaustralien ist der größte Thylacinid nämlich Thylacinus potens (Woodbourne, 1967) bekannt, der wohl ein spezialisierter Aasfresser der pleistozänen Megafauna war. Neben den drei zweifelhaften Spezies T. spelaeus, T. major und T. rostralis umfasst die Gattung Thylacinus außerdem T. macknessi (Muirhead, 1992) aus der berühmten Riversleigh-Formation im Nordwesten Queenslands. Seit dem Pleistozän ist schließlich auch Thylacinus cynocephalus in der gesamten Notogaea überliefert.

2. Geographische Verbreitung

T.c. ist wenigstens während des Pleistozäns in der gesamten Notogaea mit Ausnahme d. h. Bundesstaaten New South Wales u. Queensland belegt; jedenfalls auch auf Neu-GuineaThylacinus cynocephalus war wenigstens während des Pleistozäns über die gesamte Landmasse der Notogaea verbreitet. Das australische Festland bildete damals aufgrund des niedrigeren Meeresspiegels eine einheitliche Landmasse mit den heutigen Inseln Neu-Guinea im Norden und Tasmanien im Süden sowie mit dem Grund der heute gefluteteten Seestraßen zwischen Festland und Inseln. Fossile Belege liegen aus allen australischen Festlandsstaaten mit Ausnahme von New South Wales und Queensland vor (Guiler, 1985). Die Verbreitung in Tasmanien ist bis ins Holozän hinreichend gesichert, fossile Belege liegen auch für die Vorkommen auf einigen kleineren Inseln in der Bass-Strait vor. Ferner ist eine Verbreitung auf Neu-Guinea durch Fossilfunde gesichert (Van Deusen, 1963). Diese werden auf etwa 7920 Jahre v.Chr. (+- 200 Jahre) datiert, also ungefähr zur Zeit der Öffnung der Torres-Strait. Neben einem umfassenden fossilen Beleg existiert eine bemerkenswerte Anzahl sub-fossiler Höhlenablagerungen, die sogar in trockener Höhlenluft mumifizierte Tiere mit hervorragend erhaltenen Weichteilen enthält. Berühmt ist die so genannte Mundrabilla-Mumie, ein nahezu vollständig mumifizierter Beutelwolf aus einer Höhle im äußersten Südosten von Western Australia, der 1967 von Lowry und Merrilees beschrieben wurde. Datiert wird sie auf etwa 3000 Jahre v. Chr. und ist gegenwärtig im Western Australian Museum in Perth zu bestaunen. Neben diesen physischen Hinterlassenschaften liegt möglicherweise auch Zeugnis im kulturellen Schaffen der australischen Ureinwohner vor. Insgesamt 60 der erhaltenen Felsmalereien und Ritzzeichnungen der Aborigines werden als Darstellung von Thylacinus cynocephalus gedeutet, wobei sich die meisten von ihnen im Northern Territory und in Western Australia befinden (Oakes, 2003). Als problematisch hat sich die Altersbestimmung der Zeichnungen erwiesen, so dass sich deren Nutzen für die Forschung in Grenzen hält. Zudem sei daraufhingewiesen, dass die Identifizierung von tatsächlichen Tierarten in den sehr abstrahierten Kunstwerken fragwürdig ist. Guiler weist interessanterweise auf einen möglichen Einzug von Thylacinus cynocephalus in die mündliche Überlieferung des Pilbara-Stammes im westlichen Australien hin : Die Pilbara besitzen einen rituellen Gesang, der Bezug nimmt auf den mythischen Anführer der Dingos, nämlich “den Großen mit den Streifen” (Guiler, 1985). Guiler versucht richtigerweise nicht, Schlüsse auf einen Kontakt des Stammes mit Thylacinus cynocephalus in jüngerer Vergangenheit herzustellen, was in Anbetracht der herrschenden Unkenntnis über die Mechanismen mündlicher Überlieferung bei den Aborigines auch geboten ist. Thylacinus cynocephalus ist somit wenigstens während des Pleistozäns in der gesamten Notogaea mit Ausnahme der heutigen Bundesstaaten New South Wales und Queensland belegt; jedenfalls auch auf der Insel Neu-Guinea.

3. Holozäne Geschichte

Mit dem Zerfallen der australasischen Gesamtlandmasse infolge eines steigenden Meeresspiegels am Ende der letzten Eiszeit wurden auch die zu diesem Zeitpunkt nachweislich existierenden Populationen von Thylacinus cynocephalus auf den Inseln Tasmanien und Neu-Guinea von der Festlandspopulation getrennt. Um 10.000 Jahre v.Chr. wurde die niedrig gelegene Ebene zwischen Südaustralien und der heutigen Insel Tasmanien geflutet und die Bass-Strait separierte die Population auf Tasmanien und den kleineren Inseln der Bass-Strait von den übrigen 4.000 Jahre später wurde auch Neu-Guinea zur Insel und schnitt die dortige Population vom Festland ab. Während das Schicksal der tasmanischen Population gut bekannt ist, herrscht Unklarheit über den weiteren Weg der Beutelwölfe auf Neu-Guinea. Gerüchte über angebliche Sichtungen machen dennoch die Runde. Eine unübersichtliche Quellenlage und das möglicherweise von menschlichen Schuldgefühlen genährte Bestreben, Thylacinus cynocephalus als bereits im Untergang begriffen darzustellen, haben zu einer unscharfen Darstellung sowie Datierung seines Aussterbens auf dem australischen Festland geführt. Methodisch steht die Datierung des Aussterbens vor einem doppelten Problem: Einerseits muss das Ausgestorbensein in der Gegenwart belegt sein, andererseits kann das Aussterben frühestens zum Zeitpunkt des jüngsten Beleges angenommen werden. Während ersteres nicht ernstzunehmend angezweifelt wird, unterliegt die Datierung einem besonderen Problem. Aufgrund eines vergleichsweise geringen und vornehmlich auf den australischen Bereich beschränkten wissenschaftlichen Interesses an Thylacinus cynocephalus sind systematische Darstellungen der Erkenntnisse über die Festlandspopulation und datierte Überreste von ihr äußerst rar, so dass sich der Wissenschaftler, der eine Datierung des Aussterbens vornehmen möchte, einem unbestellten Feld gegenüber sieht. Wie für die meisten Aspekte der Erforschung des Beutelwolfs stellt Eric Guiler's Standardwerk die einzige originäre Systematisierung dar und enthält auch ein Kompendium der datierten Relikte der Festlandspopulation. Guiler legt den Zeitpunkt des Aussterbens auf spätestens das erste. Jahrtausend v. Chr. fest (Guiler, 1985). Diese aus einem unvollständigen Datensatz gewonnene Feststellung dominiert gegenwärtig die eher beschauliche wissenschaftliche Diskussion und vor allem den populärwissenschaftlichen Bereich. Selbstverständlich ist nicht davon auszugehen, dass diese von Guiler zitierten Funde die Überreste der letzten Festlandsbeutelwölfe sind. Vielmehr ergibt sich aus ihrer Datierung ein zeitliches Kontinuum der Rarefizierung, das sich durchaus bis weit nach der Zeitenwende erstrecken kann. Tierarten mit einem ganze Kontinente umspannenden Verbreitungsgebiet wie Thylacinus cynocephalus verschwinden nicht in kürzester Zeit völlig. Es sind die Ursachen für das Aussterben, wie neue Konkurrenten, Klimaveränderungen oder eine Gesamtverschiebung des ökologischen Gleichgewichtes, die mehr oder minder langsam über das Verbreitungsgebiet einer Art hinwegziehen und ihr so die Lebensgrundlage entziehen. Das Verbreitungsgebiet des Beutelwolfes zog sich also mit unbekannter Geschwindigkeit zusammen, möglicherweise fand dieser Prozess erst in jüngster Vergangenheit sein Ende oder harrt immer noch seines Abschlusses. Mit der immer besseren Erschließung des australischen Kontinents sind auch jüngere Funde oder Belege zu erwarten. Leider befindet sich in der Literatur zu Thylacinus auf dem australischen Festland eine echte Fallgrube, was die Datierung der jüngsten Überreste angeht: Bereits 1974 hatte der berühmte australische Paläontologe Michael Archer publiziert, dass subfossile in der Kimberley-Region in Western Australia gefundene Knochen von Thylacinus cynocephalus, die mit Beutelteufelüberresten (auch dieser tasmanische Raubbeutler war bis vor kurzem auf dem Festland verbreitet ) aus jüngster Vergangenheit zusammen abgelagert worden waren, möglicherweise nur einige hunderte Jahre alt seien (Archer, 1974). Im Folgenden entwickelte diese Veröffentlichung ein erhebliches Eigenleben und wurde immer wieder falsch zitiert, was in Enzyklopädieeinträgen gipfelte, die ein eindeutig bestimmtes Alter von nur 180 Jahren für diese Funden angeben, z.B. Joan Dixon im Eintrag über Thylacinus cynocephalus in der Enzyklopädia Fauna of Australia (Dixon, 1989). Tatsächlich wurden die Kimberley-Funde aber vor kurzem einer absoluten Altersbestimmung unterzogen mit dem Ergebnis eines Alters von stolzen 6.000 Jahren. Diese Untersuchung wurde bisher leider nicht veröffentlicht (pers. Korrespondenz des Autors mit M. Archer). Nichtsdestotrotz entbindet die Widerlegung der Funde aus der Kimberley nicht davon, von einer schleichenden Rarefizierung auszugehen und weiter nach jüngeren Überresten zu suchen. Schließlich könnten auch ganze Reliktpopulationen bis in die heutige Zeit als Schlusspunkt der beobachtbaren Rarefizierung in unerschlossenen Landesteilen ausharren. Die in der Literatur seit Mitte des 20. Jahrhunderts bestehende Tendenz, Thylacinus cynocephalus als in der im Holozän aufkommenden Konkurrenz mit Plazentaliern zum Aussterben verdammt zu betrachten und den menschlichen Einfluss auf diesen Prozess gering darzustellen (Moeller, 1997), muss als Erklärung dienen, warum ein Aussterben in vorchristlicher Zeit so vehement vertreten wird. Hoffnung, diese wohl fehlerhafte Vorstellung zu überwinden, macht aber die beherrschende Tendenz in der jüngeren und jüngsten Literatur: das Bestreben in Methode und Systematisierung unabhängig von den Veröffentlichungen nach dem Aussterben des Tasmanischen Tigers aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu werden. Robert Paddle ist durch seine bahnbrechende Arbeit als prominentester Vertreter dieses neuen Ansatzes zu sehen (Paddle, 2000). Seinem Forschungsengagement ist es zu verdanken, dass bereits vielversprechende Belege für Beutelwölfe auch noch in jüngster Vergangenheit entdeckt werden konnten, auf die später detailliert eingegangen werden wird. In der Zusammenschau ergibt sich nun das Bild einer sich im Umbruch befindlichen wissenschaftlichen Konzeption. Zudem sei im Folgenden auf die Mängel der Hypothesen eingegangen, die das vermeintliche Aussterben in vorchristlicher Zeit zu erklären suchen.

3.a. Aussterben durch Konkurrenz mit dem Dingo

Ayers RockNahezu ausnahmslos wird das vermeintliche Aussterben von Thylacinus cynocephalus im dritten Jahrtausend vor der Zeitenwende auf dem australischen Festland durch Konkurrenz mit dem Dingo (Canis lupus forma familiaris) erklärt (Moeller, 1997). Es handelt sich beim Dingo um die Nachkommen verwilderter Haushunde, die neuerer Erkenntnis nach erst um 1.500 v. Chr. mit Einwanderern aus Indonesien nach Australien gelangten (Paddle, 2000). An dem Zeitpunkt der Einführung, ersichtlich allerdings erst seit Mitte der 1990er Jahre (Corbett, 1995), scheitert die Konkurrenzthese bereits, dennoch sei auch auf ihre inhaltliche Fragwürdigkeit hingewiesen. Zwischenartliche Konkurrenz bedeutet in Anlehnung an Ernst Mayr die gleichzeitige, sich ausschließende Angewiesenheit zweier Spezies auf die selben begrenzten ökologischen Ressourcen (Mayr , 1967). Dingos und Thylacinus cynocephalus sollen den Konkurrenz-Hypothesen zufolge, um Lebensraum und untrennbar damit verschränkt um Beute konkurriert haben. Eine Konkurrenz um Lebensraum an sich erscheint unwahrscheinlich, da sowohl der Dingo als auch Thylacinus cynocephalus nicht stenök waren (Moeller, 1997), das heißt eben in Fragen des Lebensraums opportunistisch waren. Ohnehin erscheint diese Erwägung redundant, da die eigentliche Konkurrenz unter Raubtieren der in einem Lebensraum befindlichen Beute gilt. Wesentlich ist also die Frage nach Überschneidung im Beutespektrum. Zunächst ist festzuhalten, dass sich die Aktivitätszeiten von Thylacinus cynocephalus und Dingo bei einer teilweisen Überschneidung doch unterschieden: Während der Dingo bevorzugt in den Tagesstunden der Jagd nach geht, ist beim Beutelwolf zwar auch Beutefang zur Tageszeit überliefert, jedoch fand die überwiegende Mehrheit der beobachteten Aktivität bei Dämmerung und Nacht statt (Guiler, 1985). Eine solche Differenz im Aktivitätsmuster impliziert unmittelbar eine unterschiedliche Stellung im ökologischen System, die eine Konkurrenz im Beutespektrum unwahrscheinlich erscheinen lässt. Das beobachtete Beutespektrum von Thylacinus cynocephalus auf Tasmanien, das in der Hauptsache aus kleineren Känguruharten und anderen nachtaktiven Warmblütern bestand (Moeller, 1997), stützt in seinem Gegensatz zum Beutespektrum des rudeljagenden Dingos, das sich (heute) vornehmlich aus großen Kängurus und Kaninchen zusammensetzt, die obengemachte Feststellung. Wenn ferner noch berücksichtigt wird, dass beide Spezies riesige Streifgebiete besitzen, erscheint eine Nahrungskonkurrenz und damit eine Verdrängung durch den Dingo abwegig. Überdies ist die Konkurrenz-Hypothese vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der Dingo-Popuation nicht haltbar. Der Dingo, ursprünglich als Helfer des Menschen bei der Jagd eingeführt, stand mit seinem Beutespektrum in direkter Konkurrenz zu der holozänen Spitze der Nahrungskette, nämlich den aboriginalen Jagdgesellschaften und ihren Jagdhunden. Infolgedessen konnte die Dingo-Population der letzten 3.500 Jahre niemals identische Ausmaße oder ökologische Bedeutung erreichen, wie es ihr nach der furchtbaren Dezimierung der Aborigines durch die britischen Kolonisten gelang. T atsächlich erscheint die heutige Verbreitung und Bedeutung des Dingos auf dem australischen Festland als ein historisch junges Faktum, höchstens 200 Jahre alt (Paddle, 2000). Zuletzt sei daraufhin gewiesen, um die Dingo-Hypothese auch für die Frage nach einer Erklärung für das Verschwinden von Thylacinus cynocephalus auf dem Festland dauerhaft zu entkräften, dass das Aufeinandertreffen von wilden Hunden und Tasmanischem Tiger ein zweites Mal mit genau beobachtetem Ergebnis stattfand. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich nämlich auf Tasmanien eine große Population wildlebender Hunde, wiederum Abkömmlinge von verwilderten Haushunden (Guiler, 1985). Sei es aufgrund von Populationszyklen oder der zusätzlichen Nahrungsquelle in Form von Haustieren, die Population von Thylacinus cynocephalus wuchs trotz der zahlreichen wilden Hunde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor Einführung der staatlichen Kopfprämie rasant an (Guiler, 1985). Auch wenn dieses Vorkommnis nicht in der Gänze auf Australien übertragbar ist, so widerlegt es doch jede monokausale Erklärung des Aussterbens durch Konkurrenz oder Fressfeindschaft mit verwilderten Hunden.